26.09.2013
Riester über Riester-Rente

„Es gibt nichts Besseres“

Mit Peter Hartz teilt Walter Riester das Schicksal, dass sein Name für ein umstrittenes Reformprojekt der damaligen rot-grünen Bundesregierung steht. Als Bundesarbeitsminister sorgte er vor zehn Jahren dafür, dass die staatlich geförderte Altersvorsorge eingeführt wurde. Mittlerweile wurden mehr als 15 Millionen Riester-Verträge abgeschlossen. Aus Anlass seines 70. Geburtstags, den er in seinem Haus in Österreich verbringt, hält der frühere Gewerkschafter im Gespräch mit GDV.DE ein flammendes Plädoyer auf die nach ihm benannte Rente.

Geht es nach Ökonomen wie Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft, hätten Sie gerade erst das Rentenalter erreicht. Halten Sie es für eine gute Idee, jetzt über die Rente ab 70 zu sprechen?
Walter Riester: Nein, wir haben ja gerade erst die Entscheidung getroffen, das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre zu erhöhen. Die Umsetzung ist kein Prozess von zwei oder drei Jahren, das dauert länger. Das sollte erst mal gemacht werden, das ist schwierig genug. Man sollte die Menschen nicht ständig mit neuen Vorschlägen verunsichern. Dann haben wir eine Verunsicherungsdebatte, die uns keinen Millimeter weiter bringt. Es ist durchaus möglich, dass sich der Rentenbeginn wegen des demografischen Wandels noch weiter nach hinten verlagert. Aber wir sollten nicht zur Unzeit eine Debatte zu einem Thema beginnen, bei dem klar ist, dass es sich auf absehbare Zeit nicht realisieren lässt.

Walter Riester Der gelernte Fliesenleger machte vor seiner politischen Laufbahn eine steile Karriere in der IG Metall, wo er bis zum Zweiten Vorsitzenden aufstieg. Von 1998 bis 2002 gehörte Riester dem ersten Kabinett von Bundeskanzler Gerhard Schröder an und brachte dort die nach ihm benannten Reformen auf den Weg. Bis 2009 saß er für die SPD im Bundestag.

Der gebürtige Allgäuer ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Nach der Bundestagswahl beginnen jetzt die Gespräche zur Regierungsbildung, wohl auch mit Ihrer Partei, der SPD. Was erwarten Sie von der künftigen Rentenpolitik?
Riester: Es steht einiges auf der Agenda. Viele Menschen haben nur geringe Einkommen und zahlen damit wenig in die Rentenversicherung ein; außerdem werden die Renten in den nächsten 10, 15 Jahren deutlich absinken. Deshalb brauchen wir mehr Rücklagenbildung. Hier ist die Politik gefordert, den Menschen zu ermöglichen, mehr fürs Alter zu sparen. Sorgen mache ich mir auch um den Bereich der ergänzenden Vorsorge, der mit meinem Namen verbunden ist.

Durch eine Kampagne von einigen Verbraucherschützern und Medien gegen diese Riester-Produkte sind viele Menschen so sehr verunsichert, dass der Absatz der staatlich geförderten Policen ins Stocken geraten ist. Ich halte das für eine Katastrophe! Da die private Altersvorsorge auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruht, schlagen solche Entwicklungen furchtbar ein. Hier müsste eine neue Rentenpolitik ansetzen. Grundsätzlich müssen die Rentenreformen der vergangenen Jahre Bestand haben. Die Notwendigkeit, zusätzliche Rücklagen fürs Alter bilden zu müssen, ist ja nicht geringer geworden. Im Gegenteil – sie wird größer: durch die demografische Entwicklung und die Entlohnung am Arbeitsmarkt mit immer mehr geringfügig Beschäftigten.

„Die Rente ist sicher, diesen Satz von Norbert Blüm, werden Sie so von mir nicht hören.“

„Die Rente ist sicher, diesen Satz von Norbert Blüm, werden Sie so von mir nicht hören.“


Trotzdem vertrauen immer noch sehr viele Menschen allein auf die gesetzliche Rentenversicherung.
Riester: Ich glaube nicht, dass die große Mehrheit der Deutschen in dieser Frage staatsgläubig ist. Aber Sparen fürs Alter konkurriert immer mit unmittelbaren Konsumwünschen. Deshalb legen viele nicht genug Geld zurück. Man muss den Menschen erklären, dass Altersvorsorge auch mit Verzicht zu tun hat. „Die Rente ist sicher“, diesen Satz von Norbert Blüm, meinem Vorgänger als Bundesarbeitsminister, werden Sie so von mir nicht hören. Bei vielen Menschen kommt der große Schreck erst, wenn sie erfahren, dass sie als Rentner von 800 oder 900 Euro leben sollen, nachdem sie 30, 35 Jahre eingezahlt haben. Das zeigt doch, wie stark verschoben und verdrängt wird.

Eine Allensbach-Umfrage hat jüngst ergeben, dass die Generation der 30- bis 59-Jährigen zu spät beginnt, sich über ihre Finanzen im Alter Gedanken zu machen. Was muss man tun, um das Bewusstsein dafür zu schärfen?
Riester: Da muss mehr informiert werden! Denn das Phänomen als solches ist nicht neu. Auch schon vor 15, 20 oder 30 Jahren haben junge Menschen kaum Rücklagen gebildet. Aber jetzt kommt hinzu, dass die verunsichernden Kampagnen und Berichte rund um die private Altersvorsorge diese Entwicklung noch forcieren. Insbesondere die Riester-Produkte sind ja teilweise geradezu skandalisiert worden. Dem kann man eigentlich nur eine vernünftige Aufklärung entgegensetzen.

Wie sollte die aussehen?
Riester: Ich sage den Kritikern, dass eine Versicherung nicht gleichzusetzen ist mit einer einfachen Geldanlage. Eine Versicherung ist etwas grundlegend anderes. Sie leistet im Rahmen der Versichertengemeinschaft einen Ausgleich der Interessen. Das ist der Kerngedanke. Das wird von Kritikern wie dem BdV-Chef Axel Kleinlein immer ausgeklammert. Er schaut, ab welchem Alterszeitpunkt habe ich die Rendite, um mein eingezahltes Geld herauszuhaben. Das ist aber nicht Aufgabe einer Versicherung!

Vergleichen Sie mal die Kosten einer nicht geförderten Rentenversicherung oder Kapitallebensversicherung mit den Kosten einer geförderten Altersvorsorge. Da kann ich Ihnen für die meisten Produkte sagen: Die Riester-Produkte kosten keinen Cent mehr. Aber die Versicherung erbringt, wenn der Kunde das will, zusätzliche Dienstleistungen wie Beratung und den Kontakt zur zentralen Zulagenstelle. Der Serviceaufwand ist hoch, wird aber häufig nicht oder nur gering honoriert. Die Argumentation, dass die staatliche Förderung von den Anbietern über die Kosten wieder abgezogen wird, ist also grundfalsch.

„Selbst die amtierende Arbeitsministerin Ursula von der Leyen sagt, dass die gesetzliche Rente allein nicht reicht, um den Lebensstandard im Alter zu halten. Das ist eine Binsenweisheit.“

Hat das Drei-Säulen-Modell – gesetzliche Rente, private und betriebliche Altersvorsorge – aus Ihrer Sicht eine Zukunft?
Riester: Natürlich! Was wäre denn die Alternative? Selbst die amtierende Arbeitsministerin Ursula von der Leyen sagt, dass die gesetzliche Rente allein nicht reicht, um den Lebensstandard im Alter zu halten. Das ist eine Binsenweisheit, es hat sich lange Zeit nur niemand zu sagen getraut. Ich habe das als Erster gesagt und bin dafür auch verprügelt worden. Trotzdem habe ich daran festgehalten. Es bleibt doch gar nichts anderes übrig, als fürs Alter zusätzlich privat zu sparen. Und ich kenne weltweit keine Form der ergänzenden Rücklagenbildung mit staatlicher Förderung, die so auf Geringverdiener Rücksicht nimmt wie die Riester-Produkte. Es gibt nichts Besseres.

Wie lebt es sich damit, dass der eigene Name für ein umstrittenes Reformprojekt steht? Haben Sie sich nach zehn Jahren daran gewöhnt?
Riester: Richtig angefeindet werde ich eigentlich schon lange nicht mehr. Aber immer dann, wenn es mal wieder kritische Berichte in den Medien gibt, bekomme ich E-Mails. Manche sind auch anonym und fallen etwas wilder aus. Aber wenn die Menschen mit mir persönlich sprechen, bekomme ich überhaupt keinen Zorn zu spüren. Im Gegenteil, ich erfahre inzwischen viel Zustimmung.

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