15.09.2010
Interview

„Wir checken immer die Risikolage“

Deutsche Versicherungen decken auch die Gefahren neuer Technologien ab. Dr. Markus Hofmann, Vorstand der AXA Konzern AG und derzeit Präsident der Internationalen Vereinigung der Technischen Versicherer (IMIA), spricht im Interview darüber, wie schwierig es ist, auf neues Versicherungsterrain vorzudringen und immer auf dem neuesten technischen Stand zu bleiben.

ZUR PERSON
Dr. Markus Hofmann ist derzeit Präsident der IMIA, der International Association of Engineering Insurers, die Mitte September ihre Weltkonferenz in Berlin abhält. Er leitet die GDV-Arbeitsgruppe für Technische Versicherungen und ist im Vorstand der AXA Konzern AG für das Schaden- und Unfallversicherungsgeschäft verantwortlich. Der Diplom-Chemiker hat an der ETH Zürich zum Thema Versicherung von Umweltrisiken und -schäden in Haftpflicht promoviert. Hofmann ist 45 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Als Laien-Kirchenorganist mit C-Prüfung spielt er gern das D-Dur-Präludium von Johann Sebastian Bach.

Herr Hofmann, wir treffen uns in Köln. Wann sind Sie zum letzten Mal mit der U-Bahn gefahren?
Ich fahre selten U-Bahn, aber in Köln gibt es bislang auch nur wenige U-Bahn-Strecken. Die meisten U-Bahnen verkehren eher als Straßenbahnen.

Stimmt, aber die fahren trotzdem auch unter Tage. Haben Sie dabei ein mulmiges Gefühl?
Nein.

Und Ihnen wird auch nicht mulmig bei dem Gedanken, dass vor anderthalb Jahren zwei Menschen hier gestorben sind, als das Stadtarchiv einstürzte, weil wohl beim U-Bahn-Bau gepfuscht wurde?
Wir waren an dem Risiko nicht beteiligt. Insofern kann ich auch nicht zu den Ursachen dieses tragischen Unglücks Stellung nehmen. Während des Baus bzw. der Errichtung von technischen Großprojekten kann es allerdings immer zu Fehlern kommen, denn Menschen machen Fehler. Das gehört zum Menschsein. Trotz aller Bauvorschriften, Bauüberwachung etc. ist menschliches Fehlverhalten eben nicht gänzlich auszuschließen. Weil vor Inbetriebnahme technischer Objekte, wie beispielsweise einer U-Bahn, eine intensive Überprüfung aller Steuerungs- und Sicherungssysteme erfolgt, habe ich dennoch kein schlechtes Gefühl, wenn ich mit der U-Bahn fahre.

In Deutschland wird derzeit an vielen großen Bauprojekten gearbeitet: In Frankfurt und Berlin werden die Flughäfen ausgebaut, in Stuttgart der Bahnhof. Für Sie als Versicherer: Was ist denn das Besondere daran, Großprojekte zu versichern?
Ein Versicherer möchte Schäden vermeiden und profitabel arbeiten Er ist also in einer Gemeinschaft mit dem Versicherungsnehmer. Das Spannende bei großen Projekten sind natürlich die technischen Herausforderungen. Als Versicherer versuchen wir mit hinreichender Sicherheit die technischen, aber auch klimatischen und geografischen Risiken wie Sturm, Überschwemmung, Erdbeben oder Ähnliches während der Bauzeit abzuschätzen. Die Risikolage richtig zu analysieren, einzuschätzen und zu bewerten ist die wesentliche Herausforderung – sozusagen die Würze – bei Großprojekten.

Welche herausfordernden Großprojekte haben Sie selbst bisher kennengelernt?
Als AXA sind wir zum Beispiel führender Versicherer des Neubaus des Berliner Flughafens. Viele ganz große Projekte sind auch nicht allein bei einem Unternehmen versichert, sondern mit einem Konsortialvertrag auf mehrere Risikoträger verteilt. AXA ist einer der wenigen Versicherer, der solche Großprojekte führen kann. Dies haben wir, da Sie auf die Versicherungen neuer Technologien abstellen, beispielsweise bei der Versicherung von On- und Offshore-Windparks, Photovoltaikparks, Biogasanlagen etc. vielfach bewiesen. Eine sich derzeit neu entwickelnde alternative Energiequelle ist die sogenannte Tiefe Geothermie. Auch hier haben wir uns mit den Bohr- und Explorationsrisiken ausführlich auseinandergesetzt und erste Projekte versichert. Wie Sie sehen: Auch Versicherer betreiben Forschung und Entwicklung. Ein weiteres Großprojekt ist der Umbau des Bahnhofes Stuttgart, bekannt unter dem Namen „Stuttgart 21“.

Das ist gerade kein Spaß.
Wir bewerten ja nicht, ob der Umbau des Bahnhofs wirtschaftlich sinnvoll und politisch durchsetzbar ist, sondern nur die damit verbundenen technischen Risiken.

Wie sieht denn der Markt für Technische Versicherungen in Deutschland aus?
Von der reinen Prämiengröße, nämlich ca. 1,5 Milliarden Euro, sind die Technischen Versicherungen in Deutschland eher eine kleine industrielle Versicherungssparte. Aber weltweit ist der deutsche Markt mit seinem Know-how ein ganz signifikanter Teil der Technischen Versicherung. Der deutsche Markt war eine Wurzel für diese Art von Versicherungen.

Und welche Rolle spielen deutsche Versicherer international in diesem Bereich?
Die Prämie in den Technischen Versicherungen weltweit zu erfassen ist schwierig, da in vielen Ländern – zumindest teilweise – zum Beispiel die Maschinenversicherung zusammen mit sonstigen Sachversicherungen erfasst wird. Nach den Zahlen der IMIA von 2008 betrug die TV-Prämie der darin organisierten Länder etwa 14 Milliarden US-Dollar. Deutschland präsentiert dabei neben den USA den größten Markt.

Technische Versicherungen versichern ja alles rund um große Bauvorhaben und neue Technologien. Gibt es etwas, was Sie nicht versichern?
Natürlich. Grundsätzlich versichern wir Sachschäden am versicherten Objekt und – sofern besonders vereinbart – den daraus entstehenden Betriebsunterbrechungsschaden. Ausgeschlossen sind immer Schäden durch politische Risiken wie Krieg, Bürgerkrieg, Terror, Kernenergie, Mängel, Vorsatz des Versicherungsnehmers, betriebsbedingte Abnutzung und Ähnliches. Daneben gibt es Länder, in denen ausländische Versicherer Objekte gar nicht direkt versichern dürfen.

Welche Länder und Industrien sind das denn?
Die Liste wäre sehr lang. Lassen Sie mich umgekehrt antworten: Innerhalb der EU gibt es aufgrund der Dienstleistungsfreiheit keine Probleme, außerhalb müssen Sie in jedem Einzelfall die landesspezifischen Vorschriften prüfen. In vielen Fällen benötigen Sie einen im Lande zugelassenen Kooperationspartner. Wir als AXA verfügen über ein solches internationales Netzwerk.

Gibt es denn grundlegende Unterschiede darin, wie Sie Risiken in Deutschland und in anderen Ländern versichern?
Klassische Unterschiede gibt es nicht. Wenn weltweit Anlagen gebaut werden, schauen wir, welche Risiken gibt es vor Ort, welche geografischen oder politischen Risiken, welche Naturgefahren. Wir checken die Risikolage. Bei sehr entfernt liegenden Risiken müssen Sie auch beachten, ob Sie als Versicherer die Schadenbearbeitung sicherstellen können.

Und dann sagen Sie mir unter Umständen auch: Das versichern wir nicht?
Klar. Wenn wir beispielsweise einen Tunnelbau versichern sollten und geologische Gutachten feststellen würden, dass dieser in einem sehr kritischen Untergrund geschehen soll, dann möchten wir dieses Risiko nicht oder nicht zu jedem Preis versichern.

Sie hatten gerade die Geothermie erwähnt. Das ist ja eine der erneuerbaren Energien, die derzeit voll im Trend liegen. Merken Sie den Trend auch in Ihrem Geschäft?
Wir begleiten die Entwicklung von erneuerbaren Energien versicherungstechnisch seit über 20 Jahren. Mit der Windenergie fing es an und wir sind heute in diesem Bereich einer der führenden Versicherer. Weiter ging es dann mit Photovoltaik, den Biogasanlagen, Solarkraftwerken und Ähnlichem. Dass es sich bei der Tiefengeothermie – nicht zu verwechseln mit der Nutzung von Wärmepumpen zur Heizung von Gebäuden – um die jüngste Entwicklung zur Nutzung erneuerbarer Energien handelt, habe ich bereits ausgeführt. Wir begleiten auch diese Technologie von Anfang an.

Kann eine Versicherung denn die Risiken für neue Techniken überhaupt einschätzen?
Weithin schon, aber dafür muss Sie die laufende technische Weiterentwicklung auch aktiv begleiten, um sie zu verstehen. Aus diesem Grund beschäftigen wir Ingenieure und Naturwissenschaftler fast aller Fachrichtungen auf der Betriebs- wie auch Schadenseite. Diese kennen sich in der jeweiligen Branche aus und verfügen über entsprechende Kontakte. Aufgrund von Schadenfällen und den bestehenden Kontakten zu Herstellern und Lieferanten beeinflussen die Technischen Versicherer auch die technische Weiterentwicklung.

Aber alle Risiken kann keiner vorhersagen.
Nein. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Wir leben in einer probabilistischen Welt. Aber das ingenieurwissenschaftliche Bewerten hilft, technische Sachverhalte einzuschätzen. Und die versicherungstechnische Risikobewertung ist es dann, das Worst-Case-Szenario zu entwickeln.

Wenn ich jetzt mit der Idee zu Ihnen kommen würde, auf den Hochhäusern in Frankfurt am Main Windräder zur Stromgewinnung zu bauen: Wie lange müsste ich denn dann darauf warten, dass Sie mir einen Preis nennen?
Zwischen wenigen Tagen und zwei bis drei Monaten. Zunächst müssten Sie mir die genaue Projektbeschreibung vorlegen: Auf welchem Bauwerk genau, wie hoch, welche Kapazität, welche Bauart, welcher Lieferant, welcher Typ, welchen Durchmesser die Windräder haben sollen. Sie würden auch beschreiben, wie Sie die Windräder auf den Hochhäusern montieren wollen. Auch die behördliche Projektgenehmigung nebst Anlagen würde uns interessieren, denn um diese zu erhalten, was ich mir in diesem Falle sehr schwer vorstellen kann, müssten Sie sicherlich auch Angaben zur Statik, Anlagensicherheit etc. machen, die wir dann auch unserer Risikoeinschätzung zugrunde legen würden. Ein ganz normales Windrad, wie es in Norddeutschland heute üblich ist, ist Standard in der Versicherung, da sagen wir Ihnen den Preis sehr kurzfristig. Wenn das ein Windrad auf dem Messeturm wäre, würden wir dann schon genauer hinschauen.

Würden Sie mir auch sagen, was technisch nicht funktionieren würde?
Selbstverständlich, sofern wir die Möglichkeiten haben, das zu erkennen. Der Risikoaustausch läuft ganz aktiv, um Schadenprävention schon ex ante zu betreiben. Grundsätzlich sind wir aber „nur“ Versicherer und nicht Hersteller oder Projektant, die naturgemäß technisch viel tiefer in den Details ihrer Projekte stecken.

Auch ohne dass ein Vertrag zustande kommt?
Ja, das ist Teil der Risikoprüfung. Zwischen Technikern ist das ein ganz normales Gespräch. Die Assekuranz ist als Risikoträger also auch schadenvermeidend.

Sie sind derzeit Präsident der IMIA, des Weltverbands der Technischen Versicherer, bei dem die Experten aus Erst- und Rückversicherern Know-how austauschen. Ist so ein Wissens-tausch für Unternehmen nicht gefährlich?
Die IMIA befolgt strikt ihr Antitrust-Statement, wie es auf der Webseite der IMIA nachzulesen ist. Ingenieure sind sehr pragmatisch. Sie haben Freude an ihrer Arbeit und sind auch gewillt, sich auszutauschen. Da geht es nicht um Wettbewerb, und es fühlt sich auch niemand auf den Schlips getreten. Es geht einzig und allein darum, technische Sachverhalte sauber zu bewerten.

Schon ungewöhnlich in einem Wettbewerb.
Die IMIA ist eine ganz normale Wissensplattform. Da geht es nur um Wissen und Austausch. So bearbeiten Mitglieder der IMIA zu jeder jährlichen Konferenz aktuelle technische Fragestellungen – auch auf der Schadenseite – , die dann dort dem Plenum vorgetragen werden. Die für die jährlichen IMIA-Konferenzen der letzten zehn Jahre erstellten Beiträge sind auf der öffentlichen Webseite für jedermann zugänglich. Sie werden erkennen, dass es hier ausschließlich darum geht, objektive technische Sachverhalte in den verschiedensten technischen Bereichen zu beschreiben und risikotechnisch zu bewerten. Was Sie dann als einzelnes Versicherungsunternehmen daraus machen, ist Ihnen natürlich selbst überlassen. Unter den Unternehmen gibt es hier keinen Austausch. Im Übrigen gibt es vor und nach jeder Pause auf den IMIA-Treffen einen formalen, kartellrechtlichen Compliance-Absatz, und ein Kartellanwalt wacht darüber, dass alles wettbewerbsrechtlich korrekt abläuft.

In den letzten Monaten haben wir möglicherweise bei der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko das Ende des technisch Machbaren gesehen. Was lernen Sie als Versicherer aus diesem schrecklichen Ereignis?
Versicherer können Entscheidungen nur für sich treffen, und es gibt Risiken, die wir nicht versichern wollen und können. Es gibt Mitbewerber am Markt, die versichern keine Raffinerien, und es gibt welche, die wollen gerade die versichern. Es gibt auch viele, die keine Tiefseebohrungen zeichnen, weil sie die für unkontrollierbar halten.

Kann es nach dem BP-Desaster vorkommen, dass Versicherungen ihre Meinung zu einer Technik ändern und sich vom Markt zurückziehen?
Ja, klar.

Wenn der ganze Markt das macht, dann ist diese Technologie tot.
Die Kapazität des Marktes ist wirklich so groß, dass sich immer ein Versicherer findet. Ich habe zum Beispiel noch nie erlebt, dass ein Risiko nicht versichert werden konnte, wenn es nicht etwas außergewöhnlich Verrücktes war.

Bei der Ölkatastrophe sind die finanziellen Folgen noch gar nicht abzusehen und es ist auch nicht klar, wer das am Ende finanziell schultert. Trotzdem gibt es Versicherer, die eine Tiefseebohrung direkt daneben versichern würden?
Die sind zurzeit ja auch gedeckt. Und der Schaden jetzt wird nicht dazu führen, dass kein Mensch mehr Tiefseebohrungen finanziert und versichert. Aber die Risikoanalyse wird sicher deutlich genauer werden, und vielleicht steigen auch die Preise.

Haben die Versicherer in solchen Dingen nicht auch eine gesellschaftliche, ethisch-moralische und ökologische Verantwortung, wenn sie wissen, dieses oder jenes Risiko ist nicht versicherbar?
Wir decken ja nicht jedes Risiko. Nachhaltigkeit ist für uns ganz wichtig. Deswegen gehen wir bewusst ökonomische Risiken ein, um Dinge zu unterstützen, die auch der Gesellschaft etwas bringen. Deshalb sind wir in der Geothermie engagiert.

Wenn eine gefährliche Technik existiert und eine Versicherung davon weiß, muss sie dann nicht Alarm schlagen?
Das ist nicht die Aufgabe eines Versicherungsunternehmens! Und außerdem sind die zu versichernden Projekte ja öffentlich meist bekannt, allein schon aufgrund des gesetzlich vorgeschriebenen behördlichen Genehmigungsprozesses. Unsere Aufgabe ist es zu entscheiden, ob wir ein Risiko zu bestimmten Konditionen decken oder eben nicht. Die tätigen wir sauber und konsequent. Wenn wir wüssten, dass ein Projekt schiefgehen würde, würden wir es nicht versichern.

Das nutzt der Versicherung als Unternehmen, aber nicht der Gesellschaft, wenn ein anderes Unternehmen es dann versichert.
Zunächst ist eine Versicherung ein Wirtschaftsunternehmen und muss für sich selbst entscheiden. Aber wenn große Versicherungen Dinge nicht zeichnen, schauen andere auch genauer hin.

Die größten Projekte in der nächsten Zukunft werden sicher aus dem Bereich Energie kommen: Desertec in der Sahara, ein großes Vorhaben, nicht zuletzt auch von der Münchener Rück. Das ist ja auch etwas ungewöhnlich, dass Versicherungen ganz aktiv eine Technik fördern. Sollten Versicherer bestimmte Techniken fördern?
Auf jeden Fall ist es gut, sozial Verantwortliches nach vorn zu treiben. Und wenn Solarenergie so positiv zu bewerten ist, wie es derzeit aussieht, dann ist es mehr als sinnvoll, sie zu unterstützen. Deswegen ist Desertec eine gute Überlegung und Übung. Ob und wie das klappt, zeigt sich demnächst. Aber die Initiative per se ist gut.

Interview: Marcel Roth und Alex Stefanidis