02.04.2013
Facebook, Twitter und Co

Der Kampf um den eigenen Ruf

Ein Klick reicht, um ein Leben zu zerstören. In sozialen Netzwerken des Internets sind Rufschädigung oder Mobbing seit Langem keine Einzelfälle mehr. Immer mehr Menschen werden Opfer von Webattacken. Dabei kann man ungerechtfertigte Einträge löschen lassen und auch die Kosten für die Erhebung von Schadensersatzansprüchen in Rechnung stellen: mit Hilfe von Versicherungen. Seit 2012 gibt es in Frankreich die so genannte Reputationsversicherung. Die „Protection Familiale Intégrale“-Police soll Privatpersonen gegen Rufmord im Netz schützen. Auch in Deutschland kommen erste Produkte auf den Markt, die eine Art Online-Schutz bieten.

Ein Klick reicht, um ein Leben zu zerstören. Sylvia Hamacher weiß das, sie hat es erlebt, besser sagt man: erlitten. Von der 7. bis zur 9. Klasse wurde die junge Frau von ihren Mitschülern auf übelste Weise gemobbt, am Ende sogar tätlich angegriffen und mit dem Tod bedroht. Bis sie die Schule wechselte. Gemein gehänselt haben Kinder schon immer, aber die Klassenkameraden von Sylvia Hamacher hatten ein neues, mächtiges Werkzeug für ihre Bosheiten: Webseiten wie das Chatforum ICQ oder das soziale Netzwerk Schüler VZ. Hamacher, heute 20 Jahre alt, hat ihr Martyrium in einem Buch beschrieben, um anderen Jugendlichen zu helfen. Denn Studien zufolge wurde schon jeder sechste Schüler in Deutschland Opfer von Cyber-Mobbing. Jeder, ob Kind oder Erwachsener, kann zum Opfer werden. Ein gehässiger Facebook-Eintrag, für alle Welt sichtbar, dauert nur einige Sekunden – sich dagegen zu wehren, ist ungleich schwieriger.

In Frankreich, traditionell Vorreiter beim Assistance-Gedanken gibt es seit Januar 2012 eine „Protection Familiale Intégrale“-Police, die Privatpersonen gegen Rufmord im Netz schützen soll. „Es ist traurig, dass so eine Versicherung überhaupt nötig ist“, sagt Sylvia Hamacher, „aber als Erste-Hilfe-Maßnahme ist sie sicher sehr sinnvoll. Ich wusste damals gar nicht, wie ich mich wehren sollte, ich fühlte mich so allein.“ Bei Mobbing im Internet ist die Hilfe von Profis nötig: Internetexperten, die wissen, wie man Schmähbeiträge auf Facebook, Twitter, Google, Blogs oder Youtube entfernen lässt, und Rechtsanwälte, die dem Täter die rechtlichen Konsequenzen klarmachen.

Kampf um den eigenen Ruf
Nicht selten muss sogar ein Psychologe hinzugezogen werden. „Gerade die psychologische Komponente dürfen Sie bei Mobbing-Opfern nicht unterschätzen“, sagt Christian Scherg, Autor des Buches Rufmord im Internet und Gründer der Firma Revolvermänner, die sich auf Reputationsmanagement spezialisiert hat. In einfachen Fällen kann sein Team den digitalen Pranger in ein, zwei Stunden beseitigen, sagt Scherg. Hat der Provider seinen Sitz in Übersee, ist es weit schwieriger zu veranlassen, dass die kompromittierenden Veröffentlichungen von der betreffenden Seite vollständig entfernt werden.

Den martialischen Firmennamen Revolvermänner hat Scherg bewusst gewählt, denn der Ton in Internetforen ist erschreckend rau. Scherg betreut etwa einen Berufsmusiker, der seit Jahren gegen einen Ex-Arbeitskollegen kämpft, der immer wieder aufs Neue Webseiten ins Netz stellt, in denen Schergs Klient als Kinderschänder oder Neonazi dargestellt wird. Der Kampf um den eigenen Ruf kann sehr teuer werden, das ist vielen Deutschen offenbar bewusst.

Versicherungsschutz für Privatpersonen
Auch in Deutschland kommen erste Produkte auf den Markt, die Privatpersonen diese Art Online-Schutz bieten. Einige Versicherungen nehmen bisher nicht versicherte Schadenfälle im Internet bereits in ihre bestehenden Rechtsschutzversicherungen auf, andere Versicherer bieten speziell nur aufs Internet zugeschnittene Policen an. Das Leistungsspektrum reicht dann von der Analyse und notfalls Rettung der Reputation im Netz bis zur Durchsetzung von Schadensersatzansprüchen bei Identitäts-Missbrauch. Auch Hilfe gegen Vertragsabschluss- oder Onlineshopping-Betrug, zudem Rechtsschutz gegen Abmahnungen wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen oder Hackerattacken können versichert werden.

Privatpersonen können den Tarif ebenso buchen wie kleine und mittelständische Betriebe. Absichtlich negativ geschriebene Kundenkritiken können etwa für Hotels oder Restaurants verheerende Folgen haben. „Versicherungsschutz hilft, die Folgen von Rufmord zu lindern, wirklich helfen würde es, wenn man das Thema aber viel stärker ins Bewusstsein der Menschen bringt“, sagt Sylvia Hamacher. Und sie weiß wohl leider, wovon sie spricht.

Der Artikel erschien im März 2013 im GDV-Magazin POSITIONEN unter dem Titel „Ist der Ruf erst ruiniert…“.