20.08.2013
Schadenverhütung

„Schäden durch Brände und Explosionen nehmen deutlich zu“

Ein Akku, der kaputt ist; ein Föhn, der sich selbstständig macht; oder natürlich der Küchenherd: Es gibt viele Ursachen für Wohnungsbrände. Hans-Hermann Drews, Geschäftsführer des Instituts für Schadenverhütung und Schadenforschung (IFS), untersucht die Hintergründe von solchen Schadenereignissen. Im Interview spricht er über aktuelle Schadentrends, neue Technologien und warum das Risikobewusstsein vieler Menschen noch zu wenig ausgeprägt ist.

Hat sich die Qualität von Produkten, gerade im Bereich von Serien, verschlechtert?
Hans-Hermann Drews: Wir stellen in regelmäßiger Häufigkeit fest, dass im Privatbereich verwendete Produkte Fehler aufweisen, die immer wieder auch auf Serienfehler hindeuten. Das betrifft Groß- und Kleingeräte gleichermaßen, unabhängig davon, ob Billig- oder Markenartikel. Wir entdecken durch unsere Arbeit vor allem Fehler, die einen Brand verursachen können. Überwiegend handelt es sich dabei um Feuerschäden, die durch Fehler in der Elektrizität verursacht werden.

Welches sind die Hauptfehlerquellen?
Da gibt es vor allem zwei Hauptursachen. Das sind auf der einen Seite die Bauteile, auch Kleinstbauteile und auf der anderen Seite produktionsbedingte Fehler, die während des Produktionsprozesses Mängel erzeugen. Immer wieder entdecken wir Bauteile aus dem Billigsektor. Wir weisen verstärkt darauf hin, dass ein technisches Gerät mit einem Prüfsiegel eine deutlich höhere Sicherheit bietet als ohne. GS, TÜV oder VDE sind Prüfsiegel, die eine Mindestanforderung in Punkto Sicherheit an ein Gerät stellen.

„Ein aktuelles Problem stellen wir bei der Energiespeicherung fest. Brand- und Explosionsschäden durch Akkus nehmen deutlich zu.“

Welche neuen Gefahren entstehen durch moderne Technologien?
Wenn wir den Schadenhergang von elektrisch bedingten Bränden betrachten, haben wir immer dann ein hohes Gefährdungspotential, wenn viel Energie erzeugt, bewegt oder gespeichert wird. Tritt in diesen Systemen ein Fehler auf, sind die Folgen häufig Kurzschlüsse und sehr hohe Temperaturen. Dadurch kann umgebendes Material entzündet werden. Das sehen wir bei vielen Leitungsführungen und elektrischen Geräten. Ein aktuelles Problem stellen wir bei der Energiespeicherung fest. Brand- und Explosionsschäden durch Akkus nehmen deutlich zu.

Versicherungen klagen über vermehrtes Auftreten von Leitungswasserschäden. Was sind die Hauptursachen?
Pro Jahr werden etwa 1,5 Millionen Leitungswasserschäden den Versicherern gemeldet. Das hat mit den alternden Bausubstanzen zu tun. Leitungswasser-Installationen sind technische Anlagen, die dem Verschleiß unterliegen. Deren Haltbarkeit ist auf 30 bis 40 Jahre ausgelegt. Jetzt kommen die Bauten aus den 70ern in die Jahre. Damit kündigen sich zwangsläufig Bauschäden an. Es gibt ein weiteres Problem. Die Sanierung der Schäden wird immer aufwändiger. Früher wurde meist verzinktes Eisenrohr auf der Wand verbaut, heute müssen verkleidete Marmorbäder aufgestemmt werden. Sowohl die Frequenz der Schäden als auch die Schadenhöhe nehmen deutlich zu. Der Regulierungsaufwand ist gewaltig. Häufigste Ursachen sind laut unserer IFS-Statistik mangelhafte Installationen, gefolgt von Frostschäden.

Dr. Hans-Hermann Drews Dr. Hans-Hermann Drews (48)
Der Geschäftsführer des Instituts für Schadenverhütung und Schadenforschung der öffentlichen Versicherer (IFS) in Kiel ist promovierter Chemiker. Seit genau drei Jahren arbeitet Drews beim IFS. Die ersten zwei Jahre war er Standortleiter in der schleswigholsteinischen Landeshauptstadt, vor einem Jahr hat er die Geschäftsführerposition des Instituts übernommen.

Zuvor war der Quereinsteiger zwölf Jahre für einen deutschen Hersteller von Labor-Messgeräten im Bereich Vertrieb und Marketing tätig. Kernaufgaben des IFS sind Ursachenforschung, Beratung sowie Schulungsmaßnahmen zu den Themen Feuer, Technik und Umwelt.

Haben Sie einen Tipp, was dagegen getan werden kann?
Hausbesitzer müssen die eingeschränkte Lebensdauer ihrer Wasserinstallationen bei ihren Planungen berücksichtigen und möglichst vorbeugend erneuern. Sonst ist es meist nur eine Frage der Zeit, bis der erste Schaden eintritt. Automatische Absperrventile sind eine äußerst wirksame Schadenverhütungsmaßnahme. Moderne Geräte können sogar Leitungswasserschäden automatisch erkennen und die Wasserversorgung absperren. Auch wenn automatische Absperrventile die Ursache eines Leitungswasserschadens nicht beheben, verringern sie doch das Ausmaß dieser Schäden erheblich.

Photovoltaik bietet neues Schadenpotenzial …
Ja, selbstverständlich. Allein schon dadurch, dass zusätzliche Werte aufgebaut werden, erleben wir hier die typischen Schadenmechanismen, wie Statik, Sturm, Schnee oder Diebstahl. Entsteht ein Feuerschaden im Bereich der Photovoltaikanlage, können sogar erhebliche Gebäudeschäden die Folge sein. Noch ist die Datenbasis für verlässliche Aussagen nicht breit genug, aber es zeichnet sich ab, dass die Hauptursache für Feuerschäden an Photovoltaikanlagen die nicht fachgerechte Installation ist.

„Neue Schadenursachen entstehen zwangsläufig durch neue Technologien.“

Was sind aktuelle Schadentrends?
Zusätzliche, neue Schadenursachen entstehen zwangsläufig durch neue Technologien. Das ist zunächst einmal nichts Neues, bedarf aber einer Erklärung. Ich benutze dafür das Schlagwort Diversifizierung. Die Anzahl der uns bekannten Schaden verursachenden Produkte nimmt ständig zu. Das ist nichts anderes als das Abbild der uns umgebenden Umwelt. Schauen Sie sich doch einmal in Haushalten um, wie viele Elektrogeräte dort zur Verfügung stehen. Außerdem steigt die Komplexität der einzelnen Produkte. Denken Sie doch beispielsweise nur einmal an hochmoderne Kaffeevollautomaten. Diese Geräte besitzen nicht nur einen elektrischen, sondern auch noch einen Wasseranschluss.

Worin besteht also die besondere Gefährdung von Haushalten?
Das sind eindeutig die Technik und der Mensch selbst. Die Auswertung unserer Statistiken zeigt eindeutig, dass die meisten Brände durch elektrotechnische Defekte entstehen, gefolgt von der menschlichen Unachtsamkeit. Es ist daher sehr wichtig, die Bevölkerung zu sensibilisieren. Auf die Verbesserung dieses Mankos zielen unsere Schaden verhütenden Maßnahmen. Wir erleben bei Führungen privater Gruppen durch unser Haus, dass das Bewusstsein für Dinge, die zu Hause passieren können, immer noch zu wenig ausgeprägt ist. Wer achtet denn schon darauf, die Stecker von Elektrogeräten zu ziehen, wenn diese nicht mehr in Betrieb sind? Haartrockner, die sich selbstständig einschalten, gibt es gar nicht so selten.

Ein weiteres Beispiel: Die Küche ist Brandentstehungsort Nummer eins. Bei der Ursachenforschung sticht der Herd als Ort mit dem höchsten Brandrisiko heraus. Ein Fünf-Minuten-Besuch beim Nachbarn reicht oftmals aus, um brennbare Gegenstände auf dem eingeschalteten Herd oder in dessen Nähe in Flammen aufgehen zu lassen.

„34 Prozent der von uns untersuchten Brände gehen auf elektrotechnische Defekte zurück. Der überwiegende Anteil dieser Schäden geht wiederum von elektrischen Geräten aus.“

Elektrizität verursachte nach Ihrer Statistik in den letzten zehn Jahren die meisten Brandschäden. Woran liegt das?
Die von unseren Gutachtern untersuchten Brandschäden werden systematisch in einer Schadendatenbank erfasst, in der inzwischen mehr als 10.000 Brandursachenermittlungen dokumentiert sind. Durch entsprechende Auswertungen wissen wir, dass 34 Prozent der von uns untersuchten Brände auf elektrotechnische Defekte zurückgehen. Der überwiegende Anteil dieser Schäden geht wiederum von elektrischen Geräten aus. Die Ursachen im Detail sind ebenso vielfältig wie die Anzahl und Art der uns im Alltag umgebenden elektrischen Geräte. Leider sieht man aber einem Elektrogerät nicht an, dass es gleich einen Kurzschluss erzeugen und in Flammen aufgehen wird.

Durch einfache Verhaltensmaßnahmen und die Auswahl sicherer Produkte lassen sich die Gefahren für Leib und Leben und für Sachwerte jedoch deutlich verringern. Deshalb empfehlen wir, Elektrogeräte nur unter Aufsicht zu betreiben und nach dem Betrieb den Stecker zu ziehen, oder zumindest über eine schaltbare Steckdose die Stromzufuhr zu unterbrechen.

Ihr Institut erklärt, auch einen Beitrag leisten zu können, um Kosten und Aufwand für Sanierungen zu optimieren. Was meinen Sie damit?
Nach einem Brandschaden stellt sich die Frage, welche Teile des Gebäudes und auch Maschinen und Anlagen durch gesundheitsschädliche oder korrosive Stoffe in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Aus dieser Erkenntnis leiten sich die dann geeigneten Sanierungsmaßnahmen ab. Diese Untersuchungen und Bewertungen führt das IFS ebenfalls durch. Nur, weil es im Keller gebrannt, und sich Ruß im Treppenhaus niedergeschlagen hat, muss noch lange nicht das ganze Haus abgerissen werden. Eine angemessene und zeitnahe Sanierung schützt Mensch und Umwelt und trägt zur Kostenoptimierung bei.

Wie lösen Sie den Zielkonflikt zwischen Versicherer und Geschädigtem?
Natürlich gibt es für uns das Spannungsfeld zwischen den beiden Partnern Versicherer und Geschädigter. Wir arbeiten ausschließlich auf der Basis anerkannter Normen und gesetzlicher Richtlinien und verstehen uns in diesem Zusammenhang als neutrales Institut.

Das Interview ist in der Zeitschrift „Versicherungswirtschaft“ (Nr. 16 · 15. August 2013) erschienen.

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