27.09.2007
Wetterextreme

Das Ende des Korns

Wer als Bauer in Deutschland überleben will, muss starke Nerven besitzen. Milde Winter, trockene Frühjahrsmonate, überschwemmte Sommertage und stürmische Herbstnächste drücken die Ernte, unt Meteorologen sagen voraus, dass sich diese Wetterextreme künftig noch vermehren werden.

Brot gilt in unserer Gesellschaft nicht gerade als Luxusartikel, Brot und Wasser wurden selbst im Mittelalter Gefangenen gewährt. Andererseits ist Brot ein absolutes Grundnahrungsmittel, das jeder ständig braucht und kauft. Deswegen reagieren die Menschen besonders empfindlich, wenn sie hören: Der Brotpreis steigt. Genau das meldete Ende August der Deutsche Bauernverband, und das Medienecho war groß. Die mitgelieferte Erklärung: Die Getreideernte 2007 war schlecht ausgefallen, insgesamt fuhren die Landwirte fast zehn Prozent weniger vom Feld als 2006, das immerhin als Trockenjahr gilt. Für den gesunkenen Ertrag machen die Bauern das Wetter verantwortlich, allerdings nicht einen bestimmten Sturm oder eine Trockenphase, sondern das Nacheinander von Wetterextremen: „Wetterkapriolen verhageln Ernte“ titelte daraufhin die Frankfurter Rundschau zutreffend.

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In diesem Jahr drückten die Trockenheit im Frühjahr und die Nässe im Sommer die Ernte, in anderen Jahren wurden die Bauern von Hagel, Sturm oder Dürren geplagt. Wetterextreme werden in Zukunft noch häufiger auftreten, darüber sind sich Klimatologen und Meteorologen einig. Der Grund: die inzwischen unstrittige Erderwärmung. Neben Ausschlägen nach oben und unten stieg die globale Mitteltemperatur bereits im vergangenen Jahrhundert um 0,6 Grad. Wie es weitergeht, weiß bisher niemand genau zu sagen, konservative Schätzungen gehen von etwa zwei Grad, andere bereits von mehr als sechs Grad innerhalb der nächsten hundert Jahre aus. Dennoch können deutsche Landwirte sich gegen Wetterextreme nicht ausreichend versichern. Allerdings ist das Problem nicht das fehlende Angebot: „Die Versicherer könnten sicherlich Mehrgefahrenversicherungen anbieten. Allein: Die zahlungskräftige Nachfrage würde fehlen, weil vielen die Prämien zu hoch wären. Das ist der Punkt“,sagt Frank Thyrolf vom GDV. Schließlich müssen Versicherer nicht nur berücksichtigen, dass Unwetter eine Menge Schäden anrichten können, sondern auch, dass Wettergefahren wie Frost, Hochwasser, Sturm, Starkregen oder Auswinterung in einer einzigen Saison hintereinander auftreten können. Dadurch steigt das Haftungsrisiko für eine flächendeckende Versicherung enorm, und damit auch die Prämie. Eine solche Versicherung würden viele Landwirte sich nicht leisten können.

Verheerende Extreme
Trockenschäden verursachten von 1990 bis 2006 einen Ernteschaden von mehr als 4,7 Milliarden Euro in Deutschland. Im Jahresmittel ergibt dies einen Ertragsverlust von etwa 295 Millionen Euro infolge von Dürre. Aber auch Auswinterungs- und Frostschäden schlagen in Millionenhöhe zu Buche. Zum Beispiel gab es 1991 schwere Spätfrostschäden an Zuckerrüben. Rund 44.000 Hektar betroffen,
damals etwa acht Prozent der
gesamten Anbaufläche.

Die einzigen Ernteschäden, die sich in Deutschland ohne Umstände versichern lassen, sind Hagelschäden. Zehn Versicherer bieten diesen Schutz an, etwa 70 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen sind gegen die Einschläge der Eisklumpen versichert. Dabei ist Hagel nicht einmal für ein Viertel der Schäden verantwortlich, die durch Wetterextreme angerichtet werden. Hagelschäden sind meist örtlich sehr begrenzt, während Ereignisse wie Trockenheit, Auswinterung oder Hochwasser großräumig auftreten und in Ausnahmefällen ganze Kontinente überziehen können. Ein Beispiel: Das stark verhagelte Jahr 1993 wies rund 205 Millionen Euro an Hagelschäden auf. Dem stehen im Dürrejahr von 1992 etwa 1,7 bis zwei Milliarden Euro an unversicherten Schäden gegenüber, die durch Trockenheit verursacht wurden.

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Die deutsche Versicherungswirtschaft versucht seit Jahren, diesen Missstand zu beheben. „Der Landwirt betreibt eine Werkstatt unter freiem Himmel. Wenn wir also mittlerweile wissen, dass Wetterextreme häufiger werden, dass manche Regionen durch den Klimawandel erhöhten Belastungen ausgesetzt sind, dann sollten wir – und damit meine ich auch die Politik – die notwendigen Maßnahmen ergreifen“, sagt Rainer Langner, Vorstand der Vereinigten Hagel und Vizepräsident der Internationalen Vereinigung der Hagelversicherer (AIAG). Allerdings bedarf es dafür der Unterstützung des Staates. In anderen Ländern ist es längst selbstverständlich, dass der Staat sich am Versicherungsschutz gegen Naturgefahren beteiligt und so bezahlbare Prämien für Landwirte ermöglicht. „Das ist ein ganz klarer Wettbewerbsnachteil, der die deutschen Bauern da trifft“, sagt Thyrolf, „grundsätzlich sind wir zwar immer für eine Marktlösung und gegen Subventionen. Aber die Bauern haben in diesem Fall ein Problem, das weder sie noch der Staat oder die Wirtschaft allein lösen können, doch jeder kann Teil der Lösung sein.“

Ende 2005 nahm die EU-Kommission sich der Sache an und schlug ihren Mitgliedern drei Konzepte zur Risikovorsorge vor: Sie können sich entweder mit bis zu 50 Prozent an den Versicherungsprämien der Bauern beteiligen, den Aufbau eines Risikoausgleichfonds unterstützen oder eine Erlösversicherung im Krisenfall staatlich fördern. Ziel der Vorgabe ist, dass ab 2010 Landwirte auch im Fall von Naturkatastrophen nur noch dann staatliche Hilfen bekommen sollen, wenn sie nachweisen können, dass keine bezahlbare Versicherung gegen den Ernteausfall angeboten wurde. Auf diese Weise sollen Ad-hoc-Hilfen die absolute Ausnahme werden. Im Zeitraum von 1990 bis 2006 bekamen die Bauern im Schnitt 22 Millionen Euro dieser staatlichen Beihilfen für Naturkatastrophen. Ins Verhältnis gesetzt zu den 5,89 Milliarden Euro Ernteschäden, die in dieser Zeit entstanden, und einer mittleren jährlichen Schadensumme von 368 Millionen Euro kaum mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Im Sinne einer nachhaltigen Lösung sind diese Ad-hoc-Hilfen natürlich auch der falsche Weg“, meint Thyrolf.

Versicherung nur gegen Hagel
Über den Betrachtungszeitraum 1990 bis 2006 haben Wetterextreme Ernteschäden in Höhe von 7,58 Milliarden Euro verursacht. Das entspricht einer mittleren Schadensumme für alle Gefahren von 474 Millionen Euro pro Jahr. Allerdings existiert in Deutschland flächendeckend nur eine Versicherung gegen Hagelschäden. Das bedeutet,dass nur gut ein Fünftel aller Schäden versichert sind.

Die Mehrheit der EU-Länder favorisiert die privatwirtschaftliche Versicherungsvariante: So haben Frankreich, Österreich, Spanien, Portugal und Griechenland ebenso staatlich gestützte Versicherungsprogramme der Privatwirtschaft wie außerhalb der EU zum Beispiel USA und Kanada und einige Länder mehr. Versicherbar ist meist der individuelle Feldertrag des Bauern oder aber ein bestimmtes Ertragsniveau in einer Region. Ertragsverluste werden im Schadensfall vor Ort, also im Feld, oder per Referenzstandort ermittelt. Allein in Spanien bezuschusste der Staat Prämien für Mehrgefahrenversicherungen in den vergangenen 25 Jahren mit mehr als drei Milliarden Euro. Nicht nur wegen der Chancengleichheit innerhalb der EU denkt die Arbeitsgruppe „Klimawandel und Landwirtschaft“ im Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz darüber nach, ob der deutsche Staat den Landwirten eine Mehrgefahrenversicherung ermöglichen sollte. Die Erklärung des Ministeriums im Wortlaut: „Die Risikoabsicherung über Versicherungen wird für landwirtschaftliche Betriebe wichtiger, da die Risikoanfälligkeit (…) zunimmt. Außerdem nehmen witterungsbedingte Risiken (…) zu. (…) Die Risikoabsicherung ist aber zunächst Aufgabe der Wirtschaft.“ Auf genauere Überlegungen zu einem deutschen Konzept will das Ministerium nicht eingehen: „Zuvor gilt es die Vorschläge der EU-Kommission in der ‚Gesundheitsüberprüfung der Gemeinsamen Agrarpolitik’ im Jahr 2008 abzuwarten.“

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Eine Tendenz ist allerdings auch im Ministerium ersichtlich. Im Mai 2007 sprach sich Minister Horst Seehofer eindeutig für eine Ernteversicherung aus und sagte der ARD: „Bis jetzt kenne ich keinen besseren Vorschlag als den, der schon seit einiger Zeit aus Frankreich kommt.“ Das französische Modell kombiniert die Bausteine einer Mehrgefahrenversicherung und eines nationalen Fonds für Schäden aus Naturkatastrophen. Allerdings, so eine Sprecherin des Ministeriums, habe auch dieses Modell Akzeptanzprobleme, wegen der trotz staatlicher Zuschüsse noch hohen Versicherungsprämien.

Im Prinzip sind sich also alle einig: Es müssen neue Instrumente etabliert werden, um den Landwirten zu ermöglichen, ihr Einkommen zu stabilisieren. „Auch vor dem Hintergrund, dass die Direktzahlungen der EU in den kommenden Jahren sinken werden“, sagt Langner. Die derzeitige Situation kann schnell dazu führen, dass Landwirte durch Ernteschäden in finanzielle Not geraten. Verstärkt wird diese Problematik noch durch die wachsende Zahl von Betrieben, die auf den Anbau von Bioenergiepflanzen setzen und Lieferverpflichtungen gegenüber Biogas- und Ethanolanlagen eingegangen sind. Wird ein solcher Betrieb von einem Ernteschaden betroffen, muss der Landwirt die Ware zukaufen, um seinen Verpflichtungen nachzukommen.

Nun ist die Landwirtschaft ohnehin eine derjenigen Branchen, die mit Einkommensrisiken zu kämpfen hat, wegen der durch die Liberalisierung der Märkte und den Abbau von Zollrestriktionen verursachten Preisschwankungen. Gegen das Preisrisiko lässt sich jedoch zum Beispiel ein Engagement an der deutschen Warenterminbörse oder der französischen Produktenbörse stellen, das Risiko eines Ernteausfalls durch andere Wetterextreme als Hagel ist aber nicht abzumildern. „Und gute Preise helfen dem Landwirt nichts, wenn er keine Ware mehr zu verkaufen hat“, sagt Langner. Abhilfe könnte eine Risikopartnerschaft zwischen Landwirten, Versicherungen und Staat sein, wie der GDV sie in Zusammenarbeit mit dem Bauernverband schon 2001 erarbeitet hat. Eine solche Mehrgefahrenversicherung könnte laut den GDV-Experten auf zwei verschiedenen Ansätzen basieren. Einmal wäre es möglich, einen Versicherungsschutz nur für regionale Unwetter zu entwerfen, der sowohl Ertrags- wie auch Qualitätsverluste berücksichtigen könnte und durch staatliche Prämienstützung realisierbar wäre. In der anderen denkbaren Variante wären auch überregionale und katastrophale Schadensereignisse durch Wetterextreme miteingeschlossen – allerdings unter der Bedingung, dass der Staat sich nicht nur an den Prämien, sondern auch an der Rückversicherung beteiligt. „Wenn wir von Katastrophen sprechen, ist es mit einer Co-Finanzierung der Prämien nicht getan. Wir als Erstversicherer müssten ja die höchstmögliche Schadensumme rückversichern, und das wird schnell teuer“,sagt Langner.

GDV Position:

Der umfassende Versicherungsschutz gegen Naturgefahren bedarf der Unterstützung des Staates. In anderen Ländern Europas ist das bereits Usus – ein klarer Wettbewerbsnachteil für deutsche Landwirte.

Durch ein sogenanntes geografisches Informationssystem (GIS) wird aus den klimatischen Daten und den Eigenschaften der Böden ein regionaler Gefährdungsfaktor errechnet, der gemeinsam mit dem Empfindlichkeitsfaktor der jeweiligen Pflanze und dem zu versichernden Risiko einen durchschnittlichen Schadenssatz liefert: also den Anteil des versicherten Wertes, der im Schnitt zerstört wird. Durch die Aufsummierung der Gefahren entsteht schließlich ein standortspezifischer Nettobeitragssatz pro Fruchtart. In der Schadenregulierung schließlich soll die Erdbeobachtung eine wichtige Rolle spielen, um schnell und umfassend Informationen gewinnen zu können. Oft werden die Versicherer allerdings auch die gewöhnliche Schadenbegutachtung am Boden hinzuziehen müssen. Denn mit der Erdbeobachtung lassen sich Schäden zwar feststellen, aber warum beispielsweise ein ganzes Maisfeld keine Ernte einbringt, das lässt sich nicht auf Bildern erkennen.

Noch ist das GDV-Papier zu einer staatlich subventionierten Mehrgefahrenversicherung wenig mehr als ein Vorschlag, und das wird es wohl auch noch länger bleiben. „In nächster Zukunft wird sich da nichts mehr tun, aber wir stehen bereit, wenn in der EU das nächste Mal darüber diskutiert wird, wie der Agrarhaushalt aussehen sollte“, meint Rainer Langner. Wie staatlich gestützte Prämien eine Versicherungsleistung ankurbeln können, zeigt das Beispiel Luxemburg: Dort waren 1990 nur etwa 20 Prozent der Winzer gegen Hagelschäden versichert, als die Regierung einwilligte, eine 50-prozentige Co-Finanzierung zu übernehmen. „Heute besitzen dort weit über 90 Prozent der Winzer Hagelpolicen“, sagt Langner.

Hohe Schadensumme
Seit 1995 beläuft sich die durchschnittliche Schadensumme für Hagel im Jahr auf rund 101,5 Millionen Euro. Allein die Hälfte davon, also 50 Millionen Euro, entfallen auf die südlichen Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern.

 

Im schlimmsten Fall – nämlich der unwahrscheinlichen Möglichkeit des Zusammentreffens von Jahrhunderthochwasser, Rekorddürre und einem Orkan wie Lothar – läge die „Worst Case“- Schadensumme laut einer Szenarioberechnung des GDV bei über 2,4 Milliarden Euro. „Wir gehen von einem Prämienvolumen von 400 bis 500 Millionen Euro pro Jahr aus“, meint Langner. Sobald geklärt ist, wie die Finanzierung einer Risikopartnerschaft aufgeteilt werden kann, steht der Verwirklichung einer Mehrgefahrenversicherung nichts mehr im Weg: Viele mögliche Eckpunkte stehen schon im GDV-Konzept. So soll die Abdeckung zunächst für quantitative Ertragsausfälle gelten. Als versicherbare Gefahren wurden Hagel, Auswinterung, Frost, Sturm, Starkregen und Trockenheit vorgeschlagen, die Anbausorten, für die eine Haftung gelten soll, sind Getreide, Mais, Zucker- und Futterrüben, Öl-und Hülsenfrüchte sowie Kartoffeln und Wein. Zur Bewertung der Risiken entwickelte die Expertenkommission des GDV ein multivariables Tarifierungskonzept, das vor allem auf drei Bewertungsgrößen basiert: auf Wetterdaten des Deutschen Wetterdienstes, die regionale Häufigkeiten bestimmter Wetterereignisse beschreiben, auf Daten aus der bundesweiten Bodendatenbank der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, die den Einfluss des Bodens offenlegt, sowie auf fruchtartspezifischen Empfindlichkeitsfaktoren: „Ein Lößboden wie in der Kölner Bucht hält Wasser länger als ein sandiger Boden in Brandenburg, und Raps wiederum macht Trockenheit mehr aus als Mais. Das alles fließt in das Tarifierungskonzept mit ein“, erklärt Langner.

Bastian Obermayer arbeitet als freier Journalist in München.
Ansprechpartner: Katrin Rüter, Tel. 030/2020-5119