24.03.2009
Hochwasserrisiken

Hals- und Deichbruch

Ein Computermodell hilft Versicherern, Hochwasserrisiken zu berechnen. Entwickelt hat das Programm ein Expertenteam des GDV.

Schuld war ein Tiefdruckgebiet namens Zolska. Anfang Juli 1997 regnete es in Polen und Tschechien so heftig, dass bald ganze Landstriche unter Wasser standen. Dann floss das Hochwasser die Oder hinab nach Deutschland. Mitte Juli erreichte es Frankfurt, eine Woche später brach einige Kilometer flussabwärts der erste Deich. Hätten nicht Zehntausende Freiwillige Sandsäcke geschleppt, wäre das gesamte Oderbruch überflutet worden. Zolska richtete einen Schaden von rund 250 Millionen Euro an.Das Hochwasser an der Oder war die Erste einer ganzen Reihe von Jahrhundertfluten, die in den nächsten Jahren über Deutschland hereinstürzten. Und um die Risiken solcher Katastrophen besser einzuschätzen, hat der GDV 2001 das Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen – kurz: ZÜRS – herausgebracht.

Das Computermodell berechnet die Wahrscheinlichkeit von Überschwemmungen und teilt Deutschland in vier Gefährdungsklassen ein: In der ersten Klasse kommt Hochwasser weniger als alle 200 Jahre vor, in der zweiten alle 50 bis 200 Jahre, in der dritten alle zehn bis 50 Jahre und in der vierten häufiger als alle zehn Jahre. „Mit ZÜRS”, sagt Oliver Hauner, Leiter Versicherungstechnik Sach beim GDV, „ist es auf den Standort genau möglich, die Gefahr zu bestimmen.”

Gegen Überschwemmungen und andere Naturereignisse kann man sich mit einer sogenannten erweiterten Elementarschadenversicherung absichern. Sie wurde 1994 deutschlandweit eingeführt. Vorher gab es Überschwemmungsversicherungen nur in einzelnen Regionen wie Ostdeutschland oder Baden-Württemberg. Viele Versicherer stellte das neue Produkt vor Probleme. Zu dünn die Datenlage, zu kompliziert die Gefahrenanalyse. Interessierte Kunden mussten oft seitenweise Fragen beantworten, damit sich der Versicherer ein Bild der Lage machen konnte.

ZÜRS sollte das ändern. Der Aufwand war enorm. Rund drei Jahre lang wurde in den Gremien des GDV an der Verwirklichung des Konzepts gearbeitet. Über 200 Wasserwirtschaftsämter wurden angefragt. „Und jedes bereitet seine Daten anders auf”, erklärt Olaf Burghoff, der ZÜRS beim GDV betreut. Daneben wurden Straßenkarten, Daten von Landesvermessungsämtern und viele andere Informationen ins Programm eingespeist. Die Datenbank beinhaltet heute zum Beispiel mehr als 200.000 Flusskilometer.

GDV Position
ZÜRS bietet eine schnelle und unkomplizierte Risikoprüfung bei der Vorausberechnung von Überschwemmungen an und ist zu einem unverzichtbaren Werkzeug für Versicherer geworden.

Fast alle Anbieter von Elementarschadenversicherungen nutzen das Zonierungssystem. Einer von ihnen ist die Gothaer Allgemeine Versicherung in Köln, die zu den zehn größten Schaden- und Unfallversicherern in Deutschland gehört und ZÜRS als eines der ersten Unternehmen auch ihren Vertretern zugänglich machte. „Unsere Erfahrungen mit ZÜRS sind durchweg positiv”, sagt Stefan Hilgers, Leiter des Produktmanagements Sach. In 98 Prozent der Fälle sei mit ZÜRS eine schnelle, unkomplizierte Risikoeinstufung möglich, die zudem auch noch sicherer und präziser als frühere Methoden sei. Bevor es ZÜRS gab, fragte die Gothaer im Wesentlichen eigentlich nur ab, ob es in den vergangenen zehn Jahren zu Überschwemmungsschäden gekommen sei.

Im Laufe der Zeit wurde das Zonierungssystem schrittweise aktualisiert, überarbeitet und für neue Anwendungen geöffnet. Im vergangenen Jahr brachte der GDV mit „ZÜRS Geo” eine Online-Version heraus, in die ein Modul für Umweltschadenhaftpflichtversicherungen integriert ist. Außerdem wurde „HQ Kumul” vorgestellt, mit dem jeder Versicherer die Gesamtschadenssumme von Überschwemmungskatastrophen berechnen kann.

So viel Erfindungsgeist weiß man auch im Ausland zu schätzen. „In Europa waren wir mit unserem System ein Vorreiter. ZÜRS hat viele Nachahmer gefunden”, sagt Hauner. Das Environmental Systems Research Institute bei San Diego, Kalifornien, das zu den führenden Anbietern für Geodaten-Software gehört, verlieh ZÜRS im vergangenen Jahr einen Preis. Neue Anwendungen werden im GDV bereits angedacht.

Serge Debrebant ist freier Journalist in München und London. Ansprechpartner: Katrin Rüter, Tel. 030/20 20-51 19.