04.09.2012
Kampagne "Rücksicht im Straßenverkehr"

Eine Dose Humor

Der GDV unterstützt die Kampagne „Rücksicht im Straßenverkehr“, die für mehr Verständnis zwischen Radfahrern, Fußgängern und Autofahrern wirbt. Doch kann eine gute Idee und eine kreative Umsetzung wirklich Rowdys bekehren?

Man kann dem Schauspieler Martin Brambach nicht vorwerfen, dass er zartbesaitet wäre – er spielte im Kino Stasi-Schergen wie SS-Männer und tritt oft im Tatort auf. Aber selbst ein Filmbösewicht hat eine Schmerzgrenze: „Ich habe mir das Radfahren in Berlin abgewöhnt. Was da auf den Straßen und Bürgersteigen abgeht, macht mich aggressiv.“ Auch Bahnrad-Olympiasieger Robert Bartko, der Konkurrenzkämpfe auf dem Sattel gewohnt ist, klagte in der Berliner Morgenpost: „Als Radsportler erlebe ich Tag für Tag, dass sich das Klima auf den Straßen verschlechtert.“

GDV-Position
Mehr Rücksicht im Straßenverkehr ist keine neue Forderung. Aber humorvoll aufbereitete Kampagnen wie diese schärfen das Bewusstsein der Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer. Dafür muss man die Kampagne aber auch konsequent weiterbetreiben.

Eine Beobachtung, die Siegfried Brockmann, Chef der Unfallforschung der Versicherer, teilt: „Der Verkehr bildet die Gesellschaft ab und die Menschen werden leider egoistischer.“ Es läuft etwas schief auf Deutschlands Straßen – und der GDV möchte daran etwas ändern: Als Unterstützer der Kampagne „Rücksicht im Straßenverkehr“, die derzeit in Freiburg und Berlin als Modellstädten für zwei Jahre läuft. „Es geht darum, im Verkehr zur Gelassenheit und gegenseitigen Rücksichtnahme zurückzufinden“, sagt Verkehrsminister Peter Ramsauer, „ein Großteil der Leute verhält sich ordentlich, aber kleine Gruppen fallen zunehmend negativ auf.“

“Radl-Rambos” in den Großstädten
Jüngst klagte Münchens Boulevardpresse über „Radl-Rambos“, Bettina Cibulski vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club hat eine differenziertere Sicht: „Früher war Radfahren etwas für Leute, die kein Geld für ein Auto hatten. Heute ist Radfahren cool, ein urbanes Lebensgefühl. Und für den Andrang reichen die Radwege in den Großstädten nicht aus, also wird auf Hauptverkehrsstraßen und Gehwege ausgewichen. Dadurch wird es hektisch.“ Sie glaubt nicht, dass Autofahrer, Fußgänger oder Radler aggressiver geworden sind, „aber wenn es Streit gibt, wird er härter ausgetragen als früher“.

Wie kann man dem entgegensteuern? „Sie können Bücher füllen mit all den Verkehrssicherheitskampagnen der letzten Jahre“, sagt Siegfried Brockmann vom GDV, „aber alle hatten den gleichen Ansatz: den erhobenen Zeigefinger.“ Doch Schulmeister-Belehrungen würden nicht ernst genommen. Einen anderen Weg geht die Kampagne „Rücksicht im Straßenverkehr“ – auf den ersten Blick wirkt sie wie Werbung für Energiedrinks: Biker, Autofahrer und Fußgänger halten auf den Plakaten gut gelaunt eine blaue Dose in die Kamera. In der Sprechblase daneben steht: „Kostet nichts“, „Stiftet Frieden“ oder „Schont Nerven“. Und auf der Dose liest man (statt „Red Bull“) das Wort „Rücksicht“. Die Botschaft ist schnell verstanden.

Der heilige Christopherus im hellblauen Anzug
Die Idee für diese modernere Umsetzung stammt aus dem lange vergessenen Paragrafen 1 der Straßenverkehrs-Ordnung: Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird. „Da stand schon alles, was wir als Botschaft transportieren wollten, wir mussten nur daran erinnern“, so Siegfried Brockmann. Als kleiner Gag wurde Christophorus, Schutzpatron der Reisenden, für die Webseite der Kampagne reaktiviert. Dargestellt als junger Mann mit Vollbart und schickem hellblauem Anzug. Schöne Idee. Bleibt die Frage, was sie bewirkt?

„In Radblogs wurde viel darüber berichtet, aber aus meiner Sicht ist die Kampagne in der breiten Bevölkerung noch nicht bekannt genug, um einen Stimmungswandel zu erreichen“, bilanziert Brockmann. „Eine gute Idee reicht nicht, genug Wiederholungen und Kontakt zur Bevölkerung sind nur mit Geld zu erreichen.“ Der GDV stand gerne beratend zur Seite, „aber die Städte müssen das stemmen“. Brockmann hofft, dass 2013, im zweiten Jahr des Modellversuchs „noch eine Menge passiert“, auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder im Bürgergespräch an Informationsständen in Fußgängerzonen und Einkaufszentren.

Kann ein noch so prominent präsentierter Werbespruch Rowdys zur Vernunft zu bringen? „Ich bin skeptisch“, gesteht Brockmann, „aber wenn es funktionieren kann, dann genau so: mit Humor, ohne Zeigefinger.“ Christophorus hilf.

Marc Baumann ist freier Journalist in München.

Ansprechpartnerin:
Katrin Rüter
Tel. 030/20 20-51 19
E-Mail: k.rueter@gdv.de

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