04.07.2012
EU-Kommission

GDV-Positionen zur EU-Vermittlerrichtlinie und zur PRIPs-Verordnung

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft unterstützt das Ziel der Europäischen Kommission, Verbraucherschutz und Transparenz im Finanzdienstleistungssektor auch auf europäischer Ebene zu stärken. Die im Rahmen der Novellierung der EU-Vermittlerrichtlinie (IMD 2) vorgeschlagenen Maßnahmen sind jedoch nicht durchweg geeignet, dieses Ziel zu erreichen.

In Deutschland gelten teilweise bereits deutlich höhere Transparenz- und Offenlegungsstandards als nun in Brüssel vorgestellt. Ähnliches gilt für die Verordnung zu Packaged Retail Investment Products (PRIP), die die Europäische Kommission zusammen mit der IMD2 veröffentlicht hat.

Hier finden Sie erste Einschätzungen zu ausgewählten Aspekten:
     

  • Offenlegung der konkreten Vermittlerprovision

    Insbesondere die von der Europäischen Kommission vorgeschlagene Offenlegung der konkreten Vermittlerprovision halten wir für falsch, weil sie dem Kunden bei der Beurteilung bzw. beim Vergleich von Versicherungsprodukten nicht weiterhilft.
     
    Für den Kunden ist in erster Linie entscheidend, welche Leistung er zu welchem Preis bekommt. Dafür muss er die Gesamtkosten einer Versicherung kennen – diese weisen Lebens- und Krankenversicherer in Deutschland bereits seit 2008 aus. In punkto Kostentransparenz sind wir in Deutschland also de facto weiter, als der Vorschlag aus Brüssel es vorsieht. Der Ansatz des deutschen Gesetzgebers, die Gesamtkosten auszuweisen, ist aus unserer Sicht richtig. Denn entscheidend für den Kunden sind die Gesamtkosten einer Versicherung – Provisionen sind nur ein Teil davon.
     
    Bei Offenlegung der konkreten Provisionshöhe sehen wir zudem die Gefahr, dass sie zu dem Rückschluss „weniger Provision = weniger Kosten = besseres Produkt“ verleitet. Dieser Rückschluss springt zu kurz, weil je nach Vertriebsweg für das gleiche Produkt eines Anbieters unterschiedlich hohe Provisionen gezahlt werden können. Für den Kunden wirkt sich das aber nicht aus: Für ihn sind die einkalkulierten Kosten gleich – unabhängig davon, ob er die Versicherung bei einem Makler oder einem angestellten Vermittler abschließt.
     
    Rechtslage in Deutschland: Der deutsche Gesetzgeber hat bereits 2007/2008 im Rahmen der VVG-Reform geregelt, dass Versicherer in Deutschland bei Altersvorsorge und Krankenversicherungen die Gesamtkosten, d.h. die Kosten für Abschluss, Vertrieb und Verwaltung, in Euro und Cent ausweisen müssen. Für Altersvorsorgeprodukte empfiehlt der GDV seinen Mitgliedern zusätzlich die Angabe einer Gesamtkostenquote („Reduction in Yield“). Diese drückt in einem Prozentsatz aus, wie sich die Gesamtkosten langfristig auf die Rendite eines Produktes auswirken.
  • Übergangsfristen für Komposit- und private Krankenversicherung

    Positiv zu beurteilen ist, dass die Europäische Kommission zumindest keine undifferenzierte Anwendung der Regelung auf alle Sparten plant, sondern im Bereich der Komposit- und privaten Krankenversicherung nach einer Frist von fünf Jahren nochmals prüfen will, ob eine solche Offenlegungspflicht überhaupt sinnvoll und erforderlich ist.
     
    Aus unserer Sicht wäre die Offenlegung der Provision für den Kunden ohnehin nicht zielführend, da er diese Produkte allein schon anhand des Umfangs des Versicherungsschutzes und der dafür zu zahlenden Prämie sehr gut beurteilen und vergleichen kann.
  • Erstinformation des Kunden / Vermeidung von Interessenkonflikten

    Die Europäische Kommission schlägt auch eine umfassende Offenlegung von Vermittlerinformationen gegenüber dem Kunden vor. Diese ist hierzulande zum größten Teil schon heute Pflicht. Ein Vermittler in Deutschland muss den Kunden heute über seine Person und seinen Status informieren. Er muss insbesondere offenlegen, für welchen Anbieter er arbeitet, ob er im Auftrag eines oder mehrerer Anbieter oder als Makler im Auftrag des Kunden tätig ist.
     
    Die nun von der Europäischen Kommission vorgeschlagene – ergänzende – Information, ob der Vermittler per Honorar, Provision oder Courtage (d.h. vom Versicherungskunden oder vom Versicherer) vergütet wird, könnte für den Kunden durchaus sinnvoll sein, um sich ein vollständiges Bild vom Vermittler zu machen.
  • Geltungsbereich der künftigen EU-Vermittlerrichtlinie

    Die EU-Vermittlerrichtlinie soll laut dem Vorschlag der Europäischen Kommission künftig nicht nur für selbständige, sondern auch für angestellte Vermittler, Versicherungsunternehmen und weitere Vertriebe wie zum Beispiel Vergleichsportale gelten. Diese Ausweitung des Geltungsbereiches spiegelt zum großen Teil die bereits gängige Praxis in der deutschen Versicherungswirtschaft wider. So unterliegen Versicherungsunternehmen schon heute umfangreichen Informationspflichten; Angestellte von Versicherungsunternehmen sind beispielsweise durch den Manteltarifvertrag der Versicherungswirtschaft in die hohen Qualifikationsanforderungen der Branche eingebunden.
     
    Eine undifferenzierte Ausweitung der bestehenden Vertriebsregeln auf Direktvertriebe sehen wir dagegen kritisch. Die Besonderheiten dieses Vertriebsmodells, bei dem der Kunde bewusst auf eine Beratung verzichtet, müssten in jedem Fall berücksichtigt werden.
  • “Versicherungs-PRIPs”

    Das Ziel der Europäischen Kommission, durch die Erweiterung der Informationspflichten auf alle Finanzprodukte ein hohes Verbraucherschutzniveau sicherzustellen, unterstützen wir. Für den Vertrieb von Lebensversicherungsprodukten gelten ja schon heute umfangreiche Informations- und Beratungspflichten.
     
    Kritisch sehen wir jedoch den Anwendungsbereich der PRIPs-Verordnung. Der Definition der Europäischen Kommission von PRIPs zufolge würden in Deutschland klassische und fondsgebundene Renten- und Lebensversicherungen künftig wie Investmentprodukte behandelt. Für diese Produkte sollen künftig besondere einheitliche Informationspflichten gelten (Key Information Document, KID). Diese wurden speziell für Investmentprodukte entwickelt und bilden zentrale Eigenschaften von Versicherungsprodukten wie z.B. die Absicherung von Lebensrisiken und die Glättung der Risiken über die Zeit über gemeinschaftliche Kapitalanlagen und Risikopuffer nicht ab. Kurz: Durch die Brille eines auf Investmentfondsregulierung ausgerichteten Informationskonzeptes würden zentrale Produktcharakteristika von Versicherungen künftig nicht mehr adäquat dargestellt.
     
    Letztlich würden Produkte über einen Kamm geschoren, die de facto nicht vergleichbar sind: Während beispielsweise Terminkontrakte oder Rohstoffzertifikate der kurzfristigen Spekulation dienen, werden Lebensversicherungen zur Absicherung von Hinterbliebenen und zum langfristigen Aufbau der privaten Altersvorsorge abgeschlossen. Bei so grundverschiedenen Produkten wie Vorsorgeprodukten auf der einen und Spekulationsprodukten auf der anderen Seite würde jede erzwungene „Gleichmacherei“ der Verbraucherinformation das Gegenteil von Klarheit und Verständlichkeit bewirken.
     
    Die vorgeschlagene Definition der PRIPs würde auch zu einer künstlichen „Aufspaltung“ der in Deutschland bisher einheitlichen Informationspflichten für Versicherungsprodukte führen: Für Versicherungs-PRIPs würden künftig andere oder zusätzliche Offenlegungspflichten gelten als für die meisten anderen Versicherungsprodukte wie zum Beispiel die betriebliche Altersvorsorge, Risikolebensversicherungen oder Schadenversicherungen. Dies kann nicht im Sinne des Kunden sein, für den die neuen Regeln eine höhere Transparenz und Verständlichkeit bringen sollen.

 
Update (31.08.2012): Die vollständige GDV-Stellungnahme zur EU-Vermittlerrichtlinie (IMD 2)
 
Update (22.08.2012): Die vollständige GDV-Stellungnahme zur PRIPs-Verordnung