04.09.2012
Reha nach dem Unfall

Die Kümmerer

Mehr als 74.000 Menschen verunglücken jedes Jahr in Deutschland schwer – oft mit dramatischen, lebenslangen und teuren Konsequenzen. Dass für Unfallopfer die Rehabilitation nicht immer nach Schema F erfolgen muss, beweisen tagtäglich sogenannte Case-Manager. Sie sorgen sich um alles. Das spart Leid, Nerven und – ja – auch Kosten.

Es sollte ein spannender Fußball-Abend werden. Das Finale der Fußballeuropameisterschaft 2008: Deutschland gegen Spanien. Doris Voßkötter aus Telgte ist mit Freunden zum Mitfiebern verabredet, will am Nachmittag aber zum ersten Mal in ihrem Leben eine Motorradspritztour machen. Als Beifahrerin sitzt sie auf der 100 Stundenkilometer schnellen Maschine, als ein Hund über die Bundesstraße rennt und das Motorrad touchiert.

Doris Voßkötters linkes Schulterblatt, ihr rechtes Schlüsselbein und etliche Rippen sind gebrochen. Die Motorradkleidung ist vollständig aufgerieben. In Gütersloh wird sie operiert. Als die Ärzte feststellen, dass eine zweite Operation notwendig ist, schickt Voßkötters Unfallversicherer LVM eine Reha-Managerin, die sich um die 34-Jährige kümmert: Sie prüft die Krankenakte genau und empfiehlt, Voßkötter nach Hannover zu verlegen. „Dort wurde dann erst festgestellt, dass ich zusätzlich auch einen doppelten Beckenbruch hatte. Ich war heilfroh, dass ich in Hannover war“, sagt Voßkötter. Die Reha-Managerin besorgt ihr außerdem ein hydraulisch verstellbares Bett und nimmt auch ihre Eltern einmal nach Hannover mit.

GDV-Position
Reha-Management zeigt, wie Versicherer und Unfallopfer die beste Genesungsmethode auswählen
und gemeinsam davon profitieren können.

Das ist ein klassischer Fall für eine Case-Managerin: Einen Klienten besuchen und mit Ärzten, Familie, Behörden, Arbeitgebern und Ämtern das Beste für den Patienten entscheiden. Monika Miedaner ist Case-Managerin bei rehacare, einem der größten Unternehmen für solche Dienstleistungen in Deutschland. „Weil unser Sozialsystem mitunter kompliziert ist, lotsen wir unsere Klienten da durch“, sagt Miedaner, die nach ihrer Ausbildung als Physiotherapeutin Sozialpädagogik studiert hat.

Beinamputation war nicht mehr nötig
Der wohl bisher dramatischste Fall bei rehacare ist der eines verunglückten jungen Motorradfahrers, dessen Bein amputiert werden sollte. Alle Ärzte und Krankenversicherer hatten dem Eingriff bereits zugestimmt, als der Haftpflichtversicherer des Unfallverursachers rehacare den Fall überträgt. „Der Mann kann heute wieder laufen und arbeitet in seinem alten Beruf – ohne Prothese und Hausumbau“, sagt Miedaner. Während eines einjährigen Krankenhausaufenthalts wurde ein kleiner Teil des Knochens entfernt und langsam wieder aufgebaut. Einem anderen Klienten hat Miedaner geholfen, mit 27 Jahren den richtigen Beruf zu finden. „Erst acht Jahre nach seinem schweren Unfall mit Schädel-Hirn-Verletzung wurde nämlich ein Sprachproblem diagnostiziert. Sonst würde er noch heute in jeder Ausbildung scheitern.“ Derzeit betreut sie einen 17-jährigen Zimmermannslehrling, für den sie nach einem Motorradunfall eine Physiotherapie organisiert hat, die die Krankenkasse im Regelfall abgelehnt hätte. Selbstbewusst sagt sie: „Es sollte mehr Menschen wie uns geben.“

Rehacare arbeitet für 40 Versicherer in Deutschland. Und Prokurist Jörg Halm kann mit beeindruckenden Zahlen aufwarten. „Alle Unfallopfer erhalten die ihnen zustehenden Zahlungen. Trotzdem gelingt es uns, für die Versicherer jedes Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag einzusparen.“ Reha-Management sei also mehr als Marketing, sagt Halm, der als Einziger bei rehacare aus der Versicherungsbranche kommt.

Experten für den Körper
Ähnlich begeistert vom Reha-Management ist Thomas Büchel. Er ist Abteilungsleiter Unfall bei der LVM Versicherung in Münster und vergleicht Reha-Management mit Expertenwissen. „Für unsere Autos haben wir Gutachter, die einschätzen, was das Beste wäre. Aber für das Wichtigste, unseren Körper, haben wir so etwas nicht.“ Denn in extremen Fällen seien selbst die nächsten Angehörigen überfordert: Ist es für einen Verunglückten besser, im nächstgelegenen Krankenhaus behandelt zu werden? Oder sollte er in eine Spezialklinik kommen, in der ihn die Verwandten nur selten besuchen können? „Solche Fragen stellt sich niemand. Sie werden nur in Extremsituationen gestellt. Da ist es gut, jemanden mit Fachwissen an seiner Seite zu haben“, sagt Büchel. Bei der LVM ist das Reha-Management seit 2011 in jeder neuen Unfallversicherung enthalten. Die Teilnahme ist immer freiwillig. Schon jetzt hat die LVM über 1.000 solcher Fälle mit dem Reha-Dienstleiter IHR begleitet.

„Ganz ehrlich: Was ich seit dem Unfall gelernt habe, ist, das Leben zu genießen und wie wichtig es ist, gesund und mobil zu sein“, sagt Doris Voßkötter aus Telgte. Erst ein Jahr nach ihrem Motorradunfall konnte sie sich schmerzfrei bewegen. Heute arbeitet sie wieder Vollzeit und geht ein- bis zweimal die Woche ins Fitnessstudio, um ihre Muskeln weiter zu trainieren und die Schulterschmerzen in Schach zu halten. Allein hätte sie das alles nicht geschafft, sagt Voßkötter. „Es war gut, dass sich jemand gekümmert hat, der sich auskannte.“

Marcel Roth ist Journalist in Berlin und Magdeburg.

Ansprechpartnerin:
Katrin Rüter
Tel. 030/20 20-51 19
E-Mail: k.rueter@gdv.de

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