
Knackende Knochen
Sportunfälle sind keine Seltenheit. Etwa 1,5 Millionen Menschen verletzen sich dabei jährlich in Deutschland. Ihre Absicherung ist nicht einheitlich geregelt, aber wichtig.
Es war nur ein Trainingsspiel. Und Michael Fellmann hatte gerade einen Ball gehalten. Der Knall kam beim Abspielen: „Als würde mir jemand ein Kantholz vor mein linkes Knie schlagen”, erinnert sich Michael Fellmann an jenen 20. März des vergangenen Jahres. Seine Handball-Mannschaft von den „Sportfreunden Neustadt/Wied” griff gerade an, und Torwart Fellmann spielte den Ball aus einer Drehbewegung einem Mitspieler zu. Das überlebte seine Patellasehne nicht.
Der 33-jährige Finanzbeamte aus Vettelschoß in der Nähe von Linz am Rhein spielte seit zwanzig Jahren Handball und musste an jenem Donnerstagabend von zwei Vereinskollegen ins Auto getragen werden. Das Knie war sofort angeschwollen, Fellmann konnte nicht laufen, und nach Blutergüssen waren Wade und Oberschenkel am nächsten Morgen grün und blau. Schon eine Woche später lag Fellmann auf dem OP-Tisch. Er war ein halbes Jahr lang krankgeschrieben und hat nach der Rehabilitation erst seit diesem Sommer keine Schmerzen mehr.
„Sprung- und Kniegelenk sind häufig von Verletzungen betroffen, und Handball ist bei Männern die zweithäufigste Unfallsportart` sagt Thomas Schmidt, Schaden-Abteilungsleiter Sportversicherung bei der ARAG in Düsseldorf. Die Versicherung wertet zusammen mit der Ruhr-Universität Bochum Sportunfalle aus dem Vereinssport aus. Statistisch steht bei deutschen Männern Fußball an erster Stelle – weil die meisten eben Fußball spielen. Dann folgen Handball, Volleyball und Basketball. Bei den Frauen führt Handball vor Volleyball, Gymnastik, Turnen, Fußball und Reiten.
Sportunfalle verursachen zwar etwa anderthalb Milliarden Euro Kosten im Jahr, dies entspricht aber nur knapp 0,8 Prozent der Gesamtkosten im Gesundheitswesen. Arzt, Behandlung und Rehabilitation zahlen die Krankenkassen. Renten und Invaliditätssummen zahlt die Unfallversicherung. Dabei greifen komplexe Vorgänge. Michael Fellmann musste eine Unfallmeldung ausfüllen und an seinen Verein geben, der Mitglied beim Sportbund Rheinland ist. Er hat nach seiner Verletzung einen Invaliditätsgrad von zehn Prozent. Seine private Unfallversicherung von der Debeka und die ARAG-Sportunfallversicherung seines Landessportbundes haben ihm zusammen etwa 5000 Euro gezahlt. Alle Vereinssportler, deren Verein Mitglied in einem der 16 Landessportbünde ist – und das sind so gut wie alle –, sind also relativ gut abgesichert. Allerdings mit regional großen Unterschieden. Hätte Fellmann in einem anderen Bundesland Handball gespielt und keine private Unfallversicherung gehabt, dann wäre er leer ausgegangen. Denn in den meisten Bundesländern haben die Landessportbünde Verträge abgeschlossen, die erst ab einer Invalidität von 20 Prozent greifen (in Nordrhein-Westfalen ab 15 Prozent). Auch die Höhen der Versicherungssummen schwanken beträchtlich. Wer beispielsweise in Berlin oder Brandenburg zu 75 Prozent invalid wird, erhält 70.000 Euro. In Hamburg hat der Landessportbund so einen Fall mit 200.000 Euro abgesichert. Wird ein junger Mensch aufgrund eines Sportunfalls invalid, sollte er also lieber in Hamburg als in Berlin wohnen.
Etwa zwei bis drei Euro pro Jahr zahlt ein Vereinsmitglied mit seinem Mitgliedsbeitrag für die Sportunfallversicherung. Oft ist es der Kassenwart eines Vereins, der sich mit den Versicherungssachen auskennt und weiß, wer bei einem Unfall zu benachrichtigen ist.
Private Vorsorge kann der Unfallversicherungsschutz der Vereine nicht ersetzen. Außerdem treiben zirka 15 Millionen Deutsche Sport, ohne Mitglied in einem Verein zu sein. Auch die fünf Millionen Mitglieder der 6000 deutschen Fitness-Studios müssen sich selbst um ihre Unfallversicherung kümmern. „Als gewerbliche Unternehmen sehen sich Fitness-Studios nicht in einer solchen Fürsorgepflicht wie Vereine, die ihren Mitgliedern Unfallversicherungsschutz bieten”, sagt ARAG-Mann Thomas Schmidt.
GDV Position:
Sportler sollten sich gegen Unfälle versichern. Und Vereinssportler und Sportvereine müssen genau wissen, wie sie abgesichert sind.
Im Vergleich zu einer halben Million Verkehrsunfällen pro Jahr sind 1,5 Millionen Sportunfälle viel, der gesundheitliche Nutzen des Sports überwiegt die durch Sport verursachten Kosten allerdings um ein Vielfaches. Michael Fellmann geht nur noch als Fan zu den Handballspielen der Sportfreunde Neustadt/Wied. Den Muskel in seinem Bein baut er noch zweimal pro Woche im Fitness-Studio auf. So kann er mit seiner Tochter wieder im Garten herumtoben, sogar etwas Handball kann er mit der Zweijährigen spielen. „Ich bin froh, dass ich für den Alltag wiederhergestellt bin. Aber so wie vor dem Unfall wird es mir nie wieder gehen.”
Marcel Roth ist Journalist in Berlin.
Ansprechpartner: Katrin Rüter, Tel. 030/2020-5119.