09.02.2012
Gegenpositionen

Absoluter Nonsens!

Versicherungsprodukte zu beurteilen gehört zum kritischen Journalismus. Im Mittelpunkt sollte dabei aber nicht die Meinung Einzelner, sondern die informative und objektive Aufklärung der Bürger stehen.

Man mag darüber streiten, ob eine Lebensversicherung für Haustiere Sinn macht. Für Tierliebhaber, die eine solche Police für ihren Liebling abgeschlossen haben, wird es wohl so sein. Warum auch nicht? Es gibt Physiotherapie, Haute Couture und sogar Gourmetrestaurants für Vierbeiner. Wer soll über Sinn oder Unsinn dieser Angebote entscheiden, wenn nicht die Hunde- oder Katzenbesitzer?

Auf stern.de erklärten nun Verbraucherschützer zahlreiche Versicherungsprodukte für überflüssig. Doch viele Versicherte sehen das offenbar anders – und in aller Regel darf wohl bei mündigen Bürgern davon ausgegangen werden, dass sie sich aus gutem Grund für eine bestimmte Police, für einen bestimmten Schutz entschieden haben. Auch die Sterbegeldversicherung erklärt Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale NRW für überflüssig: „Das lohnt sich nur, wenn man unmittelbar nach Abschluss der Versicherung stirbt.“ Fragt sich nur: für wen? Mit der Sterbegeldversicherung will der Versicherte wohl nicht in erster Linie für sich und seine Erben sparen. Er will zu Lebzeiten für sich ein angemessenes Begräbnis sicherstellen und dieses selbst bestimmen. Und das leistet die Sterbegeldversicherung – kein Sparkonto. Auch der Unfallversicherung geht es an den Kragen: „Ein absolutes Nonsensprodukt“, wird Manfred Poweleit vom Map-Report zitiert. 

Rund neun Millionen Menschen kommen pro Jahr in Deutschland bei Unfällen zu Schaden. Die meisten gehen zum Glück glimpflich aus. Aber durch einen Unfall kann sich das Leben der Betroffenen dramatisch verändern: Zukunftspläne müssen geändert, neue Perspektiven gefunden werden. In 80 Prozent der Fälle von Invalidität als Folge eines Unfalls zahlt allein die private Unfallversicherung.

Poweleit empfiehlt statt der Unfall- die Berufsunfähigkeitsversicherung und stellt beide Produkte als Alternativen, als „Entweder- oder“, dar. Dieser Vergleich ist falsch. Er verkennt, dass beide Versicherungsprodukte – mit einigen Überschneidungen – verschiedene Risiken abdecken, in unterschiedlichen Lebenssituationen Schutz bieten und sich sinnvoll ergänzen können.

Die Berufsunfähigkeitsversicherung federt den Erwerbsausfall ab, unabhängig davon, ob die Berufsunfähigkeit durch Krankheit oder Unfall verursacht wurde. Die Kernleistung der Unfallversicherer ist die Invaliditätsleistung, eine Kapitalsumme, die im Versicherungsfall unabhängig von der verbleibenden Berufsfähigkeit gezahlt wird. So kann sie zum Beispiel für den Umbau der Wohnung, für besondere Rehabilitationsmaßnahmen oder als Ersatz für verloren gegangene Lebensqualität genutzt werden.

Gegen die Unfallversicherung wird angeführt, dass nur ein geringer Anteil der Fälle von Berufsunfähigkeit auf Unfälle zurückzuführen sei. Gerade in den jungen Altersgruppen liegt dieser Anteil aber sehr viel höher. So sind gut 30 Prozent der Berufsunfähigkeitsfälle in der Altersgruppe bis 40 Jahren Folge eines Unfalls. Bei den unter 30-Jährigen ist Unfall die Hauptursache für Berufsunfähigkeit. Ein zusätzlicher Schutz über die Berufsunfähigkeitsversicherung hinaus – etwa mit der Unfallrente – ist also für jüngere Berufstätige durchaus sinnvoll.

Auch für Ältere bietet die Unfallversicherung Vorteile: Die Senioren-Unfallversicherungen bieten nach einem Unfall Hilfs- und Pflegeleistungen und ermöglichen es den Betroffenen so, in der eigenen Wohnung zu bleiben. Sie sind für viele alleinstehende ältere Menschen, die nach einem Unfall ganz auf sich gestellt sind, eine unschätzbare Hilfe und werden aus gutem Grund stark nachgefragt. Sind all die Versicherungskunden also unmündig und unvernünftig?

Aufklärung der Verbraucher ist wichtig. Dazu gehört auch das Beurteilen von Produkten. Aber das Urteil sollte objektiv und vorurteilsfrei sein. Oder, um mit den Worten von Johannes B. Kerner zu sprechen: „Manchmal wünschte ich mir etwas mehr Bildung – und etwas weniger Meinung.“

Ansprechpartner:
Katrin Rüter,Tel. 030/20 20-51 19, E-Mail: k.rueter@gdv.de