09.02.2012
Interview

„Niemand braucht sich Sorgen zu machen“

In Deutschland existieren rund 94 Millionen Lebensversicherungsverträge. Grund genug, um einmal bei Dr. Maximilian Zimmerer, dem Vorsitzenden des Hauptausschusses Lebensversicherung im GDV, nachzufragen, wie sich die europäische Schuldenkrise und ein anhaltendes Niedrigzinsniveau darauf auswirken.

Dr. Maximilian Zimmerer

Dr. Maximilian Zimmerer, 53, ist Vorstandsvorsitzender der Allianz Lebensversicherungs-AG. Er hat in Düsseldorf Rechtswissenschaften studiert und dort auch promoviert. Seine Karriere startete er 1988 im Alter von nur 30 Jahren im Fachbereich Industriebeteiligungen der Allianz AG. 1994 stieg er auf zum Fachbereichsleiter Darlehen, sechs Jahre später wurde er in den Vorstand der Allianz Lebensversicherungs-AG berufen, seit 2006 sitzt er diesem Vorstand vor. Von 2010 bis Ende 2011 war er Vorstandsvorsitzender der Allianz Private Krankenversicherungs-AG. Maximilian Zimmerer ist Mitglied im Vorstand der Allianz Deutschland AG. Mitte des Jahres wird er Nachfolger von Dr. Paul Achleitner als Finanzchef des Allianzkonzerns. Maximilian Zimmerer ist Mitglied des GDV-Präsidiums und Vorsitzender des Hauptausschusses Lebensversicherung/Pensionsfonds.

 
Herr Dr. Zimmerer, die Lebensversicherung ist das beliebteste Vorsorgeprodukt der Deutschen, es hat sich seit über 100 Jahren bewährt. Trotzdem gerät es immer wieder in den Fokus der Medien. Warum eigentlich?
Also, ganz offen gesprochen: Ich bin eher der Meinung, die Medien befassen sich viel zu selten mit dem Thema Lebensversicherung.

Zu selten? Wie kommen Sie darauf?
Nehmen Sie als Beispiel nur die Zeitschriften, die jeden Monat immer wieder neu über Fonds schreiben. Davon existieren gleich mehrere in Deutschland. Es gibt aber keine Publikumszeitschrift, die sich intensiv und kontinuierlich mit Lebensversicherungen beschäftigt. In den vergangenen zehn Jahren haben wir drei große Finanzkrisen erlebt. Im Zentrum der Diskussion standen dabei aber immer die Banken und ihre Investments, nicht die Lebensversicherungen. Im Moment sind die Lebensversicherungen völlig aus dem Fokus geraten, und mir wäre es lieber, die Menschen würden sich aufgrund des wichtigen Themas Altersvorsorge mehr mit dem Thema auseinandersetzen.

Worauf führen Sie Ihre Erkenntnis zurück?
Die Erklärung ist einfach: Lebensversicherungen bedeuten Stabilität. Und über stabile Verhältnisse zu berichten ist für die meisten Kommentatoren langweilig. Das Auf und Ab der Märkte erscheint ihnen viel spannender.

Wenn vom Auf und Ab der Kurse an den Finanzmärkten geschrieben wird, schrillen dennoch immer wieder die Alarmglocken. Jeder fragt sich: Was ist eigentlich mit meiner Lebensversicherung, mit meiner Altersvorsorge?
Die Besorgnis, die Sie beschreiben, habe ich bisher in der Diskussion nicht wahrgenommen. Wir haben auch keine vermehrten Kundenanfragen, die darauf hinweisen würden. Über seine Lebensversicherung braucht sich wirklich niemand Sorgen zu machen.

Das klingt immer so beruhigend: Man müsse sich keine Sorgen machen.
Ja, und das Schöne ist: Es stimmt auch noch! Nehmen Sie nur die Überschussbeteiligung der Lebensversicherungen. Obwohl die letzten Jahre an den Märkten mehr als turbulent waren und die Zinsen dramatisch gefallen sind, blieb die Überschussbeteiligung der Lebensversicherungen erstaunlich stabil, es gab nur sehr leichte Absenkungen. Die Lebensversicherungsunternehmen sind nun mal langfristige Anleger, und kurzfristige Schwankungen stören uns nicht.

In Zeiten der aktuellen Staatsschuldenkrise geht es in erster Linie um die Risikotragfähigkeit der Lebensversicherungsunternehmen, das heißt, es geht um die Frage: Sind die Versicherer in der Lage, die gesetzlich festgeschriebenen Verpflichtungen aus bestehenden Versicherungsverträgen jederzeit zu erfüllen?
Sie haben vorhin gesagt, dass sich die Lebensversicherung in den letzten 100 Jahren bewährt hat. Das ist wahr und richtig. Ich bin daher sehr zuversichtlich, dass dies auch für die Zukunft gelten wird. Die aktuelle Staatsschuldenkrise birgt sicher Herausforderungen, andererseits haben gerade die vergangenen zehn Jahre deutlich bewiesen, dass die Lebensversicherer mit großen Turbulenzen an den Kapitalmärkten umgehen und sehr attraktive Renditen erwirtschaften können

Besitzen Sie denn selbst eine Lebensversicherung?
Eine? Gemeinsam mit meiner Frau haben wir neun.

Wie definiert sich eigentlich die sogenannte Risikotragfähigkeit der Lebensversicherungsunternehmen?
Darunter versteht man die Fähigkeit, dass wir unsere sehr langfristigen Verpflichtungen aus den bestehenden Versicherungsverträgen zu jeder Zeit erfüllen können. Das ist die allgemeine Definition. Was bedeutet das? Nehmen wir mal folgendes Szenario an: Ein 20-jähriger Kunde schließt eine Rentenversicherung ab. Nehmen wir außerdem an, er wird 90 Jahre alt. Das heißt, der abgeschlossene Vertrag läuft über 70 Jahre. Und in diesen 70 Jahren müssen wir unsere zugesagten Garantien, also den Rechnungszins, jedes Jahr auch darstellen. Wir stellen für den Kunden sicher, dass er, wenn er mit 67 in Rente geht, für 23 Jahre ein lebenslanges Einkommen erhält. Und zwar in der garantierten Höhe plus Überschussbeteiligung.

Woher wissen Sie, wie alt Ihr 20-jähriger Kunde wirklich wird?
Das wissen wir im Einzelfall natürlich nicht. Was wir aber sicher wissen, ist wissenschaftlich erwiesen: Jede Generation wird im Durchschnitt älter als die vorherige. Das müssen wir als Versicherer in unserer Kalkulation der Rentenversicherung berücksichtigen. Außerdem legen wir das Geld unserer Kunden vorsichtig und langfristig mit dem Ziel an, zu jedem Zeitpunkt unsere Garantien und eine angemessene Überschussbeteiligung darstellen zu können.

In verschiedenen Zeitungsartikeln war neulich zu lesen, die Versicherungsbranche dringe bei der Bundesregierung auf eine Änderung der bestehenden Regelungen im Versicherungsvertragsgesetz, kurz VVG. Aus welchem Grund suchen Sie das Gespräch mit der Bundesregierung?
Hier existieren verschiedene Regeln, bei denen wir eine Überarbeitung anregen. Lassen Sie mich auf die wichtigste eingehen: Seit 2008 beteiligen wir laut Versicherungsvertragsgesetz unsere Kunden an den sogenannten Bewertungsreserven. Was ist darunter zu verstehen? Wenn Sie etwa eine Immobilie erwerben, die mit der Zeit an Wert gewinnt, entstehen sogenannte Bewertungsreserven, das heißt, der Marktwert der Anlage liegt höher als der ursprüngliche Anschaffungswert. An solchen Reserven, also an der Wertsteigerung, beteiligen wir unsere Kunden seit 2008, wenn ihr Vertrag fällig wird.

In Ordnung. Aber welche Nachteile birgt denn diese aktuelle Gesetzeslage konkret für Versicherungen und Versicherte?
Ganz einfach: Solche Bewertungsreserven entstehen auch, wenn die Zinsen am Markt fallen. Beispiel: Wenn ich einen zehnjährigen Pfandbrief mit einer jährlichen Verzinsung von vier Prozent erworben habe, steigt dessen Wert, wenn die Marktzinsen fallen. Die höhere Verzinsung des Pfandbriefs im Vergleich zum aktuellen Marktzins drückt sich in einem höheren Kurs des Pfandbriefs aus. Wenn ich Kunden bei Fälligkeit ihrer Verträge nun an diesen Kursreserven beteiligen soll, muss ich den Pfandbrief verkaufen. Bei Kauf eines neuen Pfandbriefs erziele ich jedoch nur noch eine jährliche Verzinsung von drei Prozent, einen Prozentpunkt weniger. Diese Differenz fehlt mir, um die garantierten Zinsen und die Überschussbeteiligung für die anderen Kunden zu erwirtschaften. All unsere Kunden profitieren durch die laufende Überschussbeteiligung davon, dass wir Pfandbriefe zu einem Coupon von vier Prozent eingekauft haben. Warum sollten Kunden, deren Verträge fällig werden, gegenüber Kunden, deren Verträge noch Jahre oder gar Jahrzehnte laufen, bevorzugt werden, indem sie zusätzlich am zeitweiligen Kursgewinn beteiligt werden? Dies erscheint mir nicht gerechtfertigt.

Welche Rolle spielt dabei das anhaltende Niedrigzinsniveau?
Bizarr wird es, wenn, wie aktuell zu sehen, die Renditen von Bundesanleihen auf zwei Prozent sinken. Dadurch entstehen vorübergehend natürlich hohe Bewertungsreserven, die aber bis zur Rückzahlung der Bundesanleihe zum Kurs von 100 wieder verschwinden. Wenn ich diese zwischenzeitlichen Reserven durch einen Verkauf realisieren muss, fehlen mir im Extremfall sogar die Zinsen, um die Garantieverpflichtungen der Lebensversicherungen zu erfüllen. Denn im Durchschnitt aller Versicherungsverträge liegt die garantierte Mindestverzinsung bei etwa drei Prozent, also einen Prozentpunkt höher als der gegenwärtige Zins der zehnjährigen Bundesanleihen.

Das bedeutet, dass die gegenwärtige Regelung alle benachteiligt – außer jenen Versicherungsnehmern, deren Verträge zurzeit zufällig auslaufen?
So könnte man das durchaus ausdrücken, ja.

Aber das Gesetz wurde doch erst im Jahr 2008 geändert. Hat man die Folgen der Reform damals nicht vorausgesehen?
Diese Änderung im VVG geht auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2005 zurück. Dabei ging es um Bewertungsreserven auf Aktien, die durch die Börsenhausse in den 90er-Jahren entstanden waren. Daran sollten die Kunden stärker beteiligt werden. Nicht berücksichtigt wurde damals jedoch, dass die Versicherer ihr Kapital nur noch zu einem kleinen Teil in Aktien anlegen. In der aktuellen Niedrigzinsphase zeigt sich, dass eine Beteiligung an den Bewertungsreserven bei festverzinslichen Anlagen einer sinnvollen Begrenzung bedarf.

Wie sähe denn das Zukunftsszenario aus, sollte sich nichts an den bestehenden Regeln ändern?
Bei dauerhaft niedrigen Zinsen müssten wir solche Scheinreserven auflösen und wären dann gezwungen, das Geld zu deutlich niedrigeren Zinsen neu anzulegen. Dies wirkt sich dann nicht nur auf die Überschussbeteiligung aus, sondern gefährdet auch die Erwirtschaftung der Garantiezinsen.

Existiert also dringender Handlungsbedarf?
Eindeutig. Zumal der Gerechtigkeitsaspekt nicht unterschätzt werden sollte. Wieso soll ein Kunde, dessen Vertrag ausläuft und der bereits von den höheren Zinsen in der Vergangenheit profitiert hat, noch einmal einen Zuschlag erhalten, der zulasten aller anderen Kunden und deren Überschussbeteiligung geht?

Die sichersten Papiere wie etwa die deutsche Bundesanleihe werfen nur noch knapp zwei Prozent ab. Der durchschnittliche Garantiezins im Kapitalanlagebestand der deutschen Versicherer beträgt zurzeit etwa 3,4 Prozent, die durchschnittliche Gesamtverzinsung noch rund vier Prozent, Tendenz fallend. Bedeutet das nicht in der logischen Schlussfolgerung, dass Ihre Anlagemanager in Zukunft mehr Risiko eingehen müssen, um mehr Ertrag zu erwirtschaften?
Es stimmt, die Zinsen für Bundesanleihen sind auf historische Tiefstände gefallen. Dafür gibt es ungewöhnlich hohe Zinsaufschläge für Anleihen anderer Euro-Staaten, aber auch von Pfandbriefen und Unternehmensanleihen. Schuld ist die hohe Verunsicherung an den Kapitalmärkten wegen der Schuldenkrise. In diesem Umfeld ist es daher wichtig, sein Anlagekapital breit zu streuen, aber auch Marktanomalitäten auszunutzen und damit Renditevorteile zu erzielen. Französische Staatsanleihen rentieren zum Beispiel einen Prozentpunkt höher als deutsche.

Das Aktiengeschäft dürfte als Anlagemodell wegfallen, denn von 2013 an müssen laut Solvency II Aktieninvestments mit hohem Eigenkapital unterlegt werden, richtig?
Durch das neue Aufsichtsmodell Solvency II wird tatsächlich die Anlage in Aktien deutlich erschwert. Trotzdem halten wir eine Aktien-Bei-mischung in einem langfristig ausgerichteten Portfolio für sinnvoll.

Norbert Heinen, Vorstand der Wüstenrot & Württembergische, hat gesagt: „Wenn man für zehnjährige Bundesanleihen wie jetzt 1,8 Prozent bekommt, kann man nicht vier Prozent gutschreiben.“ Steht eine marktweite Absenkung der Überschussbeteiligung an?
Jedes Unternehmen muss dies selbst entscheiden, und zwar vor dem Hintergrund seiner Anlagestruktur und seiner Reservesituation. Aber natürlich ist der Wiederanlagezins ein wichtiges Kriterium für die jährliche Entscheidung über die Überschussbeteiligung.

Warum gelten die Versicherungen zurzeit als krisenfester als zum Beispiel die Banken?
Als Versicherer legen wir vorsichtig an und streuen unsere Kapitalanlagen breit. Wir sind nicht auf die Erzielung kurzfristiger Handelsgewinne aus, sondern sehen uns als verlässliche, langfristige und stabile Kapitalanleger. Die Versicherungsunternehmen besitzen zum Beispiel nur wenig Griechenland-Anleihen.

Worin unterscheiden sich diese beiden Geschäftsfelder noch?
Wir bewegen uns zwar am selben Kapitalmarkt, unsere Geschäftsmodelle sind allerdings völlig unterschiedlich. Zunächst: Eine Bank leiht und verleiht Geld. Lebensversicherer leihen sich kein Geld und müssen sich am Kapitalmarkt auch nicht refinanzieren. Wir legen die Beiträge unserer Kunden mit größter Sorgfalt langfristig an und können die Auszahlungen an unsere Kunden durch die laufenden Beitragszahlungen decken. Liquiditätsengpässe können bei uns daher nicht entstehen. Zudem verfügen Lebensversicherer über viele Sicherheitspuffer wie zum Beispiel die eben angesprochenen Bewertungsreserven in den Kapitalanlagen oder den Rückstellungen für Beitragsrückerstattung.

Das sind gewichtige Argumente. Aber können Sie uns dennoch prägnant erklären, warum jeder Deutsche auch in diesen stürmischen Zeiten mit einer Lebensversicherung fürs Alter vorsorgen sollte?
Die gesetzliche Rentenversicherung basiert auf einem Umlageverfahren: Die Jungen zahlen für die Alten. Wenn die Jungen aufgrund des Geburtenrückgangs immer weniger werden, die Menschen aber immer länger leben, dann ergibt sich eine Finanzierungslücke, die jährlich größer wird. Die letzten beiden Rentenreformen haben das System der gesetzlichen Rentenversorgung zwar zukunftsfest gemacht, allerdings musste hierfür das Absicherungsniveau schrittweise gesenkt werden. Die entstandene Lücke bleibt also nicht nur bestehen, sie vergrößert sich. Mit der besonders geförderten Riester- und Basisrente hat der Gesetzgeber einen Anreiz gegeben, diese Lücke über eine zusätzliche kapitalgedeckte Altersvorsorge zu schließen. Und wegen des Zinseszins-effektes sollte damit so früh wie möglich begonnen werden.

Allen Marktturbulenzen zum Trotz?
Die letzten Jahre haben eines deutlich gezeigt: Sicherheit und Stabilität in der Altersvorsorge sind wichtig. Nur eine private Rentenversicherung kann den Kunden ein lebenslanges Einkommen garantieren.

Interview: Alex Stefanidis ist freier Journalist in Berlin und München.

Ansprechpartnerin:

Kathrin Rüter de Escobar
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