20.09.2013
Fahrerassistenzsysteme

„Bis zum selbstfahrenden Auto ist es noch ein weiter Weg“

Bis Sonntag noch können die Besucher auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt die neusten Entwicklungen in der Automobilindustrie bestauen. Einer der wichtigsten Trends in diesem Jahr: das automatisierte Fahren dank elektronischer Helfer im Auto. GDV.DE hat mit Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), über die Zukunft der Fahrerassistenzsysteme gesprochen und warum das selbstfahrende Auto eine verlockende Vision ist – aber erst in der Zukunft.

Automatisiertes Fahren ist einer der großen Trends auf der IAA in diesem Jahr. In 10 bis 15 Jahren, so die Autoindustrie, soll das auf vielen Strecken Realität sein. Wie bewerten Sie die Entwicklung hin zum selbstfahrenden Auto?
Siegfried Brockmann: Das ist für mich noch ein weiter Weg. Zwar sind wir nahe daran, auf Autobahnen das Fahrzeug für gewisse Zeit autonom fahren zu lassen, aber da fahren ja alle in der gleichen Richtung, es gibt keine Kreuzungen und erst recht keine Fußgänger oder Radfahrer. Bis im Stadtverkehr autonome Systeme besser sind als der Mensch, wird noch viel Zeit vergehen. Aber selbst für den vergleichsweise einfachen Anwendungsfall Autobahn sind noch viele juristische Fragen zu klären. Dabei können wir keinen Weg mitgehen, bei dem nicht in jedem Moment die Verantwortlichkeiten klar sind.

Was müssen zukünftige Fahrerassistenzsysteme mitbringen, um von den Autofahrern akzeptiert zu werden?
Brockmann: Vor allem zwei Dinge: Sie müssen fehlerfrei funktionieren und die Warnschwellen müssen so spät liegen, dass man Pieps- oder Summtöne nicht nur als nervig empfindet. Bei letzterem haben die Hersteller durchaus unterschiedliche Philosophien, bei ersterem sehe ich durchaus noch Optimierungsmöglichkeiten.

Siegfried Brockmann Siegfried Brockmann

hat Kraftfahrzeugmechaniker gelernt und Politikwissenschaft studiert. Beim Verkehrssenator in Berlin und im Verkehrsministerium Brandenburg hat er Verkehrspolitik mitgestaltet, bevor er die Kommunikation für die Schaden- und Unfallsparten des GDV übernahm. Auch hier lag ein Schwerpunkt auf Themen und Aktionen zur Verkehrssicherheit. Seit 2006 leitet er die Unfallforschung der Versicherer (UDV).

 
Die Fahrerassistenzsysteme bringen mehr Sicherheit in den Straßenverkehr. Richtig oder falsch?
Brockmann: Für die jetzigen Systeme ist das eigentlich immer richtig. Die gehen aber auch davon aus, dass der Fahrer verantwortlich ist. Sie sind im normalen Fahrbetrieb nicht präsent und greifen erst ein, wenn eine kritische Situation droht. Das Problem fängt an, wenn Systeme Fahraufgaben auch im normalen Betrieb übernehmen. Dann besteht die Gefahr, dass der Fahrer nicht mehr ganz bei der Sache ist und im Ernstfall die Kontrolle nicht angemessen übernehmen kann.

Welche Systeme machen Ihrer Meinung nach die Straßen deutlich sicherer?
Brockmann: ESP, Notbremsassistenten, die idealerweise nicht nur auf Kraftfahrzeuge, sondern auch auf Radfahrer und Fußgänger reagieren, Spurverlassenswarner. In dieser Reihenfolge.

Bislang sind diese nützlichen Helfer aber hauptsächlich in teuren Premium-Modellen eingebaut. Das bedeutet, dass viele Autofahrer noch gar nicht von diesen technischen Entwicklungen profitieren.
Brockmann: Entwicklung verläuft immer in diesen Zyklen. Das finde ich nicht schlimm, wenn ohne viel Zeitverzug dann alle Fahrzeugkategorien profitieren. Die oben genannten Systeme sind allesamt schon in der Mittelklasse angekommen. Gerade wenn ich an das ESP denke, würde ich mir aber wünschen, dass das oft schneller geschieht.

„Das ist doch eine verlockende Vision: Ins Auto einsteigen, Ziel ansagen, den Rest macht das Fahrzeug allein. Allerdings sind wir davon Lichtjahre entfernt.“

Wenn immer mehr intelligente Technik in den Autos eingebaut ist, macht sich der Mensch dann beim Autofahren früher oder später selbst überflüssig?
Brockmann: Was heißt überflüssig, dann kann man sich auf andere Aufgaben konzentrieren. Das ist doch eine verlockende Vision: Ins Auto einsteigen, Ziel ansagen, den Rest macht das Fahrzeug in Kommunikation mit anderen Fahrzeugen, mit der Infrastruktur, mit anderen Verkehrsteilnehmern allein. Keine Aggressionen mehr, keine Unfälle mehr. Allerdings sind wir davon Lichtjahre entfernt, auch wenn uns gerade auf der IAA etwas anderes versprochen wird. Der Mensch hat sicher Schwächen, aber das menschliche Gehirn ist andererseits mit seinem Erfahrungswissen und seiner Antizipationsfähigkeit jeder Maschine immer noch um Längen voraus.

Werfen wir einen Blick in Zukunft: Wie werden wir 2020 Auto fahren?
Brockmann: Wenn Sie die Frage auf die Sicherheit beziehen, wahrscheinlich ziemlich genauso wie heute. Die unterstützenden Assistenten werden ausgereifter sein, aber autonom fahren werden die Fahrzeuge nicht: All die angesprochenen Probleme technischer und juristischer Art lassen sich nicht in so kurzer Zeit lösen.

Mehr zum Thema:
>> Mehr Infos zu Fahrerassistenzsystemen bei der UDV
>> Homepage Unfallforschung der Versicherer (UDV)