27.07.2007
Gegenpositionen

Sind die Deutschen falsch versichert?

Die meisten Deutschen werden schlecht beraten und sind unter-, über-, in jedem Fall aber falsch versichert. Das behaupten zumindest Verbraucherschützer gern und fordern mehr Regulierung. Die beliebtesten Beispiele lauten: zu viele Lebens- und Hausratversicherungen, zu wenige Privathaftpflicht- und Berufsunfähigkeitsversicherungen. Was aber zeigt der zweite Blick?

Umfragen zur Verbreitung von Versicherungen nach Haushalten im Jahr 2006 besagen, dass 77,9 Prozent der Deutschen eine Hausratversicherung und 71,2 Prozent eine Haftpflichtversicherung besaßen. Die relativ größere Verbreitung der Hausratversicherung gegenüber der sicherlich wichtigeren privaten Haftpflichtversicherung wird gern auf Fehlberatungen zurückgeführt. Die Statistik der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht zeigt jedoch: Mit etwa 31 Millionen Haftpflichtverträgen für Privatleute wurden mehr Haftpflicht- als Hausratversicherungen verkauft. Von Letzteren wurden nur 27 Millionen Verträge abgeschlossen. Der Schlüssel für den scheinbaren Widerspruch liegt darin, dass je Haushalt höchstens eine Hausrat-, jedoch mehrere Haftpflichtversicherungen bestehen können.

Wie sieht es bei Lebensversicherungen aus? In Deutschland bestehen etwa 94 Millionen Policen. Davon sind etwa 80 Millionen Verträge Kapital bildend, also auch zur Altersvorsorge abgeschlossen worden. Schnell wird gefolgert, dass viele Deutsche mehr als eine Police besitzen müssen und tendenziell überversorgt seien. Interessant ist da ein Blick in die Nachbarländer: Dort wo der Umbau zugunsten kapitalgedeckter Altersvorsorge früher begonnen hat, sind die Versicherungsbeiträge zwei- bis dreimal so hoch. Die Deutschen geben für Lebensversicherungen pro Jahr unter tausend Euro je Einwohner aus, während jeder Brite und jeder Schweizer etwa 2500 Euro investiert. Deutschland ist unter den G8-Staaten auf Platz sieben – nur vor Russland. Hierzulande ist man also nicht über-, sondern gerade in der Altersvorsorge deutlich unterversichert.

Reine Risikoversicherungen sind weniger verbreitet als gemischte Versicherungen. Kritisiert wird, dass mit Risikoversicherungen für den gleichen Beitrag ein deutlich höherer Hinterbliebenenschutz möglich wäre als mit gemischten Versicherungen. Denn Letztere enthalten noch einen Beitrag zur Altersvorsorge. Jedoch geht es den meisten Versicherten gar nicht darum, mit riesigen Versicherungssummen so vorzusorgen, dass ihre Partner bis ans Lebensende auch ohne weitere Einkünfte versorgt wären. Viele wählen einen Versicherungsschutz, der eine zeitlich begrenzte Not überbrücken hilft, die gesetzliche Hinterbliebenenrente oder eine zusätzliche Erwerbstätigkeit des Partners ergänzt. Deshalb ist im Übrigen auch eine höhere Versicherungssumme bei Unfalltod keineswegs sinnlos, wie oft behauptet wird. Der abrupte und unerwartete Verlust des Partners durch Unfall führt häufig kurzfristig zu einem ganz anderen finanziellen Bedarf als der Tod nach langer Krankheit.

Grundsätzlich ist eine private Berufsunfähigkeitsversicherung sehr sinnvoll. Dass dennoch nur 24 Prozent aller Haushalte laut dem Allensbach-Institut derartigen Versicherungsschutz besitzen, ist nur auf den ersten Blick ein Indiz für eine Unterversicherung breiter Bevölkerungsteile. Denn die heute über 46-Jährigen besitzen trotz der Reform 2001 weiterhin einen gesetzlichen Schutz gegen Berufsunfähigkeit. Nur die Jüngeren haben diesen Schutz nicht mehr, weil der Staat, so die Gesetzesbegründung, die Versicherung des beruflichen Status als eine „Prestigerente“ ansieht, die nicht zum Grundkanon des Sozialstaates zählt. Für Jüngere leistet entsprechend nur noch die private Berufsunfähigkeitsversicherung auch in dem Fall, in dem man zwar den erlernten Beruf nicht mehr ausüben kann, aber anderweitig noch durchaus erwerbsfähig wäre. Dieser besondere Schutz hat natürlich seinen Preis, der dazu noch mit dem Eintrittsalter steigt. Deshalb ist nachvollziehbar, wenn mancher potenzielle Kunde abwägt, ob der noch weiter gewährte Basisschutz durch die Sozialsysteme ausreicht oder ob er sich ein höheres Schutzniveau leisten möchte.

Letztlich ist die Frage des richtigen Versicherungsschutzes immer eine sehr individuelle Abwägung von Kosten und Nutzen – also eine Frage persönlicher Prioritäten. Pauschalaussagen wie, die meisten Deutschen seien unter-, über- oder falsch versichert, helfen da selten weiter.

Ansprechpartner:
Dr. Peter Schwark
Tel. 030/2020-51 10
E-Mail: p.schwark@gdv.org