07.11.2007
Jahrestagung 2007

Statement von GDV-Präsident Dr. Bernhard Schareck zur Geschäftsentwicklung 2007

Sehr geehrte Damen und Herren,

herzlich willkommen zu unserer Pressekonferenz aus Anlass der GDV-Jahrestagung 2007, die wir unter das Leitthema gestellt haben: Risiken beherrschen – Chancen nutzen: Versicherung schafft Zukunft. Dies ist mehr als ein Tagungsmotto. Vielmehr drückt sich hier aus, welche unverzichtbare Bedeutung der Versicherungswirtschaft zukommt: Durch Sicherheit Bürgern und Unternehmen Freiräume zu schaffen zur Nutzung individueller Chancen. Hinter dem Motto steht aber auch eine Strategie zur operativen Modernisierung der deutschen Versicherungswirtschaft, die die Umsetzung nötiger Reformen anpackt und weiter betreiben wird. Wir wollen den tief greifenden Wandel der rechtlichen und der wirtschaftlichen Marktbedingungen als Chance nutzen.

Die Versicherungswirtschaft sieht sich dabei keineswegs als Objekt einer solchen Neuordnung in Richtung Zukunft, sondern als Mitgestalterin im Rahmen ihres Auftrags für Wirtschaft und Gesellschaft, Risiken beherrschbar zu machen und Bürgern und Unternehmen Chancen zu eröffnen zur aktiven Gestaltung von Zukunft. Unser Leitmotto für diese Jahrestagung 2007 ist deshalb keine bloße Formel, sondern Realität und Herausforderung. Dies wird auch auf der Jahrestagung heute Nachmittag unsere Botschaft sein, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Frage, wie es weitergeht oder weitergehen soll mit den Reformen in Deutschland – vor allem den sozialstaatlichen, die unsere Branche besonders berühren.

Wie immer wollen wir Ihnen auf dieser Jahrespressekonferenz auch einen Überblick geben über die aktuellen Trends im Geschäftsverlauf im bereits weit vorangeschrittenen Jahr 2007, über unsere Erwartungen für 2008 und unsere Einschätzungen zu den wichtigsten Themen. Für Ihre Fragen werden Ihnen auch die Vorsitzenden der Hauptausschüsse für die Lebensversicherung, Herr Dr. Zimmerer, die Schaden- und Unfallversicherung, Herr Dr. Pohlhausen, und der Präsident des PKV-Verbandes, Herr Schulte, zur Verfügung stehen.

Doch zunächst zur wirtschaftlichen Entwicklung: Die gesamtwirtschaftlichen Rahmendaten haben sich gegenüber dem vergleichweise guten Jahr 2006 wieder leicht verschlechtert. Lange Schatten über den Atlantik wirft auch die US-Subprimekrise. Die Versicherer sind als Kapitalanleger zwar nicht unmittelbar betroffen. Allerdings verfolgen wir die Entwicklung mit Sorge. Denn die Stabilität der Finanzmärkte ist ein wichtiger Faktor für die weltwirtschaftliche Entwicklung. Auch die Aufwertung des Euros und der hohe Ölpreis bergen konjunkturelle Risiken.

Dass auf den Kapitalmärkten heute Risiken wieder mit höheren Risikoprämien bezahlt werden, ist sicher zu begrüßen. Letztlich stärkt das auch die Ertragskraft der Versicherer, die in ihrer Langfristorientierung ohne enge Liquiditätshorizonte anders investieren können als die Banken. Dennoch werden wir natürlich mit einer höheren Volatilität rechnen und entsprechend über ausreichende Risikopuffer Vorsorge treffen.

Die Realeinkommen der Arbeitnehmer, die für den Konsum und damit für die Versicherungsnachfrage entscheidend sind, entwickeln sich immer noch und seit vielen Jahren sehr verhalten. Auch aus diesem Grund ist es nicht überraschend, wenn die Versicherungsnachfrage uns in diesem Jahr nicht zufrieden stellt.

Geschäftsentwicklung Lebensversicherung 2007

Die Beitragseinnahmen der Lebensversicherer, Pensionskassen und Pensionsfonds werden nach unseren Hochrechnungen in 2007 bei etwa 78,1 Mrd. Euro und damit geringfügig niedriger liegen als im Vorjahr (78,3 Mrd. Euro). Auf die Lebensversicherung allein entfallen 74,3 Mrd. Euro. Davon erwarten wir etwa 11,6 Mrd. Euro aus dem Einmalbeitragsgeschäft. Das Neugeschäft bringt uns voraussichtlich eine Beitragssumme von 146,1 Mrd. Euro, wobei Verträge gegen laufenden Beitrag mit ihrer Laufzeit gewichtet werden. Der laufende Beitrag für ein Jahr erreicht voraussichtlich 6,1 Mrd. Euro.

Der im Vorjahresvergleich zu verzeichnende Rückgang beim Neuzugang gegen laufenden Beitrag wird durch das Riester-Geschäft beeinflusst. Wir freuen uns natürlich, dass 2006 die allermeisten Kunden die Erhöhung mitgemacht haben. Aber der mittlerweile ansehnliche Riesterbestand wirkt sich angesichts der in diesem Jahr fehlenden Riester-Stufe nun bremsend aus. Im Vergleich zum Vorjahr ohne Summenerhöhungen ergibt sich beim Neugeschäft gegen laufenden Beitrag ein leichter Zuwachs um 2 Prozent. Dazu beigetragen haben auch die in diesem Jahr neu abgeschlossenen Riester-Verträge. Sie verlaufen sehr erfreulich, werden aber immer noch über vergleichsweise geringe Durchschnittsbeiträge abgeschlossen. Wir schätzen gegenüber 2006 ein Mehr von 400.000 Stück und rechnen in 2007 mit etwa 2,4 Mio. Riester-Neuverträgen. Die Basisrentenentwicklung ist besonders dynamisch verlaufen. Hier schätzen wir eine Verdoppelung auf 350.000 Verträge. Im gesamten Neugeschäft rechnen wir angesichts von Rückgängen bei der Kapitallebensversicherung mit einer Stückzahl von 7,9 Mio. und damit etwa dem Vorjahresniveau (8 Mio.). Der Bestand wird mit 93,8 Mio. Verträgen in etwa stabil bleiben.

Geschäftsentwicklung Private Krankenversicherung 2007

Nachdem die Gesundheitsreform nach einer sehr intensiven Debatte im letzten Jahr Anfang 2007 verabschiedet wurde, ist es vordergründig in diesem Jahr an der gesundheitspolitischen Front etwas ruhiger geworden. Festzuhalten bleibt, dass die Ziele generationentauglicher Nachhaltigkeit, höherer Effizienz und Wirtschaftlichkeit insbesondere aber auch größerer Wahlfreiheit der Bürger mit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz nicht erreicht wurden.

Das System der PKV wird durch die Gesundheitsreform geschwächt. Vor allem der ab 2009 einzuführende Basistarif bedeutet einen fundamentalen Bruch mit dem Versicherungsprinzip. Aufgrund seiner gesetzlich vorgeschriebenen, nicht kostendeckenden Prämien werden die heute Privatversicherten den Basistarif subventionieren müssen.

Auf der politischen Agenda steht in diesem Jahr ein weiteres wichtiges Reformthema: Die Pflegereform. Mit dem Gesetzentwurf hat die große Koalition leider die Chance auf einen zukunftsorientierten Umbau der Pflegeversicherung verpasst. Ohne ideologische Vorurteile hätte die private Pflegeversicherung hier Vorbild für die gesetzliche sein müssen. Herr Schulte wird Ihnen gleich auf Ihre Fragen zur privaten Kranken- und Pflegeversicherung sicher noch einiges mehr sagen. Ich will mich hier auf die wichtigsten Zahlen zur Geschäftsentwicklung konzentrieren:

In 2007 werden die Krankenversicherer ein Wachstum der Beitragseinnahmen von 2,5 Prozent realisieren können auf dann 29,2 Milliarden Euro. Davon entfallen 27,3 Milliarden Euro (+ 2,6 Prozent) auf die Kranken- und 1,9 Milliarden Euro (+ 0,5 Prozent) auf die Pflegeversicherung. Der Nettoneuzugang zur Vollversicherung zur Mitte 2007 lag mit 37.700 auf nun 8,53 Millionen Versicherte wesentlich niedriger als im Vorjahr (+ 46.900). Hier zeigt der mit der Gesundheitsreform deutlich erschwerte Wechsel für Arbeitnehmer in die PKV bereits seine Wirkung. Die Zusatzversicherungen stiegen im ersten Halbjahr 2007 um netto 644.100 auf nun 19,0 Millionen Versicherungen.

Die ausgezahlten Versicherungsleistungen dürften bis Ende 2007 eine Höhe von rund 18,96 Milliarden Euro erreichen, wobei auf die Krankenversicherung 18,4 (+ 4,6 Prozent) und auf die Pflegeversicherung knapp 0,56 Milliarden Euro (+ 1,9 Prozent) entfallen.

Geschäftsentwicklung Schaden- und Unfallversicherung 2007

Mit Abstand prägendstes Einzelereignis in der Schaden- und Unfallversicherung in diesem Jahr war sicher der Wintersturm Kyrill. Die Branche hat hier eindrucksvoll ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Die vorhandenen bilanziellen Sicherungsmaßnahmen wie der Ausgleich mit anderen Versicherungszweigen, die Schwankungsrückstellung und der Rückversicherungsschutz haben sich einmal mehr als tragfähig erwiesen. Zur Zufriedenheit der Versicherten wurden innerhalb kurzer Zeit knapp 2,4 Millionen Sturmschäden reguliert. Die Gesamtentschädigungsleistung summierte sich auf 2,4 Mrd. Euro. 14,3 Mio. private Wohngebäudebesitzer und 24,3 Mio. Haushalte können sich darauf verlassen, dass sie ihr Versicherer nach einem Sturmschaden „nicht im Regen stehen lässt“. Unverständlich für uns bleibt, dass rund 15 Prozent der Gebäudebesitzer und ca. 22 Prozent der Haushalte sich diesen Schutz immer noch vorenthalten und statt dessen im Schadenfall immer wieder nach dem Staat gerufen wird.

Natürlich wirkt sich „Kyrill“ auch in den Bilanzen aus. Während die Kompositversicherer im vorangegangenen Geschäftsjahr noch durch eine moderate Schadenentwicklung (Schadenaufwand lediglich plus 0,5 Prozent) begünstigt wurden, wird „Kyrill“ Spuren in den diesjährigen Unternehmensbilanzen hinterlassen. Wesentlich bedingt durch Naturereignisse dürfte der Schadenaufwand in diesem Jahr in der Wohngebäudeversicherung um 55 Prozent, in der Gewerblichen Sachversicherung um 35 Prozent und der Landwirtschaftlichen Sachversicherung um 7 Prozent höher als im Vorjahr ausfallen.

Die Beitragseinnahmenentwicklung der Schaden- und Unfallversicherer wird auch in diesem Jahr maßgeblich durch die Entwicklung des Kraftfahrtgeschäfts bestimmt. Die dem GDV vorliegenden Geschäftszahlen lassen darauf schließen, dass sich der Abrieb auf der Beitragseinnahmenseite (2005 noch – 3,6 Prozent) verlangsamt und die Mindereinnahmen in diesem Jahr nur noch knapp 2 Prozent betragen dürften. Das bedeutet in etwa eine halbe Milliarde Euro weniger Beitragseinnahmen, also rund 20,8 Mrd. Euro.

Im Gegenzug verschlechtert sich jedoch die Einnahmensituation in den Sachversicherungen, vor allem in den Privatkundensegmenten und in der Gewerblichen Sachversicherung. Dort dürften die Beitragseinnahmen nach Zuwachsraten in 2005 von + 1,3 Prozent bzw. + 2,5 Prozent in diesem Jahr bestenfalls stagnieren. Von den übrigen Versicherungszweigen der Schaden- und Unfallversicherung gehen kaum oder nur schwache Wachstumsimpulse aus, so dass die deutschen Kompositversicherer in diesem Geschäftsjahr mit einem Rückgang der Beitragseinnahmen auf etwa 54,8 Mrd. Euro (- 0,4 Prozent nach 0,7 Prozent) rechnen müssen. In Anbetracht der diesjährigen Schadenbilanz ist in dem Fall mit einer Combined Ratio von 98 Prozent (nach 91,3 Prozent) zu rechnen. Dies entspricht einer Verschlechterung des versicherungstechnischen Ergebnisses von zuletzt 4,6 Mrd. Euro auf 0,7 Mrd. Euro. Ohne „Kyrill“ läge das Ergebnis bei 3,1 Mrd. Euro.

Im Gesamtergebnis über alle Sparten erwarten wir für 2007 eine Beitragsstagnation in Leben, einen leichten Rückgang in Schaden/Unfall und ein Wachstum von 2,5 Prozent in der Krankenversicherung, d. h. für die Gesamtbranche eine schwarze Null. Das Beitragsvolumen schätzen wir für 2007 auf 162,1 Mrd. Euro.

Geschäftsaussichten 2008

In 2008 rechnen wir mit einem verhaltenen Beitragswachstum von rund 1,5 Prozent. Die Beiträge werden in der Schaden- und Unfallversicherung in 2008 voraussichtlich stagnieren. In der Kraftfahrtversicherung könnten die bis zuletzt moderate Entwicklung der Schäden und der harte Anbieterwettbewerb einen weiteren Rückgang der Prämieneinnahmen zur Folge haben. Die verbesserte wirtschaftliche Lage der privaten Haushalte in 2008 wird kaum zu einem deutlichen Anstieg der Versicherungsnachfrage führen. In der Krankenversicherung rechnen wir für 2008 mit einem Beitragswachstum von 3 Prozent. Hierin spiegeln sich aber fast ausschließlich die höheren Gesundheitsausgaben wider, der Neuzugang zur PKV wird dagegen durch die politischen Vorgaben, aber auch die demographische Entwicklung gebremst und liegt kaum mehr deutlich über den Abgängen. In der Lebensversicherung prognostizieren unsere Volkswirte bei mäßigem Wachstum des Neugeschäfts und weiterhin hohen Vertragsabläufen ein Beitragsplus von 2 Prozent. Die Anpassungen der Beiträge zu Riester-Verträgen – hier tritt ja die letzte Förderstufe in Kraft – werden sich 2008 positiv auswirken.

Damit sind wir natürlich vor allem bei der Altersvorsorge nicht zufrieden. Gerade in der Altersvorsorge müsste es deutlich mehr sein. Die zuletzt leicht gestiegene Sparquote ist gar nicht zu niedrig. Aber vielfach wird zu kurzfristig und nicht zweckgebunden fürs Alter gespart. Hier liegt für die Versicherer und ihre Vermittler, aber auch für die Politik und die Medien, eine wichtige fortwährende Aufklärungs- und Überzeugungsaufgabe.

Hilfreich ist sicher, dass schon in diesem Jahr die Sozialversicherungsfreiheit der Entgeltumwandlung über das Jahr 2009 hinaus verlängert wird. Allerdings sehen wir mit Sorge andere Entwicklungen: Als Stichwort sei zum einen die „Riester-Immobilie“ genannt. Denn: Immobilien sind zur Altersvorsorge nur bedingt geeignet. Die für das Alter notwendigen Wertgarantien können nicht gewährleistet werden. Der Bevölkerungsrückgang führt im Gegenteil für viele Eigenheimbesitzer zu unkalkulierbaren Wertentwicklungsrisiken. Manch einer wird am Ende mit wenig Renteneinkommen in einem für Familien konzipierten zu großen Haus sitzen, das wegen der abnehmenden Zahl an Familien kaum noch zu den erhofften Preisen verkäuflich ist. Das Ziel der „Riester-Förderung“, ein lebenslanges Alterseinkommen aufzubauen, leidet deutlich unter dieser Zweckentfremdung der Riesterförderung für den Wohnungsbau.

Die verschiedentlich geforderten Altersvorsorgekonten oder reinen Beitragszusagen für die betriebliche Altersversorgung halten wir ebenfalls für einen falschen Weg. Sie würden die betriebliche Altersversorgung in ihren Grundkonstanten auflösen und auf reine Vermögensbildung reduzieren. Der eigentliche Mehrwert der „bAV“, ein hohes Maß an Sicherheit durch den Risikoausgleich und die Absicherung wichtiger Lebensrisiken, ginge verloren.

Was in der sozialpolitischen Debatte derzeit ansonsten irritiert, sind die Anzeichen für eine neue Transfereuphorie, Stichwort „Verlängerung ALG I“. Ich kann verstehen, dass in der Bevölkerung die Sorge verbreitet ist, dass im Falle längerer Arbeitslosigkeit wegen Hartz IV die Lebensleistung bedroht wird. Denn Hartz IV bedeutet oft auch eine erzwungene Aufzehrung von Altersvorsorge. Statt einer Verlängerung des ALG I wäre eine Erhöhung des Altersvorsorgeschonvermögens für eine Lösung dieses Problems wohl zielführender.

Meine Damen und Herren,

wer sich heute in unseren Mitgliedsunternehmen umsieht, sieht und spürt sehr deutlich: die Versicherer brauchen nach den inzwischen verabschiedeten großen Reformprojekten eine Atempause. Die organisatorische und strukturelle Umsetzung des neuen Regulierungsrahmens führt die Unternehmen derzeit an die absolute Belastungsgrenze im Verwaltungsbereich. VVG-Reform, Informationspflichtenverordnung, Solvency II, Neuordnung des Vermittlerrechts: Für die Versicherungswirtschaft sind dies Stationen einschneidender Veränderungen mit schier tektonischen Folgewirkungen auf sämtliche Bereiche – ob Risikomanagement, Anlagestrategie oder Vertriebsstrukturen und Kundenbeziehungen.

VVG-Reform, Informationspflichtenverordnung

Nachdem die vom Bundestag am 5. Juli 2007 beschlossene VVG-Reform nun auch den Bundesrat passiert hat, steht fest: Mit Wirkung zum 1. Januar 2008 gelten – jedenfalls für das Neugeschäft – die neuen Regelungen für die Vertragsbeziehungen zwischen Versicherer und Versicherungsnehmer. Altverträge sind bis zum 1. Januar 2009 auf die neuen Regelungen umzustellen. Es muss klar sein, dass dieser Übergangszeitraum von nur einem Jahr für die Umstellung von über 400 Mio. Verträgen eng bemessen ist. Es sind gewaltige Anpassungsarbeiten zu bewältigen, die auf uns zukommen – zusätzlich zu den Arbeiten zur Einführung des VVG im Neugeschäft bis Ende des Jahres.

Die Beratungs- und Informationspflichten vor Vertragsabschluss werden ausgeweitet, das Policenmodell abgeschafft, frühzeitig ausscheidenden Kunden wird ein Mindestrückkaufswert zugesichert und die Überschussbeteiligung wird neu reglementiert. In der Grundrichtung ist insbesondere die Neuregelung der Überschussbeteiligung durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Lebensversicherung vorgegeben. Die stillen Reserven müssen nun bei Vertragsablauf individuell berücksichtigt werden. Bisher wurden sie erst zum Zeitpunkt ihrer Realisierung über die klassische Überschussbeteiligung verteilt.
Um hier vielfach anzutreffenden Missverständnissen entgegen zu wirken: Die Versicherten hatten immer einen gesetzlichen Anspruch auf mindestens 90 Prozent der stillen Reserven, sobald sie realisiert wurden. Und sie wurden und werden systematisch und mit Augenmaß zum Ausgleich von Kapitalmarktschwankungen realisiert. Praktisch betrug die Beteiligungsquote meist über 95 Prozent. Die Versicherer werden insgesamt nicht – wie aus einem Wunderhorn – mehr ausschütten können. Die VVG-Reform hat ja keine zusätzlichen Erträge geschaffen. Es geht um eine andere Verteilung zwischen den Versicherten, insbesondere um Maßstäbe dafür, welcher Versicherte in welchem Ausmaß mit seinen Prämien zur Entstehung von stillen Reserven beigetragen hat. Es geht, so das Gesetz, um „Verursachungsorientierung“ bei der Partizipation an den stillen Reserven.

Die jeweiligen Verfahren müssen also ein doppeltes Problem lösen: Individuelle und kollektive Gerechtigkeit sind auszutarieren. Dabei ist sowohl zu berücksichtigen, wie viel Kapital auf einen Vertrag entfällt als auch ob bzw. wie lange ein Vertrag zur Entstehung von stillen Reserven beigetragen hat. Insofern wird es künftig sicher keine einheitlichen Prozentsätze für alle Verträge geben, um die die Ablaufleistungen aufgrund stiller Reserven steigen. Diese Werte werden vertragsindividuell sowohl von Laufzeit und Beitragsverlauf als auch von der jeweiligen Kapitalmarktsituation bei Ablauf bestimmt.

Meine Damen und Herren,

die unter Maßgabe der Urteile und vielfältiger Forderungen von Verbraucherverbänden nach zahllosen Beratungsrunden letztendlich verabschiedete VVG-Reform ist ein Gesetzeswerk, das in vielen Punkten aus Kompromissen besteht. Der GDV hat hierzu in vielen Einzelfragen ausführlich Stellung bezogen, und wir haben die Reform grundsätzlich positiv begleitet. Aus unserer Sicht ist das Gesetz in vielen Punkten ein gelungener, in manch anderen ein noch tragfähiger Kompromiss.

Nun warten wir noch auf die Informationspflichtenverordnung. Der aktuelle Entwurf scheint uns doch an der einen oder anderen Stelle über das Ziel hinauszuschießen. Richtiger als der Ausweis der Abschluss- und Vertriebskosten in absoluten Euro-Beträgen wären Prozentangaben, etwa in Bezug zur Beitragssumme. Die Angabe absoluter Eurobeträge würde langfristig – vor allem bei größeren Verträgen – zu Provisionsgeschacher führen. Dabei wird die Provision, die ja auch die Geschäfts- und Bürokosten des Vermittlers abdeckt, von den Verbrauchern schnell mit Gewinn verwechselt. Der Vermittler, der natürlich zum Abschluss kommen möchte, wird hier in einen massiven Konflikt mit dem gesetzlichen Provisionsabgabeverbot geraten. Der mit größerer Transparenz begründete und auch angestrebte Kostenvergleich ist nur auf Prozentbasis sinnvoll möglich. Das gilt schon für Versicherungsprodukte unterschiedlicher Laufzeit oder Beitragshöhe, noch mehr aber für den Vergleich mit Produkten anderer Finanzdienstleister, etwa Investmentfonds. Gerade dort ist durch die MIFID und das Investmentgesetz der prozentuale Kostenausweis erneut festgeschrieben worden. Wenn die Informationspflichtenverordnung nun so bleibt, werden viele Vermittler, um Provisionsabgaben zu vermeiden, in Produkte ausweichen, bei denen der Euro-Ausweis nicht vorgeschrieben ist – etwa Fondssparpläne. Wir scheuen nicht den Wettbewerb. Aber er muss zu fairen Bedingungen erfolgen.

Auch bei den sonstigen Kosten bringen nur prozentuale Kostengrößen echte Vergleichbarkeit, wie Sie auf den Charts an den Beispielen sehen.

Umsetzung der Vermittlerrichtlinie

Mit dem neuen Versicherungsvermittlerrecht wird in Deutschland erstmals eine unmittelbare Regulierung des Berufsstands der Vermittler eingeführt. Sie bringt einheitliche Standards für die Qualifikation der Vermittler, eine Registrierungspflicht und Haftungsregelungen für Folgen einer eventuellen Falschberatung. Für die Erbringung des Qualifikationsnachweises haben wir gemeinsam mit den Industrie- und Handelskammern eine praktikable Lösung gefunden: Im September fanden bereits die ersten IHK-Sachkundeprüfungen „Geprüfte/r Versicherungsfachmann/-frau IHK“ in Zusammenarbeit mit dem Berufsbildungswerk der Deutschen Versicherungswirtschaft (BWV) statt.

Mit der Reform wird ein hohes Qualitätsniveau der Vermittlerschaft und damit der gesamten Branche gewährleistet. Wir werden uns letztendlich auch weniger mit Image-Belastungen durch „schwarze Schafe“ herumplagen müssen. Schon jetzt muss man sich die Relationen immer wieder vor Augen halten: So gingen – absolut gesehen – vergangenes Jahr beim Ombudsmann zwar die stattliche Zahl von 18.451 Beschwerden ein. Stellt man diese jedoch in Relation zu den etwa 375 Millionen abgeschlossenen Versicherungsverträgen – und darauf kommt es ja eigentlich an – liegt die Beschwerdequote noch nicht einmal im Promillebereich. Und auch die europäische Kommission hat der deutschen Versicherungswirtschaft insgesamt eine hohe Kundenzufriedenheit bescheinigt, sowohl im Vergleich zu anderen europäischen Märkten, aber auch national im Sektorvergleich.

Nachdem das neue Gesetz bereits im Mai in Kraft getreten ist, ist die Umsetzung schon weit fortgeschritten. Die Zulassung und Registrierung der Vermittler ist in vollem Gange, die neue Verfahrensordnung für die Beschwerden zwischen Versicherungsvermittlern und Versicherungsnehmern beim Ombudsmann wird diese Woche von der Mitgliederversammlung des Vereins Versicherungsombudsmann beschlossen. Die nun verbindlichen Beratungs- und Dokumentationspflichten werden zudem von vielen Versicherern bereits seit längerem mit Erfolg praktiziert.

Klar und deutlich: Die Versicherungswirtschaft begrüßt die neuen gesetzlichen Regelungen, zumal sie prinzipiell alle Vertriebsstrukturen auch weiter zulassen.

Solvency II

Lassen Sie mich noch zu einem Thema kommen, das uns bereits in der Vergangenheit stark beschäftigt hat, das aber auch weiterhin einen wesentlichen Schwerpunkt unserer Arbeit darstellen wird: Solvency II.

Die Europäische Kommission hat am 10. Juni 2007 den offiziellen Entwurf der Rahmenrichtlinie zu Solvency II vorgelegt. Im neuen Regelwerk sind die bestehenden Richtlinien zum Versicherungsaufsichtsrecht (u. a. die Richtlinien zur Beaufsichtigung der Lebens-, Nicht-Lebens- und Rückversicherung) entsprechend zusammengeführt und um die Solvency II-Vorschriften ergänzt worden. Mit der Richtlinie verfügen wir dann über ein einheitliches Regelungswerk für den Bereich der Versicherungsaufsicht. In der mehrjährigen Diskussionsphase sind bereits viele Vorschläge der deutschen Versicherungswirtschaft von der EU-Kommission aufgegriffen worden.

Eines unserer zentralen Ziele im neuen Aufsichtssystem liegt letztlich in einer Abkehr von der rein rechnungslegungsgeprägten Sichtweise zu Gunsten eines ökonomischen Ansatzes. Um dies zu erreichen, fordern wir, dass das vorgeschlagene Kategorisierungs- und Limitierungssystem für Eigenmittel entfällt und alle Risikopuffer unbeschränkt als Eigenmittel anerkannt werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass unsere bewährten Eigenmittelkomponenten in Deutschland auf Grund formaler Kriterien als nicht anrechnungsfähig eingestuft werden, obwohl sie in der Praxis zur Verlustabdeckung eingesetzt werden. Dies betrifft auf dem deutschen Markt insbesondere die freie RfB in der Lebensversicherung, die Schwankungsrückstellungen in der Schaden-/Unfallversicherung und mögliche Nachschüsse bei Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit.

Unser besonderes Augenmerk gilt in der Solvency II-Diskussion den kleinen und mittleren Versicherungsunternehmen. Künftig müssen sich diese auch an ihrem Risikoprofil und nicht am Volumen ihres Geschäftes messen lassen. Viele kleinere Anbieter fürchten hier bürokratische Überforderung und zunehmende personelle Belastung. Es steht außer Frage, dass der Schutz der Versicherungsnehmer unabhängig von der Größe des Anbieters zu gewährleisten ist. Dabei soll jedoch nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen werden. Daher arbeitet der Verband gemeinsam mit der Aufsicht seit Jahren an Lösungen, die mit dem Schlagwort „Proportionalität“ umschrieben werden können.

Diese Verhandlungspunkte mindern keineswegs das Interesse der deutschen Versicherungswirtschaft an einem zügigen Zustandekommen der Harmonisierung. Die Beteiligung der deutschen Versicherungswirtschaft an der dritten Auswirkungsstudie von CEIOPS, der sog. QIS 3, war mit 162 Mitgliedsunternehmen wieder sehr erfreulich. Die hohe Teilnahmequote zeigt, dass die deutschen Unternehmen die Bedeutung von Solvency II verstanden haben und die Studie als eine gute Vorbereitung und eigene Standortbestimmung nutzen.

So wird auch das Jahr 2008 durch Solvency II geprägt werden: Die Beratungen zum Richtlinienentwurf im Europäischen Parlament haben soeben begonnen. Ende 2008 wird wohl die Richtlinie verabschiedet werden und damit auf europäischer Ebene normieren, welche Regelungen in nationales Recht umgesetzt werden müssen.

Klimawandel

Abschließen möchte ich mit einem Thema, das derzeit – zu recht – in aller Munde ist: der Klimawandel. Die frühere Umweltministerin und heutige Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel hat das Thema auf die Fahnen ihrer nationalen und internationalen Politik geschrieben. Gleiches gilt für die Diskussion auf europäischer Ebene: Die Europäische Kommission warnt in ihrem „Grünbuch zur Anpassung an den Klimawandel“ von Anfang Juli 2007 vor den negativen Auswirkungen der globalen Erwärmung. In der Tat, die Folgen des Klimawandels bekommen wir sowohl als Bürger als auch als Versicherungsunternehmen sehr deutlich zu spüren, auch wenn wir – zumindest heute noch – nicht in der Lage sind, einzelne Ereignisse konkret dem Klimawandel zuzuordnen: Während im Jahr 2005 die Wirbelstürme „Katrina“, „Rita“ oder „Wilma“ noch über die andere Seite des Atlantiks hinwegfegten, hat „Kyrill“ in diesem Jahr ganz Deutschland erfasst.

Nach wissenschaftlichen Berechnungen steht fest, dass wir als Folge der globalen Erwärmung immer häufiger mit extremem Wetter konfrontiert werden: Sturm, Hagel, Starkregen und lange Trockenperioden werden weiter zunehmen. Der Hauptausschuss Schaden- und Unfallversicherung hat deshalb in diesem Sommer ein spartenübergreifendes Projekt zu dieser Thematik eingesetzt. Dort werden wir uns natürlich auch mit der Frage der Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Versicherungstechnik beschäftigen, aber auch ganz wesentlich mit der Frage, wie unsere Branche die Anpassungsstrategie der Bundesregierung unterstützen kann und in welchem Umfang wir durch Risikotransfer die bereits unvermeidbaren Folgen des Klimawandels tragbar und volkswirtschaftlich verkraftbar machen können. Es geht hier also beispielsweise um die Fragen,

  • ob wir Versicherungsschutz für die im Rahmen der Anpassungsstrategie wichtigen neuen Technologien im Bereich der Energiegewinnung zur Verfügung stellen können,
  • in welchem Umfang wir durch Produkte mit Anreizelementen umweltfreundliches Verhalten unserer Versicherungsnehmer unterstützen können und
  • selbstverständlich um die Frage der Aufrechterhaltung unserer Versicherungsangebote im Bereich Sturm und Überschwemmung.

Um das Klimarisiko immer verlässlicher kalkulieren zu können, ist die Aufarbeitung der zur Verfügung stehenden Daten und Modellrechnungen und die Verknüpfung der Klimadaten mit unseren Schadendaten erforderlich. Nur bei Herstellung einer solchen Berechenbarkeit können die versicherungstechnischen Schlussfolgerungen gezogen werden, nur dann werden wir gegenüber Politik und Öffentlichkeit verlässliche Aussagen und mittelfristig stabile Versicherungsangebote darstellen können. Die Arbeiten beschäftigen uns aktuell! Dort, wo die Grenzen des privatwirtschaftlich Machbaren überschritten werden, sind wir natürlich zu einem Dialog mit der Politik bereit, um gemeinsam über Lösungsmöglichkeiten nachzudenken.

Risiken beherrschen, Chancen nutzen, Sie sehen meine Damen und Herren, die Versicherungswirtschaft ist dabei, wenn es darum geht, Zukunft zu schaffen – ob es um den Klimawandel geht, die Ausrichtung der sozialen Sicherungssysteme oder die New Risks des globalen WandeIs durch technische Innovationen. Mit den neuen rechtlichen Rahmenbedingungen sind die Leitplanken und die Impulse für die Märkte von morgen gesetzt. Und ich bin überzeugt, dass unsere Mitgliedsunternehmen innerhalb der neuen Spielregeln ihre durchaus neuen Chancen nutzen werden!

Vielen Dank.