05.12.2012
Stille Reserven

Neuregelung zur Lebensversicherung korrigiert schwerwiegende Fehlregulierung

Mit der kürzlich vom Bundestag verabschiedeten Änderung des Versicherungsaufsichtsgesetzes soll für Lebensversicherungskunden ab dem 21. Dezember 2012 eine neue Beteiligungsregelung an den Bewertungsreserven gelten.

Warum die Neuregelung der Bewertungsreservenbeteiligung richtig ist:

    • Europa durchlebt derzeit die schwerste Finanzkrise seiner Geschichte. Dies hat zu einer extremen, langanhaltenden Niedrigzinsphase geführt. Sinkende Zinsen führen gleichzeitig zu steigenden Bewertungsreserven auf festverzinsliche Wertpapiere, die die Versicherer noch aus Zeiten höherer Zinsen im Bestand haben. Bewertungsreserven bestehen auf dem Papier, wenn der aktuelle Marktwert einer Anlage oberhalb des ursprünglichen Kaufpreises liegt. Sie werden weder erwirtschaftet noch angespart und lösen sich im Zeitablauf durch die Auszahlungen der jährlichen Zinsen oder bei einem Zinsanstieg wieder vollständig auf. Entsprechend steht dem Versicherer kein zusätzliches Kapital zur Verfügung – es sei denn, er verkauft die Anlagen vorzeitig und verzichtet damit auf künftige sichere Zinserträge.

 

    • Die erst seit 2008 bestehende gesetzliche Regelung zur Beteiligung der Lebensversicherungskunden an den Bewertungsreserven gilt für alle Anlageklassen wie Aktien, Immobilien und Zinspapiere. Motivation für die Gesetzesänderung waren jedoch die seinerzeit bestehenden hohen Bewertungsreserven auf Aktieninvestments; die Bewertungsreserven auf festverzinsliche Papiere standen nicht im Fokus, sie waren zu der Zeit negativ (siehe Grafik). Die pauschale Regelung führt heute dazu, dass trotz stark gefallener Zinsen und sinkender Überschüsse hohe ungeplante Sonderausschüttungen an abgehende Verträge ausgezahlt werden müssen. Der Versichertengemeinschaft gehen so für die Zukunft fest eingeplante Zinserträge verloren, die Erfüllbarkeit der vertraglichen Garantiezusagen wird durch diese fehlerhafte Regulierung gefährdet. Wird dieser Missstand nicht korrigiert, entstehen massive Benachteiligungen für das Versichertenkollektiv.

 

    • Mit Blick auf die Sicherheit der langfristig garantierten Leistungen ist die bisherige Beteiligungsregelung an den Bewertungsreserven aus festverzinslichen Wertpapieren weder gegenüber den Kunden, die in 2011 oder früher ihren Vertrag beendet haben, noch gegenüber Kunden, deren Vertrag zukünftig bei einem normalen Zinsniveau ausläuft, gerechtfertigt.

 

    • Die vom Deutschen Bundestag im November verabschiedete Gesetzesänderung modifiziert die bisherige Regelung dahingehend, dass Bewertungsreserven auf festverzinsliche Wertpapiere nur dann nicht ausgeschüttet werden müssen, soweit sie zur Erfüllbarkeit von Garantiezinsversprechen benötigt werden. Bewertungsreserven auf Aktien, Immobilien und sonstige Anlagen werden weiterhin zu 50 Prozent an abgehende (d.h. ablaufende und gekündigte) Verträge ausgekehrt.

 

  • Alle den Kunden vertraglich zugesicherten Leistungen (Garantieverzinsung, reguläre Überschussbeteiligung etc.) bleiben unberührt. Die gesetzliche Neuregelung betrifft ablaufende und gekündigte Verträge nur so lange das Niedrigzinsumfeld anhält. Bei einer Normalisierung des Zinsniveaus tritt die bisherige Regelung wieder in Kraft. Der Versichertengemeinschaft geht insgesamt kein Euro verloren. Den Versicherungsunternehmen selbst kommt aus der Neuregelung kein einziger Euro zugute.

 

Bewertungsreserven auf festverzinsliche Papiere
Noch bis Mitte 2009 lagen die Bewertungsreserven nur knapp über 0 Prozent, zuvor waren sie sogar negativ. Erst seit die Kapitalmarktzinsen stetig sinken, steigen die Bewertungsreserven stark an. Die Höhe der Beteiligung der Kunden an den Bewertungsreserven war deshalb schon unter der 2008 eingeführten Regelung stark schwankend und von unkalkulierbaren externen Einflüssen wie der aktuellen Niedrigzinspolitik abhängig. Die bisherige Regelung verletzt somit auch das Prinzip der Lebensversicherung, die Kunden an den Erträgen zu beteiligen, die tatsächlich mit ihren Beiträgen erwirtschaftet wurden.

 

Über Bewertungsreserven
Wie entstehen Bewertungsreserven (stille Reserven)?
Die Kapitalanlagen der Lebensversicherer sind im Wesentlichen in festverzinsliche Wertpapiere investiert, weitere Anlageklassen sind Immobilien, Aktien und Beteiligungen. Für den Großteil dieser Wertpapiere wird an jedem Handelstag an der Börse ein Kurs ermittelt. Bewertungsreserven entstehen, wenn der Zeitwert oberhalb des Buchwertes liegt; liegt der Zeitwert unterhalb des Buchwertes, entstehen wiederum stille Lasten.
 
Fazit: Die Höhe der Bewertungsreserven verändert sich mitunter täglich. Sie werden erst bei einem Verkauf der Wertpapiere realisiert, sodass aus Buchgewinnen Erträge werden.
Wie berechnen die Lebensversicherer den Betrag, mit welchem ein einzelner Kunde an den Bewertungsreserven beteiligt wird?
Es ist gesetzlich festgelegt, dass die Unternehmen einmal im Jahr die Höhe der gesamten Bewertungsreserven ermitteln und veröffentlichen müssen (Bilanz). Ausgehend von diesem Gesamtwert wird der Anteil, mit welchem jeder einzelne Vertrag an den Bewertungsreserven beteiligt wird, ermittelt. Versicherungsverträge enden in der Regel zum Monats- oder Quartalsende. Deshalb ist es durchaus gängige Praxis, diese Werte monatlich zu berechnen.
 
Die Versicherten können der Jahresmitteilung den aktuellen Stand der Bewertungsreservenbeteiligung entnehmen. Die konkrete Aufschlüsselung der (prognostizierten) Auszahlung ist unternehmensindividuell gestaltet. Weiterführende, detaillierte Informationen können bei den Unternehmen erfragt werden.

Mehr zum Thema:

>> Stille Reserven: Neuregelung schafft fairen Interessenausgleich
Der Bundesrat hat im Dezember 2012 beschlossen, zum SEPA-Begleitgesetz den Vermittlungsausschuss einzuberufen, und eine Überarbeitung der darin integrierten Neuregelung zur Beteiligung an Bewertungsreserven aus festverzinslichen Wertpapieren gefordert. Das Ziel des Vermittlungsverfahrens ist es, die Unternehmen bei der Bewältigung der aktuellen Niedrigzinsphase zu unterstützen und die Abwälzung der Belastungen auf die Versicherten zu verhindern. Weiter…

>> Beteiligung Bewertungsreserven: GDV zur Anrufung des Vermittlungsausschusses
Pressemitteilung zum Beschluss des Bundesrats, im Gesetzgebungsprozess zum SEPA-Begleitgesetz den Vermittlungsausschuss anzurufen. Weiter…

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