27.11.2007
Alkohol-Wegfahrsperren

Dein Sanitäter in der Not

Nur bei Grönemeyer ist Alkohol der Sanitäter in der Not. Die Volksdroge Nummer eins ist noch immer der häufigste Grund für Verkehrsunfälle. Alkohol-Wegfahrsperren versprechen Abhilfe.

Stefan Wollschläger arbeitet als stellvertretender Stationsleiter in der Rettungsstelle des Unfallkrankenhauses Berlin. Der 35-Jährige hat schon eine Menge gesehen: einen Motorradfahrer, der bei 200 Stundenkilometer auf der A10, südlicher Berliner Ring, unter eine Leitplanke rutscht und dem ein Bein amputiert werden muss. Oder einen sogenannten Disko-Unfall, bei dem drei junge Menschen sterben und zwei schwer verletzt überleben. Oder ein betrunkener Autofahrer, der mehrere Jugendliche totfährt. „Die meisten solcher dramatischen Fälle lässt man nicht an sich heran, sonst kann man diesen Job nicht machen“, sagt er. In akuten Situationen sei zwar keine Zeit für Mitleid, doch die Opfer von Alkoholfahrern bedauert er am meisten. Aber auch für verletzte Unfallverursacher hat er Mitgefühl: „Jeder Mensch hat seine persönliche Geschichte. Man darf sich nicht über die Patienten stellen und sie bereits verurteilen, wenn sie Alkohol getrunken haben. Wir dürfen hier nicht Gott spielen.“

2006 starben auf deutschen Straßen 5091 Menschen. Hierzulande herrscht mit 200 Autos pro Straßenkilometer das europaweit dichteste Gedränge. Der Europäische Rat für Verkehrssicherheit (ETSC) hat errechnet: In Deutschland kommen auf eine Million Einwohner 62 Verkehrstote, in Litauen 223. Auch wenn Deutschland im europäischen Vergleich auf den unteren Rängen liegt, sind die Zahlen jedes Jahr aufs Neue erschreckend. Vor allem die vermeidbare Zahl derer, die bei einem Verkehrsunfall starben, bei dem Alkohol im Spiel war: 599 Menschen waren das im vergangenen Jahr, das sind fast zwölf Prozent aller Unfallopfer. Europaweit ist jeder dritte Unfall auf Alkohol zurückzuführen. Dabei sind es noch immer junge Fahrer, die sich am häufigsten betrunken ans Steuer setzen: Mehr als die Hälfte der in Unfälle verwickelten alkoholisierten Autofahrer ist zwischen 18 und 35 Jahre alt.

„Alkoholunfälle sind mit schwereren Verletzungen verbunden als normale Unfälle. Sie finden vor allem nachts und am Wochenende statt, treten vermehrt außerhalb geschlossener Ortschaften und bei höheren Geschwindigkeiten auf“, sagt Dr. med. Uli Schmucker, Unfallforscher an der Universität Greifswald. Oft spiele auch Müdigkeit eine Rolle, sagt der 33-jährige Unfallchirurg.

Seit 1. August hat der Gesetzgeber eine eindeutige Regelung getroffen: Für Fahranfänger und Autofahrer, die jünger als 21 Jahre sind, gilt ein absolutes Alkoholverbot am Steuer. „Die Null-Promille-Regelung für Fahranfänger ist richtig. Bei der Kombination Fahranfänger und Alkohol ist es der reine Zufall, der über Leben und Tod entscheiden kann“, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der GDV-Unfallforschung. „Bei älteren Fahrern nimmt die Zahl der Alkoholunfälle zwar ab, aber oft ist dann der Blutalkoholwert höher. Doch vor allem junge Männer überschätzen sich selbst und setzen damit ihr eigenes und das Leben anderer aufs Spiel.“ Alkohol am Steuer ist ein männliches Problem: Bei fast neunzig Prozent aller Autounfälle, die durch Alkoholkonsum verursacht wurden, saßen Männer am Steuer.

Im Auto eingebaute Alkoholkontrollen sollen Abhilfe schaffen. Als weltweit erster Automobilhersteller baut Volvo auf Wunsch einen 850 Euro teuren Alkohol-Interlock in seine Autos. Vor jeder Fahrt muss der Fahrer mit einer Atemkontrolle beweisen, dass er nüchtern ist. Misst das Gerät einen bestimmten Alkoholwert, lässt sich der Wagen nicht starten. Stefan Wollschläger von der Rettungsstelle des Unfallkrankenhauses Berlin ist von solchen Geräten begeistert: „Ich finde die Idee sehr gut. Damit kann man vermeiden, dass ein betrunkener Autofahrer überhaupt losfährt.“ Eine Null-Promille-Grenze für Autofahrer befürwortet er trotzdem.

GDV-Position:

Alkohol-Wegfahrsperren können zurzeit keinen nennenswerten Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten.

„Alkohol-Wegfahrsperren sind grundsätzlich geeignet, Alkoholfahrten zu unterbinden. Sie können aber nicht vorgeschrieben werden, weil sie das Eigentumsrecht eines Autofahrers unverhältnismäßig einschränken“, sagt Brockmann. Der freiwillige Einbau von Interlocks bei betrieblich genutzten Fahrzeugen sei sinnvoll, vor allem bei Personenbeförderung und Gefahrgut-Transporten. Was aber, wenn der angetrunkene Fahrer den nüchternen Mitfahrer ins Gerät pusten lässt? „Jedes technische System ist manipulierbar. Deshalb würde ich mir wünschen, dass solche Geräte derart verbessert werden, dass sie eine eindeutige Fahreridentifikation ermöglichen“, sagt Brockmann.

Marcel Roth ist freier Journalist in Berlin.
Ansprechpartner Katrin Rüter, Tel. 030/20 20-5119