10.07.2012
Training im Kreißsaal

Baby-Glück

Mit Unterstützung des GDV werden zurzeit bayerische Geburtshilfe-Teams in Kreißsälen geschult, um Geburtsschäden künftig zu vermeiden. Eine zentrale Rolle spielt dabei eine lebensechte Kunststoffpuppe.

Sie kann schreien, sie kann jammern und ein Kind gebären. „Eine Wahnsinnspuppe“, sagt Ingeborg Singer vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung in Bayern. „Aber in Wirklichkeit ist das natürlich ein Hochleistungscomputer“, erklärt Singer. Sie leitet das Projekt „SimParTeam“, ein Kreißsaaltraining für Geburtshelfer, Ärzte und Hebammen, das im Sommer in sieben Krankenhäusern in Bayern an den Start gehen soll. Und im Mittelpunkt: Die „SimMom“, ein interaktiver Geburtssimulator, den die norwegische Firma Laerdal herstellt und für Simulationstrainings anbietet. Die SimMom ist lebensgroß, atmet, hat einen Herzschlag, kann ein Kind gebären, bluten und sprechen. Sie kann sogar einen Krampfanfall simulieren.

Training unter Realbedingungen
Das Besondere am Simulationstraining in Bayern: Alle Berufsgruppen, die an einem Notfall im Kreißsaal beteiligt sein können, nehmen daran teil. „So etwas Fachübergreifendes gibt es bisher praktisch nicht“, sagt Singer. Eine weitere Besonderheit: Ganz anders als andere Fortbildungen finden die Trainings vor Ort in den echten Kreißsälen der Teilnehmer statt. In ihrem alltäglichen Arbeitsumfeld kennen sich die Teilnehmer aus, wissen, wo sich Instrumente, Medikamente und Verbandsmaterialien befinden und müssen nicht in eigens eingerichteten, unbekannten Übungsräumen trainieren. „Wir wollen so mehr als 200 Hebammen, Ärzte und Pfleger von München bis Schweinfurt, von Eggenfelden bis Amberg schulen.“

GDV POSITION
Die Risiken für Mutter und Kind sind bei einer Geburt groß – deshalb ist es gut, Notfälle zu simulieren und zu trainieren, um im Ernstfall gewappnet zu sein.

Notfälle in Kreißsälen können dramatisch enden, sind aber zum Glück ziemlich selten. So selten, dass die herbeigerufenen Fachleute – neben Hebammen und Gynäkologen auch Anästhesisten und Kinderärzte – mitunter aneinander vorbeireden. „Sie kommen aus den verschiedensten Arbeitsabläufen und pflegen auch unterschiedlich miteinander umzugehen“, sagt Ingeborg Singer.

Große Risiken bei Komplikationen
Unter Stress muss die Organisation schnell stehen: Wer führt das Team in der Notfallsituation oder kommt das Team ohne Führung aus? „Unser Training hilft den Teilnehmern, ihre Aufmerksamkeit auf das Wohl von Mutter und Kind und auf die neue Teamsituation zu konzentrieren.“ Denn die Risiken für Mutter und Kind sind bei Komplikationen groß: Erhält zum Beispiel das Hirn eines Neugeborenen zu wenig Sauerstoff, steigt minütlich das Risiko, dass das Kind bleibende Hirnschäden davonträgt. „Jede schiefgelaufene Geburt ist eine zu viel“, so Singer.

Während des Trainings wird das Geschehen per Video in einen Nebenraum übertragen, in dem weitere Teilnehmer das Szenario verfolgen. Zusammen mit den Videoaufnahmen werden die Abläufe anschließend im Plenum besprochen und bewertet. „Bisher hat wirklich jeder von dem Training und der Auswertung profitiert“, sagt Singer.

Viele Unterstützer, ein Ziel
Das Projekt entstand nach einer Auswertung der Arbeitsgemeinschaft „Behandlungsfehlerregister“ des Aktionsbündnis’ Patientensicherheit. Das Aktionsbündnis setzt sich für eine sichere Gesundheitsversorgung ein und erforscht, entwickelt und verbreitet entsprechende Methoden. Träger des SimParTeam-Projekts sind neben dem Aktionsbündnis: die AOK, die Gesellschaften für Gynäkologie und Geburtshilfe, für Perinatale Medizin, für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin, die Universitäten in München und Tübingen, der Deutsche Hebammenverband und die Versicherungskammer Bayern.

Und auch der GDV hat das Projekt mit einer Spende von 10.000 Euro unterstützt. „So ein Projekt ist uns höchst willkommen“, sagt Nils Hellberg, der beim GDV unter anderem für Haftpflichtversicherungen zuständig ist. „Die Kreißsaal-Teams wollen und sollen alles tun, was schadenverhütend wirkt. Denn gerade Personenschäden sind tragisch und teuer.“ Schmerzensgelder für schwere Geburtsschäden können bis zu 600.000 Euro hoch sein. Ein Geburtsschaden kostet einen Versicherer oft mehrere Millionen Euro. Der größte Einzelschaden, den Hellberg in einer Untersuchung von Personenschäden im Heilwesen 2010 herausgefunden hat, betrug sogar fast 15 Millionen Euro.

Singers Erfahrungen bisher zeigen: „Es wirkt, Notfallsituationen zu üben.“ Vor allem mit den wie in der realen Praxis zusammengesetzten Teams. Für die Zukunft sagt Singer voraus, dass es solche Trainings nicht nur für den Kreißsaal geben wird. „Auch in der Notaufnahme müssen Ärzte unterschiedlicher Disziplinen unter Stress zusammenarbeiten.“ SimParTeam wird am Ende der Projektphase evaluiert, und Singer ist sich sicher, dass die Trainings danach deutschlandweit angeboten werden.

Marcel Roth ist Journalist in Berlin und Magdeburg.

Ansprechpartnerin:
Katrin Rüter
Tel. 030/20 20-51 19
k.rueter@gdv.de

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