18.11.2009
Neurowissenschaft

Zwei Seelen wohnen ach! in meinem Hirn

Der Ringkampf von Gefühl und Vernunft geht in eine neue Runde. Neurowissenschaftler sägen am Stuhl des ökonomisch rein rational handelnden Menschen. Warum unser Gehirn es dem Menschen so schwer macht, fürs Alter vorzusorgen.

Für seinen Schlüssel und seine Kreditkarte erhält man in Bonn schon einmal Ohrenstöpsel. Ein guter Tausch für die Wissenschaft und ein sicherer für den Probanden. Dann braucht es nur noch eine Röhre in der Wand und eine Liege, um in das Gehirn eines Menschen zu schauen. Mit einem 30.000-fach stärkeren Magnetfeld, als es die Erde hat. Wegen des starken Magnetfelds müssen Probanden alle metallischen Gegenstände abgeben. Die Ohrenstöpsel lassen das laute, kontinuierliche Piepen besser ertragen. Auf einer Liege muss der Proband dann seinen Kopf in eine Art Helm stecken und eine bis zu einer Stunde dauernde Untersuchung über sich ergehen lassen. Eine Stunde in einem ständig laut piependen Magnetresonanztomografen sind beim Arzt eine Qual. Im von der Universität Bonn betriebenen „Neuroeconomics Lab” hat allerdings kein Proband Zeit, darüber nachzudenken, wie wenig Platz er hat, wie unbequem er gerade liegt und dass er sich nicht bewegen darf. „Unsere Probanden haben genug zu tun, wenn sie in dem Magnetresonanztomografen liegen”, sagt Dr. Bernd Weber, einer der Gründer des Neuroeconomics Lab in Bonn. Sie müssen Rechenaufgaben lösen, Entscheidungen fällen und Knöpfe drücken. Währenddessen misst der Magnetresonanztomograf, vereinfacht gesagt, die Sauerstoffsättigung im Blutsystem des Hirns, die im Umfeld aktiver Nervenzellen ansteigt. Wo viel Sauerstoff verbraucht wird, sind viele Nervenzellen aktiv. Dort denkt der Mensch.

Was genau er denkt, weiß in absehbarer Zeit niemand. Aber die Tatsache, dass bestimmten Arealen des menschlichen Gehirns emotionale und anderen rationale Entscheidungen zugeordnet werden können, macht die Ergebnisse von Magnetresonanztomografen nicht nur für Neurologen interessant. Letztendlich lassen sich nämlich sämtliche Entscheidungen, die ein Mensch trifft, darauf zurückführen, dass das Gehirn belohnt werden und Schmerzen vermeiden möchte. Das passiere vor allem unbewusst, sagt Privatdozent Dr. Michael Deppe von der Universitätsklinik Münster, der dort die Arbeitsgruppe „Funktionelle Bildgebung” der Klinik und Poliklinik für Neurologie leitet. Deppe macht in Münster neuroökonomische
Experimente, zum Beispiel zu Kaufentscheidungen und Lieblingsprodukten von Konsumenten. So konnten die Münsteraner neurobiologisch erklären, warum Menschen ihren Lieblingsmarken — zum Beispiel bei Kaffee oder Bier — treu sind: Nur diese sind wirklich emotional besetzt. Ein zweitliebstes Produkt unterscheidet sich unter neurobiologischen Gesichtspunkten praktisch nicht von dem dritt- oder fünftliebsten Produkt eines Menschen. „Jede Gewohnheit ist prinzipiell ein unterschwelliger Belohnungsprozess. Es ist schon erschütternd, wie simpel man gestrickt ist”, sagt Deppe.

Mittlerweile nutzen auch Wirtschaftswissenschaftler neurowissenschaftliche Erkenntnisse, mit dem Ziel, das Investmentverhalten von Menschen zu erklären. In der Neuroökonomie werden wirtschaftswissenschaftliche, psychologische und medizinische Erkenntnisse gebündelt. Um die Jahrtausendwende sei diese Fachrichtung als Weiterentwicklung der Verhaltensökonomie (Behavioral Economics) bzw. ihrer Teildisziplin Behavioral Finance entstanden, sagt Dr. Klaus-Jürgen Jeske von der Association for NeuroPsychoEconomics, zu der sich Ökonomen, Verhaltenspsychologen und Hirnforscher zusammengeschlossen haben.

„Behavioral Finance ist die Idee, dass man von dem rationalen Menschenbild abweicht und zusätzliche Aspekte des menschlichen Verhaltens in der Analyse der Finanzmärkte und des Anlageverhaltens berücksichtigt”, erklärt Dr. Martin Weber, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Mannheim. Ein halbes Jahrhundert lang war man in der Wirtschaftswissenschaft davon ausgegangen, dass sich der Mensch als Homo oeconomicus auf den Finanzmärkten völlig rational verhält, Gefühle wie Angst oder Gier spielten überhaupt keine Rolle.

Aber der Mensch handelt ökonomisch nicht immer vernünftig. Für diese Erkenntnis brauchen Forscher den anderthalb Millionen Euro teuren Magnetresonanztomografen nicht einmal• Im sogenannten Ultimatum-Experiment bieten Wissenschaftler einer Person 1000 Euro an, die sie mit einer zweiten teilen soll. Beide erhalten ihren Anteil aber nur, wenn die zweite Person dem Vorschlag der ersten zustimmt. „Der zweite Proband hat eine große Befriedigung, bei 300 Euro Nein zu sagen, weil er eigentlich 500 haben will”, sagt Professor Dr. Christian Elger, Neurologe am Universitätsklinikum Bonn und Mitbegründer und Gesellschafter des Neuroeconomics Lab. Ökonomisch betrachtet, verliert der Proband, der den Deal ablehnt, 300 Euro — ein Verlust, der den rationalen Teil des Hirns schmerzen müsste. „Aber er ist total zufrieden damit, weil er sagt: Wenn dieser Schweinehund nicht fair ist, soll er auch nichts haben.” Der emotionale Lohn — die Befriedigung, dass das Gegenüber auch kein Geld bekommt — ist also stärker als der absehbare Schmerz des ökonomischen Verlusts.

Absehbar ist ein ökonomischer Verlust auch bei Menschen, die nicht für ihr Alter vorsorgen. Denn schließlich sind demografischer Wandel und Rentenlücke längst keine unbekannten Begriffe mehr. Eine aktuelle Studie der Postbank sagt, Rentner müssten ab 2040 mit nur noch 40 Prozent ihres letzten Bruttoeinkommens leben. Aber die Verbindung zwischen Verhaltenspsychologie und Ökonomie hilft, den eklatanten Widerspruch beim Vorsorgeverhalten der deutschen Bevölkerung zu erklären..

„Bei der Altersvorsorge gibt es eine Lücke zwischen der Absicht und dem Handeln”, meint Magdalena Salek, Versicherungswirtschaftlerin an der Universität Karlsruhe. „Dass jemand etwas für gut hält, bedeutet nicht unbedingt, dass er es auch umsetzt.” Sie schreibt derzeit ihre Doktorarbeit über die Bereitschaft der Deutschen zur Altersvorsorge. Salek und andere Wissenschaftler kennen vielfältige Gründe für die Kluft, die bezüglich der Altersvorsorge zwischen Absicht und Handeln besteht.

„Dass jemand etwas für gut hält, bedeutet nicht unbedingt, dass er es auch in die Tat umsetzt”

Ein Grund ist monetärer Art: Manche Menschen haben kein Geld für die Vorsorge. Wegen der derzeitigen Wirtschafts- und Finanzkrise hat laut der Postbank-Studie jeder Sechste weniger zurückgelegt als zuvor und jeder dritte berufstätige Deutsche gibt an, im Alter gar nicht über Einnahmen aus einer privaten Vorsorge verfügen zu können. „Natürlich ist es eigentlich sehr unklug, aus einem langfristigen Vertrag zur Alterssicherung auszusteigen”, sagt der Mannheimer Finanzwirtschaftsprofessor Martin Weber. „Aber was soll jemand machen, der arbeitslos oder auf Kurzarbeitergeld ist und schauen muss, wie er finanziell über die Runden kommt?”

Mit dem monetären Aspekt würde in der klassischen Wirtschaftswissenschaft die Suche nach den Gründen für die Diskrepanz zwischen Absicht und Handeln in der Altersvorsorge enden. Doch die Behavioral-Finance-Experten haben weitere Gründe ausgemacht. Magdalena Salek spricht von „psychologischen Kosten”, die bei den Menschen entstehen, wenn sie sich mit dem Thema Altersvorsorge auseinandersetzen: Die Menschen führten automatisch und unbewusst eine Kosten-Nutzen-Analyse durch. Wenn ihnen die Beschäftigung mit der Altersvorsorge insgesamt nicht nützlich erscheine, beschäftigten sie sich nicht damit. Für ihre Doktorarbeit hat Salek eine repräsentative Umfrage unter Berufstätigen zwischen 20 und 55 Jahren durchgeführt. Das Ergebnis: Je höher ihr Einkommen, umso mehr beschäftigen sich die Menschen mit der Altersvorsorge. Neurobiologisch ist das sinnvoll: Menschen mit hohem Einkommen haben, absolut gesehen, mehr zu verlieren. Ein ökonomischer Verlust im Alter würde einen eingeschränkteren Lebensstil bedeuten. „Die Vorstellung dieses Verlusts an Belohnung löst unmittelbare Angst aus. Diese erlebte Angst ist der tatsächliche Auslöser, der uns zur künftigen Schmerzvermeidung, also zur Altersvorsorge bewegt”, sagt Michael Deppe von der Universität Münster.

Grundsätzlich unterscheiden Neuroökonomen und Behavioral-Finance-Experten nämlich zwischen rationalen und emotionalen Entscheidungen des Menschen, sagt Klaus-Jürgen Jeske von der Association for NeuroPsychoEconomics. „Es ist, als ob zwei Leute in einem Menschen leben würden. Der eine ist ein vernünftiger Planer, der will, dass man fürs Alter spart. Der andere ist der gefühlsbetonte Macher. Er will jetzt Geld für den Konsum ausgeben und denkt nicht an später”, erklärt Professor Martin Weber. Diese zwei „Seelen” im Hirn können Forscher mittlerweile lokalisieren und sichtbar machen: Für emotionale Entscheidungen ist eher das stammesgeschichtlich ältere limbische System zuständig, für rationale vor allem der präfrontale Cortex.

Welches Hirnareal aber die endgültige Entscheidung herbeiführt, kann niemand vorhersagen. Das hängt von den psychologischen Faktoren ab, die jeden Menschen beeinflussen. Für die einen ist die Beschäftigung mit der Altersvorsorge und ihren verschiedenen Produkten zu kompliziert. „Solche Leute sind unsicher und überfordert. Das ist ein wichtiger Grund für die mangelnde Bereitschaft zur Altersvorsorge”, sagt Magdalena Salek. Für die anderen ist es zu zeitaufwendig, sich mit Altersvorsorge zu beschäftigen — Zeit, die dann für Spaß und Sport fehlt. „Es ist eine Kombination von genereller Trägheit, von weit in der Zukunft liegenden Konsequenzen, die viele Menschen nicht richtig durchschauen. Sie sorgen sich, gravierende Fehler zu machen und für lange Zeit an diese Fehler gebunden zu sein”, sagt Dr. Thomas Langer, Professor für Finanzierung an der Universität Münster.

Hinzu kommt die Tendenz vieler Menschen, nicht ans Alter zu denken, sondern sich nur mit der Gegenwart zu beschäftigen. „Es gibt eine gewisse Altersaversion”, konstatiert Magdalena Salek. Dabei fürchten sich einige vor dem Alter, weil sie es mit Krankheit, Pflegebedürftigkeit und Armut verbinden. Andere machen sich überhaupt keine Gedanken über die Zeit im Alter, weil sie davon ausgehen, dass sie dann irgendwie viel Freizeit haben werden. Dagegen genießen viele das Leben im Heute und wollen ihr Geld lieber jetzt als später ausgeben. „Der Verzicht auf Geld oder auf eine Tafel Schokolade ist beispielsweise heute viel schlimmer als in einem Jahr”, sagt Professor Martin Weber. Das alles ist neurobiologisch erklärbar: Das Hirn lebt im Jetzt. Und es trifft mitunter ökonomisch unsinnige Entscheidungen. Bietet man Versuchspersonen in einem Gedankenexperiment entweder zehn Euro in einem Jahr an oder elf Euro in einem Jahr und einem Tag, dann entscheiden sich die meisten für die elf Euro und warten einen Tag länger. Lassen die Forscher die Probanden aber zwischen zehn Euro heute und elf Euro morgen entscheiden, dann entscheiden sich die meisten für zehn Euro und greifen heute zu. Ökonomisch macht das wenig Sinn: In der ersten Variante konnten die Probanden ja auch einen Tag länger auf den einen Euro warten. Aber die Menschen können kurzfristig viel weniger geduldig warten als langfristig. „Der Grund dafür ist, dass wir diesen starken Jetztbezug haben”, sagt Finanzwirtschaftsprofessor Martin Weber. Und der Münsteraner Hirnforscher Michael Deppe erklärt: „Einhundert Euro in der Gegenwart sind emotional erfahrbar, 10.000 Euro in ferner Zukunft existieren für das Belohnungssystem im Hirn emotional nicht. Deswegen haben wohl auch die Katastrophen des Klimawandels noch nicht wirklich zu einem Umdenken geführt.”

Auch wenn Forscher die Gründe für mangelnde Altersvorsorge kennen, können sie bislang nur mutmaßen, was dagegen zu tun ist. „Der Schlüssel liegt darin, diese vielen psychologischen Kosten, also den Aufwand, den die Leute mit der Beschäftigung rund um das Thema Altersvorsorge verbinden, zu reduzieren”, sagt Magdalena Salek. Verstärkte Aufklärungskampagnen oder eine vereinfachte Produktgestaltung könnten dabei helfen. Auch müsste man das Belohnungssystem stärker positiv anregen, um mehr Menschen als bisher zu einer privaten Altersvorsorge zu bewegen, sagt Professor Christian Elger aus Bonn. „Vielleicht muss man Lösungen einfach konkreter benennen: Riesterund Rürup-Rente funktionieren als Begriffe ja ganz gut.” In der Tat ist zum Beispiel der Erfolg der Riester-Rente mit mehr als zwölf Millionen abgeschlossenen Verträgen in erster Linie der guten und aufklärenden Arbeit der Vermittler zu verdanken, die ihre Kunden ganz gezielt auf die Vorteile dieses Produkts aufmerksam gemacht haben.

Andere Modelle findet man zum Beispiel in den USA: Dort gibt es bei vielen Firmen automatisch eine betriebliche Altersvorsorge. Bei anderen Firmen fließt beispielsweise bei einer Gehaltserhöhung die erste Monatsrate komplett in die Alterssicherung. Dabei greift ein psychologischer Effekt: Der Abzug vom Nettogehalt tut Menschen mehr weh, als wenn das Geld direkt vom Bruttoeinkommen in die Altersvorsorge wandert, sagt Doktorandin Magdalena Salek.

GDV Position:

Wenn es um die Altersvorsorge geht, sind auch Emotionen im Spiel. Verstärkte Aufklärungskampagnen und eine vereinfachte Produktgestaltung können aber eine rationale entscheidung erleichtern.

Wie auch immer eine Entscheidung für eine Altersvorsorge ausfällt: Im menschlichen Hirn ringen Vernunft und Gefühl bei jeder Entscheidung miteinander, sagt Michael Deppe von der Uniklinik Münster, denn niemand könne prinzipiell alles rational entscheiden. „Aber wer will, kann alles unter emotionalen Gesichtspunkten entscheiden.”

Mauritius Much, Marcel Roth und Alex Stefanidis sind Journalisten in Berlin und München.