04.09.2012
Hagelgewitter

Kugeln wie aus Kübeln

Wenn Hagelgewitter aufziehen, drohen schwere Schäden für Ernte, Autos und Häuser. Um das zu verhindern, sprühen Hagelflieger Silberjodid in die Wolken. Doch wie erfolgreich die Methode ist, ist genauso unsicher wie eine verlässliche Hagelprognose.

Wenn die Gegend rund um das oberbayerische Rosenheim geimpft wird, dann stehen die Menschen nicht Schlange vor den Krankenhäusern. Es herrscht auch keine Panik vor einem Massenvirus, sondern die Hoffnung, dass die Obstbäume und Maisfelder der Region nicht durch Hagel zerstört werden. Denn bei der sogenannten Impfung spritzen zwei Piloten von ihren Propellerflugzeugen aus Silberjodid in die Wolken, wodurch verhindert werden soll, dass sich große Hagelkörner bilden und die Ernte der Gegend vernichten.

GDV Position
Infolge des Klimawandels werden sich Hagelgewitter häufen. Durch robustere Dächer und Fassaden lassen sich Häuser besser dagegen schützen, Hagelnetze können den Ernteausfall teilweise vermindern. Für Bauern empfiehlt sich zudem eine Mehrgefahrendeckung gegen alle Arten von Extremwetterereignissen.

Die Piloten werden vom Wetterdienst von einem Hagelsignal alarmiert, das mithilfe eines Radargeräts gemessen wird. Dabei sendet das Gerät elektromagnetische Impulse aus, die von Regentropfen oder Hagelkörnern reflektiert werden. Wird ein Schwellenwert der Reflektivität von 55 dBZ erreicht oder übertroffen, ist das ein deutlicher Hinweis für das Drohen eines Hagelgewitters. Dann steigen die Hagelflieger in ihre Maschinen und steuern sie unterhalb der Gewitterwolken entlang. Dort zünden sie die Brenner, die sich vor den Tanks mit dem in Aceton gelösten Silberjodid befinden, und verbrennen es. Dadurch entstehen nicht nur Flammen, sondern es werden auch Silberjodidteilchen freigesetzt, die wie Hagelkörner im Aufwind einer Gewitterwolke immer wieder aufsteigen, fallen und wieder aufsteigen.

Silberjodid gegen große Hagelkörner
„Die Idee dahinter ist, dass durch die Silberjodidteilchen der Eisgehalt in der Wolke künstlich erhöht wird. Alle Eispartikel streiten sich dann um dieselbe Masse unterkühlten Wassers, sodass statt weniger sehr großer Hagelkörner viele kleinere entstehen“, sagt Professor Klaus Dieter Beheng vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Dadurch ließen sich größere Schäden an Häusern, Autos oder Feldern, die zentimetergroße Hagelkörner anrichten können, vermindern. Ob das Silberjodid dann aber immer Hagel verhindert, ist nicht sicher. „Leider weiß man nicht, wie effektiv die Methode ist“, so Professor Beheng. „Es gibt Hinweise, dass es funktioniert, aber keinen wissenschaftlichen Beweis.“ Um die Wirkung des Impfens genau bestimmen zu können, bräuchte man genügend Beispielfälle von Hagelschauern, bei deren einer Hälfte man Silberjodid einsetzte, während man bei der anderen Hälfte darauf verzichtete.

Dr. Rainer Langner, Vorstandsvorsitzender der Vereinigten Hagelversicherung VVaG, Sprecher der GDV-Arbeitsgruppe Pflanzenversicherung und Vorsitzender der Landwirtschaftskommission des Verbandes, sieht die Wirksamkeit dieser Methode weniger optimistisch: „Statistiken aus unserem dichten Hagelstationsnetz zeigen eindeutig, dass die Methode nicht wirksam ist.“ Jede versicherte Fläche ist eine Hagelstation. Bei jedem Hagelschlag meldet der Versicherte, die Sachverständigen liefern mit der Schadenbewertung präzise Angaben über die Hagelintensität.

Hagelgewitter können schnell Millionenschäden verursachen. Die in der Landwirtschaft von deutschen Hagelversicherern ersetzten Ernteertragsausfälle beliefen sich beispielsweise 2011 auf 165 Millionen Euro. Der Münchner Hagelsturm vom 12. Juli 1984 führte sogar zu einem Gesamtschaden von umgerechnet 1,5 Milliarden Euro, die Hälfte davon war versichert. Für die deutsche Versicherungswirtschaft war es das bis dato größte Hagelereignis. 70.000 Gebäude und 240.000 Autos erlitten in und um München teils beträchtliche Schäden. 400 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, mehrere Menschen starben – nicht direkt durch Hagelkörner, sondern an Herzinfarkt infolge des Unwetters oder bei Aufräumarbeiten. Die größten gefundenen Hagelkörner hatten einen Durchmesser von 9,5 Zentimeter und wogen 300 Gramm, eine bis zu 20 Zentimeter dicke Eisschicht blieb teilweise bis zum nächsten Tag auf Straßen und Wiesen zurück.

Der Klimawandel verstärkt Stürme und Hagel
Angesichts solcher Schäden ist es nicht verwunderlich, dass Bauern, Auto- und Hausbesitzer, aber auch betroffene Gemeinden, Landkreise und Unternehmen versuchen, sich vor Hagel zu schützen – zumal in Zukunft noch häufiger und intensiver damit zu rechnen ist. „Der Klimawandel wird extreme Stürme und Hagel verstärken, das ist sicher“, sagt Frank Thyrolf, Referent für Sach- und Technische Versicherungen beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Gerade der Osten Deutschlands wird davon betroffen sein, heißt es in der Klimastudie, die der GDV zusammen mit Wissenschaftlern des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, der Freien Universität Berlin und der Universität Köln 2011 erstellte.

Hagelkörner sehen oft aus wie vereiste Blumenblüten. Ihr Muster verdanken sie einem Schleudergang: Unterkühltes Wasser gefriert in niedrigeren Schichten vonBis 2040 würden sich demnach die Schäden durch Sommergewitter mit Starkniederschlägen und Hagelschlag um 25 Prozent, bis 2070 sogar um 60 Prozent erhöhen. Davon werden nicht nur die Versicherer der landwirtschaftlichen Erträge, sondern auch Auto- und Gebäudeversicherer betroffen sein. Deshalb müssten etwa Fassaden und Dächer zukünftig robuster ausgerüstet werden, um dem Anprall von Hagelkörnern widerstehen zu können, meint Thyrolf. Im landwirtschaftlichen Bereich sind in besonders gefährdeten Regionen für bestimmte empfindlichere Kulturen schon heute Hagelnetze, die die Wucht der Körner wirkungsvoll abbremsen und die Ernte schützen, vielfach unabdingbar. Nur so lassen sich manche Sonderkulturen wie Obstbäume am Bodensee überhaupt noch versichern. Allerdings empfehle es sich gerade für Landwirte, sich dabei nicht nur gegen Hagel, sondern im Rahmen einer Mehrgefahrendeckung auch gegen alle anderen Ertragsausfälle aufgrund von Extremwettern wie Stürme und Starkregen zu schützen, sagt Dr. Rainer Langner.

Um die Auswirkungen von Hagelschäden auf die Ernte immer besser einschätzen zu können, simuliert die Versicherungsbranche immer wieder Hagelschlag – zuletzt Anfang August 2012 bei Celle in Niedersachsen anlässlich eines AIAG-Expertenseminars. AIAG ist die Internationale Vereinigung der Versicherer der landwirtschaftlichen Produktion. Dabei zieht ein Traktor eine Maschine über ein Kartoffelfeld. An dem Gerät sind Stahlbürsten, die sich drehen und damit das Blattwerk der Pflanze zerschlagen. An der Maschine lässt sich einstellen, ob ein Hagelschlag von 30, 60 oder 90 Prozent imitiert werden soll. „Das ist schon sehr realistisch“, sagt Dr. Langner. „Die Felder sehen aus, als wären sie gerade von einem Hagelschauer verwüstet worden und die Eiskristalle gerade erst geschmolzen.“

In Celle begutachteten dann 120 Hagelschätzer aus 14 Ländern das zerstörte Feld, um zu ermitteln, wie viele Blätter noch an den Stängeln der Kartoffelpflanzen hingen oder ob alles zerstört war. Je nachdem, wie beschädigt die Pflanze ist, lässt sich der Ausfallschaden kalkulieren. Ist beispielsweise kein Blattwerk mehr an der Knolle, erholt sie sich nicht mehr und hört auf zu wachsen. Das führt zum Teil zur Neubildung von Knollen, die nicht erntefähig werden. Die Hagelschätzer sind meist selbst Bauern. „Schließlich kennen Landwirte, die täglich auf dem Feld arbeiten, die Pflanzen am besten“, sagt Dr. Langner.

Landwirtschaftliche Hagelversicherungen gibt es bereits seit Jahrhunderten. Bauern gründeten die ersten Gilden als gegenseitige Solidargemeinschaften in ihren Dörfern.
Bauern waren es auch, die schon im vorletzten Jahrhundert begannen, Vereine zur Hagelabwehr zu gründen, anfangs mit kurios anmutenden Ideen wie beispielsweise dem Aufstellen von Donnerschlag reflektierenden Schalltrichtern am Feldrand. Später setzten die Vereine Bodenraketen ein.

Die Hagelflieger müssen präzise das Silberjodid verteilen, damit es seine Wirkung erzielt
Heute starten Hagelflieger, und das nicht nur in der Gegend um Rosenheim, sondern auch im Raum Stuttgart. Die Piloten müssen sehr erfahren sein, damit sie direkt an die Unterseite der Gewitterwolke fliegen und das Silberjodid genau dort verbrennen können, wo die warme, feuchte Luft, die den Aufwind erzeugt, die Silberjodidteilchen nach oben in die Wolke transportiert. Manchmal geraten die Piloten dabei in Böen, aber direkt in die Gewitterwolken fliegen sie nie, sonst brächten sie sich in Lebensgefahr.

„Ich bin einmal in meinem Leben durch eine Gewitterwolke geflogen“, erzählt Professor Beheng. „Es ist unvorstellbar, was dort alles passiert.“ Ganz bewusst hat er sich in den Alpen in ein speziell gepanzertes Flugzeug, das sonst nur für Hurrikandurchflüge verwendet wird, gesetzt, um ein Gewitter aus nächster Nähe zu erleben. Bei zwei Einsätzen ist die Maschine vom Blitz getroffen worden, alle Geräte fielen aus und fuhren erst langsam wieder hoch, einige Messsensoren an der Außenhaut waren geschmolzen. „Ich hatte einen ordentlichen Schreck. Es war, als ob man mit Tempo 100 gegen eine Mauer fährt. Ich konnte mich kaum noch festhalten“, erinnert sich Beheng. Den Piloten machte das Gewitter hingegen nichts aus, routiniert steuerten sie das Flugzeug durch die Wolken.

Eine genaue Hagelprognose abzugeben, ist schwierig: „Wir können zwar sagen, dass es hageln wird, aber nicht genau wo, zu welcher Zeit und in welcher Menge“, erklärt Professor Beheng. Zwar seien Hagelunwetter mit einem Volumen von 1000 Kubikmetern relativ groß, allerdings hagle es meist nur in einem Bereich mit einem Durchmesser von etwa 500 Metern. Hinzu kommt, dass die Zugbahnen von Hagelgewittern nicht immer geradlinig verlaufen. „Sie können Haken schlagen, ohne dass wir wissen, warum sie das tun“, sagt Beheng.

Das Projekt Wolkenwacht verhindert Hagelwolken
Angesichts der Unberechenbarkeit von Hagelgewittern wäre es natürlich optimal, ließen sich solche Unwetter von vornherein ganz unterbinden. Genau das verspricht das Projekt Wolkenwacht, das der Düsseldorfer Betriebswirt Eric Neumeister zusammen mit einem Ingenieur der angewandten Physik entwickelt hat. Ihnen geht es darum, die Thermik, durch die die Wolken entstehen, schon Stunden vor einem möglichen Hagelgewitter zu zerstören – mithilfe von Wasser. Dabei steigt ein Transportflugzeug mit 800 Litern Wasser an Bord auf und versprüht es während seines Fluges. Durch das Ablöschen des Aufwindes bildeten sich erst gar keine Wolken und somit keine Hagelgewitter.

„Diese Technologie hat ungeahnte Möglichkeiten und sie ist fast völlig ökologisch. Nur das Flugzeug braucht ein wenig Kerosin“, sagt Eric Neumeister. Denn für das Zerstören der Hagelwolken bräuchten sie nur Wasser, keine Chemie. Eine Fläche von 100 Quadratkilometern könne das Projekt Wolkenwacht mit einem Flugzeug vor Hagel schützen, rechnet Eric Neumeister. Das entspricht der Fläche einer gewöhnlichen deutschen Stadt wie Leverkusen. Gerade für einen Einsatz über urbanem Gebiet biete sich das Projekt an, sagt er. Denn dort sind die potenziellen Hagelschäden an Autos und Gebäuden wesentlich höher als beispielsweise in einem vergleichbar großen landwirtschaftlichen Areal.

30.000 Neuwagen in Emden verbeult
Eric Neumeister erinnert dabei an einen Hagelschauer, der im Juni 2008 das VW-Werk in Emden verwüstete. 30.000 Neuwagen wurden verbeult, der Gesamtschaden belief sich auf eine dreistellige Millionensumme. „Dagegen sind die drei Millionen Euro, die unser Projekt für eine Schutzzone von 100 Quadratkilometern pro Jahr kostet, ein ganz geringer Betrag“, sagt Neumeister. Den Großteil der Summe verschlinge dabei das Transportflugzeug.

Derzeit ist Eric Neumeister auf der Suche nach Kunden, die in sein Projekt investieren. „Denn wenn die Kostenfrage geklärt ist, könnten wir unsere Technologie jederzeit beweisen“, sagt er. Schließlich kostet allein der Testflug 15.000 Euro. Neben Hagelfliegern und Wolkenwacht gibt es noch weitere Versuche der Hagelabwehr. In der Schweiz beispielsweise bestückt man ein Meter lange Bodenraketen mit Silberjodid und schießt sie in die Wolken. „Wenn man Glück hat, kommen die Raketen wieder mit dem Fallschirm runter. Wenn nicht, dann ohne“, sagt Professor Beheng. Er hat bisher noch nicht gehört, dass Menschen beim Hagelschießen durch Raketen verletzt worden sind.

Früher waren die Methoden zur Hagelabwehr noch wesentlich abenteuerlicher. In den 1960er-Jahren zündete man eine Sprengladung am Boden und leitete über große Trichter den Schall in die Gewitterwolken. „Mir ist aber völlig schleierhaft, warum die Wolke deshalb keinen Hagel erzeugen soll“, wundert sich Professor Beheng. Das erinnert dann doch ein wenig an die vor allem im Mittelalter populären Versuche, den Hagel zu verhindern. Damals läutete man die Kirchenglocken, wodurch das Unwetter vertrieben werden sollte.

Mauritius Much und Alexandros Stefanidis sind freie Journalisten in München.

Ansprechpartnerin:
Katrin Rüter
Tel. 030/20 20-51 19
E-Mail: k.rueter@gdv.de

 
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