09.02.2012
Elektroautos

Die leise Revolution

Elektroautos sind im deutschen Straßenverkehr noch selten, und doch gelten sie als die Zukunft der Automobilbranche. Die Versicherungsindustrie muss sich schon jetzt auf das Elektroautozeitalter einstellen. Doch wie versichert man eine völlig neuartige Fahrzeugklasse ohne Erfahrungswerte?

Die Kanzlerin persönlich hat das Ziel im Mai letzten Jahres vorgegeben: Eine Million Elektroautos sollen bis 2020 auf deutschen Straßen fahren. Die bisherigen Zahlen sind ernüchternd: Unter den 3,17 Millionen Pkw-Neuzulassungen 2011 in Deutschland waren nur 2.154 Elektro- und 12.622 Hybridfahrzeuge. Und die Elektroautos wurden meist von Unternehmen angemeldet, gerade mal rund 150 Fahrzeuge kauften Privatpersonen. Ob das Elektroauto wirklich ein Erfolg wird, entscheidet nicht Angela Merkel, sondern der deutsche Autofahrer.

GDV Position
Elektrofahrzeuge bringen völlig neuartige Risiken, beispielsweise durch ein Hochspannungsbordnetz mit der potenziellen Gefahr tödlicher Stromschläge. Elektrofahrzeuge müssen im Betrieb und bei einem Unfall genauso sicher sein wie herkömmliche Autos mit Verbrennungsmotor.

Dr. Martin Stadler von der Allianz und Dr. Jürgen Redlich vom GDV waren von ihren ersten Testfahrten mit Elektrofahrzeugen positiv überrascht: „Es war schon faszinierend, der Wagen ist sehr leise, es gibt kein herkömmliches Schalten mehr – das ist schon ein anderes Fahrgefühl, ein bisschen wie in der Straßenbahn“, erinnert sich Martin Stadler an eine Fahrt mit dem Opel Ampera vor eineinhalb  Jahren. Unerwartet viel Fahrspaß hatte auch Jürgen Redlich, beim GDV Leiter des Bereichs Kfz-Technik: „Man versucht anfangs zu testen, wie kraftvoll so ein Elektromotor ist, und ich war überrascht, wie gut das Auto beschleunigt hat. Die Bedienung war völlig unkompliziert, die Fahrgeräusche sind angenehm leise.“ Eine Schwachstelle hat Redlich aber doch bemerkt: „Wenn man herzhaft an der Ampel losfährt, sind gleich ein bis zwei Prozent der Batterieladung weg“, so der GDV-Experte. „Danach bin ich sehr verhalten gefahren.“

Zu verbrauchsarmem Fahren erzieht das ohnehin viel gepriesene Elektroauto offenbar auch. Für die Versicherungsfachmänner Redlich und Stadler sind solche Testfahrten nicht nur unterhaltsam, sondern wichtig und aufschlussreich für ihre Arbeit. Die große Allianz etwa versichert derzeit nur rund 300 Stück. Doch wie stuft man als Versicherung ein Elektrofahrzeug ein, wenn es keine nennenswerten Erfahrungswerte gibt?

Viele Fragen sind noch ungeklärt: Verursachen Elektroautofahrer über- oder unterdurchschnittlich viele Unfälle? Beides scheint plausibel: Die kaum merklichen Fahrgeräusche könnten eine Gefahr für Fußgänger und Radfahrer sein, andererseits würde man bei Käufern von E-Autos eher defensives Fahren erwarten. Elektroautos sind vor allem im Stadtverkehr unterwegs, wo es häufiger kleine Unfälle, aber seltener schwere Schäden gibt.

Und welche Risiken birgt die Technologie, insbesondere die Hochvoltbatterie des Motors? Besteht etwa eine Stromschlaggefahr für Unfallhelfer oder Hobbymechaniker? Aber auch kleine Probleme sind noch ungeklärt: Wer haftet zum Beispiel für Ladekabelschäden? Diese und ähnliche Fragen wurden Ende November in Berlin bei einem Symposium der Unfallforschung der Versicherer (UDV) gestellt. In drei Workshops diskutierten mehr als 100 Experten über Themen der Betriebssicherheit, der Unfallsicherheit und der Unfallrettung, ihre Empfehlungen werden Anfang 2012 in einem Tagungsband veröffentlicht.

Die Zeit drängt: Opel, Mitsubishi, Peugeot, Citroën und Smart bringen gerade serienfähige Fahrzeuge auf den Markt. Und das Elektroauto verlangt durchaus einige Novellierungen beim Versicherungsrecht und Haftungsrecht, wie Martin Stadler von der Allianz auf der UDV-Tagung aufzeigte. Die gute Nachricht: Die Fahrzeughalter sind durch bestehende rechtliche Bestimmung weitgehend abgesichert. Die Fahrzeughersteller dagegen müssen noch einige Gefahrenquellen beheben, etwa die kaum hörbaren Fahrgeräusche und das Risiko von Stromschlägen für Unfallhelfer.

Die erste Typklassenbestimmung sei für Elektroautofans aber erfreulich verlaufen, findet Martin Stadler: „Der Opel Ampera, mit das erste richtig ernst zu nehmende Elektroserienauto, hat eine in meinen Augen sehr moderate Einstufung bekommen. Ich hatte Schlimmeres erwartet.“ Offenbar bewahrheitet sich, was bei Hybridmobilen bereits festgestellt wurde: Hybridfahrer sind weder schlimme Vollgasraser noch Öko-Schleicher, sondern: ganz normale Verkehrsteilnehmer.

Marc Baumann ist freier Journalist in München.

Ansprechpartner:
Katrin Rüter, Tel. 030/2020-5119, k.rueter@gdv.de