27.09.2007
Interview

„Das Gesetz wird die Landschaft des Versicherns verändern“

Das neue Versicherungsvertragsgesetz kommt. Als eine Art Grundgesetz für die Branche löst es fast 100 Jahre alte Regelungen ab. Im Interview erklärt GDV-Präsident Dr. Bernhard Schareck, was das neue, 215 Paragraphen umfassende Gesetz für Kunden und Branche bedeutet.

Dr. Bernhard Schareck, Vorstand der Wüstenrot &amp Württembergisch AG, ist seit November 2003 Präsident des GDV. Schareck wurde 1944 im thüringischen Arnstadt geboren, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Köln und Promotion führte ihn sein Weg in der Assekuranz an die Spitze mehrerer Unternehmen und in eine Reihe von Aufsichtsräten. Dabei wollte er ursprünglich nie in der Branche arbeiten, für die bereits Vater, Onkel und Tante tätig waren. Schareck liebt Bücher und Musik, ist wie seine Frau Nordic-Walking-Fan und unternimmt regelmäßig Touren im Schwarzwald.

 

Herr Schareck, können Sie sich noch erinnern, welches die erste Versicherung war, die Sie abgeschlossen haben?
Natürlich, so etwas vergisst man nicht. Das war eine Lebensversicherung bei der Agrippina-Lebensversicherung. Dafür habe ich eine Provision als Nebenberufsvermittler bekommen.

Das heißt, Sie wussten, was der Versicherungsvermittler daran verdient hat?
Nein,das weiß ich nicht mehr. Das hat mich damals auch nicht so interessiert. Ich als Untervermittler habe sieben Promille bekommen.

Sieben Promille? Nicht gerade ein Vermögen. Und die Geschäftsbedingungen haben Sie damals bis ins Detail verstanden?
Na ja, sicher war mir nicht jede einzelne Bedingung immer präsent. Aber ich hatte ein Grundvertrauen, dass alles seine Ordnung hatte, weil es ja von Fachleuten und auch aufsichtsrechtlich geprüft war.

Nun tritt am 1. Januar 2008 das neue Versicherungsvertragsgesetz in Kraft. Warum war das nötig?
Das seit 100 Jahren bestehende Gesetz hat gute Dienste geleistet. Es hat für ganz Deutschland ein gültiges Privatversicherungsrecht geschaffen, das über Generationen für Millionen Kunden für Rechtssicherheit und verlässliche Planbarkeit gegen die Risiken des Lebens gesorgt hat. Ein großes Gesetz, das sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt brachte, aber eben 100 Jahre alt und den modernen Ansprüchen nicht mehr gewachsen war. Deshalb hat die Versicherungswirtschaft das politische Reformvorhaben auch von Anfang an unterstützt.

Das Gesetz war also nicht mehr zeitgemäß?
Wie hätte es das bei dem rasanten Wandel der vergangenen 100 Jahre – wirtschaftlich, sozial, technisch – noch in allen Teilen sein können? Die von der Bundesjustizministerin Däubler-Gmelin eingesetzte und geleitete Experten-Kommission hat ganze vier Jahre daran gearbeitet,sich auf Eckpunkte der Reform zu verständigen. Auch wenn unterschiedliche Auffassungen verbleiben: Das gesetzgeberische Gesamtwerk nimmt vor allem die gesellschaftlichen Veränderungen auf. Dazu gehört ein verbesserter Verbraucherschutz, wie er in der ganzen EU verbreitet ist.

Wenn sich nun so viel auf einmal ändert: Hat sich die Branche zu spät bewegt?
Es gibt die Kritik, dass der Trend der Zeit verzögert aufgenommen wurde. Dabei spielen auch höchstrichterliche Urteile eine Rolle, die Versicherungskunden in Vorgängen vor mehr als einem Jahrzehnt besser gestellt sehen wollten. Nur waren zu dieser Zeit die Versicherungsunternehmen an die damaligen rechtlichen Regelungen gebunden. Genau daraus resultierte ja auch nach unserer Auffassung die Reformnotwendigkeit.

Gerade die Lebensversicherungen wurden in den letzten Jahren heftig dafür kritisiert, dass sie die stillen Reserven nicht an ihre Kunden weitergeben würden. Erhalten die Kunden künftig mehr Geld?
Das Kapital der Lebensversicherer besteht aus dem Geld ihrer Kunden. Die Erträge daraus kommen als Überschussbeteiligung allen Versicherten zugute. Das war so und das wird so bleiben. Es kann aber nur verteilt werden,was erwirtschaftet wurde. Das gilt auch für die Beteiligung an den sogenannten stillen Reserven. Sind sie realisiert und ausgeschüttet,sind sie weder still noch eine Reserve. Populistisch einfach „mehr Geld“ zu versprechen,wäre unseriös und verbraucherfeindlich. Das Schlüsselthema heißt Transparenz. Hier bringt das neue Gesetz für Kunden wesentliche Fortschritte,für die Unternehmen aber auch viel neuen und komplexen Bürokratieaufwand. Eine deutliche materielle Besserstellung gibt es für die Kunden, die – warum auch immer – ihren Lebensversicherungsvertrag weit vor dem vertraglich vereinbarten Ablauf stornieren sie bekommen einen höheren Rückkaufswert.

Aber bei den Überschussbeteiligungen können die Kunden nicht mit mehr Geld rechnen?
Die Überschussbeteiligungen waren bisher schon gesetzlich geregelt: Der Kunde bekommt 90 Prozent aller Kapitalanlageergebnisse, in Deutschland sogar bis zu 95 Prozent, weil die Unternehmen in hartem Wettbewerb untereinander stehen und mehr als gesetzlich vorgeschrieben ausschütten. Zu glauben, es könnte zu einer wundersamen Geldvermehrung kommen, ist ökonomisch unrealistisch.

Aber es heißt: Die Versicherungen sitzen auf Geld, das eigentlich ihren Kunden zustehen würde.
Die Rendite der Lebensversicherung ist beachtlich und sehr sicher. Deshalb war und ist sie ja die beliebteste Vorsorgeform in Deutschland. Das heißt, die Kunden bekommen durch Zins und Zinseszins wesentlich mehr Geld bei Vertragsende heraus, als sie eingezahlt haben. Dabei sind die Kosten für den Risikoschutz,für Vertrieb, Beratung, Service und Verwaltung auch noch von der gezahlten Prämie abgedeckt. Hier müssen wir künftig noch deutlicher machen,wie Dinge zusammenhängen, also besagte Transparenz herstellen.Wenn jemand zum Beispiel eine Rente kauft, muss die Garantierente stärker herausgestellt werden. Die Überschüsse, die diese Garantierente erhöhen, müssen gesondert dargestellt werden. In der Vergangenheit wurde diese Unterscheidung nicht immer deutlich genug gemacht.

Das heißt, es ist eigentlich ein Kommunikationsproblem.
Ja.Wir setzen uns ganz stark dafür ein, dass besser informiert wird, wie Dinge zusammenhängen. Denn unsere Kunden erhalten Planungssicherheit durch solche Transparenz. Und die bekommen sie auch – zuverlässiger und nachvollziehbarer denn je und sicherer als anderswo.

Sind die deutschen Lebensversicherungen gefeit vor Turbulenzen an den Finanzmärkten,wie wir sie zurzeit erleben?
Ich denke,viele vorsorgebewusste private Anleger sind bei den derzeitigen Krisennachrichten froh, dass sie ihr Geld in einer sicheren Lebens- oder Rentenversicherung angelegt haben. Natürlich können sich auch Versicherungen mit ihrem enormen Kapitalvolumen nicht gänzlich von den Finanzmärkten abkoppeln. Die Entwicklungen rund um Zinsen, Börsenkurse und vieles andere, was Märkte bewegt, müssen im Interesse der Kunden nach allen Regeln professioneller Anlagepolitik Tag für Tag beurteilt werden.Dabei halten die Lebensversicherungen Vorschriften ein, nach denen die Anlagen sehr differenziert gestreut und dadurch sehr sicher sind.So ist die Versicherungswirtschaft von der sogenannten Immobilienblase,die derzeit auch große Geldhäuser erschüttert, so gut wie nicht betroffen. Nur ein bis zwei Prozent „verbriefter Kredite“ hat unsere Branche in den Büchern – und auch nur solche mit hoher Bonität oder Garantien. Bei aktuell 680 Milliarden Euro Kapitalanlagen der Lebensversicherer ist dies keine bedeutende Größe. Und sollte es irgendwann einmal doch zu dem unwahrscheinlichen Fall der Insolvenz eines Lebensversicherers kommen, sind die Versicherten durch die gemeinschaftliche Auffanggesellschaft Protektor abgesichert. Ja, die Finanzmärkte sind volatil, aber die Versicherungen sind darin Pfeiler der Sicherheit.

Das Versicherungsvertragsgesetz ist ja nicht die einzige Regelung, die die Versicherer zurzeit beschäftigt. Auch die Informationspflichtenverordnung schlägt hohe Wellen.
Bei der Informationspflichtenverordnung, über die noch diskutiert wird,geht es unter anderem darum, wie die Verwaltungs- und Abschlusskosten eines Versicherungsvertrages ausgewiesen werden sollen. Wir sind dagegen, diese Kosten in Euro und Cent auszuweisen, weil ein solcher Ausweis nicht mehr Transparenz bringen würde. Nur Prozentangaben stellen Vergleichbarkeit her.

Warum?
Wenn ein Kunde ein Versicherungsprodukt mit einem anderen Versicherungs- oder Finanzprodukt vergleichen will, dann braucht er gleiche Parameter. Banken oder Fonds geben immer Prozentsätze an. Warum soll das durchbrochen werden, indem bei Versicherungsabschlüssen die Provision in absoluten Cent- und Euro-Beträgen angegeben werden soll? Außerdem:Welche Erkenntnis bringt das für die Vorsorgeentscheidung? Die Versicherungskunden, um deren Geld und finanzielle Lebensplanung es ja geht,werden in ein Gefilde geführt, das von den eigentlichen Entscheidungsfaktoren ablenkt. Das ist nicht verbraucherfreundlich, sondern vernebelnd. Was Kunden interessiert, sind die prozentualen Kosten, die auf Beratung, Abschluss, Betreuung und Service entfallen. Diese Transparenz und damit Vergleichbarkeit zu anderen Produkten wollen wir schaffen. Dazu müssen aber unsere Vermittler als einzige Berufsgruppe nicht zu gläsernen Einkommensbeziehern gemacht werden.

Was ist Ihre Idee?
Wir haben ein strukturiertes Informationsblatt vorgeschlagen, auf dem der Kunde auf einen Blick den Abschluss- und Verwaltungskostensatz des jeweiligen Produktes sowie die damit verbundenen Leistungen ersehen kann. Dieses Dokument schafft Vergleichbarkeit zu anderen Anlageformen.

Eine Verordnung, die bereits vorliegt, ist die EU-Vermittlerrichtlinie, die Versicherungsvermittler verpflichtet, ein Dokumentationsblatt auszufüllen.
Nach der EU-Vermittlerrichtlinie gibt es ein Protokoll über die Beratung,das sich der Kunde gut aufheben sollte. Das Dokumentationsblatt enthält aber auch Chancen für den Vermittler,weil er darin Informationen festhält, die er früher vielleicht gar nicht gehabt hat. Bei Lebensversicherungen muss er dem Kunden Fragen zum Einkommen und zur bisherigen Absicherung stellen, um erkennen zu können, wo die Versorgungslücken liegen. Außerdem muss er dem Kunden erklären,welche staatlich geförderten Produkte es gibt. Diese Details werden künftig dokumentiert, sodass Beratung noch qualifizierter und Kundenbetreuung noch intensiver wird. Das ist die große Herausforderung und Chance der Modernisierung. Die Versicherungswirtschaft wird zu einer grundlegenden Intensivierung ihrer Kundenorientierung und -bindung finden. Insofern betrachte ich das Versicherungsvertragsgesetz auch als wirtschaftlich wegweisend.

Neben dem Ausweis der Abschluss- und Vertragskosten: Was unterscheidet das Informationsblatt von der herkömmlichen Versicherungspolice?
Das Produkt-Informationsblatt wird dem Kunden bereits bei der Beratung ausgehändigt,die Police bekommt er nach der Unterschrift auch weiterhin direkt vom Versicherungsunternehmen. Das bisherige Policenmodell war eine sehr unbürokratische und kostengünstige Lösung. Der Kunde erhielt mit seiner Police sämtliche Vertragsunterlagen für seine Akten.Jetzt wird ein Papierstapel gleich zu Beginn der Beratung ausgehändigt. Ob diese bürokratischen Pflichtpapiere die Intensität des Informationsaustauschs fördern oder eher versperren, erscheint sogar dem Ombudsmann fraglich. Die Papierindustrie immerhin wird sich freuen: Ich kenne Versicherungsunternehmen, die schon jetzt zwischen 30 und 50 Tonnen Papier geordert haben, damit nicht unter Umständen ein Lieferengpass an Papier ihr Geschäft behindert.

Ist das nicht übertrieben?
Sehen Sie: Nicht jeder Kontakt mit einem Versicherungsvertreter führt zwangsläufig zu einem Vertragsabschluss. Aber künftig müssen bei jeder Beratung alle Unterlagen ausgehändigt werden, auch wenn es nicht zur Unterschrift kommt. Schätzungen gehen davon aus, dass der Wegfall des Policenmodells für alle Versicherungssparten zusammen, Krankenversicherung inklusive, Mehrkosten zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Euro jährlich verursachen wird. Aber der Gesetzgeber hat dennoch so entschieden und die Versicherungsgesellschaften werden die neuen Regelungen zum 1. Januar 2008 umsetzen.

Heißt das, dass es auch für den Kunden teurer wird?
Verbraucherschutz ist nicht umsonst zu haben.

Das neue Gesetz ist unter Verbrauchergesichtspunkten also gut, wird aber auch etwas mehr kosten?
Wie gesagt, Leitmotiv für das neue Gesetz ist der Ausbau des Verbraucherschutzes. Herausgekommen ist dabei mehr als Kosmetik. So wird zum Beispiel das „Alles oder Nichts“-Prinzip in der Kfz
Haftpflicht-Versicherung aufgegeben, das dem Versicherten die Versicherungsleistung bei grober Fahrlässigkeit komplett versagte. Künftig wird nach Verschulden gewichtet – ein Vertragsvorteil für den Versicherten.In einer Reihe von solchen Punkten müssen Versicherungsunternehmen umdenken. Wir tun das offensiv, denn das Gesetz gilt und auch wir wollen die Modernisierung.

Erwarten Sie Startschwierigkeiten?
Die Umstellung ist schwierig und kann nicht gänzlich ohne Reibung verlaufen.Es wird womöglich auch gerichtlicher Klärungen bedürfen, um in die neue Rechtswirklichkeit hineinzuwachsen. Aber das ist normal. Die auslegende Rechtsprechung gab es auch bei dem alten Gesetz bis zuletzt.

Was bereitet Ihnen denn am meisten Kopfzerbrechen?
Die Umstellung in den Betriebsabläufen erfordert enorme Anstrengungen, auch wenn die Versicherungswirtschaft mit den modernsten IT-Techniken arbeitet. Nicht nur die Vertriebe, sondern auch die Innendienste müssen sich mit dem neuen Recht auseinandersetzen. Das bedeutet Schulungen und Einzelprojekte ohne Ende. Neben der Umstellung muss das Geschäft in einem immer härteren Wettbewerb weiterlaufen. Die Räder müssen also bei voller Fahrt ummontiert werden. Da wird es auch
einmal holpern, die Straße ist nicht frei von Bodenlöchern. Wir sind aber zunächst einmal froh, dass nach Jahren der Reformdiskussion nun end¬lich die Leitplanken stehen.

Ist das Gesetz in seiner Gesamtheit eine gelungene Angelegenheit?
Das Gesetzeswerk trägt deutlich die Züge von Kompromissen. Ob es in unserer schnelllebigen Zeit wie das alte Gesetz ein Jahrhundertwerk wird, ist eine müßige Frage. Aber es wird für die absehbare Zukunft unser Marktverhalten bestimmen. Was wir wollen, ist: durch Transparenz Planbarkeit für Millionen jetziger und künftiger Kunden schaffen. Die Versicherungswirtschaft hat mit ihrem nachhaltigen Leistungsversprechen die Planbarkeit des Finanzlebens schon immer in geradezu konkurrenzloser Qualität abgesichert. Jetzt besteht die Herausforderung darin,dies mehr in systematischer Kommunikation und Interaktion mit unseren Kunden zu tun. Das Versicherungsvertragsgesetz wird zusammen mit der EU-Vermittler-Richtlinie und der Informationspflichtenverordnung die Landschaft des Versicherns verändern. Die Versicherungswirtschaft wird aber nicht an Fahrt verlieren, sondern weiter ein hohes Tempo vorlegen.

Marcel Roth und Alexandros Stefanidis arbeiten als freie Journalisten in Berlin und München