19.12.2011
Interview

„Die Deutschen sind keine Streithanseln“

Ob der Apfelbaum des Nachbarn zu weit ins eigene Grundstück hereinragt oder der Vermieter beim Auszug plötzlich 10.000 Euro für Schönheitsreparaturen verlangt – solche Streitereien werden in Deutschland meist vor Gericht gelöst. 3,7 Millionen Klagen werden jährlich eingereicht. Trotzdem sind die Deutschen nicht prozesslustiger als andere Europäer, sagt Gerhard Horrion, Vorsitzender der Roland Rechtsschutz-Versicherung. Im Interview spricht er auch über die Entwicklung seiner Versicherungssparte und über die Chancen von Alternativen zu traditionellen Rechtsprozessen.

Zur Person
Gerhard Horrion ist 53 Jahre alt und Vorstandsvorsitzender der Roland Rechtsschutz-Versicherungs-AG. Außerdem leitet er die Kommission Rechtsschutzversicherung im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. Der gebürtige Wuppertaler studierte Wirtschaftswissenschaft an der Universität seiner Heimatstadt. Über die Stationen AachenMünchener Lebensversicherung AG und Volksfürsorge Deutsche Lebensversicherung AG kam er 1994 zur Roland-Gruppe. In seiner Freizeit reist der Musikliebhaber, der vor allem Barockmusik und Jazz hört, sehr gern. Außerdem gefällt es dem Hobbykoch, seine  Familie und Freunde kulinarisch zu überraschen – egal ob mit Sushi oder Rouladen nach eigenem Rezept.

Herr Horrion, vor ein paar Jahren wurden die Sächsin Regina Zindler und ihr Maschendrahtzaun deutschlandweit bekannt. Stefan Raab widmete ihr ein Lied, das in den deutschen Hitparaden bis auf Platz 1 stieg. Und das alles nur, weil sie vor Gericht ging, da der nachbarliche Knallerbsenstrauch angeblich den eigenen Maschendrahtzaun zerstöre. Eine Lappalie, trotzdem landete sie vor Gericht – wie 10.000 andere Nachbarschaftsstreitigkeiten im Jahr. Wollen wir Deutschen eigentlich immer recht haben?
Dass ein deutscher Bürger im Falle eines Nachbarschaftsstreits gerne recht bekommen will, kann ich gut nachvollziehen. Aber ob wir Deutsche wirklich schneller vor Gericht gehen als andere, ist aus meiner Sicht zumindest offen. Grundsätzlich würde ich sagen: Die Deutschen sind keine Streithanseln. Im Gegenteil. Im letzten Jahr hat das Institut Allensbach in einer Studie eindeutig herausgefunden, dass es den meisten Menschen äußerst unangenehm ist, vor Gericht zu gehen.

Aber immerhin reichen wir pro Jahr 2,5 Millionen Klagen bei Zivilgerichten ein, dazu kommen noch 1,2 Millionen Klagen bei Arbeits-, Sozial-, Verwaltungs- und Finanzgerichten. Steht Deutschland damit an der Spitze in Europa?
Nein. Das Verhalten der Bürger ist hier in Deutschland nicht signifikant anders als in anderen Ländern. Wir sind keine Europameister im Prozessieren.

Trotzdem ist zwischen 2000 und 2009 die Zahl der Schadenfälle bei Rechtsschutzversicherungen um ein Viertel angestiegen, auch die Versicherungsverträge haben um knapp neun Prozent zugenommen. Wir Deutsche gehen also häufiger vor Gericht, oder?
Eine Explosion von Rechtsstreitigkeiten im mehrjährigen Vergleich können wir nicht belegen. Fakt ist aber, dass die Arbeitsplatzsituation 2008 und 2009 in Deutschland wegen der Wirtschaftskrise stark angespannt war. Dadurch hat es viele Kündigungsschutzklagen gegeben, weil unsere Kunden Gefahr liefen, den Arbeitsplatz zu verlieren. Dies führte zum Anstieg von Schadenfällen – wir haben aber auch viele neue Kunden gewonnen.

In Deutschland existieren rund 20 Millionen Rechtsschutzversicherungsverträge. Das ist eine ganze Menge. Wie ist diese Zahl im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zu bewerten?
Deutschland ist hier schon relativ weit vorne: 42 Prozent der deutschen Haushalte sind rechtsschutzversichert. Wenn man pro Haushalt durchschnittlich zwei Personen zugrunde legt, haben etwa zwei Drittel aller Privatpersonen eine Rechtsschutzversicherung – ob vollumfänglich oder in Teilrisikobereichen. Nur Österreich hat europaweit eine höhere Rechtsschutzversicherungsdichte als Deutschland.

Knapp neun Prozent mehr Rechtsschutzversicherungsverträge als im Jahr 2000. Ihre Branche kann nicht klagen, oder?
Darüber freuen wir Rechtsschutzversicherer uns natürlich. Es ist klar erkennbar, dass die Kunden den Wert ihrer Rechtsschutzversicherung als Schutzschirm gegen die existenziellen Risiken des Lebens wahrnehmen und deshalb auch verstärkt nachfragen.

Haben Sie eine Rechtsschutzversicherung?
Sogar drei.

Wofür brauchen Sie drei Verträge?
Einen für den gesamten privaten Lebensbereich, einen für die Vermietung und Verpachtung von Immobilien und einen für mich als Organ einer Gesellschaft – das ist extrem wichtig für jemanden, der in einem Unternehmen als Geschäftsführer oder Vorstand Verantwortung trägt.

Warum braucht der Mensch überhaupt eine Rechtsschutzversicherung?
Damit er beträchtliche Vermögensanteile nicht dem Risiko aussetzen muss, in einem Rechtsstreit verbraucht zu werden. Wenn hohe Streitwerte und komplexe Sachverhalte in Rede stehen, die Sachverständigenexpertise erfordern, können da durchaus 50.000 oder gar 300.000 Euro an Kosten anfallen.

Wie würden Sie mich davon überzeugen, einen Rechtschutzversicherungsvertrag abzuschließen?
Ich würde mit einer konkreten Bedarfsanalyse für Sie beginnen. Dabei schätze ich Ihre persönliche Risikosituation im privaten und beruflichen Bereich und Ihre Vermögenssituation ein. Sind Sie beispielsweise freiberuflich tätig, kann eine schwere und langwierige Verletzung bei einem Autounfall schnell mal zu einem erheblichen Verdienstausfall führen. Der Streitwert einer gericht¬lichen Auseinandersetzung wird dann auch erheblich sein, ebenso Ihr Kostenrisiko. Dieses können wir Ihnen als Rechtsschutzversicherer abnehmen.

Was bietet mir eine Rechtsschutzversicherung in Deutschland?
Der Versicherer übernimmt für seinen Kunden die Kosten, die entstehen, wenn er seine Interessen in einem Rechtsstreit durchsetzen will. Dazu gehören nicht nur die Anwaltshonorare und die Gerichtskosten, auch Gutachten müssen bezahlt werden. Die sind oft sehr aufwendig, etwa wenn ein Verkehrsunfall mit Geschwindigkeitsanalysen rekonstruiert werden muss. In den letzten Jahren haben sich die Rechtsschutzversicherungen deutlich weiterentwickelt. Sie bieten Zusatzleistungen an, etwa indem sie für eine erste telefonische Rechtsberatung sorgen. Oder sie empfehlen qualifizierte und spezialisierte Anwälte, wenn der Kunde dies wünscht.

Warum kümmern sich die Rechtsschutzversicherer heute nicht mehr ausschließlich um die Absicherung eines Rechtsstreits?
Weil wir den veränderten Erwartungen und Verhaltensweisen der Kunden Rechnung tragen, denn unsere Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren doch deutlich verändert und fortentwickelt. Dies spiegelt sich in den Bedürfnissen und Erwartungen der Kunden wider.

Das heißt konkret?
Es entspricht dem heutigen Kommunikationsverhalten der Kunden, sofort und unbürokratisch am Telefon Struktur in ein rechtliches  Problem bekommen zu wollen. Vor diesem Hintergrund sind viele Versicherungsunternehmen seit Jahren rund um die Uhr erreichbar.

Welchen Sinn hat eine telefonische Rechtsberatung für den Kunden?
Wir können dem Kunden sofort eine Einschätzung seines rechtlichen Problems geben, ihm Lösungsansätze skizzieren und die nächsten Schritte aufzeigen. Dabei bekommt er mit einem Partneranwalt sofort einen sachkundigen Gesprächspartner zur Verfügung gestellt. Bei komplexeren Sachverhalten ist eine telefonische Erstorientierung natürlich nicht ausreichend. Der Anwalt am Telefon wird dem Kunden dann raten, sich erneut an seinen Versicherer zu wenden, der ihm einen kompetenten Anwalt vor Ort empfehlen kann.

Aber beraten diese Partneranwälte tatsächlich im Interesse des Kunden? Schließlich stehen sie ja auf der Seite des Rechtsschutzversicherers…
Die Partneranwälte unterliegen einer klaren berufsständischen Ordnung. Sie sind ausschließlich dem Interesse des Kunden verpflichtet. Das liegt im Wesen des Vertrags zwischen Rechtsanwalt und Mandanten.

Anwälte werfen den Rechtsschutzversicherern vor, dass sie auf den Kunden bei der Anwaltswahl massiven Druck ausüben. Ist der Kunde noch frei in der Wahl seines Rechtsanwalts?
Eindeutig ja. Der Grundsatz der freien Anwaltswahl ist in Deutschland uneingeschränkt gültig. Die freie Anwaltswahl ist damit ein selbstverständliches Element eines Rechtsschutzvertrags. Die Benennung und Empfehlung von Partneranwälten ist für den Kunden unverbindlich.

Welche Vorteile hat der Kunde vom Anwaltsnetzwerk seines Versicherers?
Wir können ihm sofort einen wirklich qualifizierten und spezialisierten Anwalt benennen. Damit erhöhen sich die Chancen für den Kunden, einen Rechtsstreit zu gewinnen. Und wenn der Kunde einen Rechtsstreit gewinnt, hat auch der Rechtsschutzversicherer Freude daran. Die Kanzleien müssen daher auch bestimmte Anforderungen erfüllen, um in das Empfehlungsnetzwerk eines Versicherers aufgenommen zu werden. Es wird dabei auf die Berufserfahrung und Fachanwaltsqualifikationen der Anwälte ebenso geachtet wie auf die Servicestandards, nach denen in der Kanzlei gearbeitet wird. So ist etwa die Möglichkeit, kurzfristig einen Gesprächstermin mit dem Anwalt vereinbaren zu können, für unsere Kunden von besonderer Bedeutung.

Das gilt vor allem, wenn der Kunde nicht weiß, welchen Anwalt er nehmen soll.
Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Mehr als 156.000 Anwälte sind in Deutschland zugelassen. Es gibt 20 Fachanwaltschaften. Der Kunde hat hier nicht nur die Qual der Wahl, sondern er sucht auch nach Orientierung. Das ist zumindest die Erfahrung, die wir machen.

Wie viele Schadenfälle werden überhaupt über Partneranwälte abgewickelt?
Bei den Rechtsschutzversicherern werden pro Arbeitstag weit über 10.000 Schadenfälle gemeldet. Zwischen 15 und 25 Prozent werden dabei von Partneranwälten betreut.

Das ist nicht viel. Es gibt noch einen weiteren Vorwurf der Anwaltschaft: Die Versicherer würden Netzwerke nur einrichten, um Gebühren zu sparen. Zahlen Sie Ihren Partneranwälten weniger als anderen?
Fakt ist, dass wir gesetzliche Rahmenbedingungen haben. Vor Gericht ist die Gebührenordnung verbindlich. Im außergerichtlichen Bereich kann man zu pauschalierten Vergütungen kommen. Das wird sicherlich in vielen Fällen gemacht, führt aber zur administrativen Vereinfachung sowohl bei den Kanzleien, die nicht jede einzelne Tätigkeit oder jeden Anruf nachweisen müssen, als auch bei den Versicherungsunternehmen, die einen solchen Leistungsfall auch intern mit weniger Aufwand begleiten müssen. Am Ende gewinnen beide. Insbesondere der Kunde profitiert: Wenn Aufwendungen reduziert werden, kann der Versicherer günstigere und stabile Preise anbieten. Einen Aspekt sollte man aus Sicht der Anwaltschaft auch nicht vergessen: Mit jeder Empfehlung durch den Rechtsschutzversicherer bietet sich die Möglichkeit, den Mandantenstamm zu erweitern. Unsere Kundenbefragungen belegen dies sehr klar: Die Kunden sind in ihrer ganz großen Mehrheit nicht nur mit dem empfohlenen Anwalt zufrieden, sie würden ihn auch erneut beauftragen.

Nicht nur die Rechtsschutzversicherungsbranche entwickelt sich weiter, auch das deutsche Rechtssystem verändert sich – durch die Einführung der Mediation. Ist sie ein lohnender Ausweg, wenn die Fronten vor Gericht verhärtet sind?
Mediation als Ausweg klingt wie zweite Wahl. Das stimmt aber nicht. Mit der Etablierung der Mediation beginnt eine fundamentale Entwicklung, die auf mittlere Sicht die Rechtskultur in unserem Land nachhaltig verändern wird. Die Mediation wird in Zukunft ein gleichberechtigter, alternativer Weg der Rechtsdurchsetzung werden. Davon bin ich zutiefst überzeugt. 

Welchen Vorteil haben die Menschen von der Mediation?
Sie entspricht den Interessen eines mündigen Bürgers in weit höherem Maße als ein Gerichtsprozess. Im Rahmen einer Mediation wählen die Streitparteien einen unabhängigen Mediator, setzen sich an einen Tisch und suchen gemeinsam nach einer Lösung ihres Problems. Sie leis¬ten beide ihren eigenen Beitrag. Wenn es bei Frau Zindler zu einer Mediation gekommen wäre, dann hätte der Nachbar am Ende den Strauch geschnitten. Das Problem wäre schnell und viel angenehmer für alle Beteiligten gelöst worden. Stattdessen wurde das Thema vor Gericht gebracht…

…und die Situation ist weiter eskaliert.
Das ist der entscheidende Punkt. Eine Mediation erzeugt nicht wie ein Gerichtsverfahren einen Gewinner und einen Verlierer. Das ist umso relevanter, wenn es um Streitigkeiten geht, bei denen sich die Menschen danach weiter begegnen oder sogar miteinander leben müssen – ob an der Arbeitsstelle oder als direkte Nachbarn. Es verkauft ja keiner sein Haus, weil er einen Streit mit dem Nachbarn hat. Ganz besonders interessant ist die Mediation im Bereich des Familienrechts, etwa wenn sich die Eltern in einem Scheidungsverfahren um Sorgerecht und Umgangsrecht mit den gemeinsamen Kindern streiten. Solche Fälle sind geradezu prädestiniert dafür, dass Menschen sie miteinander in einer Mediation klären.

Wie wird denn die Mediation in der Bevölkerung angenommen?
Die Bereitschaft, Rechtsprobleme außerhalb des klassischen Rechtsweges zu klären, ist extrem hoch. Gerade Streitigkeiten mit den Nachbarn, dem Expartner oder dem früheren Arbeitgeber wollen die Menschen gar nicht gerichtlich lösen. Sie möchten nur ihr Problem lösen. Teilweise würden sogar drei Viertel der Menschen eine alternative Streitschlichtung gegenüber einer gerichtlichen Auseinandersetzung bevorzugen. Trotzdem ist die Mediation noch nicht überall in Deutschland bekannt. Deshalb ist die Initiative des deutschen Gesetzgebers, die Mediation mit einem Gesetz in Deutschland wirklich zu etablieren, uneingeschränkt zu begrüßen.

Wie wird sich die Sparte der Rechtsschutzversicherer in Zukunft entwickeln?
Wir erleben eine weiter zunehmende Verrechtlichung unserer Gesellschaft. So wird es auch zunehmend notwendig, sich als Privatkunde, aber auch als Unternehmen mit einem geeigneten Schutzschirm abzusichern. Ich bin überzeugt, dass ein wirksamer Rechtsschutz mehr und mehr zur existenziellen Risikovorsorge zählen wird. Wir Rechtsschutzversicherer bieten hier höchste Kompetenz und passgenaue Lösungen. Wir sind inzwischen für unsere Kunden ein geschätzter Gesprächspartner rund um alle rechtlichen Fragen. Und auf diesem Weg wird sich die Branche weiterentwickeln.

Interview: Marcel Roth und Alex Stefanidis sind freie Journalisten in Berlin und München.