18.05.2012
Kinderunfälle

Messer, Gabel, Schere, Licht…

… waren früher die Hauptgefahren für Kinder. Heute müssen sich Eltern auf andere Risiken einstellen. Doch was kann man tun, um Unfälle von Kindern zu vermeiden?

Der von Franz ist blau, mit Robotern und Ufos drauf. „Aufsetzen, aufsetzen“, johlt der Zweijährige. Kurz darauf tobt er mit seinem Fahrradhelm auf dem Kopf durchs Wohnzimmer. Im Garten der Erdgeschosswohnung in Erlangen blühen die ersten Tulpen, bald beginnt die Fahrradsaison, darum haben Carolin und Norman Lizurek, die Eltern von Franz, die Helme aus dem Schrank geholt, „mal schauen, ob die noch okay sind.“

Die Lizureks haben drei Kinder, macht also drei Fahrradhelme: Die älteste Schwester von Franz heißt Lara, ihr Helm ist lila mit roten Blumen. Marie, neun, hat einen weißen Helm, auf dem – passend zu ihrem Vornamen – Marienkäfer aufgedruckt sind. „Sieht gut aus“, sagt Vater Lizurek, „die Helme halten locker noch einen Sommer.“ Franz nutzt derweil das Sofa als Trampolin. Es sieht ein bisschen so aus, als würden die Ufos auf seinem Helm gleich abheben. „Unser Franz ist ein Energiebündel, der fetzt mit seinem Laufrad über jedes Hindernis – da könnte er sich ohne Helm schon ziemlich wehtun“, sagt Carolin Lizurek, die Mutter.

Wieviel Sicherheit brauchen Kinder?
Als sie den Helm von Franz mal vergessen hatte und ihr Sohn ohne Kopfschutz am Spielplatz vorbeiradelte, wurde sie von anderen Eltern behandelt wie eine Aussätzige: „Eine Mutter hat mich entgeistert gefragt, ob mir die Gesundheit meines Kindes denn gar nichts bedeute.“ Über kaum etwas können sich Eltern so leidenschaftlich streiten wie über das richtige Maß an Sicherheit für ihre Kinder: Muss wirklich jede Kante im Haus wattiert werden? Sollte man Herdplatten großräumig absperren wie eine frisch ausgebuddelte Fliegerbombe? Und warum ist ein Helm beim Fahrradfahren üblich, aber beim Herumtollen im Hof nicht?

GDV Position
Das beste Rezept gegen Kinderunfälle ist Prävention. Eltern sollten ihr Zuhause so sicher wie möglich gestalten – und ihren Kindern erklären, wie sich Gefahren vermeiden lassen. Wer im Schadensfall abgesichert sein will, sollte über eine Kinderunfallversicherung nachdenken – die haftet auch dort für Unfälle, wo sie am häufigsten passieren: zu Hause und in der Freizeit.

Weil sich solche Fragen nicht so einfach beantworten lassen, kaufen manche besorgten Eltern vorsichtshalber die Schutzkleidungsabteilungen der Sportgeschäfte leer: Knieschoner, Rückenprotektoren und  – natürlich – Helme in Kindergröße sind begehrt wie nie. Zur Skisaison berichten Händler von Lieferengpässen. Und selbst für die Sicherheit der Allerkleinsten gibt’s ein Arsenal an Hochleistungsgeräten: Ein Babyfon mit Nachtsichtkamera und Bewegungssensor ist für 300 Euro zu haben. „So gut war früher nicht einmal die Mona Lisa gesichert“, scherzt ein Verkäufer. Es scheint, als wollten manche Eltern ihre Kinder behandeln wie empfindliche Kunstwerke.

“Jeder Unfall ist einer zu viel”
Andreas Fenske vom Unfallopfer-Hilfswerk hat eine Erklärung dafür: Eltern bekommen immer später Kinder, die meisten Mütter sind bei der ersten Geburt über dreißig. „In dem Alter macht man sich eben mehr Sorgen als mit zwanzig“, sagt Fenske. Das gesteigerte Sicherheitsdenken findet er eigentlich gut, „denn jeder Unfall ist einer zu viel“. Aber leider ziehen Eltern oft die falschen Schlüsse: „Statt besser aufzupassen und ihre Kinder auf Gefahren vorzubereiten, kaufen Eltern jede Menge Kram, nur um ihr Gewissen zu beruhigen.“ Vierjährige, die zum ersten Mal auf Skiern stehen, müsse man nicht ausrüsten wie Slalomweltmeister. Man solle sich lieber die Zeit nehmen, auf flachen Hängen mit ihnen zu üben.

Es gibt, grob gesagt, zwei Extreme, wenn es um das Sicherheitsbedürfnis von Eltern geht. Auf der einen Seite stehen diejenigen, für die der Alltag eine einzige Bedrohung ist – dem alten Spruch „Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht“ könnten solche Eltern locker noch Dutzende Gefahrenquellen hinzudichten, vom scharfkantigen Schrank bis zur ungesicherten Blumenvase. Und dann gibt es Eltern, die über den Sicherheitswahn schimpfen: Früher, als ein hinterhergerufenes „Pass auf dich auf, ja?!“ die einzige Vorsichtsmaßnahme war, seien die Kinder doch auch über die Runden gekommen.

Kontrollwahn vs. Sicherheitsbedürfnis
Für solche Eltern ist der ganze Security-Schnickschnack Zeichen überbordenden Kontrollwahns, der Kinder zu Angsthasen erzieht. Familie Lizurek versucht einen Mittelweg: „Ein aufgeschürftes Knie kommt halt mal vor, das werden unsere Kinder schon überleben.“ Aber im Straßenverkehr gilt bei ihnen die Regel: Lieber zu viel Sicherheit als zu wenig. „Als Kinder sind wir früher ohne Helm und Licht mit dem Fahrrad durch die Gegend geheizt“, sagt Norman Lizurek, „das würde ich meinen Kindern heute nicht mehr erlauben.“

Kaum ein Thema ist bei Eltern so emotional besetzt wie das Risiko von Kinderunfällen – dabei  sind deren genaue Ursachen in Deutschland bisher nicht ausreichend erforscht. Thomas Lämmrich, beim GDV zuständig für Unfallversicherungen, sagt: „Eltern haben im Allgemeinen ein sehr hohes Risikobewusstsein, aber auch einen hohen Aufklärungsbedarf.“ Darum hat der GDV zusammen mit der Gesellschaft für Konsumforschung eine Studie in Auftrag ge-geben, die mehr als 300 Eltern zu Unfallgefahren und Sicherheitsbedürfnissen befragt hat. Sie ist eine der wenigen Untersuchungen zu diesem Thema, in denen die Sicht der Eltern im Vordergrund steht, und die Ergebnisse haben auch den Experten überrascht: „Die meisten Eltern schätzen die Gefahren völlig falsch ein.“ Drei Viertel der Befragten sehen im Straßenverkehr die größte Bedrohung, „dabei hat die Studie ergeben, dass 60 Prozent der Unfälle zu Hause und in der Freizeit passieren.“ Nur jeder achte Unfall hat etwas mit dem Straßenverkehr zu tun – selbst in Kindergärten und Kitas passiert mehr.

Die gute alte Zeit – viel zu gefährlich
Moment mal. Heißt das, dass sich der ganze Aufwand um Kindersitze, Fahrradhelme und Reflektoren gar nicht lohnt? „So einfach ist es nicht“, sagt Stefanie Märzheuser. Die Kinderchirurgin von der Berliner Charité kümmert sich seit mehr als 15 Jahren um junge Unfallopfer und berät Eltern, wie sich Unfälle vermeiden lassen. „Natürlich ist es wichtig, dass Erwachsene im Straßenverkehr besonders auf Kinder aufpassen – aber da passieren Gott sei Dank immer weniger Unfälle.“ Das Argument, dass frühere Generationen auch ohne Helm und Gurt unterwegs waren, lässt sie nicht gelten: „Die angeblich gute alte Zeit war viel zu gefährlich – die heutigen Eltern verklären das gern.“

Fahren ohne Sicherheitsgurt und Kindersitz? Ein Wahnsinn. Zudem können ja auch nur die berichten, denen damals nichts Schlimmes passiert ist – „die anderen sind ja nicht mehr am Leben“. Die Statistik gibt der Ärztin recht: Seit Gurte und Kindersitze in Deutschland vorgeschrieben sind, ist die Zahl der Toten und Verletzten deutlich zurückgegangen. Noch vor zehn Jahren sind mehr als doppelt so viele Kinder im Straßenverkehr gestorben wie heute. 

Viele Unfälle im Haushalt lassen sich leicht vermeiden
Weil die Studie des GDV zeigt, dass die meisten Unfälle im Haushalt passieren, müsse man dort viel aufmerksamer sein, sagt Märzheuser. Sie hat täglich mit Unfällen zu tun, die sich leicht vermeiden ließen.

„Erst letzte Nacht musste ich ein Kind operieren, das aus dem fünften Stock gefallen war.“ Die Eltern hatten die Fenster nicht gesichert, „obwohl so eine Kindersicherung nur fünf Euro kostet“. Ergebnis: ein Polytrauma, gebrochener Oberschenkel, Milzriss. Und das war noch ein Glücksfall, die Wunden werden heilen – „der Kleine hätte auch tot sein können“.

Dem Kind ist kein Vorwurf zu machen: Es sieht ein Fenster und erkennt ein Abenteuer. Dass es hinter der Glasscheibe steil nach unten geht, können Kinder oft noch nicht richtig sehen – ihrer Wahrnehmung fehlt es an Tiefenschärfe. Und genau das ist einer der Gründe, warum es so viele Unfälle im Haushalt gibt: Die eigenen vier Wände sind – im Gegensatz zu anderen Orten, an denen Kinder sich aufhalten – nicht auf die Wahrnehmung und das Verhalten von Kindern abgestimmt.

Jede Schaukel muss zum TÜV – die eigene Wohnung nicht
Im Kindergarten, in der Schule oder auf dem Spielplatz gibt es strenge Richtlinien und Kontrollen, jede Schaukel muss regelmäßig zum TÜV. „Nur das eigene Zuhause ist oft nicht ausreichend gesichert“, sagt Thomas Lämmrich vom GDV. Die meisten Unfälle sind laut Statistik Stürze – aus dem Hochbett, vom Wickeltisch oder die Treppe hinunter. Noch dazu ist der Kopf der am häufigsten betroffene Körperteil. Und dagegen lässt sich leicht etwas unternehmen, sagt Lämmrich: „Treppengitter sehen vielleicht nicht schön aus, können aber schlimme Unfälle verhindern.“ Und gerade bei kleinen Kindern – auch das zeigt die Untersuchung – ist die Gefahr groß, dass sie jede Sicherheitslücke ausnutzen: 20 Prozent der Kinder sind zum Unfallzeitpunkt jünger als drei Jahre. Hier besonders häufig: Vergiftungen. „In dem Alter stecken sie sich alles in den Mund – auch das ätzende Backofenspray“, sagt Stefanie Märzheuser, die Kinderchirurgin von der Charité.

Auch Franz, der kleine Sohn der Familie Lizurek, hat schon mal eine Flasche Glasreiniger zum Spielzeug umfunktioniert. „Zum Glück hat er nichts davon getrunken“, sagt sein Vater, „aber passiert ist trotzdem was.“ Er zeigt auf das leere Sideboard gegenüber der grauen Filzcouch: „Da stand vor Kurzem noch ein Fernseher“, erzählt er und muss sich das Lachen verkneifen, „aber dann kam Franz auf die Idee, den Bildschirm so lange mit Glasreiniger anzusprühen, bis die Elektronik ihren Geist aufgegeben hat.“ Wie Franz an den Reiniger gekommen ist, kann sich sein Vater bis heute nicht erklären – aber seitdem ist der Schrank mit dem Putzzeug fest verschlossen.

Unfälle bewirken einen Lerneffekt bei den Eltern
Eine typische Erfahrung, erklärt der Versicherungsexperte Thomas Lämmrich: „Viele Fehler macht man eben nur einmal.“ Auch das wird in der GDV-Studie deutlich – die meisten Kinder haben nur einen Unfall, aber danach keinen zweiten mehr. Lämmrich spricht von einem Lerneffekt der Eltern. Wenn einmal etwas passiert ist, ist man eben vorsichtiger. Und das gilt auch für Fehler, die Eltern früher selbst gemacht haben: Bei Familie Lizurek sind alle Steckdosen mit einer Kindersicherung geschützt, weil Vater Norman als Jugendlicher gern an elektrischen Bausätzen herumlötete – und sich den einen oder anderen Stromschlag geholt hat. „Das würde ich meinen Kindern gern ersparen“, sagt er.

Wenn man sich mit Familie Lizurek über die Sorgen um ihre Kinder unterhält, erzählen sie meist nur von ihrem Sohn – dabei haben sie ja auch zwei Töchter, die neunjährige Marie und die zwölfjährige Lara. Laut GDV-Statistik haben Mädchen ein deutlich geringeres Unfallrisiko als Jungs. „Stimmt schon“, sagt Norman Lizurek, und seine Frau Carolin fügt hinzu: „Unsere Mädels sind einfach weniger risikofreudig.“ Bei Gartenfesten haben Marie und Lara auch schon als Kleinkinder meistens ruhig vor sich hin gespielt, während der kleine Franz schnurstracks in Richtung Teich marschiert und am liebsten in jedes Wasser springen würde. „Da kennt er überhaupt keine Angst“, sagt seine Mutter, und man sieht ihr an, dass sie sich ein bisschen darüber freut, dass ihr Franz so ein niedliches Energiebündel ist.

Eltern müssen Vorbilder sein 
Weil Kinder eben sehr unterschiedlich sind, gibt es kein Patentrezept, sie vor Unfällen zu schützen. Trotzdem können sich die Experten auf ein paar einfache Regeln einigen: Kinder müssen früh lernen, dass ihr Handeln Konsequenzen hat. Und dafür brauchen sie Eltern, die mit gutem Beispiel vorangehen. Andreas Fenske vom Unfallopfer-Hilfswerk findet es „unverantwortlich“, wenn Eltern selbst keinen Fahrradhelm  tragen – aber ihren Kindern erklären, dass so ein Helm trotzdem wichtig sei: „Viele Eltern messen mit zweierlei Maß – sie würden ihre Kinder am liebsten in Watte packen, sind aber selbst kein gutes Vorbild.“ Das passt nicht zusammen, findet er: „Wie sollen die Kinder denn dann lernen, was richtig ist und was falsch?“

Die Kinderchirurgin Stefanie Märzheuser will den Schutz nicht allein den Eltern überlassen und hat eine andere Taktik: Sie bringt Kinder dazu, aus eigenem Antrieb auf sich aufzupassen. Fährt ein Kind ohne Helm Fahrrad, ist ihre erste Frage: „Willst du ein dummes oder ein schlaues Kind sein?“ – um dann zu erklären: „Nur wer einen klugen Kopf hat, muss ihn auch schützen.“ Funktioniert fast immer, sagt sie. Und von Eltern erwartet die Ärztin, dass sie nicht zu ängstlich sind: „Man muss Kindern eine Gefahrerfahrung erlauben“ – sonst können sie nie einschätzen, warum ein Sprung vom Drei-meterbrett in Ordnung ist, aber ein Sprung in einen möglicherweise seichten Fluss gefährlich. Risikokompetenz nennt die Ärztin das. Und trotz aller berechtigten Sorge um das Wohl der Kinder findet sie: Die Lizureks haben recht, wenn sie sagen, dass ein blauer Fleck oder ein aufgeschürftes Knie eben dazugehört. Anderen Eltern, die zur Übervorsicht neigen, gibt die Kinderchirurgin einen Tipp: „Kinder sind recht robust – nur weil sie aussehen wie aus Marzipan, muss man sie nicht auch so behandeln.“

Till Krause und Alex Stefanidis sind freie Journalisten in München.

Ansprechpartnerin:
Katrin Rüter
Tel. 030/20 20-51 19
k.rueter@gdv.de

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