09.06.2011
Versicherungsbetrug

Ist mir leider aus der Hand gefallen

Auf etwa vier Milliarden Euro beläuft sich jährlich der Schaden durch Betrügereien im Versicherungswesen. Das Hinweis- und Informationssystem, kurz HIS, hilft Versicherern, Schwindler zu entlarven. Dabei hält es sich streng an die Vorgaben des Datenschutzes und wird deshalb kontinuierlich bearbeitet.

Im Juni vergangenen Jahres war es wieder so weit: Ein neues iPhone kam auf den Markt, und in ganz Deutschland standen Apple-Fans Schlange, um das Gerät so schnell wie möglich zu erwerben. Haftpflichtversicherer beobachteten derweil, dass die Zahl der Schadenmeldungen für Handys spürbar stieg. „Wir gehen davon aus, dass es sich bei einem Teil um Betrugsversuche gehandelt hat“, sagt Thomas Lämmrich, Abteilungsleiter Unfall- und Rechtsschutzversicherung, Assistance und Kriminalitätsbekämpfung beim GDV.

Jedes Jahr entsteht Versicherern durch betrügerische oder fehlerhafte Angaben ein Schaden von vier Milliarden Euro. Die Maschen sind vielfältig. Sogenannte Autobumser-Banden provozieren Autounfälle, um bei der Versicherung des Gegners kräftig abzukassieren. Manchmal genügt auch eine Vase, die auf das Notebook fällt, weil der Besitzer einen neuen Computer kaufen möchte. „Jeder zehnte Euro, den Versicherer zahlen, geht an Betrüger“, schätzt Lämmrich. Um solche Versuche frühzeitig zu erkennen, hat der GDV vor 18 Jahren das Hinweis- und Informationssystem – kurz: HIS – eingeführt. Dahinter verbirgt sich ein Warnsystem, das Sachbearbeiter von mehr als hundert Versicherern benutzen, um Aufnahmeanträge und Schadenmeldungen zu bearbeiten. Die überarbeitete Version, die seit dem 1. April in Gebrauch ist, umfasst rund fünf Millionen Datensätze.

Die Entscheidung darüber, welche Fälle ein Sachbearbeiter an das Sys-tem zu melden hat, beruht auf klaren Kriterien. Da ist zum Beispiel der Kunde, der einen Schaden meldet, gerade nachdem er die Versicherung abgeschlossen hat Hagelschäden am Auto, die über Gutachter abgerechnet werden oder die dritte Schadenmeldung innerhalb von zwei Jahren bei einer Hausratversicherung. Aber auch der Entwicklungshelfer in Afghanistan kann ins System gelangen, weil sein Arbeitsort bei einer Berufsunfähigkeitsversicherung berücksichtigt werden muss.

GDV Position

Das neue Hinweis- und Informationssystem hilft,
Betrüger zu entlarven und schützt gleichzeitig die Daten der Betroffenen

Die Beispiele zeigen: Nicht jeder, der im HIS gemeldet ist, ist ein Betrüger. Genauso wenig bedeutet ein Eintrag, dass ein Versicherungsantrag oder eine Schadenmeldung grundsätzlich abgelehnt wird. Vielmehr dient das System nur dazu, den Sachbearbeiter zu warnen. „Wir führen keine schwarze Liste“, sagt Lämmrich. „Das System soll lediglich einen ersten Hinweis geben, sich einen Vorgang genauer anzuschauen.“

Gleichzeitig genügt das neue, überarbeitete System den Anforderungen des modernen Datenschutzes, der sich in den vergangenen Jahren merklich verbessert hat. Um auszuschließen, dass die Einträge anderweitig genutzt werden, wurde eine eigene Firma gegründet, die die Datensätze pflegt und verwaltet. Zudem sind die Angaben nach Sparten getrennt. Für einen Sachbearbeiter einer Kaskoversicherung ist es unmöglich, Einträge bei Hausratversicherungen einzusehen. So wird vermieden, dass Gesamtprofile von Kunden entstehen. Nach fünf Jahren werden die Daten gelöscht.

Für den Kunden ist es ein Leichtes herauszufinden, ob ein Eintrag über ihn vorliegt. Es genügt ein Brief samt Ausweiskopie. Einmal pro Jahr ist die Anfrage kostenlos. Wenn ein Versicherer einen Kunden an das System meldet, erhält dieser eine Nachricht und kann sich beschweren. Gegebenenfalls wird der Eintrag wieder gelöscht. „Damit hat sich das System zu einer Auskunftei nach den Vorgaben des Bundesdatenschutzgesetzes gewandelt“, sagt Lämmrich.

Genaue Zahlen darüber, wie oft das HIS in konkreten Fällen bereits geholfen hat, Betrüger zu entlarven, gibt es nicht. Das alte System hat diese Statistik nicht erfasst. Lämmrich ist aber überzeugt, dass sich der Einsatz für die Versicherer lohnt: „Wir schätzen, dass das HIS bei jedem vierten Betrug, den ein Sachbearbeiter aufgedeckt hat, den ersten Hinweis geliefert hat.“ Auch für die Versicherten zahlt sich das HIS aus. Schließlich beruht der Zweck einer Versicherung darin, die Risiken Einzelner auf die Gemeinschaft zu verteilen. Wer betrügt, schadet anderen Versicherten, weil sie dadurch langfristig höhere Beiträge zahlen oder für höhere Selbstbehalte aufkommen müssen. „Insofern helfen wir den ehrlichen Kunden, und die stellen die ganz große Mehrheit dar“, sagt Lämmrich.

Serge Debrebant arbeitet als freier Journalist in London und München.
GDV-Ansprechpartner: Katrin Rüter, Tel. 030/2020-5119