13.04.2007
Gegenpositionen

Altruistische Policenaufkäufer

Der Zweitmarkt für Lebensversicherungspolicen ist angeblich praktischer Verbraucherschutz. Deshalb fordern Vertreter des Zweitmarkts, dass Lebensversicherer gesetzlich gezwungen werden, auf die Möglichkeit des Policenverkaufs hinzuweisen. Was ist da dran?

Zunächst sind Lebensversicherungen langfristige Produkte der Alters- und Hinterbliebenenversorgung. Aus guten Gründen hatte der Gesetzgeber deren Steuerfreiheit an eine Mindestlaufzeit, d. h. einen Konsumverzicht von mindestens zwölf Jahren gekoppelt. Auch aus Sicht der Anbieter ist die Langfristigkeit der Verträge von übergeordneter Bedeutung. Denn ein langfristiges Engagement der Kunden in der Risikogemeinschaft der Versicherten ist unverzichtbar, damit die Versicherer Kapitalmarktschwankungen über die Zeit ausgleichen können. Nur so können sie ihren Kunden hohe Renditen und Berechenbarkeit in der Vorsorge verschaffen.

Die Policenaufkäufer versprechen Lebensversicherten nun, netto mehr zu bezahlen als den Betrag, den die Versicherer als Entschädigung für die Rückgabe der Police zahlen können. Nur, wo kommt dieses Geld her? Zum einen vom Steuerzahler, denn ein erheblicher Teil der aufgekauften Verträge betrifft Policen, die noch keine zwölf Jahre alt sind. Während die Versicherer dann im Schnitt sieben Prozent des Rückkaufswertes als Kapitalertragsteuer an den Fiskus abführen müssen, zahlen Policenaufkäufer den Erlös steuerfrei aus.

Zum anderen profitiert der Zweitmarkt von der Risikoglättung der Lebensversicherer über die Zeit. Denn obwohl die Zinsen in den letzten zehn Jahren stark gefallen sind, verzinsen viele Versicherer die Kundenguthaben über die Überschussbeteiligung immer noch deutlich höher, als vergleichbar sichere Anlagen verzinst werden. Der Zweitmarkt leiht sich nun Geld, um Policen von Anbietern mit besonders hoher Zinskraft zu kaufen. Der Zweitmarkt beutet also systematisch die Zinsreserven einiger Lebensversicherer aus, die diese in guten Zeiten mit höherem Zinsniveau aufgebaut haben. Einen kleinen Teil des erwarteten Spekulationsertrags geben sie an den Policenaussteiger weiter. Die Zinsreserve ist aber eigentlich dafür gedacht, daraus den langfristig orientierten Versicherten die versprochenen hohen Garantien und eine stetig hohe Überschussbeteiligung zu finanzieren. Die Zweitmarktanbieter spekulieren dagegen mit den Policen: In Zeiten mit höheren Zinsen werden sie diese schnell kündigen, um das Geld woanders anzulegen. Der Zweitmarkt schwächt durch diese asymmetrische spekulative Strategie die Fähigkeit der Versicherer zum Risikoausgleich über die Zeit. Denn der Schutz der Kunden vor Kapitalmarktschwankungen in einer Risikogemeinschaft funktioniert nicht, wenn die Risikoglättung in schlechten (Zins-)Zeiten professionell ausgebeutet und das Geld in guten Zeiten schnell wieder abgezogen wird. Der Zweitmarkt schützt also nicht, sondern schädigt die Belange der Versicherten.

Der Zweitmarkt hängt letztlich von zwei Faktoren ab: der Subvention durch den Fiskus und der überdurchschnittlichen Zinskraft der von den Policenaufkäufern bevorzugten Anbieter. Wird das Steuerschlupfloch geschlossen und steigt das allgemeine Zinsniveau weiter, wird der Zweitmarkt in Deutschland bald wieder von der Bildfläche verschwinden. Vor diesem Hintergrund ist es zweifelhaft, warum die Versicherer nun gezwungen werden sollen, ihre Kunden auf die Policenaufkäufer hinzuweisen. Aus Gründen des Verbraucherschutzes sicher nicht.

Ansprechpartner:
Dr. Peter Schwark, E-Mail: p.schwark@gdv.org