16.12.2009
Ratingagenturen

Absturz mit Raten

Rating-Agenturen gehören zu den mächtigsten Akteuren im internationalen Finanzgeschäft. Nur, weshalb sind sie bisher niemandem Rechenschaft schuldig?

Mit Schulnoten ist das so eine Sache. Das weiß jeder, der schon einmal ein schlechtes Zeugnis nach Hause tragen musste. Niemand würde behaupten, dass die Zensuren vollständig objektiv zustande kommen, selten lassen sie sich genau nachvollziehen und doch orientieren sich alle daran: Eltern, denen die Zukunft ihrer Kinder am Herzen liegt. Mitschüler, die wissen wollen, wie gut oder schlecht sie selbst waren. Und Tanten, die bei besonderen Leistungen lobend Schokolade aus den Handtaschen ziehen.

GDV Position
Die Rating-Agenturen sollten transparenter arbeiten und den Dialog mit den Emittenten verbessern.

In der Welt der Finanzmärkte haben die Urteile der globalen Rating-Agenturen oft einen ähnlichen Stellenwert wie Noten. Die Analysten begutachten die Bonität von Unternehmen und ihren Schuldtiteln. Ein „Triple A“ (AAA), das sich in den Finanzteilen der Zeitungen findet, entspricht einer „Eins plus“: Das Risiko, als Anleger sein Geld zu verlieren, wenn man einen Schuldtitel dieses Unternehmens zeichnet, ist also äußerst gering. Der Lohn für den Schuldner sind günstige Zinsen, weil der Anlagetitel als risikolos gilt. Ein schlechteres Abschneiden in den Ratings dagegen kann Unternehmen Millionenbeträge kosten, weil sie sich Geld am Kapitalmarkt nur noch zu höheren Zinsen beschaffen können. Der Mischkonzern Thyssen-Krupp etwa wurde im vergangenen Jahr durch eine umstrittene Neubewertung seiner Pensionsrückstellungen auf die Note „BB+“, also in die Nähe von Ramschanleihen heruntergestuft. Rund 20 Millionen Euro an Zinsen soll die schlechte Note das Unternehmen gekostet haben.

Ratings haben sich längst als Währung für die Bonitätsbeurteilung von Unternehmen und sogar von Staaten etabliert. Auch aus der Versicherungsbranche sind die Bewertungen nicht mehr wegzudenken. Zum einen werden die Papiere von Versicherern geprüft, wenn sie als Emittenten auf dem Kapitalmarkt auftreten. Daneben ermitteln die Agenturen in speziellen Versicherungsratings die Finanzkraft der Versicherer und versuchen die finanzielle Solidität insgesamt zu messen. Gerade die Rückversicherer verlieren schnell Kunden, wenn sie dabei schlechter als zuvor abschneiden, denn die Erstversicherer vergleichen die Ratings vor der Vertragsunterzeichnung ganz genau.

Weltweit schätzt man die Anzahl der Rating-Agenturen auf rund 140 und den Umsatz der Branche auf mehr als 2,6 Milliarden US-Dollar. Mit den Agenturen Moody’s Investors Service, Standard &amp Poor’s und Fitch Ratings teilen sich nur drei Unternehmen beinahe den gesamten Markt weltweit. Den Marktanteil von Moody’s und Standard &amp Poor’s schätzt man auf jeweils rund vierzig Prozent. Fitch Ratings dürfte über rund 15 Prozent Marktanteil verfügen. Im Versicherungsgeschäft mischt als Ausnahme mit A.M. Best ein vierter Wettbewerber mit.

Die Branche gilt als äußerst lukrativ. Mit der Bedeutung der globalen Finanzmärkte wuchs auch das Geschäft der Rating-Firmen. Ende der sechziger Jahre beschäftigte Standard and Poor’s nur rund ein Dutzend Analysten. Heute sind es über 1250. Mehr als eine Million US-Dollar sollen Großunternehmen für das Rating einer neuen Anleihe bei einer etablierten Agentur schon bezahlt haben. Ein Finanzkraft-Rating kostet nach Angaben von Standard &amp Poor’s mindestens 35.000 Dollar. Bezahlt werden die Ratings von den Unternehmen selbst, die belegen wollen, dass sie ausreichend finanzkräftig sind.

Die Arbeitsweise ist bei den wichtigen Agenturen ähnlich: Analysten durchleuchten die Bilanzen, prüfen Geschäftsrisiken, beurteilen die Sicherheit von Verbindlichkeiten und vergleichen den Kandidaten mit Branchen-Konkurrenten. Außerdem sprechen die Bewertungsprofis mit den Vorständen. Dann macht ein erfahrener Analyst einen Vorschlag, der von einem Gremium innerhalb der Agentur, dem so genannten Rating-Komitee, abgestimmt wird. Nachgefragt, wie die Urteile genau zustande kommen, wurde öffentlich lange Zeit nicht. Seit den Pleiten von Enron und Worldcom in den USA vor drei Jahren sind die Praktiken der Rating- Firmen jedoch immer stärker in die Kritik geraten, weil sie vor den jeweiligen Existenzkrisen nicht gewarnt haben und Enron sogar noch wenige Tage vor der Konkurserklärung eine ausreichende Bonität bescheinigten.

Immer lauter wird auch die Kritik von Emittenten an nicht sachgerechten Praktiken der Rating-Agenturen mit nicht nachvollziehbaren Ergebnissen. Der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Jochen Sanio, nannte die Rating-Agenturen „die größte unkontrollierte Machtstruktur im Weltfinanzsystem“. Kritisiert wird vor allem, dass die Agenturen nicht offen legen, wie sie zu ihrem Rating gelangen. „Es ist für uns schwer, das Ergebnis bin ins Letzte nachvollziehbar zu machen“, entgegnet Torsten Hinrichs, Geschäftsführer bei Standard &amp Poor’s in Frankfurt. „Schließlich geben unsere Kunden vertrauliche Daten an uns weiter.“ Außerdem bestehe ein Rating nicht nur aus der Bearbeitung von Finanzkennzahlen, sondern sei „immer auch das Ergebnis einer qualitativen Analyse“. In den Rating-Komitees werde vor abschließenden Entscheidungen manchmal stundenlang unter erfahrenen Analysten diskutiert.

Besonders in politischen Kreisen hat das Vertrauen in die Rating-Agenturen und die Selbstregulierungskräfte des Marktes dennoch arg gelitten. Im März sprachen sich alle Fraktionen des Deutschen Bundestags in seltener Einmütigkeit für einen weltweiten Verhaltenskodex aus. Die Europäische Kommission will bis April nächsten Jahres entscheiden, ob und wie die Rating-Agenturen einer staatlichen Kontrolle unterworfen werden. Bis dahin werden die europäischen Wertpapieraufsichtsbehörden (CESR) einen Bericht vorlegen. In den USA gibt es eine ähnliche Entwicklung: Auf Betreiben der US-Börsenaufsicht SEC hat die internationale Wertpapierbehörde (IOSCO) den Entwurf eines weltweit gültigen Verhaltenskodex’ für Rating-Agenturen vorgelegt, der derzeit diskutiert wird. Kernpunkte: Die Agenturen sollen ihre Verfahren transparenter machen, den Dialog mit den Emittenten verbessern, um zu qualitativ hochwertigeren Ratings zu gelangen, und sich verpflichten, Interessenkonflikte offen zu legen. Bei den drei großen Agenturen sieht man die staatlichen Regulierungsbemühungen mit gemischten Gefühlen: „Der Markt hat nur deshalb einen Nutzen durch unsere Ratings, weil sie unabhängig erstellt werden“, argumentiert Standard &amp Poor’s-Geschäftsführer Hinrichs. „Ausgehandelte Ratings wären für den Markt wertlos.“

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) dagegen begrüßt die Diskussion um den Verhaltenskodex. „Es geht nicht um einen Kuhhandel zwischen Agentur und Emittent, sondern um Mindeststandards im Miteinander. Auf diese Weise erhalten wir bessere Informationen für die Investoren. Aber wie so oft liegt der Teufel im Detail“, sagt GDV-Chefvolkswirt Michael Wolgast. Neben der Transparenz der Verfahren würden die Versicherer gern ein verbindliches Qualifikationsprofil für Analysten vorschreiben, die bisher keine bestimmte Eignung nachweisen müssen. Wir wollen den Prozess des Ratings verbessern und erreichen, dass die Urteile keinen Anschein von Willkür haben“, unterstreicht Wolgast. Es könne nicht sein, dass es nach einem zweifelhaften Rating einfach nur heiße: „Pech gehabt“. Für Fehlurteile sollen die Rating-Agenturen daher nach GDV-Auffassung künftig auch haftungsrechtlich geradestehen, sofern sie die Standards für ein geordnetes Verfahren nicht eingehalten haben. Das lehnen die Rating-Firmen bisher ab. Man fälle nur eines von vielen Urteilen, heißt es bei den Bewertungsprofis. Für die Reaktionen der Finanzmärkte sei man nicht verantwortlich. Als zweites Instrument fordert der GDV einen internationalen Ombudsmann, der in Streitfällen zu Verfahrensfragen als offizielle Beschwerdeinstitution dienen könnte. Zudem soll künftig stets eindeutig gekennzeichnet werden, ob es sich um ein Auftragsrating eines Unternehmens handelt oder ob die Agentur auf eigene Faust tätig geworden ist.

Wolgast macht jedoch gleichzeitig deutlich, dass die Versicherer, auch in ihrer Funktion als Anleger, mit der Arbeit der Rating-Agenturen insgesamt zufrieden sind. Das Verhältnis sei von wenigen Ausnahmen abgesehen „auskömmlich“. Eine dieser Ausnahmen war eine Marktstudie der deutschen Sektion von Fitch Ratings, die den deutschen Lebensversichern im vergangenen Herbst medienwirksam eine riesige Lücke in der Kapitalausstattung unterstellte, obwohl auch unabhängige Experten deutliche methodische Mängel in der Studie ausmachten. Gelegentlichen Gedankenspielen aus der Politik, das Oligopol und die Macht der Rating-Firmen durch eine staatlich geförderte europäische Agentur zu brechen, erteilt Wolgast dennoch eine deutliche Absage: „Wir brauchen in jedem Fall eine internationale Lösung, die auf den Markt setzt.“

Noch ist alles wie früher in der Schule: Beschwerden über schlechte Zensuren bringen nur selten was. Wer sich dennoch lautstark beklagt, wird den Lehrern höchstens unsympathisch.

Markus Wiegand ist freier Journalist in St. Gallen.