07.08.2008
Geo-Informationssystem

“ZÜRS Geo”: Zonierungssystem für Überschwemmungsrisiko und Einschätzung von Umweltrisiken

Zwei klassische Anwendungsgebiete geographischer Informationssysteme (GIS) sind die Elementarschadensversicherung von Gebäuden und die Umweltschadensversicherung. ZÜRS Geo hilft bei der Beantwortung folgender Fragen: Welches Gebäude ist in welchem Ausmaß hochwassergefährdet? Welches Umgebungsrisiko ergibt sich aus dem Standort, beispielsweise  eines Gewerbebetriebes für eine Umweltschadensversicherung? Welche Gebiete sind risikofrei? Zur Beantwortung dieser Fragen hat der GDV das geographische Zonierungssystem ZÜRS Geo entwickelt.

Überschwemmungsrisiko richtig kalkulieren
Im Rahmen der erweiterten Elementarschadensversicherung ist es seit 1994 grundsätzlich möglich, sich gegen Überschwemmungen zu versichern. Doch besonders gefährdete Gebiete blieben häufig außen vor und die Versicherungen hatten keine Möglichkeit, einen Überblick über die Gesamtgefährdung (Kumulrisiko) über alle Versicherten zu erhalten.

Um die Überschwemmungen von Flüssen und Gewässern risikogerecht kalkulieren zu können, haben die deutschen Versicherer ein Zonierungssystem (ZÜRS) entwickelt. Im Jahre 2001 wurde die erste ZÜRS-Version fertig gestellt. Im Laufe der Jahre wurde ZÜRS regelmäßig weiterentwickelt und aktualisiert: Insgesamt wurden bis 2012 über 21 Millionen Adresskoordinaten in das System eingespeist, Überschwemmungsdaten bei über 200 Wasserwirtschaftsämtern gesammelt und rund 200.000 Fließgewässer in das System integriert. Heute kann nahezu jedes Gebäude einer der insgesamt vier Gefährdungsklassen zugeordnet werden:

InfoGefährdungsklasse 4: statistisch 1 mal in 10 Jahren ein Hochwasser
InfoGefährdungsklasse 3: statistisch 1 mal in 10-50 Jahren ein Hochwasser
InfoGefährdungsklasse 2: statistisch 1 mal in 50-200 Jahren ein Hochwasser
InfoGefährdungsklasse 1: statistisch seltener als einmal alle 200 Jahre ein Hochwasser

In der Zone 2 liegen etwa 10 bis 12 Prozent der Gebäude. Etwa 2,3 Prozent der Gebäude liegen in den Zonen 3 und 4. Außerdem kennt ZÜRS zusätzlich eine Bachzone: Das Flussnetz wurde um kleine Gewässer erweitert, um die eine Pufferzone von jeweils 100 Metern pro Seite gelegt wurde.

Liegt ein Haus innerhalb dieser Zone, also nicht mehr als 100 Meter vom Bach entfernt, gibt ZÜRS diese Bachinformation zusätzlich zur Gefährdungsklasse an. Dies ist insbesondere für Risiken in der Gefährdungsklasse 1 eine wichtige Zusatzinformation, da bei größeren Ereignissen ein erheblicher Anteil der Schäden in der Gefährdungsklasse 1 liegt. Zudem kann abgelesen werden, ob ein Risiko auf einer Nord- oder Ostseeinsel liegt. Die Zonierung der einzelnen Gebäude kann sowohl über eine Postadresse als auch über Eingabe einer Geokoordinate erfolgen.

Umwelthaftungsrisiken
Aktuell erweitert wurde ZÜRS um einen Haftpflichtbaustein. Seit Ende 2007 ist das Umweltschadensgesetz in Kraft. Mit dem Umweltschadensgesetz sind völlig neue öffentlich-rechtliche Verpflichtungen zur Vermeidung und Sanierung von Schäden an der Umwelt selbst entstanden. Neu ist dabei insbesondere die Haftung für Biodiversitätsschäden, die Schädigung besonders geschützter natürlicher Lebensräume (z. B. FFH- und Vogelschutzgebiete) sowie besonders geschützter Tier- und Pflanzenarten durch jede Form der beruflichen Tätigkeit.

Hieraus resultiert die Notwendigkeit der Versicherungswirtschaft, das bestehende Versicherungsangebot zu erweitern und die nötigen Grundlagen hierfür zu schaffen. Insbesondere vor dem Hintergrund der neuen öffentlichen-rechtlichen Haftung für Schäden an der Biodiversität, an Gewässern und Böden besteht die Notwendigkeit, das Umgebungsrisiko besser bzw. möglichst genau und umfassend einschätzen zu können.

Mit dem neuen Haftpflichtbaustein kann im Umwelthaftpflichtbereich das Umgebungsrisiko eines Standortes im Hinblick z. B. auf Gebiete geschützter Arten (FFH-Gebiete) und weiterer Schutzgebiete abgefragt werden. Geographische Flächen- und Entfernungsanalysen erlauben eine zuverlässige Zonierung des Umgebungsrisikos.

Die Risiken im Sinne des Umweltschadensgesetzes sind vielfältig: Rund 5.000 Schutzgebiete erstrecken sich auf mehr als 14 Prozent der Fläche der Bundesrepublik Deutschland. Dazu gehören beispielsweise das Niedersächsische Wattenmeer, Moorwälder und Hochmoore, Dünen, Auenwälder und andere.

Viele Tier- und Pflanzenarten sind darüber hinaus geschützt. Maßgeblich für die Einteilung in Risiko- bzw. Abstandsklassen ist zum einen die Entfernung eines Standortes zu einem Risikogebiet und zum anderen die Art des Schutzgebietes. Beispielsweise werden Wasserschutzgebiete anders bewertet als Landschaftsschutzgebiete.

Ausblick
ZÜRS Geo als Plattform für Geoinformationsdienste soll sowohl technisch als auch fachlich kontinuierlich weiterentwickelt und für weitere Versicherungssparten ausgebaut werden. Neben den Sach- und Haftpflichtsparten sind beispielsweise Anwendungen im Bereich der landwirtschaftlichen Versicherungen denkbar. Denn auch hier wird es künftig immer mehr darauf ankommen, das Risiko von Elementarschäden besser einschätzen zu können.

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