Dr. Zimmerer
30.03.2011
GDV-Pressekolloquium 2011

Statement von Dr. Maximilian Zimmerer zur Geschäftsentwicklung der Lebensversicherer 2010

Statement von Dr. Maximilian Zimmerer, Vorsitzender des GDV-Hauptausschusses Lebensversicherung/Pensionsfonds

- Es gilt das gesprochene Wort! -

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir hatten Ihnen bereits im November erste Schätzungen für das Jahr 2010 – auch für die Lebensversicherung – vorgestellt. Nun liegen uns die endgültigen Zahlen vor. Und ich war überrascht, dass sich die Hochrechnungen ziemlich genau realisiert haben:

Die Beitragseinnahmen der Lebensversicherer (i.w.S.) sind mit einem Plus von 6,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr auch 2010 weiter gewachsen. Sie betrugen damit 90,37 Mrd. Euro. Dies ist allein auf das Wachstum im Einmalbeitragsgeschäft zurückzuführen. Die Einmalbeiträge haben an den Beitragseinnahmen einen Anteil von rund 30 Prozent und beliefen sich auf 27,03 Mrd. Euro. Das sind 28,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Insofern hat sich 2010 ein gemäßigteres Wachstum bei den Einmalbeiträgen eingestellt. Zum Vergleich: 2009 lag das Wachstum der Einmalbeiträge bei fast 60 Prozent. Einmalbeiträge sind somit zu einem wichtigen Bestandteil in unserem Geschäft geworden. Die laufenden Beitragseinnahmen gingen um 1,4 Prozent auf 63,34 Mrd. Euro zurück.

Erfreulich ist auch die Entwicklung der geförderten Altersvorsorge. Allein die Einnahmen der Branche aus Riester-Verträgen machten 2010 6,24 Mrd. Euro aus. Etwa 2,36 Mrd. Euro kamen aus Basisrenten dazu. Die geförderte Altersvorsorge macht damit einen erheblichen Anteil an unseren Beitragseinnahmen aus.

Neu abgeschlossen wurden im letzten Jahr 6,34 Mio. Verträge, darunter knapp 1 Mio. Riester-Verträge und etwa 218 Tsd. Basisrenten. Die geförderte Altersversorgung befindet sich damit weiter im Aufbau: Der Bestand an Riester-Verträgen ist um 5,0 Prozent auf 10,32 Mio. Stück gewachsen. Das gilt auch für die noch jüngeren Basisrenten, von denen wir nun 1,28 Mio. Stück zählen (+18,1 Prozent). Und die betriebliche Altersversorgung kommt ebenfalls voran: Die Direktversicherungen kletterten auf einen Bestand von 6,78 Mio. Verträgen (+2,9 Prozent). Bei den Pensionskassen waren es 3,38 Mio. (+2,9 Prozent) und bei Pensionsfonds 0,32 Mio. (+9,6 Prozent).

Der Abgang an Verträgen hat sich gegenüber dem Vorjahr deutlich reduziert. Das liegt auch daran, dass die vorzeitige Kündigung von Verträgen weiter zurückgegangen ist: die Stornoquote lag 2010 nur noch bei 3,6 Prozent – nach 4,0 Prozent in 2008 und 3,86 Prozent in 2009, also in den Jahren der Wirtschaftskrise. Insgesamt sind etwa 7,4 Mio. Verträge durch Eintritt des versicherten Risikos, durch Ablauf oder durch Kündigung abgegangen. Damit hat sich der Bestand an Versicherungsverträgen um 0,9 Prozent leicht reduziert auf 94,24 Mio. Verträge.

Der leichte Bestandsrückgang, den wir derzeit erleben, geht ganz wesentlich auf den steuerlichen Umstieg von mindestens 12-jährigen Kapitallebensversicherungen auf längerlaufende Rentenversicherungen zurück. D. h., viele der noch vor der steuerlichen Umstellung abgeschlossenen Kapitallebensversicherungen laufen jetzt aus. Das wirkt sich auf den Bestand aus, ist aber kein Grund zur Sorge. Denn die durchschnittlichen Laufzeiten der Verträge sind gleichzeitig deutlich angestiegen und tendenziell mit größeren Beitragssummen abgeschlossen worden. So ist die versicherte Summe unseres Vertragsbestandes 2010 von 2.604 Mrd. Euro auf 2.661 Mrd. Euro gewachsen. Das entspricht ungefähr dem 8-fachen des Bundeshaushaltes in 2010.

Gleichwohl werden wir uns in den nächsten Jahren intensiver mit dem demographischen Wandel und seinen Auswirkungen auf die Lebensversicherer befassen müssen. Er birgt sowohl Chancen als auch Risiken. Risiken sehe ich zum Beispiel in der Kundenstruktur. Verträge gegen laufenden Beitrag werden traditionell von vielen Kunden der Altersgruppe 30 bis 45 abgeschlossen. Diese Gruppe nimmt durch das bald vollständige Herauswachsen der geburtenstarken Jahrgänge aus dieser Altersgruppe zahlenmäßig ab. Chancen ergeben sich, wenn wir noch stärker auf die besonderen Bedürfnisse der älteren Bevölkerung eingehen.

Potenzial sehe ich hier beispielsweise in den Assistance-Leistungen. Auch die Tatsache, dass fast die Hälfte aller Einmalbeiträge auf aufgeschobene und sofort beginnende Renten entfällt, zeigt eine verstärkte Ausrichtung der Lebensversicherer auf Kunden, die ihr angespartes Kapital in einen lebenslangen Einkommensstrom umwandeln wollen. Hier haben wir einen einzigartigen Wettbewerbsvorteil, weil neben den Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung nur wir die entsprechende Technik beherrschen und solche Garantien darstellen können.

Lassen Sie mich an dieser Stelle auch noch einmal mein Bedauern über die Entscheidung des EuGH von Anfang März ausdrücken. Wenn nur noch geschlechtsneutrale Versicherungsangebote dem europäischen Gleichbehandlungsgebot entsprechen, ist das versicherungsmathematisch ein klarer Rückschritt. Er wird uns daran hindern, unseren Kunden passgenaue und risikogerechte Angebote zu machen. Für uns ist es eine Frage der Fairness, dass heute jeder Kunde für seinen Beitrag eine gleichwertige Gegenleistung erwarten kann.Künftig müssen wir zwischen unseren Kunden eine Quersubventionierung organisieren. Ob das alle Kunden akzeptieren werden, bleibt abzuwarten. Ein Kommentar aus der Märzausgabe der Zeitschrift für Versicherungswesen bringt dies aus meiner Sicht gut auf den Punkt. Darin hieß es (ich zitiere): “Insgesamt krankt die Debatte um Unisex-Tarife (…) an einer grundsätzlich falschen Sichtweise: Das Ganze sollte man eher als Problem der unterschiedlichen Leistung als der zu hohen oder zu niedrigen Beiträge betrachten: Frauen zahlen in der Rentenversicherung nur deswegen mehr, weil sie am Ende auch höhere Leistungen bekommen (indem sie länger Rente beziehen). (…) Sind höhere Leistungen auch diskriminierend?” In der Praxis stellt sich nun für jeden Lebensversicherer die Frage, mit welcher Geschlechtszusammensetzung er künftig rechnet. Einfach den heutigen gewichteten Mittelwert anzusetzen wäre sicher kurzsichtig Verhalten kann sich auch ändern. Und gerade bei privaten Rentenversicherungen wissen wir erst nach Ablauf der Kapitalwahloption, wie viele Männer und Frauen tatsächlich eine Rente beziehen werden.

Diese Unsicherheit besteht für jedes einzelne Unternehmen. Ich gehe davon aus, dass wir für das zusätzliche Risiko zusätzliche Sicherheiten in der Kalkulation einbauen müssen. Die Deutsche Aktuarvereinigung wird dazu sicher methodische Empfehlungen unterbreiten.

Eine weitere regulatorische Entscheidung hat die Lebensversicherer besonders berührt. Das ist die Absenkung des Höchstrechnungszinses zum 01.01.2012 auf nur noch 1,75 Prozent. Damit wird Deutschland den niedrigsten Höchstrechnungszins in der gesamten Euro-Zone haben. Ich betone das auch deshalb, weil wir in Europa doch zunehmend in einem Binnenmarkt für Versicherungen agieren und Standortkonkurrenz und Regulierungsarbitrage schon lange keine Fremdworte mehr sind. Dass angesichts der seit September stark gestiegenen Zinsen Luxemburg die bereits für März 2011 angekündigte Rechnungszinsabsenkung von 2,25 Prozent auf 1,75 Prozent aufgehoben hat, ist ein deutliches Signal.

Ich hätte es richtig gefunden, wenn auch das Bundesfinanzministerium angesichts der gestiegenen Zinsen, der höheren Inflationsraten und der absehbaren Abkehr der Europäischen Zentralbank von der ultraexpansiven Geldpolitik mit seiner Entscheidung noch etwas abgewartet hätte. Weder der Zinsbericht der DAV noch die Situation an den Zinsmärkten hat eine so schnelle Entscheidung im Hinblick auf einen so großen Schritt nötig gemacht. Mit Blick auf die künftige Attraktivität von Lebensversicherern wird es nun noch wichtiger sein, auf die Zusammensetzung der Gesamtleistung aus Garantieleistung, Überschussbeteiligung und Schlussgewinnanteilen hinzuweisen. Denn die garantierte Ablaufleistung einer Lebensversicherung ist immer nur ein Teil des Ganzen. Aktuell beläuft sich die Gesamtverzinsung der Kundenansprüche auf 4,8 Prozent (Assekurata). Wer hier von Magerzinsen spricht, kann kaum einen Marktüberblick über die Verzinsung von Alternativanlagen haben.

Wir liegen deutlich über der Umlaufrendite. Das wissen auch unsere Kunden. Über 90 Mrd. Euro Beitragszahlung allein an die Lebensversicherung zeigt, dass sie die Gesamtleistungen ihrer Lebensversicherung nach wie vor für attraktiv halten.

Meine Damen und Herren, die Diskussion um mehr Verbraucherschutz bei Finanzdienstleistungen hat natürlich auch bei den Lebensversicherern nicht Halt gemacht. Ich freue mich, dass wir in diesem Bereich in den letzten Monaten eine Menge erreichen konnten. Der Verband hat mehrere Empfehlungen herausgegeben und moderiert hier einen Prozess, der zu mehr Transparenz und Kundenfreundlichkeit führt. Lassen Sie mich kurz einige Beispiele nennen:

  • So haben wir einen neuen Vorschlag auf den Weg gebracht, wie künftig die Gesamtkosten und die Leistungen einer Lebensversicherung besser dargestellt werden können. Die Gesamtkostenquote, die den Einfluss der Kosten auf die Rendite eines Vertrages transparent macht, soll anbieterübergreifend, also auch über Versicherungen hinaus, eine Vergleichbarkeit ermöglichen. Aber nicht nur die Kosten sind wichtig, sondern das Gesamtbild eines Produktes. Dazu zählen zusammen mit den Renditen vor und nach Kosten auch Garantien, Service und zusätzliche Sicherheiten, wie die Absicherung von Hinterbliebenen.
  • Wir haben den Unternehmen außerdem empfohlen, über sogenannte Rückvergütungen von Verwaltungsgebühren in Investmentfonds zu informieren, die wir als Großkunden mit
    den Kapitalanlagegesellschaften aushandeln konnten. Diese kommen ja auch dem Kunden zugute, weil sie in die Kalkulation der Kosten und die Berechnung der Überschussbeteiligung eingehen.
  • Aktuell arbeiten wir daran, die Lesefreundlichkeit und Verständlichkeit von Allgemeinen Versicherungsbedingungen weiter zu verbessern. Der Verband arbeitet hier in einem Pilotprojekt mit Sprachwissenschaftlern zusammen.

Die einzelnen Lebensversicherungsunternehmen sind natürlich frei darin, wie sie ihre Angebotsunterlagen und Vertrags- und Verlaufsinformationen gestalten. Ich weiß aber, dass unsere Mitgliedsunternehmen den Prozess hin zu mehr Transparenz mittragen. Daher gehe ich davon aus, dass die meisten Unternehmen unseren unverbindlichen Verbandsempfehlungen folgen werden. Soweit ein Überblick über die Lebensversicherungen. Weitere Aspekte der genannten Themen oder weitere Themen können wir gerne in der Diskussion ansprechen und vertiefen.