30.10.2013
Naturkatastrophen

„Alle gesellschaftlichen Gruppen sind bei Naturgefahren gefordert“

Verheerende Naturkatastrophen wie das Sturmtief Christian in dieser Woche oder das Hochwasser im Juni können künftig häufiger auftreten, prognostizieren Wissenschaftler unter anderem in einer vom GDV herausgegebenen Klimastudie. Alle gesellschaftlichen Gruppen sind daher zum Handeln aufgefordert, um die Folgen solcher Katastrophen abzumildern, sagt Dr. Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, im Gespräch.

Herr Dr. Erdland, das Juni-Hochwasser 2013 ist die zweite verheerende Überschwemmung binnen kürzester Zeit. Was bedeuten solche Naturkatastrophen für die Versicherungswirtschaft?
Alexander Erdland: Auch wenn extreme Katastrophen wie das diesjährige Hochwasser künftig häufiger auftreten können, ist die Versicherungswirtschaft in der Lage, die finanziellen Folgen für ihre Kunden zu tragen. Es ist aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Menschen und Sachwerte besser vor Naturgewalten zu schützen.

Wie lässt sich das Risikobewusstsein der Menschen schärfen?
Erdland: Wir brauchen eine noch stärkere bundesweite Aufklärung. Nur wer sich der Naturgefahren bewusst ist und weiß, wie man sich schützt, wird aktiv. Zudem muss die Bundespolitik weiter in Forschung investieren und deren Erkenntnisse kommunizieren. Viele Wetterextreme, wie Hagelschlag und Tornados, sind bis heute nicht wissenschaftlich durchdrungen.

„Für ein bundesweites Naturgefahrenportal bieten wir daher der Politik unsere Zusammenarbeit an.“

Und wo sieht die Versicherungswirtschaft ihren Beitrag?
Erdland: Wir haben über 10 Millionen Euro in ein bundesweites Geo-Informationssystem investiert, das die lokale Gefährdung durch Naturgefahren erfasst. Es liefert auch die Daten für das Internetportal zuers-public.de, in dem sich in Sachsen und Niedersachsen jeder zu seinem individuellen Naturgefahrenrisiko informieren kann. Wir möchten diese Informationen allen Bundesbürgern zugänglich machen. Für ein bundesweites Naturgefahrenportal bieten wir daher der Politik ausdrücklich unsere Zusammenarbeit an.

Dr. Alexander Erdland
Präsident des GDV

Dr. Alexander Erdland ist seit 2006 Vorstandvorsitzender der
Wüstenrot & Württembergische AG. Seine berufliche Karriere begann der promovierte Wirtschaftswissenschaftler bei der Norddeutschen Genossenschaftsbank in Hannover. Geboren wurde Alexander Erdland 1951 im westfälischen Oelde.

 

Aufklärung ist das Eine. Das Andere ist der technische Hochwasserschutz. Deichbrüche im Juni haben da starke Mängel offengelegt. Wie bewerten Sie den technischen Hochwasserschutz?
Erdland: Der weitere Ausbau eines sinnvollen technischen Hochwasserschutzes ist unerlässlich. Deiche und Dämme sind wichtig, genügen allein jedoch nicht. Wasser braucht Raum in Rückhalte- und Überflutungsflächen, damit der Pegel nicht dramatisch ansteigt. Und: Hochwasser macht vor Ländergrenzen nicht halt; Maßnahmen müssen länderübergreifend erfolgen. Das kürzlich beschlossene Nationale Hochwasserschutzprogramm der Umweltministerkonferenz ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Jetzt müssen den Worten aber auch Taten folgen.

Was ist die Verantwortung der Städte und Gemeinden?
Erdland: Wir fordern die Städte und Gemeinden auf, ihre Bauleitplanung in Flutgebieten dem Hochwasserrisiko anzupassen. In kritischen Gebieten darf kein Bauland mehr ausgewiesen werden. Bestehende Bebauungspläne sind zu prüfen und wo nötig, zu modifizieren. Ein intelligenter Straßenbau, der die Wassermassen ableiten kann, ist ebenso gefragt wie zusätzliche Flächen in den Städten, auf denen Starkregen versickern kann.

„Wer heute noch Lichtschächte für Keller plant, durch die die Fluten ungehindert ins Haus eindringen können, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt.“

Sie sprechen vom breiten gesellschaftlichen Umdenken. Wen sprechen Sie dabei an?
Erdland: Die Politik, aber auch Bauplaner und Architekten. Naturgefahrenschutz muss überall stattfinden. Wer heute beispielsweise noch Lichtschächte für Keller plant, durch die die Fluten ungehindert ins Haus eindringen können, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt.

Welchen Beitrag kann jeder Einzelne leisten?
Erdland: Für eine stärkere Eigenverantwortung ist an anderer Stelle eine klare Positionierung von Bund und Ländern maßgeblich: Bei allem Verständnis für die staatlichen Hilfefonds nach Naturkatastrophen darf hiermit nicht der Anreiz untergraben werden, privaten Versicherungsschutz abzuschließen.

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>> Schwerpunkt: Naturgefahrenreport 2013 – Die Schaden-Chronik der Versicherer