20.09.2012
Fragen und Antworten

Was Sie über die neuen Unisex-Tarife wissen sollten

Zwischen Mann und Frau soll es keine Unterschiede mehr geben, zumindest nicht bei Versicherungstarifen. Das hat der Europäische Gerichtshof Anfang 2011 entschieden. Demnach dürfen Versicherer zukünftig keine Tarife mehr anbieten, die nach dem Geschlecht differenzieren. Worauf sich Verbraucher einstellen müssen und was das Urteil für die Versicherer bedeutet – wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Was genau hat der Europäische Gerichtshof entschieden?
Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat im März 2011 eine europarechtliche Regelung für ungültig erklärt, die nach Geschlecht differenzierende Versicherungstarife explizit zulässt. Das bedeutet, dass Versicherer zukünftig keine Tarife mehr anbieten dürfen, die nach dem Geschlecht unterscheiden. Das Gericht begründet dies mit dem Hinweis auf das Diskriminierungsverbot.

Wie bewertet der GDV den Unisex-Entscheid?
Der GDV sieht in dem europäischen Unisex-Entscheid keine Verbesserung für die Versicherten. Denn im Ergebnis werden Unisex-Tarife systematisch immer ein Geschlecht benachteiligen, solange es signifikante Leistungsunterschiede zwischen Männern und Frauen – wie zum Beispiel bei der Lebenserwartung – gibt. Bisher hatten die Versicherungsunternehmen die Möglichkeit, für Männer und Frauen die unterschiedlichen Risiken angemessen zu berücksichtigen. Für ein geringeres Risiko konnten sie den Versicherten auch eine niedrigere Prämie in Rechnung stellen. Dies wird für Tarife ab dem 21.12.2012 nicht mehr möglich sein. De facto führen Unisex-Tarife also nicht zu mehr Gleichberechtigung, sondern zu Gleichmacherei.

Wann tritt diese Regelung in Kraft?
Unisex-Tarife gelten ab dem 21.12.2012 für neu abgeschlossene Verträge. Für bereits bestehende Verträge ändert sich nichts.

Welche Versicherungen sind von dem Urteil betroffen?
Es betrifft alle Versicherungen, in denen das Geschlecht als Merkmal zur Risikodifferenzierung herangezogen wird. Unter anderem:

  • Private Rentenversicherung (betriebliche Altersvorsorge inbegriffen)
  • Risikolebensversicherung
  • Berufsunfähigkeitsversicherung
  • Kfz-Haftpflichtversicherung
  • Unfallversicherung
  • private Krankenversicherung
Der Radiobeitrag und die O-Töne dürfen kostenfrei zum Thema „Unisex-Tarife“ von Radiosendern gesendet werden. Bitte nutzen Sie die Audiodateien nicht für werbliche Zwecke.

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Was sind die Folgen für die Verbraucher?
Mit der Entscheidung wird ein zentrales Prinzip der privaten Versicherungswirtschaft, nämlich das Prinzip der Äquivalenz von Beitrag und Leistung, in Frage gestellt. Bisher hatten die Versicherungsunternehmen die Möglichkeit, für Männer und Frauen eine risikogerechte Kalkulation vorzunehmen. Das heißt, Männer und Frauen wurden auch unterschiedlich – gemäß ihrem Risiko – bewertet. Davon profitierten die Versicherten in Form eines insgesamt günstigen Prämienniveaus.

Diese Möglichkeit fällt nun weg, obwohl sich die Verhältnisse überhaupt nicht geändert haben: Männer zum Beispiel leben auch künftig im Schnitt kürzer als Frauen. Deshalb erhalten sie bisher bei gleich hohen Beiträgen in eine private Rentenversicherung auch höhere monatliche Renten als Frauen – weil sie die Renten im Durchschnitt über einen kürzeren Zeitraum beziehen. Über den gesamten Zeitraum betrachtet erhalten Männer und Frauen bei geschlechtsspezifisch kalkulierenden Tarifen also eine gleich hohe Rentenleistung.

Nach einer Studie des unabhängigen Beratungsunternehmens Oxera wird das Verbot einer Differenzierung nach Geschlecht eine Reihe von unbeabsichtigten, negativen Konsequenzen für Verbraucher, Versicherungsmärkte und die gesamte Gesellschaft haben. Insbesondere die Auswirkungen für Verbraucherinnen und Verbraucher können nach den Untersuchungen des Unternehmens erheblich sein: Je nach Versicherungsprodukt werden sich die Prämien mal für Frauen, mal für Männer erhöhen.

Was sollten Versicherungsnehmer jetzt tun?
Für Kunden mit bestehenden Verträgen ändert sich nichts; insofern bedarf es keiner besonderen Aktivitäten. Für Menschen, die planen eine Versicherung abzuschließen, empfehlen wir das Gespräch mit einem Versicherungsberater.

Die heutige Praxis, in der die Prämien dem Risiko entsprechend berechnet werden, ist auch aus Kundensicht insgesamt die kostengünstigste. Deshalb wäre es gerade auch aus Verbrauchersicht besser gewesen, wenn es den Unisex-Entscheid nicht gegeben hätte.

Welche Folgen bringt die neue Regelung für die Versicherer mit sich?
Anders als man intuitiv vermuten würde, werden sich der Beitragsnachlass auf der einen und Beitragsanhebung auf der anderen Seite nicht die Waage halten, sondern insgesamt aus Kundensicht ungünstiger werden. Da die Versicherer nicht wissen, wie viele Frauen und wie viele Männer den Unisex-Tarif wählen werden, müssen sie diese schätzen – und deshalb einen Sicherheitszuschlag nehmen, weil es noch keine Erfahrungswerte mit Unisex-Tarifen gibt und die Schätzung sich später als falsch herausstellen kann. Die Versicherer müssen also vorsichtig kalkulieren.

Die Unsicherheiten über das Geschlechtermischungsverhältnis bleiben bei aufgeschobenen Rentenverträgen also über viele Jahre bestehen. Zwar werden einige Versicherungen für Frauen, andere für Männer tendenziell günstiger werden. Im Durchschnitt werden aber beide Geschlechter durch die Verhaltensreaktionen der Kunden und die Unsicherheitszuschläge belastet werden.

Ansprechpartner für Presseanfragen:

Hasso Suliak
Tel.: 030 / 20 20 – 51 83
h.suliak@gdv.de

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Durch die Verzögerungen im Gesetzgebungsverfahren zur Verabschiedung des SEPA-Begleitgesetzes steht fest, dass das Unisex-Urteil des EuGH nicht fristgerecht zum 21. Dezember 2012 in deutsches Recht umgesetzt werden kann. Das bedeutet aber nicht, dass nunmehr die Unisex-Tarife „auf Eis gelegt“ sind. Versicherer dürfen auch nach dem 21.12.2012 für neue Verträge keine Tarife mehr anbieten, die nach dem Geschlecht differenzieren. Weiter…

>> Podcast: Unisex-Tarife – ist gleicher auch gerechter?
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>> ZDF-Mediathek: Neue Unisex-Tarife für Versicherungen (heute-journal, 17.09.2012)