22.05.2013
Stromausfall

Hast du mal ‘ne Taschenlampe?

Wir verlassen uns schon lange auf die unbegrenzt vorhandene Energie aus der Steckdose. Im Gegensatz zu den USA gilt das Stromausfallrisiko in Deutschland auch offiziell als gering. Aber immer mehr Experten warnen hierzulande vor überalterten Stromnetzen und der Gefahr größerer Blackouts. Ein Schreckensszenario.

Und plötzlich ist es dunkel. Erstaunt blicken die Menschen aus ihren Fenstern, doch nirgends gibt es Licht. Stellen wir uns einen frühen Abend im Februar vor, sieben Uhr abends, Stromausfall. Berlin: ein großes schwarzes Nichts. München, Hamburg, Köln, überall fehlt der Strom. U-Bahnen bleiben stehen, Aufzüge stecken fest, ohne funktionierende Ampeln versinkt der Feierabendverkehr im Chaos. Der nächste Morgen: Hoffnungsvoll drücken die ersten Frühaufsteher die Lichtschalter – vergeblich.

Langsam leeren sich die Akkus der Handys, die vielen als letzte Lichtquelle dienen. Mobilfunknetze und Internet sind ausgefallen. Was tun? Zur Arbeit fahren? Für viele sinnlos, die Computer gehen nicht, dafür bilden sich lange Schlangen vor den Supermärkten – aber wie soll man die betreten, wenn sich die automatischen Türen nicht öffnen, wie bezahlen, wenn die Kassen außer Betrieb sind, die Geldautomaten noch dazu?

GDV POSITION
Stromausfall ist nur eine von zahlreichen möglichen Ursachen eines Produktionsausfalls. Unternehmen sollten die existenzgefährdenden Folgen nicht unterschätzen und die nötige Vorsorge treffen.

Allmählich ändert sich die Stimmung, was als Abenteuer begann, mit Vorlesen bei Kerzenlicht statt Fernsehen, wird, in der zweiten Nacht ohne Heizung, Herd, fließendes Wasser, unheimlich. Das gesamte europäische Stromnetz ist zusammengebrochen, so viel erfährt man über die wenigen batteriebetriebenen Radios und aus den Durchsagen der Polizei. Ursache? Weiter unbekannt. Tag drei: In Krankenhäusern fallen die Notstromaggregate aus, das Benzin geht zu Ende, die Vorräte der Deutschen allmählich auch, Tiefkühlfächer sind aufgetaut. Weil die Abwasserversorgung brachliegt, droht Seuchengefahr. Bewaffnete Bundeswehreinheiten patrouillieren gegen Plünderer, überforderte Behördensprecher schieben einander die Schuld zu, Dialysepatienten sterben … Sollen wir aufhören? Das Schreckensszenario beenden? Uns kurz freuen, über den Strom, der uns eben doch nicht so selbstverständlich Licht und Wärme schenkt und den normalen Alltag ermöglicht? Gerne. Sehr gerne.

Die fiktive Katastrophe, die eben geschildert wurde, geht übrigens noch weiter, noch ganze drei Tage. Was würde in einer Großstadt wie Berlin passieren, wenn für sechs Tage der Strom ausfiele? Das fragte sich Birgitta Sticher, Professorin der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht, mit Kollegen erstellte sie eine Studie im Auftrag des Bundesforschungsministeriums. Darin warnt sie vor „kriegsähnlichen Zuständen“ und „Millionen Betroffenen“.

Der größte Stormausfall in der Geschichte Indiens
Nur gut, dass Birgitta Sticher diese Horrorvorstellung so gelassen und freundlich erzählt. Und das liegt nicht nur daran, dass sie „in Brandenburg ein Wochenendhäuschen mit Holz und eigener Wasserversorgung“ hat. Im Schnitt summieren sich die Stromausfälle in Deutschland pro Jahr und Einwohner nur auf etwa 20 Minuten. Kein Vergleich zu Ländern wie Indien, wo sich am 31. Juli 2012 der größte Stromausfall der Geschichte ereignete, in 20 von 28 Bundesstaaten, einem Gebiet mit 600 Millionen Bewohnern.

In New York ließ Hurrikan „Sandy“ kürzlich das Licht ausgehen, in einigen Entwicklungsländern ist funktionierende Stromversorgung die größere Überraschung als der Stromausfall. Doch dort haben sich die Menschen darauf eingestellt, in Deutschland dagegen verlassen wir uns immer mehr auf unbegrenzte Energie im Alltag. Die Telekom plant, Festnetzkunden bis 2016 vollständig auf Internet-Telefonie umzustellen, das mag wirtschaftlicher sein, aber bei Stromausfall sind Notrufe nicht mehr möglich.

Doch wie wahrscheinlich ist der große Strom-GAU, wie ihn Autor Marc Elsberg in seinem Spiegel-Bestseller „Blackout – Morgen ist es zu spät” beschrieben hat, prämiert als Wissensbuch des Jahres 2012? Sehr unwahrscheinlich, sagen die Energieversorger. Gar nicht mal so unwahrscheinlich, warnt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, nach einer Analyse des Stromnetzes mit dem TÜV Rheinland und E.ON. Und die Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) schreibt in einer Studie: „Tage- oder wochenlange Blackouts sind nicht auszuschließen“, zudem sei mit häufigeren Stromausfällen zu rechnen, weil es in Europa und den USA zu wenig Investitionsanreize gebe für die Modernisierung der 50 bis 60 Jahre alten Stromnetze.

„Der Anreiz ist hoch, zu sparen, wo es nur geht“
Der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft klagt im Kölner Stadt-Anzeiger über die verschlechterte Qualität der deutschen Stromnetze: „Der Anreiz ist hoch, zu sparen, wo es nur geht.“ Noch dazu bereitet der Ausbau der erneuerbaren Energien Probleme, weil Wind- oder Solarkraft größeren Schwankungen unterliegen als Atomkraft.

Einen massiven Stromausfall könnten auch Terroristen, Kriminelle, Wetterextreme oder schlicht menschliches Versagen verursachen. Im November 2005 brachen nach einem heftigen Wintereinbruch im Münsterland rund 50 Strommasten unter der Last der Schneemassen zusammen. Rund 250.000 Menschen in den Landkreisen Borken, Steinfurt und Coesfeld waren vier Tage lang ohne Strom – einige Haushalte mussten bei Minustemperaturen gleich eine ganze Woche ohne Licht und Heizung ausharren.

„Wenn die Öffentlichkeit dabei ist, sagen Experten, dass Deutschland gut auf Stromausfälle vorbereitet sei – bei inoffiziellen Veranstaltungen ohne Zuhörer klingt das anders“

„Wenn die Öffentlichkeit dabei ist, sagen Experten, dass Deutschland gut auf Stromausfälle vorbereitet sei – bei inoffiziellen Veranstaltungen ohne Zuhörer klingt das anders“, sagt Birgitta Sticher, „wir waren im letzten Winter offenbar zwei, drei Mal kurz vor einem großen Stromausfall.“ Als gefährlichster Monat gilt unter Experten der Februar – wenn an wintertrüben Tagen die Windkraftanlagen stillstehen und der Stromverbrauch am höchsten ist.

120 Minuten ohne Strom
Im Münsterland hatten die Menschen noch Glück, sie konnten zu Tankstellen und Supermärkten in der weiteren Umgebung fahren. Doch was tun bei einem überregionalen Stromausfall? Am 4. November 2006 waren Teile von Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien, Italien, Spanien und sogar Marokko bis zu 120 Minuten ohne Strom. Der Energieversorger E.ON hatte zuvor zwei Hochspannungsleitungen unterbrochen, als Sicherheitsmaßnahme für die Ausschiffung eines Kreuzfahrtschiffes aus einer Werft, das verkraftete das Netz wider Erwarten nicht.

Liest man sich die Meldungen über die vielen kleinen Stromausfälle in Deutschland durch, die Stadtviertel kurzzeitig lahmlegen, merkt man, dass nicht nur ein unachtsamer Baggerführer, sondern schon eine nagefreudige Ratte als Verursacher ausreicht. Und dann? „Die Bevölkerung ist auf größere Stromausfälle nicht vorbereitet. Für einen solchen Fall hat kaum jemand vorgesorgt“, sagte der Katastrophenbeauftragte Christoph Unger der FAZ. Birgitta Sticher kritisiert: „Derzeit ist kein einheitliches Risiko- und Krisenmanagement bei Unternehmen, Staat und anderen Akteuren erkennbar.“

Diese Gefahr sieht man durchaus auch in der Versicherungsbranche. Die Allianz-Studie warnt: „Viele Unternehmen sind nicht auf Betriebsunterbrechungen durch Stromausfälle vorbereitet und unterschätzen die potenziellen Folgekosten.“ Denn für einen größeren Versicherungsschaden reichen schon wenige Sekunden Stromausfall. So ein Aussetzer hat zur Folge, dass etwa im Werk eines der größten Hersteller von Tiefkühlpizza in Europa, Freiberger Lebensmittel, bis zu einer halben Stunde die Produktion lahmliegt. Die Fertigungsanlagen müssen erst neu eingestellt werden, „das ist ärgerlich und kostet Geld“, sagte eine Firmensprecherin jüngst dem Tagesspiegel.

Industrieanlagen anfällig für Stromausfälle
„Industrieanlagen sind hoch anfällig auch für kürzere Stromausfälle“, warnt Christof Bauer, Energiemanager des Chemiekonzerns Evonik. „Sie schalten sich in der Regel aus Sicherheitsgründen automatisch ab, wenn der Strom länger als etwa 0,2 Sekunden ausfällt“, so Bauer im Kölner Stadt-Anzeiger. Die Schadensummen steigen schnell in schmerzhafte Höhen: Das US-Energieministerium bezifferte die Schäden durch einen mehrtägigen Blackout im August 2003 in Teilen der USA und Kanadas auf sechs Milliarden US-Dollar.

Allein in Kanada entfielen 18,9 Millionen Arbeitsstunden, Autohersteller DaimlerChrysler musste rund 10.000 Fahrzeuge verschrotten, weil es keinen Strom für das Trocknen der Pkws in den Lackierstraßen gab. Bei Ford ruinierte abkühlendes Metall einen der Hochöfen. Und im Münsterland verursachte der tagelange Stromausfall einen Schaden von mehr als 100 Millionen Euro in der Region. Mehrere tausend Firmen waren betroffen, besonders Landwirte, wo in großen Mastställen die Lüftung ausfiel und viele Tiere erstickten. Wer kommt für solche immensen Schäden auf? RWE wies im Fall der umgeknickten Strommasten im Münsterland alle Schuld von sich – „höhere Gewalt“.

Schadensfragen bei Fahrlässigkeit oder Vorsatz regelt in Deutschland die Netzanschlussverordnung. Die sieht etwa vor, dass der Netzbetreiber für Sachschäden von Privatpersonen schon bei einfacher Fahrlässigkeit haftet, ab 30 Euro bis maximal 5.000 Euro pro Anschlussnutzer, bis zu einer Obergrenze von 40 Millionen Euro – für gesundheitliche Schäden allerdings uneingeschränkt.

Wer ist Schuld an einem Stromausfall?
Anders sieht es bei großen Vermögensschäden aus: „Nur wenn der Erzeuger wirklich grob fahrlässig oder gar vorsätzlich handelt, also etwa Leitungen nicht wartet, kann er in Regress genommen werden“, sagt Andreas Hahn, Leiter Versicherungstechnik Sach- und Technische Versicherung beim GDV. Doch selbst wenn der Schuldige eindeutig feststeht, kann die Frage der Haftung bei Folgeschäden eines Blackouts kompliziert sein: Wenn es einen Auffahrunfall an einer ausgefallenen Ampel gibt, ist das unmittelbar die Folge des Stromausfalls – oder waren die Fahrer unaufmerksam?

Bleibt dennoch die Frage: Sollen sich Unternehmen absichern gegen den ja doch unwahrscheinlichen Fall eines so langen Stromausfalls? „Das ist die Gretchenfrage“, findet Andreas Hahn vom GDV, „es fällt schwer, da eine Empfehlung abzugeben. Jede Firma muss für sich abwägen, bis zu welchem Grad der Wahrscheinlichkeit sie sich gegen Betriebsschäden absichert.“

Freiberger Lebensmittel etwa hat weder eine Spezialversicherung gegen Stromausfall noch ein Notstromaggregat, was angesichts der enormen Kühlleistung der Fabrik die Größe eines Einfamilienhauses haben müsste. Ohnehin versichern sich Unternehmen im seltensten Fall gegen Stromausfall, sondern ganz allgemein gegen Produktionsausfälle: Für Unternehmen ist letztlich egal, ob ein Stromausfall durch einen umgeknickten Masten in 1.000 Kilometer Entfernung oder einen Kurzschluss im eigenen Haus verursacht wurde.

Viele Schäden klassisch abgesichert
Wichtig ist, dass die Unternehmen etwa mit Notstromaggregaten vorbereitet sind, denn „die Schadenerstattung Wochen später hilft ohnehin nur bedingt, wenn die Produktion ausfällt und die Kunden davonlaufen“, sagt GDV-Experte Hahn. Und betrachtet man das erwähnte Beinahe-Weltuntergangsszenario von Professorin Birgitta Sticher mit „kriegsähnlichen Zuständen“ wirkt die Frage: „Wer zahlt das eigentlich?“ fast zynisch. „Bei Verletzten und Toten, wären dann auch Krankenversicherungen, Unfallversicherungen und Lebensversicherungen betroffen, viele Schäden wären also klassisch abgesichert“, sagt Andreas Hahn. Katastrophen solchen Ausmaßes übersteigen aber auch das Vorstellungsvermögen der Versicherungsbranche, heißt es dazu bei der Münchner Rück, ein entsprechendes Risikoszenario gibt es daher nicht.

Bleibt zu hoffen, dass die Warnungen von Krisenanalysten wie Birgitta Sticher erhört werden, die Politik und Behörden eine dringend Nachbesserung der Notfallpläne empfiehlt. Die Professorin muss nämlich auch die letzte Illusion zum Thema Stromausfall zerstören: Der angebliche Babyboom infolge allzu langer Dunkelheit und fehlender Ablenkung ist zwar eine so beliebte wie niedliche Anekdote, aber statistisch leider widerlegt.

Marc Baumann ist freier Journalist in München.

Ansprechpartnerin:
Katrin Rüter de Escobar
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