01.07.2013
Versicherungsombudsmann Günter Hirsch

„Keine Veränderungen bei der Schadenregulierung feststellbar“

Verweigern Versicherer Leistungen an ihre Kunden? Das Bundesjustizministerium hat verschiedene Institutionen dazu um eine Einschätzung der Regulierungspraxis gebeten. Einer, der tagtäglich mit Beschwerdefällen gegen Versicherer zu tun hat, ist der Versicherungsombudsmann Günter Hirsch. Im Interview mit dem GDV-Magazin POSITIONEN erklärt er, warum er keine Veränderungen bei der Schadenregulierung erkennen kann.

„Keinerlei signifikante Veränderungen“ kann Versicherungsombudsmann Prof. Günter Hirsch feststellen, wenn es um die einvernehmliche Erledigung von Beschwerdeverfahren gegen Versicherer geht. Das bedeute, so Hirsch im Interview mit POSITIONEN, „eine systematische Blockade der Schadenregulierung ist im Beschwerdeverfahren beim Ombudsmann nicht feststellbar.“

17.000 Beschwerden bei 458 Millionen Versicherungsverträgen
Im vergangenen Jahr landeten bei Hirsch rund 17.000 Beschwerden auf dem Schreibtisch – bei 458 Millionen Versicherungsverträgen in Deutschland. Statistisch gesehen wendet sich also jeder 26.000ste Versicherungskunde an den Ombudsmann.

Dass das Bundesjustizministerium direkt bei Gerichten und Verbänden nach der Regulierungspraxis nachfrägt, findet Günter Hirsch „ein bisschen ungewöhnlich.“ Auch der Verein des Versicherungsombudsmanns sei in die Umfrage des Ministeriums einbezogen worden.

Hirsch zweifelt im Interview daran, „ob man aus einzelnen Beschwerden und Klagen Rückschlüsse auf ein relevantes Marktverhalten einer ganzen Branche ziehen kann.“ Sowohl die Gerichte als auch der Versicherungsombudsmann können „nur aus einem sehr kleinen Ausschnitt der pathologischen Fälle, die als Klagen oder Beschwerden auf unserem Schreibtisch landen, Erkenntnisse über das Regulierungsverhalten in der Rechtswirklichkeit ziehen.“

Zwar habe sich das Ministerium einer Sache von öffentlichem Interesse angenommen. Ob die gewonnenen Erkenntnisse aus der Umfrage des Bundesjustizministeriums deshalb letztlich belastbar sind, muss sich erst noch herausstellen, so Hirsch.

Arbeit des Versicherungsombudsmanns hat präventive Wirkung auf Schadenregulierung
Hirsch beleuchtet im Interview ebenfalls, welche präventive Wirkung seine Arbeit als Schlichter auf die Versicherungsunternehmen entfaltet. Durch die Entscheidungen des Ombudsmanns würden die Versicherer teilweise ihr Regulierungsverhalten umstellen. Versicherer würden immer mehr Wert auf Qualitätsmanagement und Kundenbindung legen, so Hirsch, deshalb gebe es Erkenntnisse, „dass sie die ‚Rechtsprechung‘ des Ombudsmanns in ihre tägliche Arbeit umzusetzen.“

Zukünftig wird die außergerichtliche Streitbeilegung, wie es der Versicherungsombudsmann seit 12 Jahren bereits praktiziert, nach Ansicht von Günter Hirsch weiter an Bedeutung gewinnen. Eine neue EU-Richtlinie werde bald „eine flächendeckende Möglichkeit der außergerichtlichen Streitbeilegung für nahezu alle Verbraucherstreitigkeiten“ erfordern.

Das vollständige Interview ist im GDV-Magazin POSITIONEN erschienen.

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