11.04.2013
Riester-Rente

„Wir sollten das Gute nicht immer schlechtreden”

Die Riester-Rente ist ein „sinnvoller Baustein zur Altersversorgung” sagt Jochen Ruß, Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften in Ulm. Manchmal bekommt man den Eindruck, er steht mit dieser These allein auf weiter Flur. Dabei gibt es viele Gründe für die Riester-Rente. Mehr noch: Die immer wiederkehrende Kritik an der staatlich geförderten Riester-Versicherung ist nicht gerechtfertigt, so Ruß:

Herr Professor Ruß, Sie verteidigen trotz aller Kritik immer wieder die Riester-Versicherung. Warum?
Die Riester-Rente ist aus Kundensicht nachweislich für die meisten Menschen ein sinnvoller Baustein für die Altersversorgung, der eine attraktive erwartete Rendite bei sehr geringem Risiko aufweist. Die mir bekannten Studien, die zu einem anderen Ergebnis kommen, sind methodisch falsch.

Prof. Dr. Jochen Ruß
Jochen Ruß, 42, ist Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften und Gutachter für verschiedene wissenschaftliche Journals. Darüber hinaus lehrt er an der Universität Ulm und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ruß ist Autor von mehr als 70 Fachpublikationen. Für seine Forschungsarbeiten wurde er mit acht Forschungspreisen in Australien (1997 und 2000), Singapur (1998) und Deutschland (1999, 2000, 2004, 2006 und 2009) ausgezeichnet.

 

Im Übrigen ist für die Frage, ob ein Riester-Vertrag für einen Sparer sinnvoll ist, die Rendite zwar unbestritten ein wichtiges – aber sicher nicht das einzige – Kriterium. Die Riester-Rente ist nämlich nicht nur eine Kapitalanlage sondern primär eine Versicherung. Versicherungen dürfen aber nie ausschließlich nach Renditeaspekten bewertet werden und vor allem auch nicht nur unter Betrachtung des „Normalfalls“. Der Normalfall ist, dass mein Haus dieses Jahr nicht abbrennt und dass ich dieses Jahr keinen Autounfall habe. Dennoch versichere ich mein Haus gegen Feuer und schließe eine Kfz-Versicherung ab. Wenn ich schon wüsste, dass der Normalfall eintritt, hätte ich diese Versicherungen nicht gebraucht. Ähnlich ist es bei der Riester-Rente.

Der Normalfall ist, dass ich ungefähr bei meiner Lebenserwartung sterbe.

Der Normalfall ist, dass ich ungefähr bei meiner Lebenserwartung sterbe. Wenn ich heute schon wüsste, dass es genau so kommt, bräuchte ich keine Rentenversicherung. Die Rentenversicherung bietet aber ein sicheres Einkommen, selbst wenn ich 90 oder 100 Jahre alt oder noch älter werde. Diese Sicherheit ist ein Zusatznutzen jenseits der erwarteten Rendite.

Es gibt Studien, die der Riester-Rente eine geringe Rentabilität attestieren bzw. zum Schluss kommen, der Sparer müsse sehr alt werden, damit sich die Riester-Rente rechnet. Was halten Sie dem entgegen?
Die mir bekannten Studien weisen einen sehr grundlegenden methodischen Fehler auf: Sie rechnen aus der Rendite den (Rendite erhöhenden) Effekt der staatlichen Förderung heraus. Es mag sicher für verschiedene Fragen interessant sein, welche Rendite ein Riester-Produkt ohne staatliche Förderung aufweisen würde. Für die Frage, ob sich die Riester-Rente für einen konkreten Kunden lohnt, ist aber die Rendite zu betrachten, die dieser Kunde auch wirklich erzielt – inklusive der Effekte der staatlichen Förderung.

Die Effekte der Förderung außer Acht zu lassen ist vergleichbar damit, jemandem von einer rentablen geförderten Photovoltaikanlage abzuraten, mit der Argumentation, dass diese ohne die Förderung weniger rentabel wäre.

Riester bringt mehr als nur die garantierten Leistungen.

Darüber hinaus wird übrigens oft nur die garantierte Rendite einer Riester-Rente betrachtet. Diese wird aber durch Überschüsse erhöht. Wenn man nur garantierte Leistungen betrachtet, mag es durchaus zutreffen, dass man relativ alt werden muss, bis sich eine wünschenswerte Zielrendite ergibt. Die Kunden können aber durch den Mechanismus der Überschussbeteiligung davon ausgehen, dass sie deutlich mehr als die garantierten Leistungen erhalten. Der Fall, dass man nur die garantierten Leistungen erhält, ist extrem unrealistisch, sogar im Prinzip unmöglich.

Natürlich gibt es bessere und schlechtere Riester-Produkte, aber ich bleibe dabei: Wenn man richtig rechnet, bietet eine gute Riester-Rente für die allermeisten Kunden ein sehr gutes Verhältnis von erwarteter Rendite zu Risiko und stellt somit einen sinnvollen Baustein zur Altersversorgung dar!

Es wird oft kritisiert, dass Versicherer die garantierte Rente mit vorsichtigen Lebenserwartungen kalkulieren. Teilen Sie diese Auffassung?
Der Gesetzgeber hat bei der Riester-Rente ja bewusst und sinnvollerweise verlangt, dass das angesparte Kapital in Form einer lebenslangen Rente ausbezahlt wird. Hiermit soll zum einen sichergestellt werden, dass der Sparer das Kapital nicht für Reisen, Luxusgüter, etc. ausgibt und später auf staatliche Grundsicherung angewiesen ist. Zum anderen wird hierdurch erreicht, dass dem Sparer auch dann das Geld nicht ausgeht, wenn er ein sehr hohes Alter erreicht. Die Riester-Rente bietet also einen Versicherungsschutz gegen das Risiko länger zu leben, als das Geld reicht.

Gesetzliche Regelungen sorgen für Fairness.

Fakt ist aber: Die Lebenserwartung zukünftiger Rentner kann nicht präzise prognostiziert werden. Daher müssen Rentenversicherungen vorsichtig kalkuliert werden. Dies ist auch gesetzlich vorgeschrieben und stellt die einzige Möglichkeit dar, dem Riester-Rentner ein lebenslanges Einkommen zu garantieren. Wichtig ist hierbei: Für den (naturgemäß sehr wahrscheinlichen) Fall, dass die tatsächliche Lebenserwartung dann nicht so hoch ist, wie man heute vorsichtig annimmt, erhalten die Versicherten den größten Teil der Differenz im Rahmen der Überschussbeteiligung zurück – dies ist gesetzlich geregelt und sorgt für Fairness.

Sie verfolgen die aktuelle Diskussion um die Altersversorgung der Deutschen. Geht Sie in die richtige Richtung?
Es ist wünschenswert, dass Verbraucherschützer, Medien, Produktanbieter und Wissenschaft in einen konstruktiven Dialog eintreten, um existierende Schwächen von Altersvorsorgeprodukten und anderen Finanzdienstleistungsprodukten zu adressieren. Ziel muss die Verbesserung von Schlechtem sein und nicht – wie leider in jüngster Vergangenheit bei der Riester-Rente – das Schlechtreden von Gutem.

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