29.03.2012
Kfz-Gutachten

“Das müsste sich mal einer anschauen”

Jeder darf sich in Deutschland Kfz-Sachverständiger nennen. Gesetzlich geregelt ist das Berufsbild nicht. Gleichzeitig können sich die Honorare sehen lassen – das passt nicht, finden Versicherer.

Sein Aha-Erlebnis hatte Karsten Linke vor einigen Jahren. Jemand war ihm in sein geparktes Auto gefahren. Weil der Kotflügel beschädigt war, brachte Linke den Wagen in die Werkstatt. Nachdem der Annahmemeister erfahren hatte, dass es sich um einen Versicherungsschaden handelte, schlug er Linke vor, unbedingt einen Sachverständigen einzuschalten. „Als ich ablehnte, hat er mich ungläubig angeguckt“, sagt Linke, der als Referent für Kraftfahrtversicherung, Kfz-Technik und Statistik beim GDV arbeitet.

Wann immer es in Deutschland zu einem Autounfall kommt, sind Kfz-Sachverständige nicht weit. Rund 10.000 Freiberufler arbeiten in der Branche. Manche erfüllen zwar auch andere Aufgaben, die meisten verdienen ihr Geld aber mit Privatgutachten bei Unfällen. Geschädigte tun sich nämlich leicht, einen Sachverständigen einzuschalten. Sobald der Schaden die Bagatellgrenze überschreitet, muss der Versicherer des Schädigers zahlen.

Die Versicherer kommt diese Regelung teuer zu stehen. So kam es im Jahr 2010 zu 1,5 bis zwei Millionen Schadengutachten, für welche die Versicherungswirtschaft geschätzte 600 bis 800 Millionen Euro ausgab. Damit stellen die Sachverständigenhonorare den mit Abstand größten Posten bei den Sachfolgeschäden dar. Laut des Bundesverbands der freiberuflichen und unabhängigen Sachverständigen für das Kraftfahrzeugwesen (BVSK) wird fast jeder zweite Sachverständige von der Werkstatt hinzugezogen. Linke vermutet, dass dieses „enge Beziehungsgeflecht“ den Markt verzerre.

Hinzu kommt, dass viele Sachverständige nicht ausreichend qualifiziert sind. Der Gesetzgeber hat es versäumt, die Zugangsvoraussetzungen zu regeln. Der BVSK geht davon aus, dass nur die Hälfte aller Sachverständigen die vom Verband geforderten Voraussetzungen erfüllen – also entweder Diplomingenieure oder Kfz-Meister mit Zusatzqualifikation sind. „Die Gruppe der unqualifizierten Sachverständigen schreibt 20 bis 25 Prozent aller Gutachten“, sagt BVSK-Geschäftsführer Elmar Fuchs. Mithilfe von Kalkulationsprogrammen fällt es Laien heute leicht, Gutachten zu erstellen. „Dass an denen etwas nicht stimmt, merkt man erst auf den zweiten Blick“, sagt Rechtsanwalt Dierk Engelke. Außerdem kostet jedes Gutachten im Durchschnitt rund 410 Euro – zu viel, findet Engelke.

Der Mangel an gesetzlichen Regelungen ist umso bedenklicher, als sich Sachverständige in einem Spannungsfeld bewegen. Während Werkstätten daran gelegen ist, Reparaturkosten möglichst hoch anzusetzen, wollen Versicherer die Kosten möglichst gering halten. „Im Zweifel erkennt man einen guten Sachverständigen daran, dass er es keiner Seite recht macht“, sagt Michael Weyde, ein Sachverständiger für Straßenverkehrsunfälle, der vor allem für Polizei, Gerichte und Versicherer arbeitet.

GDV FORDERUNG
Um Kfz-Gutachten auf eine seriöse
Grundlage zu stellen, sollte der Gesetzgeber
eine Berufs- und eine Honorarordnung
für Kfz-Sachverständige einführen.

Obwohl die Missstände beim letzten Verkehrsgerichtstag für Diskussionen sorgten, hat der GDV wenig Hoffnung, dass sich der Gesetzgeber einschaltet. Stattdessen versuchen Versicherer in den letzten Jahren, nach Unfällen so schnell wie möglich mit Geschädigten in Verbindung zu treten. Häufig reicht schon ein Foto des Schadens aus, damit der Versicherer garantiert, die Kosten zu übernehmen. So spart er sich nicht nur den Sachverständigen, der Geschädigte kriegt den Wagen auch schneller zurück.

Über die Folgen dieses Vorgehens gibt es unterschiedliche Meinungen. „Fahrzeuge sind heute so kompliziert, dass leicht Schäden auftreten, die man nicht sofort sieht – deshalb empfehlen wir Unfallopfern und Versicherern, immer Sachverständige einzuschalten“, sagt BVSK-Chef Fuchs. GDV-Referent Linke sieht das anders. Wenn es sich nicht um einen Totalschaden handele und die Reparaturwürdigkeit des Autos außer Frage stehe, seien Sachverständige nicht nötig: „Sachverständige haben sicherlich ihren Platz, aber man muss sie nicht hinzuziehen, wenn es nur um ein paar Dellen im Blech geht.“

Ansprechpartner:
Katrin Rüter de Escobar
Tel.: 030 / 20 20 – 51 19
k.rueter@gdv.de