18.05.2012
Interview

„Im Jahr 2030 wird jeder dritte Chef eine Frau sein”

Er hat Begriffe geprägt wie Freizeitstress, Junge Alte oder Generation@, er ist Deutschlands bekanntester Zukunftswissenschaftler: Professor Horst Opaschowski über den Erfolg der Piratenpartei, die neue Mitmachgesellschaft und 70-Jährige, die freiwillig arbeiten wollen.

ZUR PERSON:
Prof. Dr. Horst Opaschowski, 71, wurde 1941 in Beuthen, Oberschlesien, geboren. 1968 promovierte er an der Universität Köln, 1975 erhielt er eine Professur für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg, die er bis 2006 ausfüllte. Bereits 1979 gründete er das über die Landesgrenzen hinaus bekannte BAT Freizeit-Forschungsinstitut, dessen wissenschaftlicher Leiter er bis 2007 war. In den vergangenen 40 Jahren hat sich Opaschowski als Zukunftswissenschaftler international einen Namen gemacht. Die Süddeutsche Zeitung nannte ihn „eine unumstößliche Größe in der Zukunftsforschung“, die Rheinische Post gar den „Zukunftspapst“. 2010 wurde Opaschowski das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Seit 2003 ist er Kuratoriumsmitglied der Landesinitiative „Hamburg engagiert sich“, im Jahr 2009 gründete er die „Helferbörse“ im Mehrgenerationenhaus „brügge“ in Hamburg. Opaschowski hat zwei Kinder und fünf Enkel.

Positionen: Herr Professor Opaschowski, Sie sind Deutschlanfs bekanntester Zukunftsforscher. Mit Verlaub – was macht ein Zukunftsforscher wie Sie den lieben langen Tag? 
Prof. Dr. Horst Opaschowski: Ich führe repräsentative Studien durch und erstelle Gegenwartsaufnahmen, die aber für mich, das gebe ich gern zu, langweilig sind, weil sie ja nur den Status quo beschreiben. Faszinierend wird meine Arbeit erst durch Fragen, die ich mir täglich stelle: Was hat sich im Vergleich zur Vergangenheit verändert? Wohin entwickeln wir uns als Gesellschaft? Welche Folgen hat der ermittelte Status quo, wenn alles so bleibt, wie es ist? Was passiert, wenn wir gegensteuern und Dinge verändern?

Zugegeben, Ihre Erfolgsquote ist erstaunlich: Seit mehr als 30 Jahren analysieren Sie das Leben der Deutschen und haben zum Beispiel schon 1994 prophezeit, dass sich die sogenannte New Economy als Luftblase entpuppen wird. Ihre Prophezeiung trat um die Jahrtausendwende schließlich ein.
Ja, damals wurde ich belächelt. Vergessen Sie nicht: Die New Economy galt als Keimzelle eines neuen Wirtschaftswunders. Meine Voraussage richtete sich also – wie so oft – gegen den Zeitgeist. Ich war und bin aber auch immer bereit, für meine Voraussagen den Kopf hinzuhalten.

Sie haben neben kühnen Prognosen auch Begriffe geprägt wie Freizeitstress oder Generation@, die heute zu unserem Wortschatz gehören. Wir leben im Jahr 2012 – welchen Begriff halten Sie heute für uns parat?
Die neue Mitmachgesellschaft.

Was verbirgt sich dahinter?
Denken Sie an die neuen Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung, Stichwort: direkte Demokratie. Seit Langem beobachte ich, wie sich bei den Bürgern in Deutschland eine Erkenntnis immer stärker durchsetzt. Diese Erkenntnis lautet: Wir wollen eine bessere Gesellschaft. Aber mit dem Zusatz: Wir wollen und werden auch mithelfen, eine bessere Gesellschaft zu schaffen.

Woher rührt diese Erkenntnis?
Aus der Überzeugung heraus, dass die Politiker es allein nicht mehr packen. Unsere Politiker gestehen es sich ja in Talkshows selbst ein, dass sie damit überfordert sind, das große Ganze im Auge zu behalten. Sie fühlen sich nur noch zuständig für Teilaspekte unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Und weil sich die Politiker überfordert fühlen, sind die Bürger selbst gefordert.

Welche Folgen resultieren für die Zukunft daraus?
Die neue Mitmachgesellschaft wird auf lange Sicht die Politik und die Parteienlandschaft verändern. Die Piratenpartei ist eine erste Antwort darauf. Es ist interessanterweise die Mitte der Gesellschaft, die rebelliert. Also jene Schicht, die Angst hat, einen Teil des bereits erarbeiteten Wohlstands wieder zu verlieren und ins sogenannte Prekariat abzurutschen. Die breite Mitte bröckelt, sie wird unruhig und unzufrieden.

Dennoch hat sich bisher keine breite Front gegen unser politisches System gebildet.
Das stimmt. Aber überraschend ist auch, dass etwa gerade die junge Generation nicht in Lethargie oder Pessimismus verfällt. Das belegt auch die Bibel der Jugendforschung, die Shell Jugendstudie. Über Jahre entwickelt sich nun eine Generation, die illusionslos optimistisch ist. Diese Generation weiß um die Probleme: Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Umweltkrise, Bildungskrise. Aber sie richtet sich dennoch auf ein gutes Leben ein und will das Beste daraus machen. Sie ist sich dabei bewusst, dass der Individualismus der Neunzigerjahre seinen Zenit überschritten hat. Die Formel „Verwirkliche dich selbst“ ist passé. Jeder weiß: Erst gemeinsam mit anderen kann ich meine persönlichen Ziele erreichen.

Schaut man auf die jüngste Vergangenheit zurück, hat man den Eindruck, dass sich die Menschen lose in verschiedenen Projekten engagieren. Einmal gehen sie auf die Straße, um gegen einen Bahnhof zu demonstrieren, dann sammeln sie sich unter dem Dach der „Occupy“-Bewegung, um auf die Finanzindustrie zu schimpfen, eine Woche später halten sie Plakate gegen das ACTA-Abkommen in die Höhe. Da stellt sich doch zwangsläufig die Frage: Zerfleddert unsere Gesellschaft?
Wir befinden uns im Moment sicher in einer Übergangsphase, die verunsichert. Niemand weiß genau, wohin die Reise letztlich geht.

Aber, Herr Opaschowski, Sie sind der Zukunftsforscher. Wenn Sie uns nicht sagen können, in welche Richtung sich unser Leben entwickelt, wer dann?
(lacht) Jetzt wollen Sie mich wohl festnageln, wie? Natürlich wäre es jetzt einfach zu sagen: Die Piraten werden eine ähnliche Entwicklung durchmachen wie die Grünen. Aber fest steht: Es findet ein Aufbruch in der Mitte statt. Allerdings ohne feste Ziele. Mir scheint es, als wäre das Aufkommen der Piraten eher eine Art Befreiungsaktion, um aus den festgefahrenen politischen Strukturen auszubrechen. Und auch wenn man es abstreitet: Die Piraten sind beides – eine Protest- und eine Nichtwähler-Bewegung.

Ihre Deutschland-Prognose für 2030 besteht gleich aus mehreren Ergebnissen. Das wichtigste ist wohl die Feststellung, dass die Babyboomer bald alle in Rente gehen. Sie sagen, das Renten-, Pflege- und Gesundheitssystem sei darauf nicht vorbereitet. Warum nicht?
Kaum ein Land sorgt momentan vor – auch Deutschland nicht. Das heißt, es werden keine finanziellen Rücklagen gebildet. Es ist eigentlich absurd. Denn jeder weiß: Die fetten Jahre sind vorbei.

Und jetzt kommen die mageren Jahre?
Nicht unbedingt. Nur: Vieles, was bisher unter staatliche Fürsorge fällt, wird in Zukunft privat geregelt werden müssen. Die neue Mitmach-gesellschaft bezieht sich nicht nur auf die Politik, sondern auch auf unser Zusammenleben. Stichwort Generationengerechtigkeit.

Wird es in Zukunft den viel beschworenen Kampf zwischen Jungen und Alten geben?
Nein, das ist die größte Legende, die seit Jahren im Umlauf ist. Wenn ich die Jungen und Alten in meinen Untersuchungen befrage, stelle ich zwischen den Generationen null Reibung fest. Wenn überhaupt ein Konfliktstoff besteht, dann der, dass die junge Generation es der Politik übelnimmt, dass sie nicht schon früher angemessen reagiert hat. Provokativ würde ich sagen: Verdoppeln Sie doch einfach heute die Renten, und es kommt alles den Jungen zugute.

Warum? Das müssen Sie erklären.
Die ältere Generation hat die Neigung, sich selbst ein Denkmal zu setzen. Sie will in der jüngeren Generation weiterleben. Das ist ein wesentliches Bedürfnis des Menschen.

Nicht alle Eltern wollen oder können ihren Kindern finanziell unter die Arme greifen.
Ich kann es Ihnen auch in Zahlen ausdrücken.

Bitte.
Meine Forschungen haben ergeben: Über 65-jährige Eltern leisten siebenmal so viel Geldzahlungen an ihre erwachsenen Kinder, wie sie je von diesen zurückbekommen werden. Dieser private Generationenpakt, wie ich ihn nenne, funktioniert einwandfrei. Hier findet keine Aufrechnung Jung gegen Alt statt.

George Bernard Shaw sagte einst: Alte Leute sind gefährlich; sie haben keine Angst vor der Zukunft. Sie sehen das nicht so?
Nein, keineswegs. Die Ansprüche an den Staat werden in Zukunft geringer werden, weil der Staat überfordert ist. Deshalb werden sich die Menschen generationsübergreifend selber helfen müssen. Zum Beispiel dadurch, dass die Jungen ihre Alten seltener in Altenheime abschieben, sondern wieder zu Hause pflegen oder andere Formen des Zusammenlebens erfinden, etwa Generationenhäuser oder Wohngemeinschaften für Ältere. Und noch etwas: Wo steht denn geschrieben, dass der Staat für meine Betreuung im Alter aufkommen soll? Die persönliche Zuwendung müssen wir schon selber leisten.

In der Bundesrepublik wird soziale Gerechtigkeit als ideelles Ziel aus dem Sozialstaatsgedanken des Artikels 20, Absatz 1 des Grundgesetzes abgeleitet. Dem Bürger soll eine existenzsichernde Teilhabe an den materiellen und geistigen Gütern der Gemeinschaft garantiert werden.
Sie zitieren das Grundgesetz, und so wird der Staat auch nur noch für die Grundversorgung seiner Bürger aufkommen. Alles, was jedoch über diese Grundversorgung hinausgeht, wird jeder für sich selbst regeln müssen. Das ist die Zukunft. Und diese Zukunft birgt nicht nur das Risiko einer Zweiklassengesellschaft – sie wird diese etablieren und zementieren.

Das wird vor allem auf dem Arbeitsmarkt sichtbar. Sie haben es vorhin angesprochen. Die Angst vor dem sozialen Abstieg grassiert.
Ja, neue Sicherheitssysteme werden geschaffen, vor allem im Nahmilieu. Wir werden das Comeback der Familie, die Entdeckung von Wahlverwandtschaften, die Renaissance der Nachbarschaft erleben. Es kommt ja auch nicht von ungefähr, dass der Spiegel das Thema „Heimat“ auf den Titel hebt. Er hätte auch über neues Nestgefühl schreiben können.

Sie sagen also, dass die alten Werte wie Ehe, Familie, Zusammenhalt definitiv zurückkehren werden?
Ja, das Zeitalter der „Ichlinge“ ist vorbei. Im Jahr 2030 kommt der zweite demografische Wandel, der dann aber anders aussieht. Ehe und Familie werden wieder hochgehalten, und auch die Geburtenrate wird wieder steigen.

1991 hatten Sie auch eine kühne Vision. Sie haben prophezeit, dass wir im Jahr 2001 nur noch vier Tage in der Woche arbeiten.
Ja, da lag ich wirklich einmal richtig daneben.

Heute ächzen Arbeitnehmer unter der Arbeitslast und dem Druck, immer mehr leisten, ständig erreichbar sein zu müssen.
Ich nenne dieses Phänomen: „Nie mehr Feierabend!“ Als ich vor 20 Jahren von der Viertagewoche schwärmte, befand ich mich in guter Gesellschaft. Die Gewerkschaften favorisierten noch die 35-Stunden-Woche. Wir waren auf bestem Weg, uns zu einer Urlaubsrepublik zu entwickeln.

Freizeitstress – das war eins Ihrer Worte aus den Neunzigerjahren, der Begriff von der Spaßgesellschaft machte die Runde. Das alles ist schnell verpufft. Wie wird unsere Arbeitswelt im Jahr 2030 aussehen?
Ich habe ja diese schlimme Formel „0,5 x 2 x 3“ geprägt. Das bedeutet: Nur noch die Hälfte der Arbeitnehmer wird voll beschäftigt sein. Diese Hälfte wird doppelt so viel verdienen, aber dreimal so viel leisten müssen.

Und was wird aus der anderen Hälfte der Arbeitnehmer?
Sie werden über Wanderarbeit, Teilzeitarbeit, Leiharbeit ihr Leben fristen, teilsweise auch mit zwei oder gar mehr Jobs gleichzeitig.

Sie nennen Ihre eigene Formel „schlimm“. Warum?
Weil ich auch vor führenden Wirtschaftsleuten spreche. Und wenn ich dann auf diese Formel komme, nicken einige und sagen: Das haben wir doch heute schon.

Inwiefern wird sich das Verhältnis Frauen–Männer in der Arbeitswelt verändern?
Die Wirtschaft wird mehr und auch besser ausgebildete Frauen brauchen, weil der Arbeitsmarkt ausgedünnt ist.

Es braucht also keine Frauenquote?
Eigentlich nein, allenfalls als Anstoß und Übergangslösung für den Moment. Aber über kurz oder lang werden sich Frauen immer stärker in hohen Positionen festsetzen. Ich bin sicher: Im Jahr 2030 wird jeder dritte Chef eine Frau sein!

Wie sieht es mit den älteren Arbeitnehmern in der Zukunft aus? Welche Entwicklungen kommen auf die Generation zu, die heute zwischen 45 und 55 Jahre alt ist?
Wir wissen alle, dass es in Zukunft an Arbeitnehmern mangeln wird, weil nicht genügend Junge nachkommen. Diese Lücke wird einerseits durch eine höhere Zuwanderung von Arbeitskräften gefüllt, andererseits werden die Älteren wieder stärker eingebunden. In der Vergangenheit war das Aussortieren der Älteren ja eine Verschleuderung von Talenten. Die Wirtschaft verlor ihr Langzeitgedächtnis. Man hat 58-Jährige in die Wüste geschickt, und die Jungen fingen wieder bei null an. Hinzu kommt auch: Ein 50-Jähriger leistet heute das, was früher ein 40-Jähriger geschafft hat. Das gilt auch für noch ältere Arbeitnehmer, also die 60- und 70-Jährigen.

70-Jährige?
Ja, meine politische Prognose für das künftige Renteneintrittsalter sieht so aus: Die erste Stufe ist die Rente mit 67, die zweite Stufe liegt bei 69 Jahren, die dritte Stufe kommt mit 70 Jahren, und die vierte Stufe, das sage ich Ihnen heute schon, wird lauten: flexible Altersgrenze. Jeder entscheidet selbst, wie lange er oder sie arbeitet.

Wie kommen Sie denn darauf, dass die Menschen freiwillig mit über 70 Jahren noch arbeiten wollen?
Aus drei Gründen. Erstens: Die Wirtschaft hat ein Interesse daran, dass Ältere länger beschäftigt bleiben. Zweitens: Die Menschen werden bis Ende dieses Jahrhunderts fast 90 Jahre alt werden. Da kann man nicht mehr als 55-Jähriger aussteigen und 40 Jahre mit Langeweile und Nichtstun verbringen. Die Menschen werden von sich aus sagen: Ich hänge noch ein paar Jahre dran, weil ich mich noch zu jung für die Rente fühle.

Und drittens?
Drittens werden die Menschen auch mehr Geld benötigen, um im Alter ihren Lebensstandard zu halten, weil ja auch Pflege und Betreuung immer teurer werden. Sie haben also ein existenzielles Interesse daran, länger im Berufsleben aktiv zu bleiben. Übrigens, meine Befragungen bestätigen diese Annahme: Schon heute wären drei Viertel aller Berufstätigen quer durch alle Schichten bereit, freiwillig länger zu arbeiten, wenn sie dadurch ihre Rente erhöhen, ihren Lebensstandard im Alter halten oder gar verbessern könnten. Das Fallbeil des Gesetzgebers ist dafür also gar nicht nötig.

Herr Opaschowski, erlauben Sie uns zum Schluss noch eine persönliche Frage. Sie kennen Ihre Frau seit der Schulzeit. Haben Sie ihr damals schon prophezeit, dass Sie beide ein Leben lang zusammenbleiben werden?
(lacht) Nein, das habe ich ihr nicht prophezeit.

Interview: Alex Stefanidis arbeitet als freier Journalist in München.

Ansprechpartnerin:
Katrin Rüter
Tel. 030 / 20 20 – 51 19
k.rueter@gdv.de

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