17.11.2011
Jahrespressekonferenz 2011

Statement von GDV-Präsident Rolf-Peter Hoenen zur Geschäftsentwicklung 2011

Jahrespressekonferenz 2011

Rolf-Peter Hoenen
Präsident des Gesamtverbandes der
der Deutschen VersicherungswirtschaftPressemeldung zur Jahrespressekonferenz:
Versicherungswirtschaft 2011 – Stabile Geschäftsentwicklung

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrte Damen und Herren,

das alles dominierende Thema dieses Jahres ist die Griechenlandkrise. Dass uns die Krise dieses kleinen Landes im Süden Europas so beschäftigt, liegt nicht an seiner wirtschaftlichen Bedeutung. Das Bruttoinlandsprodukt Griechenlands entsprach vor Krisenausbruch etwa dem von Hessen. Es sind vielmehr die engen Verzahnungen zwischen den Finanzakteuren und -märkten, die uns seit Ausbruch der Banken- und Wirtschaftskrise im Herbst 2008 permanent vor Augen geführt werden. Aus der Banken- und Wirtschaftskrise ist inzwischen eine Staatsschuldenkrise geworden, die uns auch noch weit über das Jahr 2011 hinaus beschäftigen wird. Nach den Etappen von Krisensitzungen und Rettungspaketen sehen wir die EU-Gipfelbeschlüsse per Ende Oktober jedoch als Chancen und Perspektiven auf eine nachhaltige Stabilisierung der Finanzmärkte.

Wie hat sich das zurückliegende Jahr auf die Rahmenbedingungen für die deutsche Versicherungswirtschaft ausgewirkt? Die noch vor einem Jahr außerordentlich gute Konjunkturentwicklung hierzulande hat sich im Verlauf dieses Jahres nicht nur infolge der Euroschuldenkrise wieder deutlich abgeschwächt. Die wirtschaftliche Lage der privaten Haushalte, auf die über 80 Prozent der Versicherungsnachfrage in Deutschland entfallen, konnte an dem kurzen konjunkturellen Zwischenaufschwung nur begrenzt partizipieren. Und für 2012 zeichnen sich neue Belastungen ab.

Die Versicherungswirtschaft verzeichnet vor diesem Hintergrund im zu Ende gehenden Jahr eine durchaus zufriedenstellende Entwicklung des Beitragsaufkommens: Die Schaden- und Unfallversicherung konnte mit einem Plus von voraussichtlich 2,5 Prozent das kräftigste Beitragswachstum seit 2003 erzielen. Noch deutlicher expandierte mit einem erwarteten Anstieg der Beitragseinnahmen um 4,9 Prozent die private Krankenversicherung. Und in der Lebensversicherung zeichnet sich nach den Minusraten im laufenden Beitragsgeschäft der beiden Vorjahre eine Stabilisierung ab. Nimmt man diese drei Bereiche zusammen, sind die Beitragseinnahmen in der deutschen Erstversicherung um 1,8 Prozent gestiegen. Dass dies nicht auch unser Endergebnis ist, liegt an der Normalisierung des Einmalbeitragsgeschäfts in der Lebensversicherung nach den Rekordjahren 2009 und 2010. Ich hatte an dieser Stelle vor einem Jahr bereits einen leichten Rückgang des Einmalbeitragsgeschäfts angekündigt. Unter Berücksichtigung dieses Rückgangs zum Vorjahr gehen die Beitragseinnahmen in der Lebensversicherung im Ergebnis insgesamt (mit Einmalbeiträgen und einschließlich Pensionskassen und -fonds) voraussichtlich um 5,7 Prozent zurück. Rechnerisch bedeutet das ein Beitragsminus von 1,2 Prozent für die Gesamtbranche. Ich betone dies, denn ebenso wie wir den Sprung des Einmalbeitragsgeschäfts in den vergangenen zwei Jahren als Sondereffekt eingeordnet haben, muss man nun auch den Beitragsrückgang entsprechend realistisch bewerten.

InfoInfopaket zur Jahrespressekonferenz  
Pressestatement
von GDV-Präsident
Rolf-Peter Hoenen zur
Geschäftsentwicklung 2011

Präsentationscharts
zum Pressestatement
von Rolf-Peter Hoenen zur
Geschäftsentwicklung 2011

Unter Berücksichtigung dieses Sondereffekts kommen wir 2011 zu einem Geschäftsergebnis, mit dem wir angesichts der Rahmenbedingungen noch zufrieden sind. Insgesamt hat sich die deutsche Versicherungswirtschaft trotz der Krisen der letzten Jahre gut behauptet und für 2012 erscheint uns aus heutiger Sicht bei aller Unsicherheit eine weitere Verbesserung der Beitragsentwicklung für die Gesamtbranche möglich. In der Lebensversicherung scheint eine Stabilisierung des Beitragsaufkommens möglich und in der privaten Krankenversicherung und in der Schaden- und Unfallversicherung sollten in jedem Fall Zuwachsraten in der Größenordnung des Vorjahres erreichbar sein. Im Ergebnis sollten die Beiträge auch insgesamt in 2012 wieder – zumindest leicht – zunehmen, trotz Nachlassens der Konjunktur.

Die Geschäftsentwicklung sowie die aktuellen Themen möchte ich nun für die einzelnen Sparten vertiefen.

Lebensversicherung 2011

Meine Damen und Herren, ich beginne mit der Lebensversicherung. Wir sehen in diesem Jahr – wie erwartet – eine Normalisierung bei den Einmalbeiträgen. Sie erreichen nicht mehr das außerordentlich hohe Niveau des Vorjahres. Dennoch werden sie 2011 voraussichtlich noch immer den historisch zweithöchsten Wert aufweisen. Für das Gesamtjahr schätzen wir das Volumen auf rund 22 Mrd. Euro; dies würde einem Rückgang zum Vorjahr von rund 20 Prozent entsprechen.

Den größten Anteil an den Einmalbeiträgen haben Einzelrentenversicherungen, die allein knapp 50 Prozent der Einmalbeiträge ausmachen. Kapitalisierungsgeschäfte kamen in den ersten drei Quartalen dagegen nur auf einen Anteil von 17 Prozent der gesamten Einmalbeiträge. Der Rest wird stark von der betrieblichen Altersversorgung, beispielsweise über Rückdeckungsversicherungen, aber auch der Insolvenzsicherung von Betriebsrenten, bestimmt. Wir gehen davon aus, dass sich diese Anteile bis zum Jahresende nicht wesentlich verschieben werden.

Meine Damen und Herren, auch an anderer Stelle sehen wir eine Normalisierung: So haben sich erfreulicherweise die laufenden Beiträge aus dem Neugeschäft parallel zur Gesamtwirtschaft erholt. Für das Gesamtjahr 2011 schätzen wir hier einen Zuwachs von etwa 3 Prozent auf rund 6 Mrd. Euro. Für die Gesamtbetrachtung von laufendem Beitrag und Einmalbeitrag muss man sich die Beitragssumme des Neugeschäftes ansehen: Dabei zeigt sich, dass der Rückgang des Einmalbeitragsgeschäftes von dem Wachstum des laufenden Beitragsgeschäftes sogar kompensiert werden konnte. Insgesamt steigt die Beitragssumme des Neugeschäfts leicht um 0,5 Prozent.

Insgesamt rechnen wir in diesem Jahr mit Beitragseinnahmen in Höhe von rund 85,2 Mrd. Euro für Lebensversicherungen, Pensionskassen und -fonds. Das entspricht – wie gesagt – einem Minus von 5,7 Prozent zum Vorjahr.

Die Anzahl der Lebensversicherungen übersteigt nach wie vor beträchtlich die Zahl der in Deutschland lebenden Menschen: Die Bestände bei Lebensversicherungen, Pensionskassen und -fonds addieren sich auch 2011 auf über 93 Mio. Verträge. Einen Rückgang haben wir im Bereich der Kapitallebensversicherung zu verzeichnen. Viele Verträge, die in den vergangenen Jahrzehnten abgeschlossen wurden, kommen nun zur Auszahlung. Auch hier spielt ein Sondereffekt eine Rolle: 1999 hatten viele Menschen Lebensversicherungen über die steuerrechtlich bedeutsame Mindestlaufzeit von 12 Jahren abgeschlossen. Diese Verträge kommen jetzt zur Auszahlung, weshalb die Leistungsauszahlungen in diesem Jahr spürbar zunehmen.

Beim Storno verzeichnen wir einen erneuten Rückgang: Nach 3,9 Prozent in 2009 und 3,6 Prozent im vergangen Jahr erwarten wir für 2011 rund 3,5 Prozent. Das ist der niedrigste Stand seit dem Jahr 2000. Unsere Kunden halten also auch in der Krise weiterhin an ihrer Lebensversicherung fest.

Lebensversicherung in der Niedrigzinsphase

Meine Damen und Herren, die aktuelle Situation an den Finanzmärkten stellt die Lebensversicherer ohne Zweifel vor erhebliche Herausforderungen. Risiken, die wir selbst steuern können – wie zum Beispiel das Engagement in Aktien oder europäische Schuldenstaaten – haben die Unternehmen im Zuge ihres Risikomanagements frühzeitig abgebaut. Ein Zahlungsausfall Griechenlands hätte kaum Auswirkungen auf die Versicherer und ihre Kunden. Unsere Beteiligung an griechischen Staatsanleihen liegt bei unter 0,3 Prozent unserer Kapitalanlagen. Auch in Anleihen der übrigen „PIIGS-Länder“ sind deutsche Versicherer in einem sehr überschaubaren Rahmen engagiert: Die BaFin bezifferte den Anteil von Staatsanleihen aus Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien im März 2011 insgesamt auf nur 3 Prozent der Kapitalanlagen. Unmittelbar sind die Lebensversicherer von der Staatsschuldenkrise im Euroraum daher vergleichsweise wenig betroffen. Zur Frage der mittelbaren Auswirkungen, wenn es zum Beispiel zu einer neuen Welle von Bankenpleiten käme, möchte ich mit dem seit Beginn der Finanzkrise viel zitierten Dominoeffekt beantworten: Natürlich könnten sich die Versicherer den Folgen eines Zusammenbruchs des Finanzsystems nicht entziehen. Aber in einer Reihe von Dominosteinen stehen die Versicherer nicht vorne, sondern weit, weit hinten in der Reihe.

Entscheidend ist, dass es erst gar nicht zum Fallen der Dominosteine kommt. Darauf zielen die EU-Gipfelbeschlüsse von Ende Oktober ab, die Griechenland mit einem Schuldenschnitt helfen und gleichzeitig eine Brandmauer errichten sollen, die das Übergreifen der Krise verhindert. Das sind aus unserer Sicht die richtigen Schritte, die wir voll und ganz unterstützen.

Weitaus herausfordernder ist für uns die Folge der Stützungsmaßnahmen für die Banken. Die Notenbanken haben den Märkten seit Beginn der Finanzkrise viel Liquidität zu günstigen Konditionen zur Verfügung gestellt. Unter dem daraus resultierenden Niedrigzinsumfeld leiden insbesondere die Lebensversicherer, welche ihren Kunden langfristige Garantien gegeben haben. Ein effektiver Zinsrückgang von einem Prozentpunkt spiegelt sich unmittelbar in einem Rückgang der Kapitalergebnisse der Versicherer von rund einer Milliarde Euro bei den Neuanlagen wider.

Alle diejenigen, die zusätzlich vorsorgen, sind somit die Leidtragenden dieser Politik des billi-gen Geldes. Lebensversicherungskunden profitieren zwar gerade in Krisenzeiten von den Glättungsmechanismen, die es uns ermöglichen, auch in Krisenjahren eine im Vergleich mit anderen Vorsorgeformen attraktive Gesamtverzinsung zu erzielen. Aber eine anhaltende Niedrigzinsphase wird die Kunden natürlich in Form von sinkenden Überschussbeteiligungen erreichen und erschwert die Neuanlagen für die Lebensversicherer deutlich.

Wir brauchen deshalb Rahmenbedingungen für eine vernünftige Entwicklung der Langfristzinsen. Dazu muss die in den vergangenen Jahren aufgebaute Liquidität von den Zentralbanken zügig wieder abgebaut werden. Die Staatshaushalte müssen konsolidiert, die fehlende Wettbewerbsfähigkeit einzelner Länder angegangen werden. Ansonsten werden die Lebensversicherer in Zukunft die Garantien, so wie bisher, nicht mehr anbieten können.

Ein Blick auf das bestehende Anlageportfolio der Lebensversicherer zeigt, dass die aktuellen Rahmenbedingungen für unsere Kapitalanlage zweifelsohne herausfordernd sind, für Panik aber absolut kein Grund besteht. Im Portfolio der Lebensversicherer befinden sich weiterhin viele Anlagen mit einem hohem Coupon und langen Restlaufzeiten. So beläuft sich die durchschnittliche Restlaufzeit auf über 9 Jahre und der durchschnittliche Zins im festverzinslichen Portfolio liegt über die gesamte Branche voraussichtlich noch über 4 Prozent.

Bei der Neuanlage greift ein einseitiger Blick auf die historisch niedrige Zinsentwicklung bei den Bundesanleihen mit 10-jähriger Laufzeit zu kurz. Die Kapitalanlage der Lebensversicherer ist weitaus mehr als nur die Anlage in Bundesanleihen. Erheblich stärker als in Bundesanleihen investieren wir in gedeckte Pfandbriefe und andere festverzinsliche Wertpapiere mit guter Bonität. Aufgrund der gestiegenen Spreads in den vergangenen Monaten wird auch der Wiederanlagezins in diesem Jahr deutlich über dem durchschnittlichen Rechnungszins liegen. Ein Grund dafür ist unter anderem, dass eingegangene Risiken wieder angemessen bezahlt werden; der aus Investorensicht erzielbare Zins für einzelne Anlageklassen also gestiegen ist.

Im Ergebnis gehen wir davon aus, dass die Lebensversicherer auch 2011 wieder eine Nettoverzinsung von über 4 Prozent erzielen werden. Eine, wie ich meine, erfreuliche Tatsache in einer von Unsicherheit und hohen Verlusten an den Börsen geprägten Zeit.

Und Sicherheit hat für die Mehrheit der Deutschen nach wie vor oberste Priorität bei der Altersvorsorge. Das bestätigen Umfragen regelmäßig. Für Sicherheit steht die Lebensversicherung – das ist unser Markenzeichen. Deshalb wird die Bereitstellung von Sicherheit durch langfristige Garantien in Verbindung mit stabilen Renditen unverändert Guideline bei unserer Kapitalanlagepolitik sein.

Versicherer weisen traditionell eine sehr stabile Allokation ihrer Kapitalanlagen auf. Daher wird sich auch auf absehbare Zeit die Höhe der Investitionen in Zinspapiere und das Exposure gegenüber den Banken nicht stark ändern. Die Exposition gegenüber Banken beläuft sich derzeit auf rund 55 Prozent der Kapitalanlagen. Allerdings sind hiervon mehr als 40 Prozent Pfandbriefe, die eine besondere Deckungsmasse aufweisen, also losgelöst vom Ausfallrisiko der Bank durch Realwerte besichert sind. Ein großer Teil der übrigen Bankanlagen ist wei-terhin durch gesetzliche oder freiwillige Einlagensicherungssysteme oder auch noch durch die staatliche Anstaltslast und Gewährträgerhaftung geschützt. Wie immer im Leben gilt also auch hier: Bei der Betrachtung von tatsächlichen oder vermeintlichen Risiken muss differen-ziert werden. Wenngleich die Versicherer auch zukünftig weiter stark in Banken investiert bleiben, werden sie dennoch ihre Lehren aus der Finanzmarktkrise ziehen. So werden z. B. Klumpenrisiken tendenziell abgebaut und Institute mit überdurchschnittlich hohen Kernkapi-talquoten werden zukünftig gegenüber schwächer kapitalisierten Banken sicherlich bevor-zugte Anlageobjekte sein. Daneben prüfen Versicherer natürlich auch andere langfristige und qualitativ hochwertige Anlagemöglichkeiten. Die Unternehmen setzen dabei durchaus unterschiedliche Schwerpunkte – wie Unternehmensanleihen, Immobilien, nachhaltige Energien oder Mittelstandsfinanzierung. Bei der Ausrichtung der künftigen Kapitalanlagepolitik zeichnet sich derzeit keine brancheneinheitliche Linie ab.

Meine Damen und Herren, mit Blick auf eine möglicherweise länger anhaltende Niedrigzinsphase und mit Blick auf die größer gewordenen Kreditrisiken müssen wir in die Lage versetzt werden, die im System der Lebensversicherung enthaltenen Reserven zu sichern und bei Bedarf auch zu mobilisieren, um die eingegangenen Zinsgarantien auch in Zukunft jederzeit gewährleisten zu können. Aus diesem Grund setzen wir uns im Rahmen der Reform des Versicherungsaufsichtsgesetzes (VAG) für gesetzliche Anpassungen ein, die die Risikotragfähigkeit der Unternehmen wieder stärken, nachdem in der Vergangenheit die diesbezüglichen Spielräume immer weiter beschnitten worden sind. Ich möchte betonen, dass es uns dabei nicht um „Hilfe“ für die Lebensversicherung geht. Es geht darum, dass die Fähigkeit der Unternehmen gestärkt wird, die aktuellen Herausforderungen aus eigener Kraft zu bewältigen. Dies ist im Interesse aller Kunden für ein Höchstmaß an Sicherheit und Planbarkeit ihrer Altersvorsorge.

Zum Hintergrund: Die heutige Bewertungsreservenbeteiligung führt dazu, dass die Unternehmen, die aufgrund der Niedrigzinsphase entstandenen Buchgewinne auf Zinspapiere mit hohen Coupons realisieren und zu 50 Prozent an abgehende Verträge auskehren müssen. Dies sind temporäre Buchgewinne, die sich wieder auflösen, wenn die Lebensversicherer die Papiere bis zum Ende halten – was sie in der Regel tun. Die bestehende Beteiligungsregelung an den Bewertungsreserven führt dazu, dass die abgehenden Verträge gegenüber dem verbleibenden Kollektiv unangemessen hoch beteiligt werden. Durch die neue Regelung würden die zur Sicherung der Garantiezusagen notwendigen Bewertungsreserven auf festverzinsliche Wertpapiere nicht ausgeschüttet. Damit würde in einer Niedrigzinsphase ein angemessenerer Interessenausgleich zwischen den abgehenden Verträgen und der Versichertengemeinschaft erzielt.

Wir setzen uns im Rahmen der VAG-Reform für weitere Maßnahmen zur Stärkung der Risikotragfähigkeit ein, auf die ich hier aus Zeitgründen nicht näher eingehen kann – die aber in unserer Stellungnahme ausführlich dargestellt sind. Herr Dr. Zimmerer kann die Vorschläge bei Interesse im Anschluss näher erläutern.

Private Krankenversicherung 2011

Meine Damen und Herren, ich komme nun zur Geschäftsentwicklung in der privaten Krankenversicherung:

Im Jahr 2011 werden die privaten Krankenversicherungsunternehmen mit einem Wachstum ihrer Beitragseinnahmen um 4,9 Prozent auf 34,9 Mrd. Euro rechnen können. Davon entfallen 32,8 Mrd. Euro auf die Krankenversicherung und 2,1 Mrd. Euro auf die Pflegeversicherung. In der Krankenversicherung entspricht das einem Plus von 5,1 Prozent, in der Pflege-versicherung einem Plus von 2,1 Prozent verglichen mit dem Vorjahr.

Der Nettoneuzugang zur Krankheitsvollversicherung belief sich zur Jahresmitte auf 54.000 Personen, sodass nun insgesamt 8,95 Millionen Vollversicherungen bestehen. Die Zahl der privaten Zusatzversicherungen stieg im ersten Halbjahr 2011 um netto 118.700 Policen auf eine Gesamtzahl von 22,1 Mio. an.

Die ausgezahlten Versicherungsleistungen dürften bis zum Jahresende eine Höhe von 23,1 Mrd. Euro erreichen. Das sind 5,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Auf die Krankenversicherung entfallen dabei 22,4 Mrd. Euro und auf die Pflegeversicherung 0,7 Mrd. Euro. Einzeln betrachtet steigen die Versicherungsleistungen damit in der Krankenversicherung um 5,4 Prozent und in der Pflegeversicherung um 7,3 Prozent.

Schaden- und Unfallversicherung 2011

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich nun über die Geschäftsentwicklung der Schaden- und Unfallversicherung berichten. Die Beitragseinnahmen entwickeln sich hier positiv. So setzen die Kompositversicherer den Aufwärtstrend des vergangenen Jahres nicht nur fort, sondern bauen ihn spürbar aus: Wir rechnen mit einem Prämienvolumen von rund 56,6 Mrd. Euro – also einem Anstieg von 2,5 Prozent. Für alle Versicherungszweige lässt sich 2011 ein Plus in der Beitragsentwicklung erwarten.
Die wesentliche Rolle spielt bei den Beitragseinnahmen der Schaden- und Unfallversicherer wie immer die Kraftfahrtversicherung als mit Abstand größte Sparte. Auch hier bleibt es bei der Tendenz des Vorjahres: Die Beitragseinnahmen steigen. Aller Voraussicht nach wächst das Prämienaufkommen 2011 um 3,5 Prozent, 2010 betrug der Zuwachs noch zarte 0,5 Prozent.
Die Leistungsseite lässt auch 2011 leider nicht auf Entspannung hoffen. Insbesondere die Kraftfahrtversicherer sowie Gewerbe- und Industrieversicherer haben nochmals höhere Leistungsausgaben als im Vorjahr. Schon 2010 war für beide Sparten ein sehr schadenintensives Geschäftsjahr. Insgesamt gehen wir von einem Anstieg des Schadenaufwands um 0,7 Prozent auf rund 43,6 Mrd. Euro aus. Lässt man das Ausnahmejahr des Elbehochwassers außen vor, erreichen die Leistungen der Schaden- und Unfallversicherer 2011 einen neuen Höchststand. Die Leistungskurve zeigt, dass die Kompositversicherer seit dem „Kyrill“-Jahr 2007 keinerlei Entspannung auf der Schadenseite erlebten. Ursächlich hierfür sind viele regionale Naturereignisse, aber auch der konjunkturelle Aufschwung, der mehr Versicherungsfälle mit sich bringt. Knapp 24 Millionen Schadenfälle bearbeiten die Schaden- und Unfallversicherer im Jahr, das sind fast 66.000 pro Tag. Jeden Tag leisten sie mehr als 119 Mio. Euro – das ist ein immenses Leistungspaket.
Die wachsenden Beitragseinnahmen können die leicht steigenden Leistungen kompensieren, daher verbessert sich die Combined Ratio, die Schaden-Kostenquote, um gut einen Prozentpunkt auf 97 Prozent. So stimmt der Geschäftsverlauf insgesamt die Schaden- und Unfallversicherer optimistischer als im Vorjahr. Erstmals seit zwei Jahren erwarten sie wieder ein Anwachsen des versicherungstechnischen Gewinns von 0,9 Mrd. Euro auf etwa 1,5 Mrd. Euro.
Auf die größte Sparte, die Kraftfahrtversicherung, möchte ich kurz separat eingehen:

Geschäftsentwicklung Kraftfahrt

In der Kraftfahrtversicherung scheint nun tatsächlich eine gewisse Trendwende vollzogen. Die Durchschnittsprämien, die über Jahre auf dem niedrigen Niveau von Anfang der 80er-Jahre lagen, dürften 2011 erstmals seit 2004 wieder anziehen: In der Kraftfahrt-Haftpflichtversicherung beobachten wir eine rund zweiprozentige Erhöhung der Durchschnittsprämie, in der Vollkaskoversicherung etwa 1,5 Prozent. Zusammen mit einem leichten Bestandswachstum erwarten wir in diesem Jahr in der Kraftfahrtversicherung Beitragseinnahmen von rund 20,9 Mrd. Euro – ein Plus von 3,5 Prozent. Das reicht aber nicht aus, um die erheblichen versicherungstechnischen Verluste der Kfz-Versicherer auszugleichen. Für das kommende Jahr haben einige Versicherer deshalb bereits weitere Prämienanhebungen angekündigt.

Die Entwicklung der Schäden ist – wie schon angedeutet – nach wie vor besorgniserregend. Wir erwarten sogar nach dem äußerst schadenträchtigen Jahr 2010 einen weiteren Anstieg der Leistungen um nochmals 1,4 Prozent. Dabei sind die Belastungen aus den jüngsten Sturm- und Hagelereignissen von Ende August und Anfang September noch gar nicht berücksichtigt.

Die Hauptursachen für die Schadenbelastung sind der vorübergehende Konjunkturaufschwung und die damit einhergehende höhere gewerbliche Fahrleistung, aber auch die lange Glatteisperiode zu Jahresbeginn 2011 und im Dezember 2010, die noch in die Bilanzen 2011 hineinwirken. Und: Generell haben sich die Schäden verteuert.

Da die skizzierte Prämienentwicklung durch zusätzliche Belastungen auf der Schadenseite konterkariert wird, dürfte sich die Combined Ratio nur unwesentlich von 107 Prozent auf 106 Prozent verbessern. Mit einem Verlust von 1,3 Mrd. Euro bleibt das versicherungstechnische Ergebnis der Kfz-Versicherer damit weiterhin tiefrot. Sorgen bereitet in diesem Zusammenhang insbesondere die Vollkaskoversicherung. In dieser Sparte beträgt die marktdurchschnittliche Schaden-Kostenquote nach Abwicklung im vierten Jahr in Folge mehr als 110 Prozent. In dieser Sparte gibt es so gut wie keinen Kraftfahrtversicherer mehr, der noch in ausgeglichenes versicherungstechnisches Ergebnis schreibt.

Meine Damen und Herren, soweit der Überblick über die Sparten für das laufende Jahr. Ich komme zu meinen beiden letzten beiden Themen.

Solvency II

Solvency II befindet sich momentan sowohl politisch als auch hinsichtlich der Umsetzung in den Unternehmen in der entscheidenden Phase. Über alle vier Ebenen – von der Richtlinie bis hin zur nationalen Umsetzung – finden noch politische Diskussionen statt. Gleichwohl müssen sich die Unternehmen auf der Basis des Status Quo darauf vorbereiten, bereits ab Mitte 2013 nach Solvency II-Maßstäben zu kalkulieren und gegenüber der Aufsicht zu berichten.

Nach wie vor besteht auf allen vier Ebenen gravierender Nachbesserungsbedarf. Lassen Sie mich die wichtigsten Punkte zusammenfassen:

Erstens: Um den Kunden in der Zukunft weiterhin Produkte mit langfristigen Zinsgarantien anbieten zu können, ist eine sachgerechte Ausgestaltung der Zinsstrukturkurve unabdingbar. Dies beinhaltet einen frühen Startpunkt der Extrapolation im Jahr 20. Die Bestimmung der Zinsstrukturkurve ist kein technisches Detail, sondern vielmehr eine politische Entscheidung. Will die Europäische Kommission Produkte mit langfristigen Garantien faktisch nicht vom Markt nehmen, muss sie dies in ihren Vorschlägen entsprechend berücksichtigen. Wir begrüßen daher ausdrücklich, dass die Europäische Kommission auf der Solvency II-Konferenz des GDV angekündigt hat, den Startpunkt der Extrapolation für das Jahr 20 vorzusehen. Dieser Ankündigung müssen jetzt Taten folgen.

Zweitens: Solvency II kann nicht mit einem Schlag eingeführt werden. Vielmehr ist ein gleitender Übergang vom alten System in das neue System erforderlich. Den Unternehmen und der Aufsicht würde somit ein Zeitfenster eingeräumt, um mit der neuen Volatilität umzugehen und ihre entsprechenden Prozesse und Systeme anzupassen. Vor diesem Hintergrund begrüßen wir die positiven Signale von europäischer Ebene, in der Omnibus II-Richtlinie ein Übergangskonzept zu verankern.

Drittens: Solvency II darf nicht zu einer Marktbereinigung führen. Dazu müssen wir die Komplexität über alle drei Säulen, insbesondere bei den Berichtspflichten, reduzieren. Ansonsten drohen insbesondere kleine und mittlere Versicherungsunternehmen unter den enormen Aufsichtsanforderungen erdrückt zu werden. Vereinfachungen und die Anwendung des Proportionalitätsprinzips sind für diese Unternehmen essentiell. Deshalb setzen wir uns seit Jahren dafür ein, dass konservative Vereinfachungen stets anwendbar sind. Auf der Sol-vency II-Konferenz der BaFin Mitte Oktober hatte die Europäische Kommission genau diese Vereinfachungsmöglichkeit in Aussicht gestellt. Auch hier freuen wir uns darauf, einen kon-kreten Vorschlag an die Hand zu bekommen.

Viertens: Wir fordern, dass die Berichtspflichten auf das aufsichtsrechtlich notwendige Maß reduziert werden. Sie sollten im Einklang mit dem Nutzen gebracht werden. Insbesondere bei einer vollen vierteljährlichen Berichterstattung steht der Aufwand der Versicherer in keinem Verhältnis zum zusätzlichen Nutzen der Aufsicht. Wir möchten nochmals betonen, dass nur Informationen abgefragt werden sollten, die für die Zielsetzung der Aufsicht wirklich relevant sind. Dass Herr Bernardino, EIOPA-Chairperson, sich letzte Woche in einem Zeitungs-interview dafür ausgesprochen hat, kleinere Versicherer von einer vierteljährlichen Berichterstattung gegenüber der Aufsicht auszunehmen, begrüßen wir nachdrücklich.
Vertrieb

Zum Abschluss noch ein Wort zum Thema Vertrieb. In der letzten Zeit wurde in der Presse wieder intensiv über Beratungsqualität und Vergütungssysteme in der Versicherungsvermittlung debattiert. Den jüngsten Anlass lieferte ein erstinstanzliches Urteil des Verwaltungsgericht Frankfurts zum Provisionsabgabeverbot.

Aktuell ist die Einzelfallentscheidung weder rechtskräftig – das Provisionsabgabeverbot wurde nicht „gekippt“, wie bereits zu lesen war – noch liegen Urteilsgründe vor. Wir haben gleichwohl eine sehr klare Position zum Provisionsabgabeverbot: Das Verbot muss bleiben – weil es absolut zeitgemäß ist. Seit Ausbruch der Bankenkrise vor nunmehr drei Jahren wird allenthalben intensiv über die Beratung im Finanzsektor diskutiert. Teilweise mit unterschiedlichen Lösungsansätzen, aber vollkommen einig in der Bewertung, dass es einer qualitativ hochwertigen Finanzberatung bedarf, damit die Menschen die Produkte bekommen, die sie brauchen und die zu ihnen passen.

Die Aufhebung des Provisionsabgabeverbots wäre ein Bruch mit diesem Kurs. Gute Beratung ist nicht umsonst und auch nicht zum „Schnäppchen-Preis“ zu haben. Gute Beratung kostet Geld. Es wäre naiv zu glauben, dass sich durch ein Wettrennen der Vermittler um die „billigste Beratung“ die Beratungsqualität verbessern würde. Im Gegenteil: Nicht wenige Kunden werden versucht sein, einen Vertrag abzuschließen, der ihnen den höchsten Rabatt verspricht. Die Beratungsqualität wird dabei hinten anstehen.

Es ist vollkommen klar, dass der Kunde als Gegenleistung für die gezahlte Provision auch eine gute, bedarfsgerechte Beratung bekommen muss. Ob die Beratung in früheren Zeiten immer unserem heutigen Anspruch genügt hat, darf – das müssen wir selbstkritisch feststellen – bezweifelt werden. Ich bin aber zutiefst davon überzeugt, dass sich die Beratungsqualität deutlich verbessert und heute ein gutes Niveau erreicht hat. Mit ihrem Beitritt zum Verhaltenskodex für den Vertrieb hat die breite Mehrheit der deutschen Versicherer Anfang des Jahres nochmals deutlich gemacht, dass sie einen hohen Qualitätsanspruch an ihren Vertrieb anlegt. Zur Unterstützung des Vertriebs hatte der Verband seinen Mitgliedern zudem Ende letzten Jahres eine Checkliste mit allen relevanten Punkten für eine bedarfsgerechte Beratung empfohlen.

Im Verhaltenskodex hat die Branche insbesondere auch schnellen Vertragswechseln zu Lasten der Kunden, den sogenannten „Umdeckungen“, eine klare Absage erteilt. Eine ausreichende Stornohaftung ist aus unserer Sicht das geeignete formale Mittel, um solchen Fehlentwicklungen entgegenzuwirken. Wir bewerten es daher positiv, dass es künftig auch in der privaten Krankenversicherung eine fünfjährige Stornohaftungszeit geben wird. In der Le-bensversicherung existiert diese ja de facto bereits seit der VVG-Reform 2008 und erfährt jetzt nochmals eine explizite Regelung.

Meine Damen und Herren, ich möchte die Gelegenheit heute aber auch nutzen, um aus aktuellem Anlass ein offenes Wort an die Verbraucherschützer zu adressieren.

Die Verbraucherzentrale Hamburg hat letzte Woche eine Studie der Universität Bamberg vorgestellt, in der unter anderem behauptet wird, dass den Verbrauchern in den vergangenen zehn Jahren durch vorzeitige Kündigungen ihrer Lebensversicherung ein Schaden in Höhe von rund 160 Milliarden entstanden sei.

Dabei wurden nicht-repräsentative Einzelfälle von Kunden, die sich in den letzten zehn Jahren aktiv an die Verbraucherzentrale gewandt haben, auf rund 80 Millionen kapitalbildenden Lebensversicherungen hochgerechnet. Es handelt sich zudem um Verträge mit überdurchschnittlich hohem Volumen. Das ist eine Negativauslese, jedoch keine repräsentative Auswahl. Eine solche Berechnung ist absolut unseriös, die Ergebnisse sind nicht belastbar. Dies ist keineswegs nur unsere Einschätzung, der map-report-Herausgeber Manfred Poweleit findet hier noch deutlich kritischere Worte.

Dass sich Herr Billen, Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen und damit oberster Verbraucherschützer, auf der Basis eines derart unseriösen Papiers dazu verleiten lässt, den Verkauf von Lebensversicherungen „als staatlich erlaubtes Hütchenspielen“, zu bezeichnen, hat nicht nur mich entsetzt.

Meinem Verständnis von Verbraucherschutz entspricht es nicht, wenn man die Menschen, die mit Lebensversicherungen für ihr Alter vorsorgen, mit falschen und unwissenschaftlichen Studien verunsichert. Das ist für mich verantwortungslos und das glatte Gegenteil von seriösem Verbraucherschutz.

Meine Damen und Herren, wir werden an der weiteren Verbesserung der Beratungsqualität auch im nächsten Jahr intensiv arbeiten. Wir werden den Verhaltenskodex evaluieren und dort verbessern, wo er verbessert werden muss. Ein weiteres Ziel für das Jahr 2012 ist die weiter verbesserte Qualifizierung der Vermittler. Konkret werden wir prüfen, wie sich branchenweit einheitliche Standards in der Weiterbildung von Vermittlern verankern lassen. Wir sind der Überzeugung, dass wir mit diesen Maßnahmen den Wettbewerb über die Beratungsqualität weiter vorantreiben.

Vielen Dank