12.02.2009
Risiko Containerfracht

Ungeheuer der Meere

Containerschiffe der Superlative machen den Versicherern zu schaffen. Das Risiko wächst mit der Zahl der geladenen Container und der Größe der Frachter.

An Deck stehen keine Container, sondern da liegen Fußballfelder, und zwar vier Stück hintereinander. Wenn man sich das so vorstellt, vielleicht kann man dann ein bisschen besser erahnen, was für ein Koloss regelmäßig am North Sea Terminal in Bremerhaven anlegt. 397 Meter lang, gute 56 Meter breit und 68 Meter hoch – die Emma Maersk ist das größte Containerschiff der Welt. 15.200 Standardcontainer haben auf ihr Platz, oder anders ausgedrückt: Ein Zug wäre mit dieser Fracht etwa hundert Kilometer lang. Den Motor stellt man sich am besten in der Dimension eines großen Einfamilienhauses vor.

GDV Position:

Je größer die Schiffe, desto exponierter sind sie. Das Risiko muss für die Versicherer aber kalkulierbar bleiben.

Angesichts der Größe kann man sich kaum vorstellen: Auch dieses Schiff kämpft mit den Kräften des Meeres und ist lange nicht so stabil, wie es aussieht. Ganz im Gegenteil: „Je größer die Schiffe werden, desto größer werden die Probleme“, sagt Uwe-Peter Schieder, Referent im Bereich Transportversicherung beim GDV und früher selbst auf Frachtschiffen unterwegs. Er kennt die Probleme nur zu gut. Heckslamming, Parametrisches Rollen, Rissbildung und Versagen von Sicherungssystemen nennen sie in der Fachwelt diese Risiken. Heckslamming: Immer mehr Platz für mehr Container hat die Bauweise der Schiffe verändert. Inzwischen erinnert das Heck an einen gigantischen Balkon statt an ein schnittiges Schiffsende.

Die Folge: Klatscht bei hohem Wellengang das Heck aufs Wasser, entstehen wie bei einem flachen Stück Holz schlagartig hohe Auftriebskräfte. Und die sorgen dafür, dass die Container kurzzeitig angehoben werden sie „schweben“, sagt Schieder dazu. Das allein ist noch nicht fatal. Aber um das Be- und Entladen möglichst schnell abzuwickeln, sind die meisten Container inzwischen mit einem Mechanismus verbunden, der sich automatisch löst, wenn die Container angehoben werden. Und nichts anderes passiert beim „Heckslamming“. „Da kann es zu ganz erheblichen Ladungsverlusten kommen“, sagt Schieder. Ein anderes Phänomen, das bei den Schiffsriesen auftritt, nennt sich Parametrisches Rollen. Die Ursache ist hochkompliziert und hat viel mit Physik und Wellenfrequenz, Wellenrichtung, Stabilität und Geschwindigkeit zu tun. Aber wenn es auftritt, dann wird aus einem Stahlriesen sehr plötzlich eine schwankende Wanne, die droht auf dem Meeresboden zu enden. Denn wenn durch das heftige Rollen viel Ladung über Bord geht, ist ein Totalverlust des Schiffes durchaus möglich.

Auch die Fracht selbst stellt ein erhebliches Risiko dar. Gemeint ist hiermit vor allem die sogenannte „schwarze Ladung“. Das sind überladene Container, die deutlich schwerer sind als angegeben. Eigentlich dürfen die obersten Container an Deck nur leicht oder leer sein. Doch es gibt dafür keine Kontrollen. „Weder die Stauplaner noch die Besatzung wissen, welcher Container zu schwer ist“, sagt Schieder. Stehen mehrere Container mit „schwarzer Ladung” in den obersten Lagen, können die Folgen katastrophal sein. Tausende Container sind so schon im Meer statt im Hafen gelandet.

Je größer die Schiffe, desto größer können die Verluste und damit die Risiken für die Versicherer sein. Ein Rechenbeispiel: Der durchschnittliche Wert eines beladenen Containers liegt zwischen 25.000 und 45.000 Euro. Ein beladener Containerriese mit 11.000 vollen und 4000 leeren Containern kann also durchaus eine Ladung im Wert von einer knappen halben Milliarde Euro tragen. Dazu kommt ein Schiffswert von 200 bis 300 Millionen Euro. Kommt es im schlimmsten Fall zu einer Kollision mit einem vergleichbar großen Riesen, ist beim Totalverlust beider Schiffe ein Schaden von bis zu 1,6 Milliarden Euro denkbar. „Um bei einer derartigen Kumulierung von Werten das Risiko noch beherrschen zu können, ist die gesamte Kapazität der Transportversicherer gefordert “, sagt Schieder.

Groß, größer, am größten – die Pläne für ein Containerschiff mit über 20.000 Containern Fassungsvermögen liegen bei einer Werft in Südkorea schon in der Schublade. Ob angesichts der weltweiten wirtschaftlichen Flaute dieser Riese in naher Zukunft gebaut wird, scheint fraglich. Doch es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis ein neuer Containerriese Schlagzeilen mit Superlativen macht.

Matthias Eggert arbeitet als Journalist in München. Ansprechpartner: Katrin Rüter, Tel. 030/2020-51 19.