19.09.2012
Detailanalyse zum Frontal 21-Bericht

Die Bewertungsreserven kommen bei den Versicherten an

Die ZDF-Sendung “Frontal21″ stellt in dem Beitrag “Geprellte Kunden? – Lebensversicherer tricksen bei der Auszahlung” die Behauptung auf, dass Lebensversicherer die Kunden nicht angemessen an den Bewertungsreserven beteiligen würden. Diese Behauptung ist nicht haltbar. Der GDV stellt klar: Selbstverständlich zahlen die Lebensversicherer den Versicherten zum Vertragsende die ihnen zustehenden Bewertungsreserven aus. Damit setzen sie die gesetzlichen Regelungen des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG) um – transparent und nachvollziehbar.

Bewertungsreserven wurden immer schon nach deren Realisierung an die Versicherten ausgeschüttet. Eine explizite Regelung zur Bewertungsreservenbeteiligung der Versicherten wurde 2008 mit der Reform des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG) eingeführt. Seither fließen jedoch nicht „mehr“ Erträge an die Versicherten, denn man kann jeden Euro nur einmal ausgeben. Mit der Gesetzesreform wurde also nur das „wann“ und „über welchen Weg“ geregelt – nicht aber das “wie viel”.

Wie entstehen Bewertungsreserven (stille Reserven)?
Die Kapitalanlagen der Lebensversicherer sind im Wesentlichen in festverzinsliche Wertpapiere investiert, weitere Anlageklassen sind Immobilien, Aktien und Beteiligungen. Für den Großteil dieser Wertpapiere wird an jedem Handelstag an der Börse ein Kurs ermittelt. Bewertungsreserven entstehen, wenn der Zeitwert oberhalb des Buchwertes liegt; liegt der Zeitwert unterhalb des Buchwertes, entstehen wiederum stille Lasten. Fazit: Die Höhe der Bewertungsreserven verändert sich mitunter täglich. Sie werden erst bei einem Verkauf der Wertpapiere realisiert, sodass aus Buchgewinnen Erträge werden.

Wie berechnen die Lebensversicherer den Betrag, mit welchem ein einzelner Kunde an den Bewertungsreserven beteiligt wird?
Es ist gesetzlich festgelegt, dass die Unternehmen einmal im Jahr die Höhe der gesamten Bewertungsreserven ermitteln und veröffentlichen müssen (Bilanz). Ausgehend von diesem Gesamtwert wird der Anteil, mit welchem jeder einzelne Vertrag an den Bewertungsreserven beteiligt wird, ermittelt. Versicherungsverträge enden in der Regel zum Monats- oder Quartalsende. Deshalb ist es durchaus gängige Praxis, diese Werte monatlich zu berechnen.

Die Versicherten können der Jahresmitteilung den aktuellen Stand der Bewertungsreservenbeteiligung entnehmen. Die konkrete Aufschlüsselung der (prognostizierten) Auszahlung ist unternehmensindividuell gestaltet. Weiterführende, detaillierte Informationen können bei den Unternehmen erfragt werden.

Lässt das Gesetz den Lebensversicherern Spielraum, in welcher Höhe die Versicherten an den Bewertungsreserven beteiligt werden?
Nein. Seit 2008 ist explizit geregelt, dass die Versicherten nach einem verursachungsorientierten Verfahren an den Bewertungsreserven beteiligt werden müssen. Die Aufsicht hat mögliche Verfahren für die Beteiligung an Bewertungsreserven veröffentlicht, die von den meisten Unternehmen angewendet werden.

Dass die Bewertungsreserven insgesamt schwanken, hat zur Folge, dass auch in den Jahresmitteilungen der Wert zur Höhe der Bewertungsreservenbeteiligung von Jahr zu Jahr schwanken kann.

Warum arbeiten Lebensversicherer überhaupt mit Bewertungsreserven?
Die Lebensversicherung kombiniert Garantieleistungen, Risikoschutz und eine größtmögliche Stabilität der Ertragsentwicklung. Um diese – von den Versicherten hoch geschätzte – Stabilität sicherzustellen, arbeiten Lebensversicherer mit „Sicherheitspuffern“. Das heißt, dass in besonders ertragreichen Jahren erwirtschaftete Erträge nicht sofort und komplett ausgeschüttet, sondern über mehrere Jahre geglättet zugeteilt werden.

Gerade die Stabilität der Ertragsentwicklung ist ein zentrales Leistungsmerkmal der Lebensversicherung. Denn anders als der Kauf von Investmentfonds oder einer Direktanlage in Aktien – deren Kursschwankungen unmittelbar beim Kunden ankommen – federn Lebensversicherer die Kapitalmarktentwicklungen für die Versicherten über die Zeit ab. Bewertungsreserven sind eine wesentliche Stellschraube, die dazu dient, die langfristigen Garantien für alle Versicherten erfüllen zu können.

Bewertungsreserven für festverzinsliche Anlagen
Versicherungsunternehmen veröffentlichen die Höhe ihrer Bewertungsreserven in der Jahresbilanz.
Nettoverzinsung der Lebensversicherung 1998-2011Lebensversicherungen bieten eine stetige Ertragsentwicklung – ein wesentliches Leistungsmerkmal.

 

Transparenz bei Bewertungsreservenbeteiligung hergestellt, so die Bundesregierung
Die Reporter zitieren im Frontal21-Beitrag die Bundesregierung, wonach „das vorhandene Recht keine vollständige Transparenz“ herstellen würde. Die direkt darauf folgenden Sätze aus den Ausführungen der Bundesregierung zitieren die Reporter hingegen bewusst nicht, denn sie passen nicht zur Stoßrichtung des Beitrags. Aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen:

„Müsste jedem ausscheidenden Versicherungsnehmer ein vollständiges Rechenwerk zur Verfügung gestellt werden, aus dem sich ergibt, welche Bewertungsreserven im Einzelnen wie seinem Vertrag zugerechnet worden sind, entstünden hohe zusätzliche Verwaltungskosten, die den Auszahlungsbetrag merkbar mindern würden. Hinzu kommt, dass die Überprüfung des Zahlenwerks ohnehin nur durch einen Sachverständigen erfolgen könnte. Die Komplexität der Berechnung ergibt sich daraus, dass es um zahlreiche Verträge geht, mit unterschiedlichen Laufzeiten und unterschiedlichen Prämienzahlungen, damit auch unterschiedlicher Kausalität. Auch die Bewertung der vorhandenen stillen Reserven ist relativ komplex.

Angesichts dieser Ausgangslage hat sich der Gesetzgeber für eine einfach handhabbare Regelung entschieden, die die Interessen der betroffenen Versicherungsnehmer zu einem angemessenen Ausgleich bringt. Transparenz hinsichtlich der Bewertungsreserven wurde dadurch hergestellt, dass die Versicherungsunternehmen verpflichtet wurden, für sämtliche Kapitalanlagen in einem Anhang zur Bilanz den Zeitwert anzugeben.“