25.06.2007
Jahrespressekonferenz 2007

Statement von Dr. Edmund Schwake zur Entwicklung der Schaden- und Unfallversicherer

Meine Damen und Herren,

bevor ich Ihnen einen Überblick über den Geschäftsverlauf und die aktuellen Themen der Schaden- und Unfallversicherer gebe, möchte ich aus gegebenem Anlass zunächst auf das neue Versicherungsvertragsgesetz (VVG) eingehen. Am vergangenen Mittwoch hat der Rechtsausschuss des Bundestages abschließend über die VVG-Reform beraten – der Bundestag wird das Gesetz voraussichtlich in der ersten Juli-Woche verabschieden. Damit herrscht nun Klarheit, was auf die Versicherungswirtschaft zukommt, sodass in den Unternehmen die erforderlichen Weichenstellungen vorgenommen werden können. Da das neue VVG bereits zum 1. Januar 2008 in Kraft treten soll, bleibt uns für die Umsetzung im Neugeschäft nur ein Zeitraum von knapp einem halben Jahr. Noch kritischer ist die zeitliche Vorgabe bis zum 1. Januar 2009, die uns für die Umstellung unserer Bestandsverträge bleibt. Wir sprechen hier über rund 280 Millionen Verträge der unterschiedlichsten Tarif- und Bedingungsgenerationen. Inhaltlich möchte ich aus Sicht der Schaden- und Unfallversicherer positiv hervorheben, dass der geplante Direktanspruch bei Pflichtversicherungen nur in den Fällen möglich sein wird, in denen in der Praxis überhaupt Probleme entstehen könnten. Das ist dann der Fall, wenn der Versicherungsnehmer nicht mehr greifbar ist – etwa bei Insolvenz oder Tod.

Was uns nun umtreibt ist die Informationspflichtenverordnung. Diese regelt welche Informationen wir bei Vertragsabschluss unseren Kunden übergeben müssen. Wir teilen das Ziel der Verordnung, die Transparenz von Versicherungsprodukten weiter zu verbessern. Aber unser Eindruck ist, dass der Verordnungsgeber deutlich über das Ziel hinausschießt. Besonders deutlich wird dies in der Verpflichtung, künftig in der Lebens- und Krankenversicherung die Kosten in absoluten Eurosummen angeben zu müssen. Dies schafft für den Verbraucher überhaupt keine Orientierung im Sinne einer Vergleichbarkeit unterschiedlicher Angebote, vor allem im Vergleich mit Nichtversicherungsprodukten wie Fonds- oder Banksparplänen, wo ganz andere Transparenzvorschriften greifen. Das darf so nicht bleiben! Hierzu hatten wir bereits in der letzten Woche eine Erklärung abgegeben.

Für die Schaden- und Unfallversicherung gibt es ebenfalls die Verpflichtung, den Kunden für jedes Angebot ein Produktinformationsblatt auszuhändigen. Darin sollen in knapper und verständlicher Form die Informationen enthalten sein, die für den Abschluss oder die Erfüllung des Versicherungsvertrages von besonderer Bedeutung sind: Das sind beispielsweise Informationen zur Art des Vertrages, des versicherten Risikos und zu den Ausschlusstatbeständen. Bei aller grundlegenden Zustimmung zu der Verordnung sehen wir für die Schaden- und Unfallversicherer allerdings noch einen deutlichen Nachbesserungsbedarf.

Die Vorgaben zum Inhalt eines solchen Blattes sind deutlich zu detailliert und tragen dem Informationsbedürfnis der Versicherungsnehmer in den einzelnen Sparten nicht ausreichend Rechnung. Die Vielzahl der anzugebenden Informationen behindert gerade die gewollte Konzentration auf das Wesentliche. So soll beispielsweise auf die wesentlichen Ausschlusstatbestände hingewiesen werden. Die Frage, welche Tatbestände das sind, beantwortet sich allerdings für jeden Versicherungskunden ganz unterschiedlich. Hier gilt der Satz: Weniger Regulierung wäre mehr. Das gilt sicher auch für die Adressaten des Produktinformationsblattes. Derzeit muss es für jeden Versicherungsnehmer ausgestellt werden. Wir meinen aber, es macht letztlich nur bei Verbrauchern Sinn, weil es hier einen besonderen Informationsbedarf gibt. Bei Verträgen zum Beispiel mit mittelständischen Unternehmen ist das sicher nicht angezeigt. Denn hier werden die Bedingungen oft individuell verhandelt – da macht ein Informationsblatt sicherlich keinen Sinn.

Meine Damen und Herren,

ich komme nun zur Geschäftsentwicklung: Entgegen unseren ursprünglichen Erwartungen sind die Schaden- und Unfallversicherer im vergangenen Jahr gottlob noch mit einem „blauen Auge“ davongekommen. Die Tabelle finden Sie auch in Ihren Unterlagen. Zwar verringerten sich die Beitragseinnahmen um 0,9 Prozent, während die Schaden-Kosten-Quote nach Abwicklung leicht um gut einen Punkt auf 93 Prozent anstieg. Doch können wir mit dem erreichten versicherungstechnischen Gewinn von insgesamt 3,9 Milliarden Euro zufrieden sein. Maßgeblich für dieses Ergebnis ist insbesondere, dass die in 2006 erwartete Trendumkehr auf der Schadenseite für das Gesamtgeschäft nicht eintrat, sondern die Steigerung des Geschäftsjahresaufwandes mit 0,5 Prozent auf dem Niveau des Vorjahres lag.

In der Kraftfahrtversicherung hat sich die Geschäftslage im letzten Jahr jedoch deutlich verschlechtert: Die Combined Ratio stieg bei einem Prämienrückgang von fast 4 Prozent von 95 auf 99 Prozent. Ähnlich ist die Entwicklung im Industriesachgeschäft und in der Wohngebäudeversicherung: Hier standen Beitragseinnahmenverluste bzw. geringe Zuwächse auf der Einnahmenseite stark gestiegenen Schadenaufwendungen gegenüber.

Diese Entwicklung wird sich in diesem Jahr weiter fortsetzen. So rechnen wir für die gesamte Schaden- und Unfallversicherung mit einem weiteren Beitragsrückgang um rund 0,4 Prozent, während der Schadenaufwand um fast 6 Prozent zulegen dürfte. Bei einer erwarteten Combined Ratio von 97 Prozent (2006: 93 Prozent) würde der versicherungstechnische Gewinn mit 1,3 Milliarden Euro um fast zwei Drittel oder 2,6 Milliarden Euro geringer ausfallen, als im letzten Jahr.

Ausschlaggebend für diese drastische Entwicklung ist insbesondere „Kyrill“, dessen Schäden sich nach einer GDV-Umfrage auf rund 2 Milliarden Euro beliefen. Aufgrund der Vielzahl der Kyrill-Schäden sind aber noch nicht alle Schadenmeldungen in den Unternehmen eingegangen, sodass wir davon ausgehen, dass die 2 Milliarden Euro noch deutlich überschritten werden. Mit 1,3 Milliarden Euro ist die Wohngebäudeversicherung am stärksten von diesem Kumulereignis betroffen. Wir rechnen hier beim Schadenaufwand mit einem satten Anstieg um 45 Prozent. Bei einer erwarteten Beitragseinnahmenzunahme von nur noch 1 Prozent dürfte die Combined Ratio von 104 auf knapp 140 Prozent hochschnellen. Auch in der Gewerblichen Sachversicherung sorgt „Kyrill“ erstmals seit 2003 wieder für tiefrote Zahlen: Bei einem Aufwandsplus von 25 Prozent wird sich die Combined Ratio um ganze 18 Punkte auf gut 110 Prozent verschlechtern. In den Industriellen Sachsparten (einschließlich der technischen Versicherungen) müssen wir einen Anstieg des Schadenaufwandes von über 7 Prozent verkraften.

Natürlich können wir Versicherer gut und gerne auf Naturereignisse wie „Kyrill“ verzichten. Darüber freut sich keine Schadenabteilung. Aber mit einem gewissen Stolz können wir Ihnen dennoch sagen, dass die Versicherer in der Lage sind und weiterhin in der Lage sein werden, auch solche Ereignisse zu stemmen.

Mit einem Anteil von rund 8 Prozent am Gesamtschaden von „Kyrill“ sind die Auswirkungen auf die Autokaskoversicherung nicht so groß wie in den anderen Sparten. Die weiterhin negative Entwicklung in der Autoversicherung ist auf die anhaltend starke Wettbewerbssituation und dem damit verbundenen Prämiendruck zurückzuführen, auch wenn die Durchschnittsprämien etwas langsamer gesunken sind als im Vorjahr. Für 2007 erwarten wir in Kraftfahrt eine deutliche Beitragseinnahmeneinbuße von 2,4 Prozent. Zudem wird die Schaden-Kosten-Quote voraussichtlich die magische Grenze von 100 Prozent übersteigen, womit wir erstmals seit 2002 wieder einen versicherungstechnischen Verlust ausweisen müssten. Für den Autofahrer stellt sich die Prämiensituation zurzeit außerordentlich günstig dar. So liegen die durchschnittlichen Jahresprämien in KH mit 234 Euro und Vollkasko mit 278 Euro auf einem Niveau, wie wir es zuletzt vor rund 25 Jahren gesehen haben, obwohl sich seither die Lebenshaltungskosten um fast 60 % erhöht haben. Außerdem steht zu befürchten, dass sich steigende Fahrleistungen insbesondere im gewerblichen Bereich infolge der anziehenden Konjunktur über kurz oder lang negativ auf die Schadenhäufigkeiten auswirken werden. Ebenso ist zu erwarten, dass die Konjunkturbelebung und die jüngste Mehrwertsteuererhöhung zeitverzögert auf das allgemeine Preisniveau und somit auch auf den Schadendurchschnitt durchschlagen. Vor diesem Hintergrund ist auch die sich anbahnende Trendwende in der Prämienpolitik der Autoversicherer zu verstehen. Den aktuellen Neugeschäftstarifen der Autoversicherer ist zu entnehmen, dass sich das Neugeschäftstarifniveau im Marktdurchschnitt nicht weiter absenkt, sondern im Gegenteil Prämienanpassungen nach oben vorgenommen werden.

Positiv auf die Schadenentwicklung dürfte sich das Ende Mai vom Bundestag beschlossene Alkoholverbot für Fahranfänger in der Probezeit und für alle Fahrer unter 21 Jahren auswirken. Immerhin waren an allen Unfällen mit Personenschaden und Alkoholeinfluss zu 15 Prozent Fahrer unter 21 Jahren beteiligt. Falls die Maßnahme Erfolg hat, sollte man meiner Meinung nach darüber nachdenken, auch die 21 bis 25-Jährigen in das Alkoholverbot mit einzubeziehen, denn ihr Anteil an Alkoholunfällen mit Personenschaden ist noch höher als der der 18 bis 21-Jährigen. Wir Versicherer werden das Unfallgeschehen weiter aufmerksam beobachten.

Gestatten Sie mir an dieser Stelle einen kleinen Exkurs: Der GDV wird in diesem Jahr in der Kraftfahrtversicherung weitere statistisch abgesicherte Risikomerkmale in seine Verbandsstatistiken mit aufnehmen. Hierbei handelt es sich um die Merkmale Fahrzeugalter bei Erwerb, Nutzerkreis des Fahrzeuges, Nutzeralter und das Vorhandensein von Wohneigentum. Eine positive Nachricht für die Autofahrer, denn durch die Berücksichtigung der neuen Risikomerkmale wird noch mehr Beitragsgerechtigkeit geschaffen. Das neue System ist so austariert, dass sich die Prämieneinnahme unterm Strich nicht verändert. Was sich ändert ist lediglich deren Verteilung auf die Risikogruppen.

Doch zurück zur Geschäftsentwicklung:

In den Industriellen Sachversicherungssparten (ohne die technischen Versicherungen) hat sich die Situation auf der Einnahmenseite mit nur noch einem leichten Minus von 1 Prozent (2006: – 4 Prozent) entspannt. Hier dämpft vor allem die Aufstockung der Versicherungssummen sowie umsatzabhängige Policen aufgrund der erfreulichen Produktionsentwicklung in der Industrie einen weiteren Beitragseinnahmenabrieb. Auch die Technischen Versicherungssparten profitieren mit einem Beitragseinnahmenplus von 3 Prozent von der kräftigen Nachfrage nach Investitionsgütern. Trotz dieses Ergebnisses bleiben diese stark konjunkturabhängigen Sparten im Gegensatz zu früher deutlich hinter dem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes auf 3,3 Prozent zurück.

Mit einem erwarteten Beitragseinnahmenplus von lediglich 0,5 Prozent liefert die All-gemeine Haftpflichtversicherung kaum Wachstumsimpulse. Allenfalls in besonders risikoexponierten Geschäftsbereichen mit knappen Versicherungskapazitäten – wie beispielsweise in den industriellen Segmenten Pharma, Chemie, Krankenhäuser oder Autorückruf – sollte die Einnahmenentwicklung etwas besser verlaufen. Für die Allgemeine Unfallversicherung lässt sich auf Basis der vorliegenden Zahlen noch kein klarer Trend auf der Schadenseite erkennen, sodass wir vorerst von einem unveränderten Schadenaufwand ausgehen. Auf der Einnahmeseite sorgt insbesondere das UBR-Geschäft für ein Beitragseinnahmenplus in Höhe von voraussichtlich 2,5 Prozent.

Neben der Unfallversicherung zeigen zurzeit lediglich die Rechtsschutz- und die Transportsparte ein zufriedenstellendes Beitragseinnahmenwachstum von 2,5 bzw. 2,0 Prozent. Außerdem haben die Rechtsschutzversicherer letztes Jahr durch vermehrte Angebote, zum Beispiel einer telefonischen Rechtsberatung, ihren Schadenaufwand spürbar um 1,5 Prozent zurückfahren können – ein Beleg dafür, dass sich Schadenmanagement durchaus lohnen kann. In diesem Jahr werden diese Dienstleistungen weiter an Bedeutung gewinnen und wir gehen davon aus, dass die Schaden-Kosten-Quote erstmalig seit 2003 knapp unter 100 Prozent liegen wird.

In der Kredit-, Kaution- und Vertrauensschadenversicherung bleibt das Beitragseinnahmenwachstum mit einem Plus von nur 1 Prozent unverändert schwach. Dass die Schadenentwicklung dieser Sparte großschadenbedingt außerordentlich volatil verläuft, zeigt deutlich der Jahresvergleich: So folgt auf das exzellente Schadenjahr 2006 mit einem um 25 Prozent verminderten Schadenaufwand ein stark schadenbelastetes Jahr 2007 mit einem Aufwandsplus von 15 Prozent. Verantwortlich dafür ist ein größerer Insolvenzfall in der Baubranche.

Meine Damen und Herren,

nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Bericht der IPCC und dem G-8-Gipfel Anfang Juni in Heiligendamm sind die Folgen des Klimawandels verstärkt in den Focus der öffentlichen Diskussion geraten. Aktuellen Berichten zufolge ist ein Wandel des Klimas, auch bei deutlicher Reduzierung der Treibhausgase, nicht mehr aufzuhalten und die Auswirkungen des Klimawandels für Mensch und Natur dramatische Folgen haben werden. Bei der Diskussion über den Klimawandel stehen wir Versicherer in erster Linie nicht als Verursacher erheblicher CO2-Emissionen im Vordergrund. Wir müssen uns vielmehr mit der Frage auseinandersetzen, welche Risiken sich daraus für unsere Kunden ergeben und in welchem Umfang eine Risikotragung durch unsere Branche möglich ist. Da durch den Klimawandel die Daten der Vergangenheit über künftig zu erwartende Naturkatastrophen und Elementarrisiken eben nur noch begrenzt aussagekräftig sein werden, müssen wir alle Anstrengungen unternehmen, um ein möglichst präzises Bild über die zu erwartenden Kumulereignisse, ihre Intensitäten und ihre Schadenausmaße zu bekommen. Nur wenn diese Arbeit erfolgreich bewältigt wird, können wir einerseits unseren Kunden die richtigen Produkte anbieten und andererseits sicherstellen, dass die Risikotragfähigkeit unserer Branche erhalten bleibt. Die Arbeiten zur Berechnung des künftig zu erwartenden Schadenaufwands durch die Elementargefahren, der anzunehmenden Schadenhäufigkeiten und Schadendurchschnitte und insbesondere der denkbaren Kumulereignisse laufen auf Hochtouren. Auf der Grundlage der Ergebnisse dieser Arbeiten werden wir anschließend unser bestehendes Produktangebot dahingehend zu überprüfen haben, ob Produktinnovationen notwendig und möglich sind und unter Umständen bestehende Produkte und Tarife anzupassen sind. Mit anderen Worten, wir wollen zu einer möglichst klaren Aussage kommen, was notwendig und machbar ist, um unseren Kunden bei der Risikobewältigung und -tragung zu helfen und um deutlich zu machen, wo die Grenzen des Machbaren sind.

Wir gehen davon aus, dass wir erste belastbare Ergebnisse gegen Ende des Jahres vorliegen haben werden. Diese Zeitspanne wird mindestens erforderlich sein, weil wir sehr konkrete Aussagen über die regional zu erwartenden Wetterveränderungen benötigen, aber bislang die von der Wissenschaft getroffenen Prognosen ein relativ un-scharfes Bild von Deutschland und seinen exponierten Regionen zeichnen. Dies bitten wir nicht als Kritik an diesen Aussagen zu verstehen, da deren Zielrichtung selbstverständlich nicht auf den Informationsbedarf unserer Branche abgestellt war. Wir werden in diesem Zusammenhang auch die intensive Zusammenarbeit mit den in Deutschland tätigen Klimaforschungsinstituten suchen, damit später unnötige Diskussionen über die Belastbarkeit der gefunden Ergebnisse vermieden werden.

Meine Damen und Herren,

lassen Sie mich nun zu ein paar weiteren wichtigen Themen kommen, mit denen wir uns derzeit beschäftigen:

Ein wie ich meine für Autofahrer und Kraftfahrt-Versicherer gleichermaßen ärgerliches Thema beschäftigt uns schon seit Jahren. Benötigt ein Autofahrer nach einem unverschuldeten Unfall einen Ersatzwagen berechnet der Autovermieter einen Unfallersatztarif, der häufig 25 bis 200 Prozent über dem Normaltarif liegt. Diese überhöhten Preise werden dann den Kfz-Haftpflichtversicherern in Rechnung gestellt. Die Autovermieter begründen die überhöhten Preise mit unfallbedingten Zusatzleistungen. Nach der jüngsten Rechtsprechung muss der Versicherer den Unfallersatztarif, der erheblich über dem Normaltarif liegt, aber nicht in jedem Fall übernehmen. In der Praxis muss also überlegt werden, wie der übliche Marktpreis eines Normaltarifs im Einzellfall ermittelt werden kann. Dies ist für die Kfz-Haftpflichtversicherer und vor allem für die Gerichte bei der Einschätzung der geltend gemachten Mietwagenkosten von Bedeutung. Hilfreich wäre es, wenn man eine Orientierungshilfe in Form eines repräsentativen Automietpreisspiegels hätte. Diesen gibt es bislang nur von der Firma Schwacke. Die Erstellung dieses Preisspiegels weist laut eines Gutachtens allerdings erhebliche statistische Mängel auf: so werden zum Beispiel bei der Erhebung ausschließlich Angebotspreise bei den Automietstationen erfragt und die Preise nicht nach der Größe der Autovermieter unterschieden. Dies führt dazu, dass kleine, teurere Autovermieter viel stärker ins Gewicht fallen und es zu Verzerrungen bei den Preisen kommt. Derzeit bemühen wir uns darum, einen repräsentativen, bundesweit erhobenen Automietpreisspiegel von neutraler Stelle erheben zu lassen, der dann den Autovermietern und den Versicherern als Orientierungshilfe dienen kann.

Mit kritischer Aufmerksamkeit verfolgen wir zurzeit Überlegungen einzelner Landesverkehrsministerien, ein in Holland gestartetes europäisches Modellprojekt der schilderfreien Stadt auch in Deutschland umzusetzen. Kurz gesagt geht es darum, Schilder und Ampeln in den Innenstädten radikal zu beseitigen, einfache Regeln einzuführen und gemeinsame Verkehrsräume für Autofahrer, Fußgänger und Radfahrer zu schaffen. So würde langsamer gefahren und gegenseitige Rücksichtnahme gefördert. An sich könnte das eine prima Sache sein, wenn einige wichtige Randbedingungen beachtet würden. Dazu gehören: wenig Ortsfremde, wenig Durchgangsverkehr, wenig Lkw-Verkehr und eine insgesamt geringe Verkehrsbelastung. Die niedersächsische Gemeinde Bohmte – die erste in Deutschland – erfüllt kein einziges dieser Kriterien, und es ist fraglich, ob die Durchführung dieses Projektes hier sinnvoll ist. Ich bitte alle Landesverkehrsministerien: Misstrauen Sie der eingängigen Formel „Schilder weg – Unfälle weg“. Wir bieten gern die Beratung unserer Unfallforschung an.

Meine Damen und Herren,

im August 2006 ist das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Kraft getreten. Ab Dezember 2007 muss das Gesetz im Neugeschäft angewendet werden. Das AGG regelt, dass niemand wegen seiner Rasse und ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der sexuellen Identität, des Alters, einer Behinderung, der Religion oder Weltanschauung benachteiligt werden darf. Besonders auf Arbeitgeber können bei Verstößen gegen das AGG künftig hohe Schadenersatzforderungen zukommen. Deshalb hat der GDV Musterbedingungen entwickelt, die Personen-, Sach- und Vermögensschäden aus Benachteiligungen im Arbeitsleben und bei zivilrechtlichen Massengeschäften abdecken. Wir haben sie beim diesjährigen Presseforum in Potsdam vorgestellt.

Vor kurzem hat der GDV noch zwei weitere Bedingungswerke auf den Weg gebracht – zur Umweltschadensversicherung und Senioren-Unfallversicherung. Das neue Umweltschadensgesetz tritt im November dieses Jahres in Kraft. Der GDV hat frühzeitig unverbindliche Musterbedingungen für die Umweltschadensversicherung erarbeitet, da durch das Gesetz völlig neue Haftungsrisiken für bestimmte Berufe entstehen. Zum Beispiel für Schäden an besonders geschützten natürlichen Lebensräumen und besonders geschützten Tier- und Pflanzenarten. Im Schadensfall greift eine strenge Gefährdungshaftung. Diese gilt nicht nur für den Betrieb bestimmter genehmigungspflichtiger Anlagen (z. B. Biogasanlagen), sondern auch für Umweltschäden bei der Herstellung und Verwendung von Produkten. Versichert sind Schäden, die durch eine Störung des bestimmungsgemäßen Betriebs (Störfalldeckung) entstehen. Mit der neuen Umweltschadensversicherung wird somit eine völlig neue Schadenkategorie „Biodiversität“ versichert und sämtliche Arten von Sanierungskosten erfasst.

Am Anfang meiner Ausführungen habe ich über junge Menschen und deren Verhalten im Straßenverkehr gesprochen. Bei allem Augenmerk auf diese Zielgruppe in vielen Versicherungsprodukten dürfen wir nicht vergessen, dass schon heute rund 15 Millionen Menschen in Deutschland leben, die über 65 Jahre alt sind – und die Zahl steigt weiter an. Auch darauf muss sich die Versicherungswirtschaft einstellen. Ein Beispiel dafür sind die vom GDV entwickelten unverbindlichen Musterbedingungen zur Senioren-Unfallversicherung. Senioren sind nach einem Unfall vielfach auf Hilfe angewiesen. Wichtig ist es, sie zu unterstützen, und zwar nicht nur finanziell, sondern insbesondere mit Dienstleistungen. Die Senioren-Unfallversicherung bietet neben bestimmten Kapital- bzw. Rentenleistungen, eine ganze Reihe von Assistance-Leistungen, zudem einen Pflegeservice sowohl für den Versicherten selbst, als auch für pflegebedürftige Angehörige, für die der Versicherte normalerweise sorgt. In der Öffentlichkeit ist das Produkt bislang auf große Resonanz gestoßen. Das zeigt, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind.

Lassen Sie mich noch mit ein paar Worten auf den Stand der Verhandlungen mit dem Bundesfinanzministerium über die Verlängerung der Staatsgarantie für den Terrorversicherer Extremus eingehen. Wie Ihnen bekannt ist, wurde Extremus nach den Anschlägen auf das World Trade Center im Jahre 2001 für die Abdeckung von Großrisiken gegründet. Die Versicherungsbranche stellt derzeit eine Rückversicherungskapazität von insgesamt 2 Milliarden Euro zur Verfügung. Sollte diese Schadensumme überschritten werden, haftet der Staat mit weiteren bis zu 8 Milliarden Euro. Diese Staatsgarantie läuft Ende des Jahres aus. Zwar wird der Versicherungsschutz von der Wirtschaft nicht flächendeckend genutzt, dennoch haben deutlich über 1.000 Unternehmen von Extremus in 2006 eine Gesamtversicherungssumme in Höhe von 417 Milliarden Euro und in 2007 bereits in Höhe von 440 Milliarden Euro eingekauft. Dieses Volumen kann selbst der internationale Versicherungsmarkt auf einer privatwirtschaftlichen Basis nicht realisieren. Nur die Fortsetzung der Staatsgarantie und damit die Fortführung des Terrorversicherers Extremus kann den exponierten Teilen der deutschen Wirtschaft einen Versicherungsschutz gegen Terroranschläge mit der notwendigen Stabilität und Kontinuität bieten. Ohne dem Ergebnis der Verhandlungen vorgreifen zu wollen, gehen wir fest davon aus, dass der Staat auch angesichts der gegenwärtigen Gefährdungslage diese Versicherungslösung fortsetzen wird.

Meine Damen und Herren,

zu Schluss möchte ich Sie noch auf eine weitere Presseveranstaltung aufmerksam machen: Der GDV hat bei der Fachhochschule Aachen eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben. Darin wurden die physikalischen Zusammenhänge zwischen einem Blitzschlag und Überspannungsschäden an elektronischen Geräten untersucht. Wobei der Schwerpunkt auf der Frage lag, bis zu welcher Entfernung zwischen Einschlagort des Blitzes und Standort des elektronischen Gerätes ein Schadeneintritt noch plausibel sein kann. Die detaillierten Ergebnisse der Studie wollen wir Ihnen im Rahmen einer Presseveranstaltung am 16. Juli in Berlin vorstellen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!