07.03.2013
Überschätzt

„Männer denken, sie wüssten sehr genau, wie der Finanzmarkt funktioniert“

Gehen Männer und Frauen unterschiedlich mit Geld um? Wir haben Renate Schubert, Professorin für Nationalökonomie an der ETH Zürich, gefragt. Sie beschäftigt sich in ihrer Forschung unter anderem mit dem finanziellen Verhalten von Männern und Frauen.

Prof. Dr. Renate SchubertRenate Schubert, 54, ist Professorin für Nationalökonomie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. Sie leitet das interdisziplinäre Institut für Umweltentscheidungen an der ETH Zürich, ist seit dem Jahr 2000 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen (WBGU), denen sie von 2004 bis 2008 auch leitete und ist seit 2011 Aufsichtsratsvorsitzende des KIT. Seit 2008 ist sie Gender-Delegierte des ETH-Präsidenten.

 

Frau Professor Schubert, über kein Thema streiten Ehepaare so viel und so heftig wie über das Thema Geld. Warum?
Oft führen die einfachsten Fragen zum Streit, zum Beispiel: Wer verdient das Geld? Und: Wer gibt das Geld aus? Generell gehen Frauen und Männer unterschiedlich mit Geld um. Im Hinblick auf ihr Anlageverhalten sind Frauen bei riskanten Anlageformen zurückhaltender.

Haben Männer und Frauen eine unterschiedliche Haltung zum Geld?
Bei unseren Untersuchungen werden wir immer wieder mit einem klassischen Vorurteil konfrontiert: Für Männer ist Geld mit Macht verbunden, es ist ein Statussymbol. Für Frauen ist der Statusaspekt viel schwächer ausgeprägt Für Frauen ist Geld nur Mittel zum Zweck, sie finden es schön, Geld zu haben, weil sie damit zum Beispiel ihre sozialen Netzwerke unterstützen oder einkaufen gehen können.

Zahlreiche Studien belegen, dass Frauen erfolgreicher Geld anlegen als Männer. Erklären Sie uns kurz, warum?
Frauen wollen über das Angebot gut informiert sein, sprich: Sie kaufen sich nicht den erstbesten Schuh, der im Schaufenster ausgestellt ist und schön im Licht glänzt. Wenn Frauen in Erwägung ziehen, Aktien zu kaufen, möchten sie zum Beispiel wissen: Was ist das für eine Firma? Was hat diese Firma für eine Zukunftsstrategie? Wie geht die Firma mit ihren Mitarbeitenden um? Wie geht sie mit ihren Kundinnen und Kunden um? Erst wenn Frauen sich umfassend informiert fühlen, werden sie möglicherweise Aktien genau dieser Firma kaufen.
 

„Frauen kaufen sich nicht den erstbesten Schuh“ 

Und bei Männern dominiert tatsächlich der Spielcharakter?
Das klingt zu schön, um wahr zu sein, ist aber auch fast wahr. Wir haben in einem unserer wissenschaftlichen Experimente einmal den Finanzmarkt simuliert und haben beiden Gruppen, also Männern und Frauen, mehr Informationen gegeben. Das Erstaunliche war: Frauen sind dank der besseren Information mehr Risiken eingegangen. Die Männer fanden es eher weniger interessant, fast langweilig, dass sie besser Bescheid wussten. Sie waren dann letztlich auch zurückhaltender, der Dampf war raus bei den Männern.

Die Vorzeichen haben sich quasi umgekehrt?
Ich würde lieber sagen: Mehr Informationen führten bei Frauen dazu, dass sie risikofreudiger wurden. Bei Männern war das nicht der Fall. Sie wurden eher risikoscheuer.

„Hin und her macht die Taschen leer” heißt eine alte Börsenweisheit. Warum schichten Männer ihr Börsenportfolio viel häufiger um als Frauen, obwohl sie eigentlich wissen müssten, dass sie damit weniger erfolgreich sind?
Männer tragen einen „Virus“ in sich. Und dieser Virus heißt „overconfidence”. Sie überschätzen sich und vernachlässigen dabei Wissen, das ihnen eigentlich zur Verfügung stünde.

Das heißt, Männer sind per se davon überzeugt, in allem, was sie tun, besser zu sein als die Konkurrenten?
So ist es. Männer denken im Durchschnitt, sie wüssten sehr genau, wie der Finanzmarkt funktioniert, und fühlen sich immer an der Spitze der Bewegung, verändern ihre Portfolios alle naselang, damit sie noch den ultimativ letzten Superhit landen können. Mit diesem übertriebenen, übersteigerten Selbstbewusstsein tricksen sie sich am Ende aber meistens selber aus.

„Männer fühlen sich immer an der Spitze der Bewegung“ 

Stimmt es, dass Frauen sich gern in die Vertragsbedingungen einer Versicherungspolice oder die Details eines Fondssparplans regelrecht einarbeiten?
Das stimmt, ja.

Und Frauen versuchen immer, ihr vorhandenes oder nur scheinbar vorhandenes Informationsdefizit auszugleichen?
Es ist gut, dass Sie vom scheinbar vorhandenen Informationsdefizit sprechen. Natürlich ist es so, dass Frauen häufig weniger Erfahrung mit Geldanlagen haben als Männer. Das hat vor allem mit den Entscheidungsstrukturen in Familien und mit dem vorhandenen Finanzvolumen zu tun. Aber andererseits gibt es mittlerweile sehr viele Frauen, die eigentlich eine solide Ausbildung besitzen, um eine relativ flotte Finanzmarktentscheidung treffen zu können. Dennoch sind sie oft verunsichert, ob sie eine genügend gute Informationsbasis für ihre Entscheidungen haben.

Sollten Männer vielleicht mehr auf ihre Frauen hören?
(lacht) Das ist grundsätzlich natürlich nie verkehrt. Und in Finanzdingen könnten Männer damit zum Beispiel verhindern, allzu schnelle oder zu kurzfristig orientierte Entscheidungen zu treffen.

Aber Mut zum Risiko und eine schnelle Entscheidung können im richtigen Moment doch auch zum Erfolg führen.
Ja, natürlich. Die Erfahrung aus der Finanzkrise zeigt: Es kann nur von Vorteil sein, gemischte Teams mit Männern und Frauen zu haben, wo beide Gruppen ihren Input leisten können. Die größere Vorsicht der Frauen ist in Krisensituationen gut. Im Normalbetrieb ist der Risikodrang der Männer eher von Vorteil. Männer und Frauen können voneinander profitieren.

Altersarmut in Deutschland ist weiblich 

Altersarmut in Deutschland ist vor allem weiblich. Statistisch betrachtet erhielten Frauen 2011 in Deutschland im Durchschnitt 549 Euro aus der gesetzlichen Rente, Männer dagegen 977 Euro. Warum tun sich Frauen mit der Altersvorsorge schwerer als Männer?
Ich bin mir gar nicht so sicher, ob Frauen sich wirklich schwerer tun als Männer. Aber sie stehen im Ergebnis schlechter da. Das hat vor allem damit zu tun, dass sie schlichtweg während ihrer aktiven Erwerbszeit geringere Einkommen und Vermögen besitzen beziehungsweise anhäufen. Das heißt, sie können auch viel weniger anlegen.

Aber warum kümmern sich Frauen nicht früher um ihre Altersvorsorge?
Während bestimmter Lebensphasen orientieren sich Frauen eben eher Richtung Familie und Kinder. Wenn man so will: Sie stecken ihr Geld in kurzfristig sinnvoller erscheinende Investitionen. Und erst wenn die Kinder aus dem Haus sind, beginnen sie über ihre eigene Vorsorge nachzudenken. Außerdem denken Frauen vielleicht auch nicht so gern ans Alter. Das ist für viele ein Thema, das sie lieber nicht so genau anschauen.

Hängen die meisten Frauen vielleicht immer noch dem Traum nach, dass irgendwann ein Prinz kommt, der alle Geldprobleme löst?
Ja, entweder sie träumen vom Prinzen oder sie haben sich schon früh damit arrangiert, dass sie eben nicht zu den ganz großen finanziellen Gewinnern zählen werden. Was den Frauen oft wirklich fehlt, ist das gesunde Mittelmaß. Frauen müssen sich sagen: Da gibt es eine Sache, nämlich meine Altersvorsorge, für die bin ich selbst verantwortlich und ich muss schauen, dass das auch vernünftig läuft.

Muss ein Versicherungsvermittler oder ein Finanzberater mit Frauen anders umgehen als mit Männern?
Ja, in der Regel schon. Die Bedürfnisse liegen schlicht anders. Männer kommen meist schon mit einer Idee. Oft wollen sie von ihrem Berater nur in ihrer Idee bestärkt werden. Eine umfassende Beratung im wahrsten Sinne des Wortes liegt gar nicht in ihrem Interesse. Frauen dagegen kommen wegen der Informationen. Sie haben sich oft noch nicht einmal darin festgelegt, in welche Geldanlage sie investieren wollen. Für den Berater bedeutet dies, dass er mehr erklären und mehr Hintergrundmaterial liefern muss. Ausserdem ist es wichtig, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich Frauen trauen, auch scheinbar „dumme Fragen“ zu stellen.

Letzte Frage: Ist das Vorurteil, Frauen seien in Fragen der Vorsorge und Kapitalanlage eher unbedarft, unausrottbar?
Das ist sicher ausrottbar. Aber wie es nun mal mit Vorurteilen ist: Sie bilden sich schneller, als dass sie wieder verschwinden. Es wird noch ein paar Jährchen brauchen, bis sich das in den letzten Winkel durchgesprochen hat, aber Frauen beweisen heute schon, dass sie gut und kompetent mit ihren Anlagen umgehen können.