04.09.2012
Interview zu Kinderunfällen

Eltern unterschätzen das Risiko zuhause

In einer neuen GDV-Studie zu Kinderunfällen geht es vor allem um die Frage, ob Eltern Gefahrenquellen für ihre Kinder richtig einschätzen. Im Interview erläutert Jürgen Engel, Vorsitzender der Kommission Unfallversicherung beim GDV und Vorstandsmitglied der ERGO Versicherung AG, warum gerade zu Hause und in der Freizeit die meisten Unfälle passieren.

Jürgen Engel
Vorsitzender der Kommission Unfallversicherung im GDVJürgen Engel, 60, wurde am 26. Februar 1952 in Cuxhaven geboren. Er studierte zwischen 1971 und 1976 Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg (Diplom-Volkswirt), ehe er beim Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) seine Karriere begann. Im GDV stieg er zum Abteilungsleiter im Bereich Statistiken auf. 1986 wechselte Engel zur Hamburg-Mannheimer Rechtsschutzversicherungs-AG (zuletzt Leiter Betrieb und Schaden). Von 1994 bis 2000 leitete er die Abteilung Kraftfahrt-Betrieb und war Hauptabteilungsleiter Kundenmanagement Privat bei der Hamburg-Mannheimer Sachversicherungs-AG. Von 2000 bis 2010 war Engel Mitglied des Vorstands der Hamburg-Mannheimer Sachversicherungs- und Rechtsschutzversicherungs-AG. Im Jahr 2004 wurde er auch Mitglied des Vorstands der D.A.S. Rechtsschutz-Versicherungs-AG, bis 2010 verantwortlich für den Bereich Unfall. Seit 2010 ist Jürgen Engel Mitglied des Vorstands der ERGO Versicherung AG.

 

Herr Engel, haben Sie als Kind mal auf eine heiße Herdplatte in der Küche Ihrer Eltern gegriffen?
Nein, Gott sei Dank, nie. Meine Eltern hatten einen Gas- und keinen Elektroherd. Da sieht man ja auch als Kind, wenn er brennt.

Erinnern Sie sich überhaupt an einen Unfall aus Ihrer Kindheit: Sind Sie zum Beispiel nie Ihrem Fußball auf die Straße hinterhergerannt?
Wenn ich zurückblicke, muss ich sagen: Ich hatte immer großes Glück. Natürlich habe ich mir beim Fußballspielen mal das Knie aufgeschürft oder bin umgeknickt, aber von schweren Verletzungen bin ich verschont geblieben. Bei meinen eigenen Kindern sieht das aber wieder anders aus. Da habe ich einen Unfall auch hautnah miterlebt.

Was ist passiert?
Meine Tochter ist mal beim Voltigieren, also bei einer akrobatischen Übung auf einem Pferd, gestürzt und hat sich ein Bein gebrochen. Nichts wirklich Dramatisches mit bleibendem Schaden, der Bruch ist schnell und gut verheilt. Aber wissen Sie, was das Erste war, was sie danach sagte? „Das Pferd trifft keine Schuld, Papa.“ Das war ihr anscheinend besonders wichtig.

Dann wissen Sie ja als Vater sehr genau, was es bedeutet, wenn Eltern die Sorge um ihre Kinder umtreibt.
Genau so ist es. Eltern machen sich um ihre Kinder meist mehr Sorgen als um sich selber.

Der GDV hat vor wenigen Tagen eine Studie zu Kinderunfällen veröffentlicht. Was antworten Sie Eltern, die fragen: „Wie gefährdet ist mein Kind eigentlich?“
Ich denke, dass vielen Eltern sehr bewusst ist, wie gefährdet ihr Kind grundsätzlich ist. Aber gerade in unserer Studie hat sich herausgestellt, dass die elterlichen Einschätzungen, wo und wann ihr Kind wirklich gefährdet ist, von den tatsächlichen Gefahrenquellen etwas abweichen. Hier driften also empfundene Gefahren und wirkliche Gefahren auseinander.

Inwieweit liegen die Einschätzungen der Eltern denn falsch?
Ich würde nicht sagen, dass sie unbedingt falsch liegen. Aber gerade im häuslichen Bereich – also im eigenen Heim oder Garten –, wo man sich eigentlich am sichersten wähnt, lauern oft unterschätze Gefahren.

Aber wenn man Eltern heute fragt, wo sie die größte Gefahrenquelle für einen Unfall ihres Kindes sehen, antworten die meisten: im Straßenverkehr.
Dieses Ergebnis fanden wir auch besonders interessant. Wobei ich gern zugebe: Auch ich als Vater hatte früher die größten Sorgen um Tochter und Sohn, wenn die beiden – in welcher Weise auch immer – mit dem Straßenverkehr in Berührung kamen. Tatsächlich hat sich in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahrzehnten aber sehr viel getan. Und nicht zuletzt wir Versicherer haben einiges dazu beigetragen – etwa mit Studien zur Unfallforschung, zur Verkehrssicherheit oder auch mit Studien wie dieser.

Könnten Sie das präzisieren?
Denken Sie beispielhaft nur an verkehrsberuhigte Straßen mit Geschwindigkeitsbegrenzungen in Wohngebieten. Oder auch an heute profan anmutende Tatsachen wie Kindersitze im Auto oder Anschnallgurte auf dem Rücksitz. Oder schauen Sie sich mal an, wie Kinder heute auf den Straßen beim Radfahren oder Rollerbladen ganz selbstverständlich Helme tragen. All diese Vorkehrungen und viele andere, die ich hier jetzt nicht alle aufzählen kann, haben dazu beigetragen, dass schwerwiegende Unfälle in Deutschland seltener geworden sind. Das heißt, wir konnten den Straßenverkehr – zumindest ein gutes Stück weit – sicherer gestalten. Gerade für Kinder. Zwar meinen immer noch die meisten Eltern, dass der Straßenverkehr die gefährlichste Gefahrenquelle für ihre Kinder ist, aber dort ereignen sich weniger als 16 Prozent der Kinderunfälle.

Und wo geschehen die meisten Unfälle?
Ganz klar: zu Hause, in der Freizeit. Nach der Studie, mehr als 60 Prozent.

Studie Kinderunfälle (GDV)
Nicht im Straßenverkehr, sondern zu Hause und in der Freizeit ereignen sich die meisten Kinderunfälle.

 

Welche Gefahren lauern denn im trauten Heim oder in der Freizeit?
Bestes Beispiel: die Küche. Ihre erste Frage bezog sich ja schon auf die „heiße Herdplatte“. Oder es steht eine frisch gekochte Tasse Kaffee oder Tee auf dem Küchentisch und ein Kind greift instinktiv danach und verbrüht sich. Bestimmte Vergiftungsgefahren gehen natürlich auch von leicht zugänglichen Reinigungsmitteln oder Medikamenten aus. Grundsätzlich kann man also festhalten, dass diese Gefahrenherde unterschätzt werden.

Erstaunlich. Wenn man Eltern auf Gefahren im eigenen Haus anspricht, kommt ihnen als erstes „die Treppe zu Hause“ in den Sinn.
Ja, das stimmt. Aber gerade weil ihnen das so bewusst ist und viele Eltern als Sicherheitsmaßnahme zum Beispiel ein Gitter vor die Treppe montieren, zählen wir hier relativ wenige Unfälle.

Können Sie uns kurz erklären, woher diese Diskrepanz zwischen dem persönlichen Eindruck der Eltern und dem tatsächlichen Unfallgeschehen rührt?
Offenbar ist das ein sehr emotionales Thema: Im eigenen Haus fühlt man sich behütet und einigermaßen geschützt – dagegen sieht man die Welt draußen als gefährlicher an. Wenn Kinder aus dem Haus gehen – zum Beispiel zum Spie-len –, spüren Eltern offenbar eine größere Angst als wenn die Kinder zu Hause im Kinderzimmer oder in der Küche herumtollen.

Weil etwa am Straßenverkehr auch Dritte teilnehmen, denen man als Eltern vielleicht automatisch eine größere Unaufmerksamkeit unterstellt?
Sicher, auch das spielt eine Rolle. Je weiter weg das Kind ist, desto geringer schätzt man die eigene Einflussnahme ein. Das hat vielleicht auch mit der medialen Präsenz von Kinderunfällen zu tun. Man liest oder hört ja oft von Unfällen im Straßenverkehr, bei denen Kinder verletzt oder gar getötet wurden. Das heißt, diese Gefahr ist vielen Eltern präsenter und bewusster als andere Gefahren. Dabei sinken die Zahlen getöteter Kinder im Straßenverkehr – Gott sei Dank – von Jahr zu Jahr. Von Unfällen in der Küche oder
im Kinderzimmer liest oder hört man aber eher selten.

Interessant ist aber auch die Tatsache, dass laut Studie die meisten Kinderunfälle bei einem vermeintlich banalen Sturz geschehen. Kinder tollen herum und rennen gern – da ist es nicht besonders überraschend, dass sie manchmal stürzen. Wie kann man sie aber besser schützen?
Das ist – wenn Sie so wollen – die Eine-Million-Euro-Frage für jeden Vater und jede Mutter. Fest steht: Man kann Kinder ja nicht irgendwo einsperren oder ständig in Watte packen. Das empfiehlt ja auch niemand. Kinder müssen ihren Freiraum haben, eigene Erfahrungen machen, sich ausleben, um ihre motorischen Fähigkeiten entwickeln zu können. Das ist wichtig und richtig. Das bedeutet aber auch, dass es nie einen hundertprozentigen Schutz geben wird. Andererseits gibt es insbesondere im eigenen Haus jedoch immer wieder Situationen, die leicht vermieden werden können.

Zum Beispiel?
Das hört sich jetzt vielleicht sehr banal an, aber Kinder sind nun mal in der Regel sehr neugierig und entwischen auch aufmerksamen Eltern. Man kann etwa darauf achten, dass Kinder nicht durch die Wohnung rennen, wenn gerade der Boden nass gewischt worden ist und sie sehr viel leichter ausrutschen können. Ebenso banal, aber nicht minder gravierend sind leicht zugängliche Fenster. Wir haben festgestellt: Gerade in den Ballungsräumen, wo Familien auf engem Raum in mehrstöckigen Häusern wohnen, werden Stürze aus offenen Fenstern stark unterschätzt: Kinder treten auf die Fensterbank, haben gelernt das Fenster zu öffnen – und verlieren im nächsten Augenblick das Gleichgewicht. Nicht selten mit verheerenden Folgen. Das Gleiche gilt übrigens für Balkontüren und schlecht gesicherte Balkone.

Ein gutes Drittel aller Kinder hat schon mal einen Unfall gehabt. Gibt es eine Altersspanne, in der Kinder besonderen Gefahren ausgesetzt sind?
Nein, man kann jetzt nicht sagen, ab diesem oder jenem Alter braucht man sich überhaupt keine Sorgen mehr zu machen. Was natürlich auffällt, ist, dass gerade Kleinkinder besonders gefährdet sind. Bei Kleinkindern passieren die meisten Unfälle zu Hause und meist sind Kopfverletzungen die schlimme Folge. Das hängt mit der Tatsache zusammen, dass bei Kleinkindern der Schwerpunkt des Körpers durch den – im Vergleich zum restlichen Körper – größeren und schwereren Kopf anders liegt.

Noch ein weiterer Aspekt, den die Studie zu Tage gefördert hat, ist, dass Jungen sehr viel häufiger Unfälle erleiden als Mädchen. Kann man eigentlich exakt sagen, woran das liegt?
Gute Frage, da macht man sich als Vater auch häufiger Gedanken, woran das wohl liegen mag. Aber sowohl aus eigener Erfahrung als auch aus Gesprächen mit Experten lässt sich im Grunde nicht genau sagen, worin hier der tiefere Sinn verborgen ist. Jungs gelten in der Regel eben als etwas wilder und probieren vielleicht auch mehr aus als Mädchen, die vorsichtiger sind. Vielleicht ist es auch so, dass man in der Erziehung bei Jungs eine gewisse Wildheit eher toleriert als bei Mädchen. Ich kann Ihnen diese Frage nicht erschöpfend beantworten.

Jürgen Engel, Vorsitzender der Kommission Unfallversicherung im GDV

Jürgen Engel, Vorsitzender der Kommission Unfallversicherung im GDV

Wir haben über die Gefahren im Haus gesprochen und auch über die Tatsache, dass es keinen hundertprozentigen Schutz gibt.Trotzdem: Was kann man als Eltern gegen Gefahren im Haus tun?
An erster Stelle steht bei Kleinkindern natürlich die Aufmerksamkeit der Eltern. Stichwort Stürze: Wie gern klettert ein Kleinkind auf irgendwelche hohen Stühle oder auch Tische und Schränke! Stichwort Vergiftungen: Oft stehen Putzmittel noch unaufgeräumt irgendwo herum oder man vergisst – was ja auch passieren kann – eine noch halbvolle Flasche mit Alkohol auf dem Wohnzimmertisch. Es ist deshalb gar nicht verkehrt, wenn man versucht, sich als Vater oder Mutter in das eigene Kind hineinzuversetzen: Was könnte für mein Kind interessant sein? Was befindet sich in unmittelbarer Griffweite? Was verbirgt sich in der nicht extra gesicherten Küchenschublade?

Eine hohe Aufmerksamkeit, ein gesteigertes Einfühlungsvermögen – völlig d’accord. Viele Experten sagen, dass zusätzlich auch eine spezielle häusliche Ausrüstung nicht unangebracht ist, etwa das bereits erwähnte Gitter an einer steilen Treppe. Haben Sie als Versicherer darüber hinaus noch Vorschläge?
Für sehr wichtig erachte ich zum Beispiel, dass man bestimmte Telefonnummern gleich zur Hand hat. Etwa vom Rettungsdienst oder der Vergiftungszentrale. Denn trotz aller Vorsicht kann es eben auch aufmerksamen Eltern mal passieren, dass sie für einen kurzen Augenblick ihr Kind aus den Augen verlieren. Und wenn dann eben in diesen Sekunden etwas passiert, sollte man so schnell und besonnen reagieren können wie möglich.

In der vorliegenden Studie wurden Eltern vor allem nach ihrem persönlichen Empfinden gefragt. Kommen Sie letztlich zu dem Schluss, dass Eltern mit ihren Empfindungen und Einschätzungen über die Unfallgefahren ihrer Kinder grundsätzlich falsch liegen?
Nein. Im Großen und Ganzen muss man – auch wenn hier und da Diskrepanzen existieren – doch konstatieren, dass Eltern die Gefahren für ihre Kinder gut einschätzen. Die Tatsache zum Beispiel, wie Eltern ihre Kinder heutzutage im Auto unterbringen: Wenn man das vergleicht mit den elterlichen Vorkehrungen vor 20 oder gar 30 Jahren – da liegen Welten dazwischen! Ich möchte also ausdrücklich betonen, dass das Risikobewusstsein der heutigen Elterngeneration sehr viel ausgeprägter zu sein scheint als das Risikobewusstsein vorheriger Generationen. Und das, finde ich, ist ein sehr wichtiger Fortschritt, der heute Kindern täglich zugutekommt. Die Eltern-Einschätzung allerdings, wo genau denn die größten Gefahren heute liegen, die geht doch teilweise an der Realität vorbei – und das muss man dann auch klar benennen.

Genau darüber haben wir die letzten Minuten ausgiebig gesprochen. Stellt sich noch die Frage: Welche Art von Versicherungsschutz gibt es für Kinderunfälle?
Versicherer bieten natürlich spezielle Kinderunfallversicherungen an. Diese beinhalten im Wesentlichen finanzielle Leistungen, die greifen, wenn ein Unfall passiert ist. Denn einen Unfall ungeschehen machen können wir leider nicht. Aber nehmen wir an, ein Kleinkind verletzt sich bei einem Sturz schwer am Kopf und wird dadurch zum Pflegefall. Dann greift die private Kinderunfallversicherung. Sie kann zwar einen schlimmen Unfall nicht ungeschehen machen, aber die finanziellen Folgen abmildern, wenn etwa ein Elternteil zur Pflege des Kindes seinen Beruf aufgeben muss. Entweder als einmalige Kapitalzahlung oder als monatliche Rente – ein Leben lang.

Existiert nicht auch eine gesetzliche Unfallversicherung für Kinder?
Ja, die gibt es. Aber die gesetzliche Unfallversicherung greift nur bei Unfällen in Schulen, Kindergärten oder Kinderkrippen, beziehungsweise auf dem Weg dorthin und wieder zurück. Und wir haben ja schon festgestellt, dass 80 Prozent der Unfälle außerhalb dieses Bereiches passieren.

Letzte Frage, Herr Engel: Ihre Tochter, reitet die noch?
Mittlerweile ist sie 25 Jahre alt und reitet immer noch sehr gern, wenn auch seltener als früher. Jedenfalls hat sie null Angst vor Pferden.

Interview: Alexandros Stefanidis. Er ist freier Journalist in München.

Alle Ergebnisse der GfK-Studie zu Kinderunfällen auf gdv.de (30.08.2012)

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