27.09.2007
Gegenpositionen

Die 100-Milliarden-Euro-Ente

Gelegentlich taucht die Meldung wieder auf: Die Lebensversicherer hätten in der Aktienkrise 100 Milliarden Euro verspekuliert. Zuletzt wurde darüber im Zusammenhang mit gesunkenen Ablaufleistungen der Lebensversicherer berichtet. Was ist dran an der Zahl?

Im Juli haben die Börsen kurzzeitig den alten Rekord aus dem Jahr 2000 erreicht. Ein guter Zeitpunkt, um zu rekapitulieren, wie das damals mit den Lebensversicherern und dem Jahrhundertcrash war. In Erinnerung ist manchem noch die Schlagzeile „Der 100 Mrd. Euro Schock“, wie der Brancheninformationsdienst map-report 2003 titelte. Er schätzte die „Anlagenverluste“ der Lebensversicherer an der Börse auf 103,8 Mrd. Euro.

In dieser von Krisenstimmung geprägten Zeit war die Zahl ein Donnerschlag, der bis heute nachhallt. Erst kürzlich war die beeindruckende Zahl in der Anlegerzeitschrift portfolio international wieder zu lesen. Möglicherweise kommt sie auch deshalb nicht zur Ruhe, weil nicht allgemein bekannt ist, dass sie oder ihre Interpretation tatsächlich falsch ist.

Die Rechnung des map-report ist leicht erklärt: Die Lebensversicherer, die sehr viel früher als die Privatanleger in Aktien investiert hatten, verzeichneten infolge des Booms im Jahr 2000 erhebliche Bewertungsreserven. Wegen des starken Kursanstiegs und der Ungewissheit über die weitere Entwicklung dienten diese zunächst vorrangig als Risikopuffer. Sie wurden jedes Jahr nur so weit realisiert wie erforderlich, um trotz des auf unter fünf Prozent gesunkenen Zinsniveaus die für die Versicherten zurückgelegten Gelder stabil mit mehr als sieben Prozent zu verzinsen. Mit dem Crash gingen naturgemäß auch die Risikopuffer der Versicherer zurück.

Im map-report wurden nun einfach die Differenz der Bewertungsreserven von 2000 und 2002, die Abschreibungen und die Verluste aus Wertpapierverkäufen desselben Zeitraums sowie die Ende 2002 bestehenden stillen Lasten addiert. In der Tat ergibt diese Addition 103,8 Mrd. Euro. Nur beschreibt diese Zahl nicht die Verluste der Lebensversicherer in der Börsenkrise.

Zum einen rechnet kein Anleger Verluste so, dass er den irgendwann einmal erreichten Höchstkurs zum Maßstab nimmt und demgegenüber jeden Kursrückgang als Verlust verbucht. Schließlich sind Bewertungsreserven bis zu ihrer Realisierung nur Scheingewinne. Die für die meisten Anleger gängige Benchmark für Gewinne oder Verluste ist der Anschaffungspreis.

Zum anderen gehen Bewertungsreserven auch dann zurück, wenn sie durch Verkauf der jeweiligen Wertpapiere oder Zuschreibung realisiert werden. Auf fast 30 Milliarden Euro summierten sich 2000 bis 2002 die realisierten Gewinne aus Bewertungsreserven. Im map-report wurde diese Zahl jedoch nicht nur nicht mit den Verlusten saldiert, um die Anlageperformance der Lebensversicherer korrekt zu bewerten. Als vermeintlich verspekulierte Bewertungsreserve wurde sie sogar noch zu den Verlusten hinzugezählt.

Saldiert man richtigerweise Zu- und Abschreibungen sowie realisierte Gewinne und Verluste, verbleibt lediglich 2002 gegenüber dem Anschaffungsniveau ein Minus von 4,8 Milliarden Euro. In den Jahren 2000 und 2001 wurden dagegen aus Zu- und Abschreibungen sowie Kapitalanlagen per Saldo insgesamt Gewinne von 5,3 Milliarden erzielt, 1998 und 1999 waren es zusammen sogar über acht Milliarden. Die im Kurstief entstandenen stillen Lasten verschwanden mit der Kurserholung bis Ende 2004.

Die Nachricht von den verlorenen 100 Milliarden Euro war also eine Ente. Natürlich soll das nicht heißen, dass der Börsencrash für die Versicherer nicht eine gewaltige Herausforderung war. Auch haben nicht alle Unternehmen die Krise ohne größere Probleme bewältigt. So mussten die Ansprüche der Kunden der Mannheimer Leben von der Auffanggesellschaft Protektor übernommen werden.

Insgesamt sind die Lebensversicherer und ihre Kunden jedoch gut durch dieses 100-Jahres-Ereignis der Börsengeschichte gekommen. Das kann man auch daran sehen, dass der für die Kundenansprüche reservierte Kapitalanlagenbestand von 540 im Jahr 2000 bis 2002 auf 590 Milliarden angewachsen ist und heute über 680 Milliarden Euro beträgt. Und trotz des Jahrhundertcrashs haben die Lebensversicherer für ihre Kunden in den letzten zehn Jahren auf die Kapitalanlagen eine Nettoverzinsung erwirtschaftet, die im Schnitt um 1,7 Prozent pro Jahr höher lag als die Rendite öffentlicher Anleihen.