18.09.2008
Bedingt versicherbar

„Emerging Risks“ – Unbekannte Risikofaktoren

Rund um den Globus arbeiten Versicherungsexperten daran, bisher unbekannte Risikofaktoren — sogenannte „Emerging Risks“ — aufzuspüren. Sie untersuchen in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern den Erreger der Vogelgrippe oder erörtern mit führenden Politikern die Gefahren der Gentechnik. Die Herausforderung: Früherkennung eines potenziell bedrohlichen Trends.

Er war der Wunderstoff, und nichts sprach gegen ihn. Als Asbest Ende des 19. Jahrhunderts erstmals in großem Maßstab eingesetzt wurde, waren Ingenieure begeistert. Der faserige Mineralstoff erwies sich als hitze- und säurebeständig – ideal, um Menschen oder Gebäude vor Feuer und anderen Umwelteinflüssen zu schützen. Asbest (Griechisch für „unvergänglich“) kam in Wellpappen, Isolierungen und Schutzkleidungen zum Einsatz. In Neubauten spritzten ihn Arbeiter als Brandschutz auf tragende Stahlteile.

Und selbst als in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts Asbeststaub – nach langen Jahren der Spekulation – offiziell für Schädigungen des Lungengewebes verantwortlich gemacht wurde, änderte das nichts am Umgang mit der Faser. Die jährlich produzierten Mengen stiegen sogar noch an. Erst die große Welle an Haftungsklagen, der sich die Versicherer Mitte der Achtzigerjahre stellen mussten, machte aller Welt deutlich, welche Zeitbombe um sie herum tickt.

Heute ist klar: Asbest kann, wenn er eingeatmet wird, zu bösartigen Tumoren führen in den meisten Ländern ist sein Einsatz verboten. Klar ist aber auch: Die Versicherer kam der zögerliche Umgang mit dem Asbest-Risiko, das von Jahr zu Jahr offensichtlicher wurde, teuer zu stehen: Allein die Haftpflichtschäden in den USA – dem größten Versicherungsmarkt der Welt – werden auf 100 bis 200 Milliarden US-Dollar geschätzt. Weltweit haben sich die Zahlungen für Asbestschäden zum teuersten Versicherungsfall aller Zeiten summiert.

„Die Versicherer haben aus dem, was damals passiert ist, gelernt. Nun sind sie besser vorbereitet`, sagt Rudolf Schmid, Risk Manager bei der Münchener Rück. Experten aus den verschiedensten Abteilungen sind in München und anderswo damit beschäftigt, gefährliche Trends und neue Risiken aufzuspüren, die Versicherer sprechen von „Emerging Risks“. Die Aufgabe ist knifflig. Es gilt, Gefahren auszumachen, die zum jetzigen Zeitpunkt allenfalls zu erahnen sind – also lange, bevor sie eine Belastung darstellen. Denn nicht zuletzt die Erfahrung mit Asbest hat gezeigt: Je früher ein Risiko erkannt wird, desto mehr Zeit bleibt, angemessen zu reagieren. Ist die Gefahr dagegen bereits allgegenwärtig, sind die Handlungsspielräume klein und die Kosten entsprechend hoch.

„Die große Herausforderung ist, solche Signale zu erkennen“, sagt Risikomanager Schmid. Ein fein gesponnenes Geflecht aus Quellen, Werkzeugen und Experten soll dabei helfen. Einmal im Monat treffen sich bei der Münchener Rück Spezialisten aus den verschiedenen Abteilungen, um neue Entwicklungen zu diskutieren. Ein externes Netzwerk aus Versicherern, Kompetenzzentren, Fachleuten und Universitäten hilft bei der Einschätzung. Massenmedien, Fachzeitschriften, Weblogs werden beobachtet.

Eine zusammen mit Linguisten entwickelte intelligente Suchmaschine durchforstet das Internet nach Signalen, die auf künftige Risiken hindeuten können, und setzt diese miteinander in Beziehung. „Um mögliche Emerging Risks auszumachen braucht man sehr viele Kanäle und einen systematischen Erkenntnisprozess` sagt Schmid. Es ist eine Mischung aus Neugier, Ehrgeiz und profundem Wissen.

„Die Aufgabe ist knifflig: Es gilt, Gefahren auszumachen, die allenfalls zu erahnen sind“

Nicht jedes auf diesem Wege identifizierte Risiko hat auch das Potenzial, zu einer wirklichen Bedrohung zu werden. „Wir müssen uns immer fragen: Wie entwickeln sich Phänomene, wird daraus ein Trend?`, sagt Schmid. Zusammen mit Experten versuchen die Risikomanager daher, die Entwicklung möglicher Gefahren vorauszuahnen. Es werden Szenarien erstellt, von einem gemäßigten bis hin zum schlimmsten möglichen Verlauf. Es werden katastrophale Ereignisse in Erwägung gezogen, aber auch langsame, sich über viele Jahrzehnte hinziehende Veränderungen. Und es wird nach kausalen Zusammenhängen, nach Ursache und Wirkung, gesucht. Alles mit dem Ziel, Risiken zu quantifizieren und letztlich die Deckung von Risiken mit einem Preisschild versehen zu können.

Nicht selten zeigt die Analyse, dass einzelne Entwicklungen zu einem Bündel ähnlicher Phänomene zusammengeschnürt werden können. Zwanzig solcher Themenkomplexe, die im Detail studiert werden sollen, hat die Münchener Rück derzeit auf ihrer Beobachtungsliste. Manche sind, wie der Klimawandel, bereits real zu spüren, lediglich ihre exakten Folgen sind noch nicht absehbar. Bei anderen, zum Beispiel bei der Nanotechnologie, ist noch offen, ob sie eine relevante Gefahr darstellen werden.

Für Dr. Christina Großer, Leiterin der Abteilung Risk Identification and Control bei der Münchener Rück, steht daher auch der Klimawandel mit seinem enormen Schadenspotenzial an erster Stelle der Emerging Risks. Aber auch Terror und weltweite Epidemien rangieren für Großer ganz vorne auf der Liste bedeutender Risiken – nicht zuletzt wegen möglicher negativer Auswirkungen auf Seite der Kapitalanlagen. Zu einem ganz ähnlichen Ergebnis kommen die Berater von Ernst &amp Young, die im Frühjahr 70 Analysten nach den größten Risiken und Unsicherheiten befragt haben. Auf Platz eins der Studie landete das Klima, gefolgt vom demografischen Wandel und katastrophalen Ereignissen wie Wirbelstürmen, Terroranschlägen oder globalen Epidemien.

Forschungsergebnisse und Analysen, Prognosen und Szenarien – viel mehr haben Risikomanager nicht, wenn sie neue Gefahren einordnen wollen. Emerging Risks unterscheiden sich damit grundlegend von den klassischen Versicherungsfällen. Bei denen – etwa in der Lebens- oder Autoversicherung – können sich Versicherer auf ihre Erfahrung verlassen. Sie können auf umfangreiche Datensammlungen zurückgreifen und die Statistik bemühen. Auf diese Weise lassen sich Risiken gut abschätzen, die Prämien können entsprechend berechnet werden. Bei Emerging Risks ist das nur in den seltensten Fällen möglich.

Und selbst wenn es geschichtliche Lehren gibt, lassen sich diese kaum auf aktuelle Entwicklungen übertragen. Drei weltweite Grippeausbrüche, sogenannte Pandemien, haben im 20. Jahrhundert die Menschen heimgesucht. Die schlimmste Infektion, die Spanische Grippe, forderte zwischen 1918 und 1920 bis zu 50 Millionen Opfer. Ähnliche Pandemien könnten sich jederzeit wieder auf dem Globus breitmachen – nicht zuletzt im Zeitalter der Vogelgrippe.

Rudolf Schmid warnt dennoch, die Daten von damals einfach zu übernehmen. „Die Gefahr ist zwar nicht neu, aber die Bedingungen sind völlig anders.“ Einerseits haben sich medizinische Versorgung und Lebensbedingungen grundlegend verbessert. Andererseits fliegen Menschen heute millionenfach zwischen Kontinenten hin und her. Die globalen Transportmittel sind zu einem gravierenden, schwer zu berechnenden Risikofaktor bei der Ausbreitung einer Pandemie geworden.

Auch die Viren selbst sind nur schwer einzuschätzen, wie der Ausbruch der Vogelgrippe im Jahr 2005 gezeigt hat: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO haben sich bislang 385 Personen mit der auch für Menschen gefährlichen H5N1-Variante des Virus angesteckt. 243 von ihnen starben. Doch nicht einmal die Todesrate – und damit die Gefährlichkeit – ist ein verlässlicher Faktor: In Ägypten kamen vergangenes Jahr 26 Prozent der infizierten Menschen ums Leben, in Indonesien waren es 88 Prozent. Für traditionelle Versicherungsmathematiker ein Chaos, für Emerging-Risk-Experten eine Herausforderung, ihre Modelle noch detaillierter auszuarbeiten.

Hurrikan „Andrew“ kostete 22 Milliarden US-Dollar. Keine Statistik hatte das vorausgesehen.

Nicht immer liegen die Experten dabei richtig: Bevor Hurrikan „Katrina“ im August 2005 die Golfküste der USA heimsuchte, prognostizierten Risikomanager, die sich auf Katastrophen spezialisiert hatten, Schäden zwischen zehn und 25 Milliarden Dollar. Tatsächlich wurden es 45 Milliarden Dollar – die teilweise Überflutung von New Orleans hatte niemand vorhergesehen.

Dabei haben sich auch Katastrophenexperten längst von der Rückbesinnung auf Erfahrungswerte verabschiedet: Den Wendepunkt brachte Hurrikan „Andrew“, der 1992 die Küsten Floridas zerstörte, 43 Menschenleben forderte und versicherte Schäden in Höhe von (in heutigen Preisen) etwa 22 Milliarden Dollar zurückließ. Keine Statistik hatte das erahnen lassen. „´Andrew´erschütterte die Versicherer in den Grundfesten“, sagte Hemant Shah, Katastrophenforscher beim US-Unternehmen Risk Management Solutions, der Financial Times Deutschland. Seitdem werden künftige Katastrophen mit Schadensszenarien und Modellen durchgerechnet. Dass das im Fall von „Katrina“ noch immer nicht ausgereicht hat, beweist in Shahs Augen nur eines: Auch Modelle müssen ständig an den aktuellen Forschungsstand angepasst, weiterentwickelt und hinterfragt werden.

Und das ist bei Weitem nicht nur eine Aufgabe für Naturwissenschaftler. In den Emerging-RiskAbteilungen finden sich neben Physikern und Klimaforschern auch Mediziner, Sozialwissenschaftler und Soziologen. Schließlich sind gesellschaftliche Entwicklungen für Risikoforscher mindestens so wichtig wie naturwissenschaftliche Fakten: Ob etwas als Gefahr angesehen wird, ist oftmals eine Frage der gesellschaftlichen Wertung – und Stimmungen können sich schnell ändern. Zum Beispiel bei der Fettleibigkeit. „In den USA wurden deswegen vor einigen Jahren auf einmal Ansprüche gegen Nahrungsmittelhersteller geltend gemacht“, sagt Nils Hellberg, Abteilungsleiter Haftpflicht beim GDV. „Da wäre früher niemand draufgekommen.“ Die Argumentation der Kläger: Durch ihre süßen, fetten und damit äußerst kalorienreichen Lebensmittel seien die Hersteller für die zunehmende Verfettung der Menschen verantwortlich.

Nicht nur als mögliches Haftungsszenario ist der Trend zu einer immer größeren Körperfülle riskant: Fettleibigkeit, verursacht durch einen auf ungesundes Fast Food, viel Stress und wenig Bewegung ausgerichteten Lebenswandel, ist zu einem der größten volksgesundheitlichen Probleme geworden – weltweit mit Folgen, die sich als ebenso schwerwiegend erweisen könnten wie die des Nikotinmissbrauchs. Diabetes, Herzinfarkte oder auch Darmkrebs sind nur einige der drohenden Erkrankungen. Allein das Risiko, an Diabetes zu erkranken, ist bei stark übergewichtigen Frauen um den Faktor 60 erhöht. Schätzungen zufolge gehen in den USA jährlich etwa 112.000 Todesfälle auf Folgeerkrankungen von Fettleibigkeit wie Herzinfarkt oder Schlaganfall zurück. Bereits 2003 betrugen die dadurch entstehenden Gesundheitskosten 75 Milliarden Dollar. Heute sind 60 Prozent der gut 290 Millionen US-Bürger übergewichtig. Und der Prozentsatz steigt.

Auch psychologische Aspekte dürfen bei der Risikoanalyse nicht unberücksichtigt bleiben: Alle wissenschaftlichen Versuche, einen Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Strahlen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen herzustellen, endeten bislang erfolglos. Eine groß angelegte Studie des Bundesamts für Strahlenschutz kam vor wenigen Monaten vielmehr zu dem Ergebnis, dass mobiles Telefonieren – zumindest bei Erwachsenen – objektiv nicht krank macht.

Subjektiv sieht das allerdings ganz anders aus. Allein die Angst vor Strahlen kann ungesund sein, wie britische Psychologen gezeigt haben: Die Forscher erklärten ihren Probanden, eine im Raum stehende Sendeantenne werde nun für 50 Minuten eingeschaltet. Prompt berichteten die Versuchsteilnehmer von Übelkeit und Kopfschmerzen Puls und Hautfeuchtigkeit veränderten sich. Dabei war die Antenne zu keinem Zeitpunkt in Betrieb. „Die menschliche Wahrnehmung ist bei der Risikoanalyse oftmals genauso wichtig wie der wissenschaftliche Nachweis von Ursache und Wirkung“, sagt Risikomanager Schmid.

Selbst durch sich ändernde Gesetze können plötzlich neue Risiken auftauchen: Gemäß dem deutschen Umweltschadensgesetz müssen Verursacher für Schäden an der Umwelt, die durch ihre berufliche Tätigkeit entstehen, geradestehen. Seit vergangenem Jahr fallen darunter auch Beeinträchtigungen der Biodiversität – zum Beispiel, wenn natürliche Lebensräume oder bedrohte Tier- und Pflanzenarten gefährdet werden. „Viele Landwirte hat es zuvor nicht so recht interessiert, welche Auswirkungen Chemikalien auf die neben ihrem Acker lebenden Feldhamster oder Haselmäuse haben“, sagt Hellberg. Jetzt muss der Landwirt für etwaige Schäden haften. Oder der Hersteller des Düngemittels, falls bei dessen Produktion Fehler gemacht wurden. Oder, falls die beiden versichert sind, der jeweilige Versicherer.

GDV Position:

Emerging Risks unterscheiden sich grundsätzlich von klassischen Versicherungsfällen. Denn Sie beruhen nicht nur auf umfangreichen Datensammlungen, Statistiken oder Erfahrungen. Daher ist auch eine präzise Risikoabschätzung in den seltensten Fällen möglich.

Da in der Haftpflicht keine konkreten Schadensszenarien, sondern immer nur Tätigkeiten oder Produkte versichert sind, haben solche plötzlich auftauchenden Risiken direkten Einfluss auf die Versicherer. Die Frage, welche Gefahren künftig auftauchen könnten und wie damit umgegangen werden sollte, beschäftigt daher bei Weitem nicht nur die großen Rückversicherer. „Emerging Risks spielen auch im ganz normalen Versicherungsalltag eine wichtige Rolle“, sagt Hellberg. „Sie sind immer im Hinterkopf.“

Alexander Stirn arbeitet als freier Wissenschaftsjournalist in München Ansprechpartner: Katrin Rüter, Tel. 030/2020-5119.