30.05.2013
Serie Politische Positionen (Teil 4)

Energiewende und Klimaschutz

Die Kandidaten sind gekürt, die Wahlprogramme geschrieben, in knapp vier Monaten ist Bundestagswahl. Die Versicherungswirtschaft hat ihre politischen Positionen zu dieser Wahl formuliert. Auf GDV.DE stellen wir in dieser Woche jeden Tag eine Position vor. Heute erklären wir, welcher politischer Handlungsbedarf beim Thema „Energiewende und Klimaschutz“ besteht.

Die Energiewende ist das derzeit größte ökonomische und technische Projekt in Deutschland. Versicherer beschäftigen sich seit vielen Jahren intensiv mit den Erneuerbaren Energien.

Versicherer ermöglichen den Ausbau der Erneuerbaren Energien, indem sie versicherungstechnische Expertise bereitstellen und innovative Versicherungslösungen anbieten. Es ist keineswegs trivial, einen Windpark, der viele Kilometer vor der Küste in der stürmischen Nordsee errichtet wird, zu versichern. Die Gefahren durch Sturm, Salzwasser und Schiffsverkehr sind schwer vorherzusehen, Reparaturen an den Windrädern witterungsbedingt oft monatelang nicht möglich, der finanzielle Schaden bei einem (längerfristigen) Ausfall eines ganzen Windparks gigantisch. Derart hohe Schadenpotentiale verteuern nicht nur den Versicherungsschutz, es kann sogar passieren, dass die mittelfristig verfügbaren Versicherungskapazitäten nicht ausreichen, sämtliche geplanten Windparks zu versichern. Damit wäre die weitere Realisierung der Offshore-Ausbauziele in Deutschland in Frage gestellt. Deshalb müssen risikomindernde Aspekte bei der Planung und dem Bau der Windparks von vorne herein berücksichtigt werden.

Klumpenrisiko Offshore-Windernergie

 
Versicherer sind Risikoträger und Kapitalgeber
Versicherer unterstützen aber nicht nur als Risikoträger die Energiewende, vielmehr sind sie zudem bereit, in Energieparks und Infrastrukturvorhaben zu investieren, sofern die Rahmenbedingungen stimmen. Versicherer sind seit jeher an langfristigen, nachhaltig wertschöpfenden Investitionen interessiert, um ihre lang laufenden Verpflichtungen in der Lebensversicherung zu erfüllen. Mit Investitionen in Erneuerbare Energien können dank gut prognostizierbarer Abnahmemengen und Mindestpreisgarantien kalkulierbare Erträge erwirtschaftet werden. Die Versicherer können also Teile des für den Umbau der Energieversorgung und für den Ausbau der Energienetze erforderlichen Kapitals bereitstellen.

Allerdings gibt es derzeit noch gesetzliche und regulatorische Hürden, die das Engagement der Versicherer in diesem Segment begrenzen. Beseitigt der Gesetzgeber diese Hemmnisse könnte die Versicherungswirtschaft einen noch signifikanteren Beitrag zur Finanzierung der Energiewende leisten.

Elementarschäden: Fast alle Immobilien in Deutschland versicherbar
Der Klimawandel bleibt – auch jenseits der Energiewende – eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Insbesondere Schaden- und Rückversicherer spüren die finanziellen Folgen des Klimawandels. Naturkatastrophen haben im vergangenen Jahr einen weltweiten Schaden von rund 160 Mrd. USD verursacht, allein der Wirbelsturm Sandy verursachte in und um New York Schäden von 50 Mrd. USD. Aber auch hierzulande nehmen die Schadenereignisse zu. Viele Bürger sind sich weder des Risikos, noch der Möglichkeiten der Absicherung bewusst. Dabei sind nahezu alle Immobilien in Deutschland gegen Elementarschäden versicherbar.

Informationskampagnen schärfen Problembewusstsein
Nur für etwa ein Prozent der Gebäude, die in stark gefährdeter geographischer Lage stehen, muss eine individuelle Lösung gefunden werden; hier ist Schadenprävention der Schlüssel für Risikovorsorge und Risikotransfer. Die deutsche Versicherungswirtschaft hat mit einer Reihe von Bundesländern Informationskampagnen durchgeführt, um das Bewusstsein in der Bevölkerung für die Notwendigkeit einer Absicherung gegen Naturgefahren zu erhöhen.

Unsere Positionen auf einen Blick:
Neue Risikoklasse für Kapitalanlagen in Erneuerbare Energien und Infrastruktur einführen
Das künftige Versicherungsaufsichtsrecht Solvency II sieht eine unverhältnismäßig hohe Eigenkapitalunterlegung für Investitionen in Infrastruktur und Erneuerbare Energien vor. Eine Beteiligung an einem Windpark wird demnach genauso eingestuft wie eine viel riskantere Investition in einen Hedgefonds. Durch derart hohe Eigenkapitalanforderungen wird ein Investment in Erneuerbare Energien für die Unternehmen teuer und unrentabel.
 
Deshalb sollte eine neue, gesonderte Risikoklasse für Investitionen in Erneuerbare Energien und Infrastruktur geschaffen werden, die dem geringen Risikoprofil dieser Investments Rechnung trägt und eine deutlich geringere Eigenkapitalhinterlegung erfordert.
Entflechtungsvorschriften lockern
Die derzeitigen Entflechtungsvorschriften führen zu einer strikten Trennung von Energieerzeugung und Energietransport. Ziel der Regelungen war es, eine übergroße Marktmacht einzelner Energiekonzerne zu beenden bzw. zu verhindern.
 
Die Versicherungsunternehmen werden durch die Entflechtungsvorschriften bei ihren Investitionen vor eine Entweder-Oder-Entscheidung gestellt: sie können nur entweder in die Energieerzeugung oder in den Netzausbau investieren. Eine Lockerung der Entflechtungsvorschriften würde es Versicherern ermöglichen, entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu investieren.
Risikominimierung als Planungsprinzip bei Offshore-Windparks etablieren
Damit auch mittelfristig ausreichend Versicherungsschutz zu vernünftigen Preisen zur Verfügung gestellt werden kann, müssen Offshore-Windparks von vorneherein so geplant werden, dass die Häufigkeit und die Auswirkungen von Schäden möglichst minimiert werden. Im „Offshore Netzplan Nordsee“ gilt es deshalb, risikominimierende Aspekte konsequent festzuschreiben.
 
Konkret erforderlich sind etwa eine ausreichende Verlegetiefe der Stromkabel im Meeresboden, mehrere Anschlusspunkte der Windparks an das Stromnetz an Land, damit die Unterbrechung einer Verbindung nicht zu einem Komplettausfall des gesamten Windparks führt und eine stärkere räumliche Trennung der Konverterplattformen, damit ein einziges Schadenereignis nicht wesentliche Teile des Energieerzeugungssystems zerstören kann.
Bevölkerung aufklären – Bundesweite Naturgefahrenplattform schaffen
Die deutsche Versicherungswirtschaft hat das öffentliche Naturgefahren-Informationssystem ZÜRS public entwickelt. Es wird in Niedersachsen und Sachsen bereits eingesetzt, weitere Bundesländer sollen folgen. Jeder Bürger kann dort per Mausklick sehen, wie sehr sein Haus etwa durch Hochwasser, Blitzschlag oder Sturm gefährdet ist.
 
Die deutschen Versicherer setzen sich für ein transparentes, leicht zugängliches und bundesweit einheitliches Naturgefahren-Informationssystem nach dem Vorbild Österreichs ein, das von Bund, Ländern und der Versicherungswirtschaft gemeinsam getragen wird.
Elementarschadenkampagnen flächendeckend durchführen
Die in Kooperation von Versicherungswirtschaft und einer Reihe von Bundesländern durchgeführten Elementarschadenkampagnen haben sich bewährt. Das in der Vergangenheit nur schwach ausgeprägte Bewusstsein in der Bevölkerung vor den gewachsenen Gefahren durch Elementarrisiken konnte erhöht und auf Möglichkeiten der Absicherung hingewiesen werden.
 
Elementarschadenkampagnen sollten flächendeckend in der Bundesrepublik durchgeführt werden.

Die GDV-Themenwoche „Politische Positionen“ im Überblick:
 
Montag, 27.5.: „Lebensversicherung in der Niedrigzinsphase“
Dienstag, 28.5.: „Altersvorsorge“
Mittwoch, 29.5.: Verbraucherschutz“
Donnerstag, 30.5.: „Energiewende und Klimaschutz“
Freitag, 31.5.:“Solvency II“