30.09.2013
Rechtsschutzversicherung

Wie Reisende ihre Ansprüche bei Flugverspätungen durchsetzen können

Laut EU-Recht haben Flugreisende einen Anspruch auf Entschädigung, wenn sich ihr Flug erheblich verspätet oder sogar komplett gestrichen wird. Bei der Durchsetzung dieser Ansprüche kommt es in der Praxis immer häufiger zu Problemen. Manchmal ist der Gang zum Anwalt unerlässlich, um sein Recht durchzusetzen. Was viele nicht wissen: Mit dem Vertragsrechtsschutz sind solche Fälle durch die Rechtsschutzversicherung abgedeckt. Vergangene Woche hat der Europäische Gerichthof (EuGH) entschieden, dass Bahnkunden selbst bei höherer Gewalt, also wenn ein Unwetter oder ein Streik die Ursache für eine Zugverspätung ist, Anspruch auf Entschädigung haben. Was genau Reisenden zusteht und wie sie ihr Recht am besten durchsetzen, das erklärt Rechtsanwalt Christian Hormann im Gespräch mit GDV.DE.

Immer öfter reagieren die Fluggesellschaften erst, wenn man einen Anwalt eingeschaltet hat. Wie groß ist Ihrer Erfahrung nach das Problem mit verspäteten oder gestrichenen Flügen?
Christian Hormann: Die verspäteten und annullierten Flüge nehmen seit dem Jahr 2009, seit der sogenannten STURGEON-Entscheidung des EuGH, sehr zu. In unserer Kanzlei, die darauf spezialisiert ist, kann ich sagen, dass im Bereich dieser Fälle in den letzten Jahren die Steigerung zwischen 20 und 30 Prozent beträgt.



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Dauer: 4:33


 
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Welche Ansprüche kann man als Passagier in so einem Fall geltend machen?
Hormann: Der Passagier eines verspäteten oder annullierten Fluges hat den Anspruch auf die sogenannte Ausgleichsleistung nach Artikel 7 der Fluggastrechteverordnung. Das bedeutet, dass er einen Betrag zwischen 250 bis 600 Euro – abhängig von der Flugdistanz – geltend machen kann.

Was muss ich denn tun, um meinen Anspruch durchzusetzen?
Hormann: Zwei Dinge sollte der Passagier tun. Einmal vor Ort für eine konkrete Beweissicherung sorgen. Das heißt, er sollte sich entweder die Verspätung von der Fluglinie bestätigen lassen. Oder über ein Fotohandy sich die entsprechenden Bilder besorgen, die die Verspätung dokumentieren. Aber er kann zum Beispiel auch Mitreisende als Zeugen angeben und sollte sich dafür die Anschrift und die E-Mail-Adresse aufschreiben. Er sollte dann, wenn er wieder zu Hause ist, den Anspruch gegenüber der Airline selber geltend machen – und da bitte unbedingt darauf achten, dass er der Airline eine konkrete Frist zur Zahlung setzt.

Walter Riester Christian Hormann, M.B.A.,

ist seit 1997 als Rechtsanwalt in der Kanzlei Greim in Potsdam tätig. Er hat in Bielefeld und Bonn studiert und sich besonders auf die Rechtsgebiete Verkehrs- und Reiserecht spezialisiert.

 
Welche Probleme könnten dabei auftauchen?
Hormann: Das Hauptproblem, was dann auftritt, ist, dass die Airlines entweder nicht antworten oder – wenn sie antworten – den Anspruch mit oft sehr fadenscheinigen Gründen zurückweisen. Das bedeutet, dass manchmal technische Defekte als Grund vorgeschoben werden, obwohl diese nach der Verordnung ganz klar keinen außergewöhnlichen Umstand darstellen.

Dagegen kann man ja immer noch klagen. Aber wie hoch sind in so einem Fall die Erfolgsaussichten?
Hormann: In unserer Kanzlei, die auf die Fluggastrechte spezialisiert ist, kann ich sagen, dass wir circa 90 Prozent der Fälle vor Gericht gewinnen. Ein Prozentsatz von überschlägig fünf Prozent wird vor Gericht verglichen, weil entweder noch manche Rechtsfragen durch den EuGH nicht geklärt sind oder es eine unklare Sachlage gibt. Fünf Prozent der Fälle werden überschlägig verloren, da die Airline manchmal oft erst im Prozess einen sogenannten außergewöhnlichen Umstand darlegt und diesen auch in seltenen Fällen beweisen kann.

„Die Kosten sind für die Passagiere, die über eine Rechtsschutzversicherung verfügen, kein Problem.“

Und was ist, wenn man nicht vor Gericht gehen und sein Recht einklagen will, weil man Angst davor hat, auf den Kosten sitzen zu bleiben?
Hormann: Die Kosten sind für die Passagiere, die über eine Rechtsschutzversicherung verfügen, kein Problem. Denn die Rechtsschutzversicherungen decken diese Kosten für die Passagiere ab. Das kann sehr bedeutend sein, da manchmal die Kosten im Ausland wie auch Sachverständigenkosten vor Gericht sehr hoch sind und Passagiere hier mit einer Rechtsschutzversicherung sehr geschützt sind.

Auch bei der Bahn gibt’s Verspätungen und annullierte Züge: Welche Ansprüche habe ich da?
Hormann: Sowohl als Bahnreisender wie auch als Schiffs- und aktuell als Busreisender haben Sie aufgrund verschiedener neuer EU-Verordnungen ebenfalls einen Anspruch auf Ersatz. Allerdings haben Sie im Unterschied zu der Flugastrechteverordnung keinen allgemeinen Ausgleichsanspruch, sondern lediglich auf den Ersatz des anteiligen Fahrpreises. Das bedeutet für Bahnkunden, dass sie ab einer Verspätung von einer Stunde 25 Prozent des Fahrpreises und ab einer Verspätung von über zwei Stunden 50 Prozent des Fahrpreises verlangen können.

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