18.09.2008
Interview

„Die deutschen Versicherten müssen keine Angst haben“

Seit mehr als einem Jahr hält die Finanzwelt den Atem an: Banken geraten ins Straucheln, Aktienkurse unter Druck. Der Deutsche Aktienindex hat seit Anfang 2008 mehr als 20 Prozent an Wert verloren. Auch für die Versicherer ist die Krise ein Thema. Dr. Wolfgang Weiler, Vorsitzender des Kapitalanlagenausschusses des GDV und Vorstandsmitglied der HUK-Coburg, erklärt im Interview, warum die deutschen Versicherungen trotzdem kaum davon betroffen sind.

ZUR PERSON
Dr. Wolfgang Weiler ist 56 Jahre alt, verheiratet und hat einen 18-jährigen Sohn. Er ist Vorsitzender des Kapitalanlagenausschusses des GDV und im GDV-Ausschuss Finanzen und Risikomanagement tätig. Nach Stationen bei der Colonia Versicherung und der Kölnischen Rückversicherungsgesellschaft ist er seit 1989 Vorstand der HUK-Coburg für Kapitalanlagen, Konzernplanung, Rechnungswesen, Controlling, Rückversicherung und Alters- und Vermögensvorsorge. Er hat über die Grundprobleme einer Finanzierungstheorie der Versicherungs-AG promoviert. In seiner Freizeit fährt er gern Rennrad und läuft hin und wieder einen Halbmarathon.

Herr Dr. Weiler, wie stark haben heute Morgen Ihre Hände gezittert, als Sie Ihren Rechner angestellt haben und sich auf Dramen an den Finanzmärkten einstellen mussten?

Meine Hände zittern gar nicht. Wenn sich Dramen abspielen, dann weiß ich das schon, bevor ich ins Büro fahre aus den Nachrichten.

Bei Ihnen klingelt also nachts nicht das Telefon, wenn die Wall Street verrückt spielt?

Nein. Ich schlafe ausgesprochen gut – zumindest besser als nach den Anschlägen vom 11. September 2001, als die Finanzmärkte auch in Turbulenzen gerieten.

Wie schlimm ist die gegenwärtige Finanzkrise im Vergleich zu der vor sieben Jahren?

Sie ist schlimmer als das Platzen der DotcomBlase, bei der auf Teilmärkten völlig irreale Wertvorstellungen korrigiert wurden. Die Krise jetzt ist eine starke Rentenmarkt-Krise und betrifft viel größere Geldmengen. Auf den Rentenmärkten haben wir ernsthafte Probleme und erhebliche Verwerfungen, die wahrscheinlich auch Dauerfolgen hervorrufen. Die Delle der Aktienmärkte sehe ich momentan in weiten Teilen eher als konjunkturelle Schwäche an. Mit Schwankungen von 20 Prozent in einem Jahr muss man heutzutage rechnen. Aber eine eher schwierige wirtschaftliche Entwicklung in den nächsten Monaten ist abzusehen. Und wir haben derzeit im Bankenbereich Probleme, deren Ende ich nicht erkennen kann und die uns noch Monate zu denken geben werden.

Können Sie eigentlich jemanden benennen, der Schuld an der Finanzkrise hat? US-Banken, die zu einfach Kredite vergeben? US-Konsumenten, die zu einfach Kredite aufnehmen? Eine US-Regierung, die den Eigenheimkauf massiv unterstützt?

Auch wenn Kategorien wie Schuld nicht helfen: Natürlich sind Fehler gemacht worden und Fehleinschätzungen zustande gekommen. Wenn man die USA als Ausgangspunkt der Krise sieht, ist eine Ursache der starke politisch-gesellschaftliche Wille zum Eigenheimbesitz. Den hat man mit halb staatlichen Instituten in weite Bevölkerungskreise hineingetragen. Eine zweite Ursache ist die Nutzung der globalen Finanzwelt, um die Risiken zu streuen. Um Risiken zu verteilen, muss man sie aber genau kennen. Aber das war anscheinend nicht der Fall.

Haben also manche Entscheider ihre Finanzprodukte selbst nicht verstanden?

Im Rückblick ist man immer schlauer. Ich bin froh, dass ich keiner der Entscheider war. Aber wer zehn bis 15 Jahre positive Erfahrung hat, die einem zeigt, dass es funktioniert, schätzt möglicherweise solche Risiken etwas lockerer ein. Wenn ein Unternehmen ein Risiko eingeht, es aber nicht selbst behält, sondern weiterreicht, hat es natürlich auch keinen großen Anreiz, das Risiko sehr seriös und kritisch zu bewerten. Vielleicht wurde auch versäumt, in Szenarien zu denken und sich Fragen zu stellen wie: Was machen wir, wenn etwas Unvorhergesehenes, etwas besonders Schlimmes passiert? Das müssen Versicherer ständig machen.

Fehlt den Banken eine Komponente in der Art und Weise, wie sie arbeiten und denken?

Versicherer beschäftigen sich seit 150 Jahren und länger mit Risiken und ihrer mathematischen Abbildung und haben so branchen- und länderübergreifend viel Know-how und Sensibilität gesammelt. Versicherer agieren vorsichtig, weil sie am Ende selbst die Risiken tragen und immer daran denken müssen, ob es auch aufgeht, wenn etwas Katastrophales geschieht. Die Versicherer springen nicht schnell in ein Risiko rein. Das ist der Unterschied zwischen einem Risikohändler und einem Risikoträger. Mit viel Kapital in ein Risiko einzusteigen ist bankentypisch und erklärt sich wohl mit dem enormen weltweiten Wettbewerb, in dem nicht dauernd über Risiken geredet, sondern Geschäft gemacht werden muss.

Müssen sich die deutschen Versicherten sorgen, wenn es um ihre Altersvorsorge geht?

Ich kann nicht erkennen, dass es Probleme gibt. Es ist kaum ein Szenario vorstellbar, das uns als Branche ernsthaft in Gefahr brächte. Selbst bei einzelnen Problemen im risikoexponierten Teil sind keine großen Gelder im Spiel.

In welche Anlagen investieren die deutschen Versicherungen?

Klassisch sind Renten, also Zinstitel, der weit überwiegende Teil im Portfolio der Versicherungen. Um die 80 Prozent sind bei den Lebensversicherungen in Renten angelegt. Etwa zehn Prozent sind in Aktien investiert. Drei, vier Prozent sind Grundstücksanteile. Und der Rest sind kleinere Anlagen. Diese Streuung sieht bei den meisten deutschen Lebensversicherern so aus, weil die Produktsituation sehr ähnlich ist und ähnliche Konsequenzen für das Anlagespektrum nach sich zieht.

Aber müssten zurzeit nicht die größten Verlierer im Versicherungsbereich fondsgebundene Lebensversicherungen sein?

Eine solche Versicherung macht natürlich zum Beispiel die Aktienbewegungen mit. Das ist der Kern des Produkts. Aber es ist immer eine Frage des Zeithorizonts. Wenn ich in einem vernünftig gefächerten Aktienkorb investiere, hat der immer ein Auf und Ab. Aber in ein paar Jahren wird er wieder höher sein.

Wer jetzt aussteigen müsste, hätte also Pech gehabt?

Wer zum Beispiel 2003 eingestiegen ist und jetzt aussteigt, hat doch eine Super-Wertentwicklung. Ist er Ende 1999 eingestiegen, sieht es nicht so toll aus.

Kunden müssen also kein bisschen am Produkt Lebensversicherung zweifeln?

Nein, weil sie eine Menge Garantien erhalten, die sie woanders nicht bekommen und für die wir mit unserem eigenen Geld haften. Die Garantie einer bestimmten Mindestverzinsung und einer lebenslangen Rente etwa. Lebenslang heißt in diesem Fall tatsächlich: bis jemand stirbt. Wenn das direkt nach Rentenbeginn ist, ist es für ihn ein schlechtes Geschäft. Wenn er aber 100 Jahre alt wird, stellt er dankbar fest, was für ein gutes Geschäft er gemacht hat, weil er viel mehr herausbekommt, als er eingezahlt hat. Diesen Ausgleich kann niemand mit einem individuellen Sparprozess erreichen denn wenn jemand früh stirbt, freuen sich die Erben. Wenn er aber 100 Jahre alt wird und sein Geld schon mit 80 aufgebraucht ist, muss er 20 Jahre von Sozialhilfe leben. Wenn wir einen Rentenvertrag abschließen, haben wir 50 oder mehr Jahre lang eine Geschäftsbeziehung. Wer in solchen Zeiträumen arbeitet, geht mit Risiko anders um als jemand, der heute ein Geschäft macht und den Kunden anschließend nicht wiedersieht. Dass wir Garantien aussprechen können, liegt daran, dass wir einen kollektiven Risikoausgleichsprozess über den ganzen Bestand haben.

Kann beispielsweise ein Riester-Fondsparplan tatsächlich funktionieren, wenn am Ende auf jeden Fall das eingezahlte Kapital und die staatlichen Zulagen erhalten bleiben sollen?

Die Garantie dafür haben Sie zum Laufzeitende und darauf muss die Anlagestruktur abgestimmt sein. Im positiven Fall laufen Aktienmärkte gut und es wird vor Ende der Laufzeit bereits einiges erwirtschaftet. Zum Ende der Laufzeit wird das Kapital von schwankenden in stabilere Anlagen umgeschichtet. Im schlechten Fall gerät eine Anlage aber schon zu Beginn in eine extreme Schieflage. Dann muss viel früher umgeschichtet werden, um mit den Zinsen von sicheren Anlagen wenigstens das Kapital zum Ende der Laufzeit wieder auf die eingezahlten Beiträge aufstocken zu können. In diesem Fall werden der Kunde und das Unternehmen aber nicht viel daran verdienen. Aber 70 Prozent des Kapitals, angelegt in Rentenpapieren, können zum Beispiel sicherstellen, dass am Ende auf jeden Fall das eingezahlte Kapital gesichert ist. Die anderen 30 Prozent, angelegt in breit gestreuten Aktien, erwirtschaften den Zusatzertrag. Ganz so einfach funktioniert es in der Realität zwar nicht, aber so sähe ein total simples Modell aus.

Klingt einleuchtend. Wie oft und wie schnell nehmen Sie solche Umschichtungen vor?

Unser Haus hat etwa 22 Milliarden Euro Anlagevolumen. Da passiert natürlich ununterbrochen etwas, aber nichts Grundlegendes in der Art, dass etwa heute – also an einem Tag – 500 Millionen von einer in eine andere Anlage umgeschichtet werden. Solche Größenordnungen würden dem Produktgedanken und der notwendigen Stabilität widersprechen.

Wer trifft eigentlich die Anlageentscheidung bei den Versicherern? Was sind das für Menschen?

Die Attitüde eines Versicherers ist nicht die eines Händlers, der täglich mit Aktien handelt. Es ist ein Mix aus verschiedenen Leuten, die für uns tätig sind. Zum einen sind das Leute mit Controlling-und Risikomanagement-Hintergrund, also Mathematiker beziehungsweise Aktuare. Daneben haben wir auch Wirtschaftswissenschaftler mit Markterfahrung. Vor 20 Jahren hatten wir zwei Leute, die das Geschäft machten, und einige in der Buchführung. Mittlerweile haben wir vier oder fünf Händler oder Asset-Manager und etwa doppelt so viele im sogenannten Middle Office. Die Buchhaltung, das Back Office, gibt es natürlich auch noch. Dieser Wandel liegt an den rechtlichen Vorschriften und der Komplexität und der Geschwindigkeit der Finanzmärkte.

Und diese Händler entscheiden dann nach ihrem eigenen Empfinden?

Wir haben bestimmte Vorgaben wie Risikokennzahlen, Steuerungskennzahlen und Renditevorgaben. Daraus ergeben sich Grenzen, an denen wir entweder in jedem Fall handeln müssen oder zumindest Aktivitäten prüfen müssen. Es gibt zum Beispiel auch Quartal-Programme. Darin steht, was wir tun sollten, wenn etwa der Zins fällt, und in welchem Umfang wir dann reagieren. Dann würden wir ab einem bestimmten Zinsniveau jeden Tag für einen bestimmten Betrag kaufen, solange der Zins auf diesem Niveau bleibt. Das machen wir so lange, bis wir mit dem Programm durch sind.

Wie weit kann man Entwicklungen am Markt absehen?

Niemand darf jedenfalls behaupten, er liege immer richtig. Ich habe kürzlich eine Untersuchung gelesen, die die Aktienmarktentwicklung der letzten 20, 30 Jahre ausgewertet hat. In diesen Jahren ist der überwiegende Teil des Wertzuwaches der Aktienkurse an nur 30 bis 40 Tagen entstanden. Wer mir erzählen will, dass er in 30 Jahren diese 30 Tage erwischt, dem glaube ich nicht. Wer nicht ständig hektisch ein- und aussteigt, der erwischt solche Tage natürlich auch. Das macht am Ende zwar vielleicht keine absolute Spitzen-Performance, aber eine vernünftige, solide und gute Performance. Bei den Versicherern – also Daueranlegern – ist man daher gut aufgehoben.

Nur solange der Wertzuwachs über der Inflationsrate liegt.

Natürlich. Der Kunde soll und muss eine reale Entwicklung sehen. Und das ist nicht immer einfach, aber bisher haben wir das immer geschafft.

Können Banken also etwas von Versicherungen lernen?

Banken haben ein anderes Geschäftsmodell. Aber bei der derzeitigen Entwicklung sollte den Banken schon bewusst geworden sein, dass der Umgang mit Risiken nicht dadurch sichergestellt ist, dass man sich einen Mathematiker einkauft, der am Tag danach ein Modell produziert, nach dem man handelt. Das hat mit Risikokultur nichts zu tun. Die müssen alle Beteiligten erst lernen, und das braucht Zeit.

Ist eine jährliche Steigerung der Erträge, ein „immer mehr“, tatsächlich gut und möglich?

Das ist fast schon eine philosophische Frage. Aber grundsätzlich hat alles einen Wert: egal ob man jemandem gestattet, das Auto, den PC oder den Rasenmäher oder Geld zu nutzen. Wie hoch dieser Wert ist, hängt davon ab, für wie wertvoll es von den Marktparteien eingeschätzt wird.

Immer wertvoller werden in Zukunft sicher auch CO2-Emissionsrechte. So sind wir schnell bei ökologischen, sozialen und ethischen Werten. Wie gehen die Versicherungen bei ihren Investments mit dem Thema Nachhaltigkeit um?

Nachhaltigkeit beschäftigt uns schon seit Jahren. Einen Teil unseres Konzerns zum Beispiel bilden die Versicherer im Raum der Kirchen. Bei Investitionen für diese Kunden war immer klar, dass sie bestimmten ethischen Anforderungen genügen müssen, also zum Beispiel nicht in Wertpapiere der Waffen-,Tabak- oder Alkoholindustrie fließen. Solche Wertanforderungen sind vom sozial-ethischen Bereich auch ins Ökologische gewandert, zum Beispiel also keine Investments in Firmen, die nicht nachhaltig wirtschaften oder ein bestimmtes Zertifikat haben. Das ist ein durchaus ernsthafter Trend.

Und die Rendite?

Es gibt Erfahrungen und es gibt NachhaltigkeitsIndizes, anhand derer man das zahlenmäßig vergleichen kann. Der Dow Jones Sustainability Welt-Index zum Beispiel läuft genauso gut beziehungsweise über den langen Zeitraum sogar etwas besser als der breite Markt. Das liegt auch daran, dass in dem Index alle großen Unternehmen der Welt vertreten sind, die entsprechende Nachhaltigkeits-Standards einhalten.

Zurück zur Finanzkrise. Wie könnten mögliche Anzeichen aussehen, dass die Krise überwunden ist?

Das müssten mehrere Anzeichen sein. Zum Beispiel wenn Banken damit beginnen, sich untereinander wieder Geld zu leihen – der Interbankenmarkt also wieder hohe Liquidität aufweisen würde. Oder wenn die Risikozuschläge auf den Rentenmärkten wieder in Richtung ihrer historischen Durchschnittswerte sinken. Und natürlich wenn in den Bilanzen keine ernsthaften zusätzlichen Wertberichtigungen mehr stattfinden.

Sie wagen keine Prognose, wann die Krise ausgestanden ist?

Nein. Aus dem Bauch heraus schätze ich, dass wir in einem Jahr die Talsohle erreicht haben könnten.

Haben Sie in Ihrem persönlichen Verhalten seit dem Beginn der Finanzkrise eine Veränderung festgestellt?

Ich bin privat schon immer ein stockkonservativer Anleger und mag nur Sachen, die ich verstehe und einschätzen kann. Bei vielen Zertifikaten zum Beispiel kann ich das nicht und deshalb kaufe ich sie nicht. Mein Verhalten als Anleger hat sich daher im Grunde nicht verändert. Ob jetzt ein guter Zeitpunkt für Aktieninvestments ist, kann ich auch nicht sicher sagen, aber: Wer jetzt in Aktien einsteigen will, weiß immerhin, dass es deutlich billiger ist als im letzten Jahr. Als Privatmann habe ich ja aber den Vorteil, dass ich keine Bilanz ablegen muss.

Außer vielleicht bei Ihrer Frau.

Die traut mir in finanziellen Dingen aber durchaus über den Weg.

Marcel Roth und Alexandros Stefanidis sind freie Journalisten in Berlin und München.