30.10.2013
Schadenmanagement

„Manchmal helfen nur noch Humor und Trost“

Als Gutachter bewertet Andreas Eckerlin für die Versicherer die Schäden der Flut. Dabei trifft er auf Menschen, die vor dem Neubeginn stehen. Arbeitsalltag im Katastrophen-Gebiet von Fischbeck/Sachsen-Anhalt, einem Landstrich, den die Elbe kilometerweit verwüstete. Ein Beispiel für das Schadenmanagement der Versicherer.

Andreas Eckerlin gehört zu jenen Menschen, die im Umgang mit anderen den richtigen Ton treffen. Mal klar und sachlich, mal mit Humor. Die Menschen in den Dörfern rund um Fischbeck nennen ihn, der Einfachheit halber, „den Mann von der Versicherung“.

Er fährt zu den ersten vom Hochwasser Betroffenen raus, da sind die Landstraßen teilweise noch nicht für den Verkehr freigegeben. Auf eigenes Risiko lässt ihn die Polizei durch. Es muss schnell gehen, denn es sind viele. 200 Fälle für Eckerlin und sein Magdeburger Ingenieur- und Sachverständigenbüro „aesacon“. 140 000 Fälle im ganzen Land.

Damit es schnell geht, richten die Versicherer bereits in den ersten Tagen der Flut in den betroffenen Gebieten Hotlines ein, bilden Krisenstäbe und setzen Schadenregulierer ein, die sie aus ganz Deutschland zusammenziehen. Sie nehmen die Schadenmeldungen entgegen, erteilen Ratschläge zu Sofortmaßnahmen. Auch der zertifizierte Experte Andreas Eckerlin wird beauftragt. Die Schäden müssen bewertet, Sanierungspläne erstellt, die Kosten berechnet werden. Damit der Wiederaufbau beginnen kann.

Das Land trocknet nur langsam.
In den Dörfern rund um Fischbeck reißen sie die Häuser ab. Vier Wochen, nachdem der Deich brach und die Elbe ihr Hinterland auf einer Fläche von 200 Quadratkilometern überflutete – eines der verheerendsten Ereignisse des Juni-Hochwassers. Jetzt ist der Landstrich in einem anderen Ausnahmezustand. An den Straßenrändern reihen sich Schuttberge an Schuttberge, meterhoch. Ziegelsteine, Putzbrocken, Gipskartonplatten. Häuser, die bis auf die Mauern entkernt sind. Das feuchte Zeug muss als erstes raus. Die Mauern müssen trocknen. „Sonst schimmeln die Häuser weg“, sagt Eckerlin. Viele der Landstraßen sind immer noch gesperrt, weil sie unterspült waren. Auf den Feldern stehen Wasserlachen. In den Zäunen hängt Müll. Es stinkt nach faulem Wasser. Das Land trocknet nur langsam.

Andreas Eckerlin (rechts) begutachtet einen zuvor überschwemmten Garten

Andreas Eckerlin (rechts) begutachtet einen zuvor überschwemmten Garten

Andreas Eckerlin fährt zum -zigsten Mal durch diesen Landstrich, gewöhnt hat er sich an den Anblick nicht. Er fährt weit ins Hinterland, nach Wust, neun Kilometer von der Elbe entfernt. Das kleine Dörfchen war komplett überflutet, alle Bewohner mussten evakuiert werden. „Bin im Garten“ steht auf einem gemalten Holzschild an der Haustür. Der Garten – das sind jetzt nur noch braune, abgestorbene Pflanzen. Daneben Hausrat: Gartenmöbel, eine alte Nähmaschine, Körbe. Durchs Wasser unbrauchbar geworden. „Unser Trödelmarkt“, sagt sein Besitzer, Herr Leutloff, und lacht. Er lacht immer wieder bei diesem Termin. „Ohne Humor wäre das jetzt nicht zu machen.“

Das Wasser hat auch sein Einfamilienhaus geflutet, Baujahr 2000. Eine Woche lang stand es im Keller. Knapp 1,5 Meter über dem Boden zeichnet sich die Wasserlinie ab. Drunter ist das Mauerwerk dunkler, feucht. Andreas Eckerlin klopft die Wände ab, fotografiert auch den feuchten Boden, die schlammtrüben Fenster. „Die kriege ich selbst mit Hochdruckreiniger nicht mehr sauber.“ Eckerlin nickt, ein typischer Hochwasserschaden, die Fenster schließen auch nicht mehr. „Sprechen Sie mit Ihrem Tischler, die Fenster müssen erneuert werden.“ Als erstes müssen Trockner her. „Haben Sie mit dem Trocknungsunternehmen gesprochen?“ Der Mann nickt. Die Geräte kommen. Das ist gar nicht so einfach jetzt, die Nachfrage ist groß.

Der Schaden braucht fachliche Betreuung bis zum Schluss
Vier Wochen muss das Haus trocknen, erklärt Eckerlin dem Mann. „Es muss jetzt zur Ruhe kommen.“ Dann zeigen sich womöglich weitere Schäden, weil der Wasserdruck das Haus in seiner Statik beeinträchtigt haben kann. In vier Wochen kommt Eckerlin wieder. Im Büro wird er ein Gutachten erstellen, mit allen Schäden, den Fotos, den Kosten. Die wichtigsten Daten gibt er bereits jetzt in sein Tablet ein, übermittelt sie online, damit die Kollegin in Magdeburg schon mit der Bearbeitung beginnen kann. Es muss schnell gehen. Sein Büro „aesacon“ wird diesen Fall während der Sanierung begleiten. Üblicherweise ist mit dem Gutachten seine Arbeit für die Versicherer beendet. Doch dieser Schaden ist zu groß. Der braucht eine fachliche Betreuung bis zum Schluss.

Wieder im Garten, ein letzter Scherz. „Das war ein schönes Wassergrundstück“, sagt Herr Leutloff über die Zeit der Flut. „Hätten Sie es mal fotografiert und zum Verkauf angeboten. Mit dem Hinweis: So sieht es hier jetzt alle paar Jahre aus,“ entgegnet Eckerlin. Tatsächlich hat das Dorf noch kein Hochwasser erlebt. In der Risiko-Einschätzung der Versicherer liegt das Haus Leutloffs in einem Gebiet, in dem statistisch alle 50 bis 200 Jahre Jahre eine Überschwemmung auftreten kann. Wie viele der Häuser dieses Landstrichs.

„Da hilft nur noch die Abrissbirne“
Die Menschen gehen unterschiedlich mit der Katastrophe um, sagt Eckerlin später. Manche sind so gefasst wie Leutloff, manche völlig hilflos. Doch es ist schon so: „Ohne Humor geht das nicht.“ Und mit Trost. Da, wo er gebraucht wird. Beim nächsten Kunden wird er gebraucht. Ein Gehöft in Fischbeck, zwei Kilometer von der Elbe entfernt. Hier sind die Schuttberge häufiger als andernorts. In manchen Straßenzügen gibt es keine. Die Häuser sind komplett zerstört. „Da hilft nur noch die Abrissbirne“, sagt der Polier, der im Haus den letzten Putz abschlägt. Und schüttelt dann stumm den Kopf.

Die existenzielle Erschütterung, die das Wasser mit sich brachte, ist in diesem Ort noch spürbar. Bei jedem einzelnen. Ein Totalschaden ist das Haus nicht, aber es ist nah dran. Das Wasser kam von beiden Seiten, im Erdgeschoss stand es hüfthoch. Das Haus besteht nur aus dem Erdgeschoss, und einem kleinen Dachboden. Es war mal eines jener hübschen Bauernkaten, die Dörfern das Attribut „idyllisch“ verleihen. Eckerlin hat den Schaden bewertet, die Informationen sind bei der Versicherung. Jetzt schaut er sich den Fortgang der Arbeiten an. Sie laufen fachgemäß.

Der Hausbesitzer kommt aus einem alten Wohnwagen. Die Versicherung würde ihm ein Quartier bezahlen, doch er möchte auf seinem Grundstück bleiben. Es ist ein schmaler, kleiner Mensch, dem schon der normale Alltag viel abverlangt. Jetzt ist sein Hof zerstört.

Reden schafft Erleichterung
Reden schafft Erleichterung. Also lässt sich Eckerlin noch einmal erzählen, wie das Wasser kam, wo es überall stand. Wie die Tiere noch schnell gerettet wurden, der Nachbar hat das nicht mehr geschafft. Lässt sich erzählen, dass die Nebengebäude nicht versichert sind. „Muss ja weitergehen jetzt, muss ja weitergehen“, sagt der Mann immer wieder. So, als würde er nicht recht dran glauben.

Es geht weiter, Schritt für Schritt. Eckerlin geht mit ihm noch einmal die Schäden ab, sagt, wie sie behoben werden. Das wichtigste jetzt: Das Geld der Versicherung kommt. Das beruhigt, auch den Polier, dessen Firma die Arbeiten ausführt. Versicherer haben für die akuten Fälle sogenannte Reservestellungen, erklärt Eckerlin. Sie zahlen daraus Vorschüsse, wenn den Kunden das Geld fehlt. Innerhalb von zwei Wochen nach Schadenmeldung, auch jetzt, wo sich diese Fälle stapeln.

Viel Arbeit, wenig Zeit. Auch die Baufirmen sind jetzt knapp. Es ist damit auch die Zeit der schwarzen Schafe – unseriöser Firmen, die schnelles Geschäft machen wollen. Eckerlin, der Architekt und Planer, kennt die Preise. Er kennt auch die Fachfirmen, die die entsprechende Qualität leisten. Die müssen jetzt teilweise aus anderen Bundesländern kommen. Die Versicherer zahlen deren nötige Mehrkosten. Damit die Arbeit gemacht werden kann. Schnell und gut.

Eine Ahnung von der Macht des Wassers
Rückfahrt ins Büro, zu den Gutachten. Der Urlaub ist verschoben. Rückfahrt durch ein Land der Schuttberge. Andreas Eckerlin erzählt, wie er Wochen zuvor auf der Elbbrücke in Magdeburg stand. Er hat dem steigenden Fluss zugeschaut, als es noch möglich war, vor den Evakuierungen. „Eigentlich ein schönes Geräusch“, beschreibt er das Rauschen der Elbe. „Aber da bekommt man eine Ahnung davon, welche Macht Wasser haben kann.“

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