29.03.2012
Interview

“Deckungslücke von 600 Euro – im Schnitt”

Im Auftrag des GDV hat das Institut für Demoskopie in Allensbach eine repräsentative Studie zum Thema Altersvorsorge erstellt. Professor Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts, erläutert im Interview die Ergebnisse.

Allensbach-Studie zur Altersvorsorge

Professor Renate Köcher
Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach

Professor Renate Köcher, 59, wurde in Frankfurt am Main geboren und studierte in Mainz und München Volkswirtschaftslehre, Publizistik und Soziologie. 1985 promovierte sie zum Thema „Berufsethik von deutschen und britischen Journalisten“. Ab 1977 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Demoskopie Allensbach, dessen Geschäftsführung sie 1988 übernahm und bis heute innehat. 2003 wurde ihr der Professorentitel verliehen. Renate Köcher schreibt regelmäßig für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und sitzt unter anderem im Aufsichtsrat der Allianz AG, BASF AG, MAN AG und der Infineon Technologies AG.

 
Positionen: Frau Professor Köcher, Sie haben im Auftrag des GDV die Deutschen zu ihrer Altersvorsorge befragt – ein Thema, das viele Menschen verdrängen. War es schwer, Teilnehmer für Ihre Umfrage zu finden?

Renate Köcher: Nein. Die Deutschen reden durchaus freimütig und gern darüber.

Folgen den Worten auch Taten? Wie gut oder schlecht steht es um die Altersvorsorge in Deutschland?
Man sieht an den Ergebnissen der Untersuchung, dass sich viele Leute nur sehr sporadisch mit dem Thema auseinandersetzen.

Wie hoch ist der Anteil der Deutschen, die sich ernsthaft Sorgen machen, im Alter nicht genug Geld zur Verfügung zu haben?
Die Mehrheit erwartet, sich im Alter einschränken zu müssen. Nur 23 Prozent gehen davon aus, dass sie im Alter so leben können wie bisher. Entsprechend sind auch viele, nämlich 43 Prozent aller Bürger, überzeugt, dass sie bisher nur ungenügend für ihr Alter vorgesorgt haben.

Deutliche Zahlen. Zumal es nicht ganz leicht ist, exakt zu berechnen, was einem später einmal bleiben wird. Wussten die Befragten gut Bescheid, oder wurde da wild geraten?
Gut die Hälfte derjenigen, die bezweifeln, dass sie ihren aktuellen Lebensstandard im Alter halten können, konnte diese Deckungslücke konkret beziffern, mit durchschnittlich 600 Euro. Aber das heißt eben auch, dass knapp die Hälfte der Befragten sich nicht zutrauen abzuschätzen, wie viel Geld ihnen einmal fehlen wird.

Passen denn der Grad der Besorgnis und die Höhe der Versorgungslücke zusammen? Oder sehen die Deutschen das Problem zu locker?
Zurzeit gibt es keine Generation, die zufriedener ist als gerade die Rentnergeneration. In Zukunft wird es jedoch eine stärkere Spaltung geben: auf der einen Seite eine große und wachsende Gruppe, die im Alter durch Vermögen und Erbschaften sehr gut ausgestattet sein wird. Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine Schicht, für die es tatsächlich sehr knapp werden wird, weil sie künftige Preissteigerungen nicht abfedern kann. Diese Entwicklung hat man übrigens schon in den letzten Jahren gesehen. Die erheblichen Kostensteigerungen in den Bereichen Wohnung und Energie haben schon vielen Rentnern Probleme bereitet, und das wird in der Zukunft eher noch zunehmen.

Das Risiko der Altersarmut nimmt zu, aber das Interesse nimmt ab, nicht?
Die Bereitschaft, sich intensiv mit der eigenen Altersvorsorge auseinanderzusetzen, ist deutlich gesunken, wenn man sich das im Zehnjahresvergleich ansieht. So ist der Anteil derjenigen, die sich für das Thema überhaupt interessieren, von 63 auf nun 48 Prozent zurückgegangen – eine wirklich bemerkenswerte Veränderung.

Wie erklären Sie sich das?
Zum einen hat sich trotz Krisen wie dem Platzen der New-Economy-Blase, der Finanzmarktkrise von 2008 oder aktuell der Krise in der Eurozone die Wirtschaft in Deutschland in den letzten Jahrzehnten positiv entwickelt. Das kommt in Form von mehr Arbeitsplätzen und zunehmend auch Einkommenszuwächsen bei den Leuten an und beruhigt viele. Ein wachsender Anteil der Deutschen hat inzwischen auch Vermögenswerte angesammelt oder wohnt im eigenen Haus und geht davon aus, die eigene Immobilie bis zur Rente abbezahlt zu haben und dadurch entlastet zu werden. Die Sorge, sich gravierend einschränken zu müssen, wird damit etwas geringer.

Und andererseits?
Es sind auch die Sorgen zurückgegangen, dass die Garantien des Sozialstaats beschnitten werden könnten. Zwischen 2000 und 2005 hat diese Sorge angesichts der Sozialstaatsreformen eine große Rolle gespielt und die Menschen stärker motiviert, sich mit ihren eigenen Möglichkeiten der Altersvorsorge zu beschäftigen. Ein dritter Punkt, den man sehen muss, ist die Unsicherheit durch die Krise im Euroraum. Sie trägt dazu bei, dass sich die Menschen fragen: Kann man überhaupt noch langfristig planen? Wie sicher kann ich sein, dass ich später einmal bekomme, was ich heute einzahle?

Sinkt das Interesse an der Altersvorsorge quer durch alle Altersgruppen?
Ja, das ist so. Das Interesse an dem Thema ist aber auch in den verschiedenen Generationen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die mittlere Generation zwischen 30 und 60 Jahren ist überdurchschnittlich an dem Thema interessiert, während die über 60-Jährigen in der Regel sagen: Beeinflussen kann ich ohnehin nicht mehr viel. Die unter 30-Jährigen haben oft noch nur geringe Einkünfte – und zugleich eine Fülle von Dingen, für die sie ihr Geld auch gern ausgeben möchten: ein Auto, eine Wohnung, da steht die Altersvorsorge hintenan. Für unter 30-Jährige erscheint die Rente sehr weit weg – fast drei Viertel von ihnen haben sich in den letzten drei Jahren keine ernsthaften Gedanken darüber gemacht, wie sie ihren Lebensstandard im Alter halten und sichern wollen.

Haben Sie die Menschen gefragt, was passieren müsste, damit sie sich mehr Gedanken zu dem Thema machen? Was sie motivieren könnte?
Am mangelnden Informationsangebot liegt es sicher nicht. Das haben wir in einer früheren Untersuchung mal geprüft: Sobald die Befragten das Gefühl haben, jemand möchte ihnen ausführliche Informationen zukommen lassen, bekunden sie ein deutlich geringeres Interesse an Informationen als ohne dieses Angebot.

Was würden Sie empfehlen? Muss man den Menschen mehr Angst vor Altersarmut machen?
Ach nein. Den Menschen wird ohnehin schon zu viel Angst gemacht. Hilfreich ist auf alle Fälle eine qualifizierte persönliche Beratung. Wir haben beispielsweise im Allensbacher Institut für die Mitarbeiter eine Informationsveranstaltung zum Thema „Vorsorge im Alter“ gemacht – an die sich Einzelgespräche anschließen konnten. Wichtig ist auch, die Information viel stärker auf die individuelle Situation des Einzelnen zuzuschneiden. In manchen skandinavischen Ländern gibt es beispielsweise die Möglichkeit, dass sich der Einzelne detailliert nicht nur über die eigenen Rentenansprüche, sondern auch über die voraussichtlichen Einkünfte aus seiner privaten Vorsorge informiert. Damit bekommt man einen exakten Überblick, was das für die Situation im Alter konkret und in Euro ausgerechnet heißt. Solche personalisierten intelligenten Informationssysteme machen Sinn. Was aber bedeuten würde, dass wir in Deutschland stärker beim Sammeln der Daten kooperieren müssten.

Was Sie schildern, ist das Modell Dänemark, wie es etwa auch der GDV lobt: eine Informationsplattform, die es jedem Bürger per Mausklick ermöglicht, den Stand seiner gesetzlichen, betrieblichen und privaten Altersvorsorgeansprüche auf einen Blick zu erfahren.
Das erscheint mir sinnvoll.

Was an Ihren Umfrageergebnissen überrascht: Am größten ist das Interesse am Thema Rentenabsicherung ausgerechnet in Bayern, dem Bundesland, dem es im Vergleich wirtschaftlich am besten geht. Macht das für Sie Sinn?
Ja, durchaus. Weil es eine klare Korrelation gibt zwischen finanziellen Ressourcen und dem Interesse an der Altersvorsorge. Je mehr Geld die Leute zur Verfügung haben, desto mehr sind sie bereit, sich damit auseinanderzusetzen. Die oberen Schichten finden das Konzept der eigenverantwortlichen Altersvorsorge sehr einleuchtend und attraktiv, die Mittelschicht steht dem Gedanken der Eigenvorsorge durchaus positiv gegenüber, stößt aber teilweise an finanzielle Grenzen, während weite Teile der unteren sozialen Schichten sagen: Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht. Das mindert eben das Interesse, sich damit intensiver auseinanderzusetzen.

Laut Ihrer Umfrage steht die Altersvorsorge auf der Prioritätenliste der Deutschen auf Platz zehn. Wichtiger sind uns etwa der Urlaub, Kleidung, technische Geräte, Hobbys.
Nun, das sind eben Objekte der Begierde. Die Altersvorsorge ist eine Frage der Ratio, der Vernunft, daran kann man sich nicht so unmittelbar erfreuen wie etwa an einem schönen Auto oder Smartphone.

Wir könnten also alle mehr tun, wenn wir nur wollten oder uns der Ernst der Lage bewusster wäre?
Viele könnten mehr investieren, aber es gibt natürlich die Konkurrenz mit anderen Investitionen und Konsumwünschen.

Existieren immer noch starke Unterschiede zwischen Ost und West?
Im Osten gibt es eine höhere Arbeitslosigkeit, niedrigere Durchschnittseinkommen und vor allem weniger Vermögen und Vermögenseinkünfte, die investiert werden könnten.

Wir reden ja hier über die private, die zusätzliche Altersabsicherung. Sind die Deutschen mit den gesetzlich vorgeschriebenen Abgaben, also einer prinzipiellen Pflicht zur Altersvorsorge, einverstanden?
Durchaus, die staatliche Rente ist und bleibt für die Bürger die zentrale Säule ihrer Alterssicherung. Gleichzeitig ist die Mehrheit überzeugt, dass sich das heutige Rentenniveau zukünftig nicht wird halten lassen. Entsprechend geht die Mehrheit davon aus, dass die eigenverantwortliche Vorsorge an Bedeutung gewinnen wird. Aber die Einstellung zu einzelnen Vorsorgeprodukten verändert sich teilweise erheblich, wenn diese in eine kontroverse Diskussion geraten, wie beispielsweise die Riester-Rente. Über 40 Prozent der Bevölkerung haben in letzter Zeit Berichte über die Riester-Rente gesehen oder gelesen. Die meisten erinnern sich, dass der Tenor der Berichterstattung negativ war – mit gravierenden Auswirkungen: Vor drei Jahren waren lediglich 21 Prozent der Bürger überzeugt, dass sich die Riester-Rente nicht lohnt, jetzt sind es fast doppelt so viele.

In vielen Großstädten wie München steigen die Mieten und Immobilienpreise massiv an, die eigenen vier Wände gelten bei den Deutschen noch mehr als früher als sichere Altersvorsorge, oder?
Die Leute haben sehr klare Vorstellungen davon, welche Formen der Altersvorsorge künftig an Bedeutung gewinnen werden – und da steht das Wohneigentum an erster Stelle, gefolgt von der privaten und der betrieblichen Rentenversicherung. Am Ende stehen Aktien, die den Deutschen nach wie vor zu riskant und aus diesem Grund suspekt erscheinen.

Ist die Zeit der hohen Renditeerwartungen vorbei?
In Bezug auf die Altersvorsorge hatte die große Mehrheit noch nie sehr hohe Renditeerwartungen. Für die große Mehrheit hat Sicherheit absoluten Vorrang vor Rendite.

Ist Gold in den letzten Jahren eine populäre Altersvorsorge geworden?
Bei der großen Mehrheit der Bevölkerung spielt Gold nach wie vor keine große Rolle, auch wenn es aufgrund der derzeitigen Unsicherheiten mehr gefragt ist. Aber nur wenige sehen eine vernünf-tige Strategie für die Altersvorsorge darin, auf einem Haufen Gold zu sitzen à la Dagobert Duck in seinem Geldspeicher.

Wie sieht es mit Staatsanleihen aus?
Deutschen Staatsanleihen wird zumindest zurzeit vertraut, sollte sich da etwas ändern in Richtung gesamteuropäischer Haftung und Eurobonds, wird man sehen.

Gehen die Deutschen davon aus, dass sie länger arbeiten müssen?
Die große Mehrheit erwartet, dass sich die Lebensarbeitszeit verlängert. Auch wenn die meisten den Gedanken nicht sehr attraktiv finden, richtet man sich doch darauf ein.

Gehen viele Menschen davon aus, dass es für sie nie eine wirkliche Rentenzeit geben wird, sondern dass sie zeitlebens, solange es geht zumindest, etwas dazuverdienen müssen? Und sei es durch Zeitungaustragen?
Eine interessante Frage, die wir, glaube ich, noch gar nicht gestellt haben. Fast nicht zu glauben – bei einem Fragenarchiv in unserem Institut von rund 150.000 Fragen.

Welche Zukunftsängste plagen die Deutschen beim Thema Altersvorsorge am meisten? Die Eurokrise? Die Überalterung?
Da ist vor allem die Sorge, wie sich mittel- und langfristig die staatlichen Sicherheitsgarantien entwickeln werden. Die Bevölkerung weiß, was die Alterung der Gesellschaft für das Renten- und Gesundheitssystem bedeutet. Dazu kommen zurzeit andere Unsicherheitsfaktoren wie eben die Krise im Euroraum.

Wie unterscheiden sich Männer und Frauen? Spontan würde man vermuten, dass Frauen mehr auf Sicherheit bedacht sind. Stimmt das, oder ist das nur ein Klischee?
Im Allgemeinen stimmt es – beim Thema Geld allerdings ist die gesamte Bevölkerung sehr sicherheitsorientiert.

Ihre Befunde hören sich ziemlich alarmierend an. Teilen Sie dieses Fazit?
Ich würde sagen, es sind bemerkenswerte Ergebnisse, die zum Nachdenken Anlass geben. Alarmiert bin ich generell selten (lacht).
Marc Baumann und Alex Stefanidis arbeiten als freie Journalisten in München.

Mehr Informationen zur Studie finden Sie hier.

Ansprechpartner:
Katrin Rüter de Escobar
Tel.: 030 / 20 20 – 51 19
k.rueter@gdv.de