06.05.2013
Themenwoche Altersvorsorge

„Die Zinssenkungen der EZB gehen auf Kosten der Altersvorsorgesparer“

Anlässlich der weiteren Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank (EZB) hat der Spiegel diese Woche die Auswirkungen dieser fortdauernden Niedrigzinspolitik für Sparer zum Titelthema gemacht. GDV-Präsident Alexander Erdland spricht im Interview über die damit verbundenen Herausforderungen für Kapitalanleger und Altersvorsorgesparer.

Ist eine Diskussion über den künftigen Kurs der privaten Altersversorgung – wie ihn jetzt der Spiegel anstößt – notwendig?
Alexander Erdland: Ja, das Thema muss stärker in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit. Wir haben in der letzten Woche die Zinssenkung der EZB genau deshalb kritisiert, weil sie auf Kosten der Altersvorsorgesparer geht – mit spürbaren Folgen: allein 2012 verzeichneten die Lebensversicherer für ihre Kunden zinsbedingte Mindereinnahmen von 4 Milliarden Euro. Neben den negativen Folgen für unsere private Altersvorsorge birgt die Niedrigzinstherapie der EZB weitere Gefahren für Fehlanreize; ohne Ländern wirklich zu nutzen, denen geholfen werden soll.

Zentral für die Überwindung der Schuldenkrise bleibt, dass die wachstumsschwächeren Länder ihre Reformbemühungen zur Konsolidierung der Staatshaushalte und zur Steigerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit konsequent fortsetzen. Ohne diese Reformen wird Europa nicht aus der Krise kommen. Und ohne die Aussicht auf baldige Rückkehr zu einem marktgerechten Zinsniveau schaffen wir ein riesiges Folgeproblem: massive Lücken in der Altersversorgung der künftigen Rentner.

„Gerade in Zeiten niedriger Zinsen müssen wir uns gemeinsam Gedanken darüber machen, wie wir die Vorsorgelücke trotzdem schließen können.”

Die Niedrigzinsstrategie der EZB als schwere Hypothek für die private Altersvorsorge ist ein Aspekt der aktuellen Diskussion. Sind Sie denn darüber hinaus auch offen für eine grundsätzliche Diskussion der „richtigen“ Altersvorsorge?
Natürlich, gerade in Zeiten niedriger Zinsen müssen wir uns gemeinsam Gedanken darüber machen, wie wir die Vorsorgelücke trotzdem schließen können. Wir sollten und müssen die unterschiedlichen Alternativen sowie ihre Stärken und Schwächen diskutieren. Aber bitte konstruktiv und mit Offenheit bei allen Beteiligten. Die Versicherer sind offen für berechtigte Kritik. Wir müssen zum Beispiel noch nachvollziehbarer machen, wie die Ausgleichmechanismen in der Lebens- und Rentenversicherung funktionieren. Hier können und müssen wir besser werden.

Von unseren Kritikern erwarte ich aber auch, dass sie nicht alleine schon das Vorhandensein von Komplexität als Beweis für Unfairness gegenüber Kunden bewerten. Eine Lebensversicherung ist zwangsläufig komplexer als ein individueller Sparvorgang. Sie ist eine kollektive Versicherungslösung, bei der sich die Kunden Kosten, Risiken und Erträge teilen. Erst dieser kollektive Ansatz ermöglicht stabile Erträge und lebenslange Renten für die Versicherten – auch wenn er sich nicht auf einem einzigen Bierdeckel erklären lässt. Gesamtgesellschaftlich gibt es aber keinen effizienteren Weg, um dieses Leistungsprofil darzustellen.

Ist das schwedische Modell eine Alternative?
Beim schwedischen Modell trägt der Versicherte das Kapitalmarktrisiko in voller Höhe allein. Die kapitalgedeckte Vorsorge ist für alle Schweden verpflichtend, ohne dass Geringverdiener und Familien eine Förderung erhalten. Das halte ich gegenüber der Riester-Rente für klare Nachteile. Dass das schwedische Modell billiger ist, kann angesichts des schlechteren Leistungsprofils deshalb nicht das entscheidende Argument sein.

„Richtig ist: die Renditen der Lebensversicherung sind heute niedriger als früher. Richtig ist aber auch: dies gilt für alle Kapitalanlagen mit vergleichbarer Sicherheit.”

Ein zentraler Vorwurf gegen die Lebensversicherung ist, dass sie sich nicht lohne: sie bringe zu wenig Rendite und sei zu teuer. Was sagen Sie dazu?
Ich kann diesen Vorwurf angesichts der Fakten nicht nachvollziehen: bei einer durchschnittlichen laufenden Verzinsung von aktuell 3,6 Prozent und einer Gesamtverzinsung von mehr als vier Prozent fällt es schwer, andere sichere Kapitalanlagen zu finden, die aktuell noch solche Renditen bieten. Richtig ist: die Renditen der Lebensversicherung sind heute niedriger als früher. Richtig ist aber auch: dies gilt für alle Kapitalanlagen mit vergleichbarer Sicherheit. Die historisch niedrigen Zinsen sind eine Herausforderung für alle Kapitalanleger. Daraus zu schlussfolgern, private Altersvorsorge lohne sich nicht mehr, wäre falsch. Die demografische Belastung der gesetzlichen Rente nimmt sukzessive zu. Um die Lücken dieser Säule zu schließen, ist private Altersvorsorge alternativlos.

Aber wäre es vor dem Hintergrund des Zinstiefs nicht geradezu zwingend, dass private Altersvorsorge in Deutschland stärker auf Aktien aufgebaut wird – um damit höhere Renditen zu realisieren?
Der Ruf nach Aktien ist immer dann am lautesten, wenn die Kurse über längere Zeit steigen. Aktien bedeuten aber auch, dass man Verlustphasen aushalten können muss – mental und finanziell. Es kann zu extremen Kursausschlägen in beide Richtungen kommen. Einstiegs- und Ausstiegszeitpunkt sind für den Erfolg eines Aktieninvestments heute wichtiger als früher – die erzielte Aktienrendite hängt von einer Vielzahl ungewisser Faktoren ab. Eine Basisversorgung, die Planungssicherheit gibt, ist deshalb für jeden ein Muss. Das bieten die Lebensversicherer. Aktien können dazu eine gute Ergänzung sein. Als Basisvorsorge eignen sie sich für die wenigsten, weil man sich Verluste leisten können muss.

Und was ist mit den Kosten? Müssen die nicht runter – gerade wenn die Rendite sinkt?
Keine Frage – bei zurückgehenden Renditen aufgrund von anhaltend niedrigen Zinsen müssen wir alle Potentiale ausschöpfen, damit sich private Altersvorsorge für unsere Kunden weiter lohnt. Dazu gehört auch, die Produkte weiter kostenseitig zu entlasten. Daran arbeiten wir konsequent: In der Lebensversicherung haben wir die Verwaltungskostenquote seit 1995 mehr als halbiert.

„Wir rechnen nicht unrealistisch, sondern vorsichtig. Ohne Risikopuffer könnten wir keine Garantien über Zeiträume von 30 Jahren und länger geben.”

Kritisiert wird, dass durch unrealistisch hoch angesetzte Lebenserwartungen in ihren Sterbetafeln vor allem diejenigen Versicherten, die sehr alt werden und die Versicherungsunternehmen selber profitierten, weil sie 25 Prozent der Risikogewinne einbehalten.
Wir rechnen nicht unrealistisch, sondern vorsichtig. Ohne Risikopuffer könnten wir keine Garantien über Zeiträume von 30 Jahren und länger geben. Die Sicherheitsmargen fließen zu mindestens 75 Prozent an die Kunden zurück, wenn wir Risiken zu vorsichtig kalkuliert haben. Durch den Wettbewerbsdruck geht an die Kunden meistens mehr zurück. Umgekehrt tragen wir das volle Risiko, wenn zu unvorsichtig kalkuliert wurde. Dafür müssen wir Eigenkapital bilden und vorhalten. Zu früh zu viel auszuschütten ist bei einer Rentenversicherung hochgefährlich: weil dann nicht mehr genug Geld da ist, wenn die Leute länger leben.

Dr. Alexander Erdland
Präsident des GDV

Dr. Alexander Erdland ist seit 2006 Vorstandvorsitzender der
Wüstenrot & Württembergische AG. Seine berufliche Karriere begann der promovierte Wirtschaftswissenschaftler bei der Norddeutschen Genossenschaftsbank in Hannover. Erdland entwickelte sich von 1980 bis 2006 zu einem der maßgeblichen Köpfe im genossenschaftlichen Finanzverbund.

Die Fotos von Herrn Dr. Erdland dürfen kostenfrei genutzt werden. Als Quelle geben Sie bitte „GDV – Ihre Deutschen Versicherer” an. Bitte nutzen Sie die Bilder nicht für werbliche Zwecke. Fragen Sie uns im Zweifelsfall.

Alexander Erdland, GDV-Präsident

© GDV Berlin

Alexander Erdland, GDV-Präsident

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